{"id":23402,"date":"2006-04-03T00:01:26","date_gmt":"2006-04-02T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23402"},"modified":"2021-10-18T14:34:01","modified_gmt":"2021-10-18T12:34:01","slug":"das-auge-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/04\/03\/das-auge-der-welt\/","title":{"rendered":"Das Auge der Welt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tods knochenharte Hand lie\u00df Kautsky wieder los, als er in den Armen der Zauberin lag. Tod sah in ihr eine Kollegin, weil sie eine Bet\u00e4uberin des Lebens war, die das Sein in einen anderen Aggregatzustand verwandelte. Sie trieb Kautsky auf den Gipfel des Nichts, sie t\u00f6tete sein Ged\u00e4chtnis. Er verlor die Erinnerung, bis sich Tod wieder in ihm regte. Er sprach in Kautskys Hirn, als w\u00e4re er in seine Glieder gekrochen: \u201eSuche dich in der Welt, in der du dich verloren hast!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tod ist der gr\u00f6\u00dfte Lehrer, dachte Kautsky. Er hatte sich selbst verf\u00fchrt, nun musste er wieder zur\u00fcck ins Leben. Es fiel ihm schwer sich aus den Beinen der Zauberin zu l\u00f6sen. Ich bin st\u00e4rker als mein Verlangen, sagte er sich, ich zerschlage die Macht des Weibes. Er stie\u00df sie sanft: \u201eIch werde dich nicht vergessen, ich habe dein Bild!\u201c Ja, das war gut gesagt, er nahm ihre Sch\u00f6nheit in sich auf, er verwandelte nun seine Liebe in die Suche nach sich selbst und brach mit festen Schritten auf zum Rand der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Ferne leuchtete die Silhouette der gro\u00dfen Stadt, unter ihm stampften die schweren Beine der tanzenden Elefanten, die mehr wussten. Kautsky beugte sich \u00fcber den Rand der Welt, wo das Wasser \u00fcber die Ufer des Lebens trat. Ich bin in der gr\u00f6\u00dften Gefahr, dachte er. Ich riskiere alles ohne \u00dcberlegung, weil ich die Vernunft hasse. Kautsky kletterte an einem der Wasserf\u00e4den, die wie Taue in die Tiefe fielen, in die Sph\u00e4re der Zeitdreher, bis er auf dem R\u00fccken des Elefanten stand, der die Gebirge trug. In den Falten der dicken Haut stieg Kautsky abw\u00e4rts, an den m\u00fcden Augen vorbei, die ihn nicht sahen, bis zu den wei\u00dfen Sto\u00dfz\u00e4hnen, die mit der Spitze fast den Panzer der Schildkr\u00f6te ber\u00fchrten. Kautsky glitt schnell auf der Elfenbeinbahn hinunter. Auf dem Panzer der Schildkr\u00f6te sprang er rasch zur Seite um von den Beinen der Weltumdreher, der grauen Beweger der Zeit, nicht ins Horn der letzten Welt gerammt zu werden. Er schaute eine Weile den Elefanten zu, dem schweren Tanz der Zeit. Der Panzer war unter ihren festen Tritten glatt poliert. Unter den schweren Hufen sterben alle, die vom Teller der Welt\u00a0 springen, die zu weit gehen. Der Panzer der Schildkr\u00f6te ist die Grenze zur Totenwelt. Vielleicht ist die Welt, in der wir leben, aus dem Panzer der Schildkr\u00f6te geboren, dachte Kautsky, und das Meer aus den Tr\u00e4nen derer, die weinten, als sie ihr Leben erschufen, weil sie wussten, dass sie scheitern &#8211; wie ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lief zum Rand des Panzers \u00fcber dem Halspol, legte sich flach auf einen Krater des harten Horns, schob den Kopf \u00fcber den Rand und schaute in den Nacken der stummen Schildkr\u00f6te. Er schloss die Augen. Da lief er &#8211; er lebte! &#8211; mit leichten F\u00fc\u00dfen auf dem unteren Augenlid der Schildkr\u00f6te entlang und stieg in die Augenh\u00f6hle! Ich will ins Hirn der Kr\u00f6te vorsto\u00dfen! Er schrie &#8211; aber er h\u00f6rte sich nicht, die Luft trug ihn nicht in die Tiefe. Mit den Armen hebelte er einen Spalt ins schl\u00e4frige Lid, durch den er schl\u00fcpfte. Er schien \u00fcberhaupt keine Angst zu haben. Wahrscheinlich sp\u00fcrte die Schildkr\u00f6te ihn \u00fcberhaupt nicht. War sie blind? Lag die Schildkr\u00f6te im Tiefschlaf einer sich ewig ausruhenden Welterfinderin &#8211; oder war sie schon l\u00e4ngst gestorben? Die uralte Weltkr\u00f6te, die immer da war, die ihre eigene Geburt sah, lebte noch. So eine Kr\u00f6te stirbt ewig, sie wird nie ganz tot sein, sie lebt nur immer langsamer, das ist alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky schrie seinen Namen in den Spiegel dieser toten Welt, aber er h\u00f6rte nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00f6ne erstickten in den langsamen Molek\u00fclen der Regenbogenhaut, in der sich der Polykosmos so eigent\u00fcmlich spiegelte, dass Kautsky f\u00fcr einen Augenblick glaubte, die Schildkr\u00f6te blinzelt ihn an. Aber das bildete er sich nur ein. Keine Schildkr\u00f6te kann sehen, was in ihr geschieht. Alles, was wir denken, ist eine Fata Morgana der ewigen Wiederholung des Seins. Kautsky sah in das Auge der Welt. Er holte tief Luft und sprang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO erinnert an: <strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Tods knochenharte Hand lie\u00df Kautsky wieder los, als er in den Armen der Zauberin lag. Tod sah in ihr eine Kollegin, weil sie eine Bet\u00e4uberin des Lebens war, die das Sein in einen anderen Aggregatzustand verwandelte. 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