{"id":23381,"date":"2014-05-27T00:01:42","date_gmt":"2014-05-26T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23381"},"modified":"2021-07-22T12:43:40","modified_gmt":"2021-07-22T10:43:40","slug":"spielerische-lyrische-trakte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/05\/27\/spielerische-lyrische-trakte\/","title":{"rendered":"Spielerische lyrische Trakte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sowohl des Englischen als auch des Deutschen in poetisch ausgefeilten Dimensionen so m\u00e4chtig ist, dass er gleichsam parallel seine lyrischen Texte pr\u00e4sentiert, der ist sich seines publizistischen Auftrags gewiss. Paul-Henri Campbell, 1982 in Boston (USA) geboren, ist von seiner Herkunft und seiner akademischen Ausbildung auf das beste pr\u00e4destiniert, ein binationaler Dichter zu sein. Seine klassische philologische Ausbildung und seine theologischen akademischen Studien in Dublin und Frankfurt\/M., seine Mit-Herausgeberschaft der Anthologie \u201aDAS GEDICHT\u2019, gemeinsam mit Anton T. Leitner, wie auch seine ersten Lyrikb\u00e4nde \u201eductus operandi\u2019 und Space Race\u201c verweisen auf die umfassenden Dimensionen seiner literarischen Ambitionen. Das verdeutlichen auch die beiden Eingangszitate zu dem vorliegenden zweisprachigen Lyrikband. In zwei dreisprachigen Eingangszitaten aus a) der Engelvision in den Apocalypsen, Absatz 17.7 und b) aus der Ilias von Homer signalisiert der Autor die intendierten Topoi seiner Dichtung: der himmlische und der mythische Raum als Diskursformen eines Denkspiels, das unauslotbare Zielfelder anstrebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Auftakt zum \u201eAm Ende der Zeiten\u201c, (engl.: At the End of Days\u201c), ist \u201eBeim Jungfernflug der Concorde, gefl\u00fcstert\u201c gewidmet. \u201eGebeugt hat sich die Spitze dir vorm Abflug,\/ als sei das pl\u00f6tzlich Demut in den Turbinen: dem Schwan glichst du mir, sch\u00f6nes Fabeltier, \/ der auch ein Panther ist \/ &#8211; nur aus Titan.\u201c Dann setzt unter der \u00dcberschrift \u201aCockpit\u2019 ein Dialog des lyrischen Ich mit einer \u00dcberschall-Passagiermaschine ein, die von \u201eKontinent zu Kontinent\u201c jagt, Zeitzonen aufl\u00f6st und die dem verwirrten Fluggast ein st\u00e4ndig schwankendes Gef\u00fchl zwischen Mensch-Sein und rei\u00dfendem Tier vermittelt. Doch in diesen \u201efluiddynamischen Grenzschichten\u201c (vgl. S. 11) laufen in der Wahrnehmung des lyrischen Ich noch weitere Prozesse ab, die sich zwischen Traumvisionen und romantisierten Begriffsfeldern (Lanze, Armbrustsch\u00fctzen, Drachen) entfalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden mythisch aufgeladenen lyrischen Reflexionen pendeln zwischen religi\u00f6sen Visionen und \u201edem Rausch der doppelten Mach\u201c, die sich zu Legenden bei zweifachem \u00dcberschall (vgl. S. 10) verdichten, aufl\u00f6sen und in den Wolken, \u201edem schwebenden Hochgebirg\u201c, verschwinden. Auff\u00e4llig ist dort der Vergleich zwischen der \u201eUnschuld der Concorde\u201c, die \u201eder Geschichten Schall\u201c durchbricht, und jener bimmelnden Eisenbahn, die im Dezember 1835 den ersten deutschen Schienenverkehr zwischen N\u00fcrnberg und F\u00fcrth einleitete. R\u00e4tselhaft bleibt, welche Beziehungen sich zwischen der Jungfrau Concorde, die nach Campbell \u201eein paar Jahrhundert zu sp\u00e4t\u201c kommt, um Legenden zu bewohnen, und dem \u201eGem\u00e4cht eines berauschten Prinzen\u201c (ebda., S. 10) anbahnen, wenn die Unschuld der Concorde keine Gelegenheit findet, sich mit einem berauschten Prinzen zu vergn\u00fcgen. Ob es vielleicht der \u201ePrinz\u201c Tupolew gewesen ist, der Konstrukteur des sowjetischen \u00dcberschall-Flugzeugs, der Tupolew-144, dem ersten Passagier-Flugzeug, das die Schallmauer durchbrach? Eine solche Vermutung ist irref\u00fchrend, denn bei den Beziehungen zwischen beiden ging es nur um das \u201eFeilschen ums Privileg\u201c, wie es die lyrische Reflexion \u201aHypotaxe als Taktik\u2019 (S. 13) aufgreift. Es ist das monarchistische Erbfolgeprinzip, das Primogenitur, das Campbell \u00fcberraschenderweise in den ohnehin unruhigen Gedankenstrom einbettet. Auch die folgende Passage, in der die Concorde, die am 25. Juli 2000 beim Start auf dem Flughafen Paris Charles de Gaulle abst\u00fcrzte und 109 Insassen, einschlie\u00dflich vier Hotelangestellte in einem benachbarten Hotel, in den Tod schickte, als \u201esegnende Priesterin\u201c bezeichnet wird, erweist sich als irref\u00fchrend. Der Dichter versieht den tragischen Unfall mit einem \u201ewarum?\u201c und l\u00e4sst den Leser R\u00e4tsel ratend zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Rezensent legt den Hardcover-Band beiseite, blickt verwundert auf dessen Vorderansicht, auf der eine weibliche Engelsfigur vor drei kopflose Kleiderpuppen sitzt, die in einer beleuchteten Unterb\u00fchne schweben, w\u00e4hrend rechts im Hintergrund eine m\u00e4nnliche Gestalt in einem blau-gr\u00fcnen Overall einen B\u00fchnenhimmel fixiert. R\u00e4tselhaft, denkt auch er, dreht den handlichen Lyrikband, um auf der R\u00fcckseite etwas \u00fcber die Gedichte von Paul-Henri Campbell zu lesen. Er thematisiere Zeitenumbr\u00fcche, Orte wie Detroit, der USS-Flugzeugtr\u00e4ger Kitty Hawk oder die Mathildenh\u00f6he in Darmstadt tauchten auf ebenso wie ein Herzschrittmacher und Rilkes Exorzismen\u2026 Aha, denkt der hilflose Rezensent, er will seinen Leser nicht nur \u00e4sthetisch verwirren, er will ihn auch in die \u00e4therische Tiefe von Elegien schicken. Und schon liest er, die Seite 69 aufschlagend: \u201eDein Gl\u00fcck ist \/ vom Vor\u00fcbergehen der Verse \/ so tr\u00fcb geworden, dass du nichts erkennst. \/ Dir ist \/ als ob du an tausend Versen zehrtest \/ und hinter tausend Versen nichts benennst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich, die Visionen der Poesie und deren semantische wie auch syntaktische Gestaltungen sind so unbegrenzt wie auch deren interpretatorischen Versuche. Doch irgend welche Leitf\u00e4den, an denen sich Interpreten orientieren k\u00f6nnten, w\u00e4ren durchaus notwendig f\u00fcr den streitbaren Diskurs. F\u00fchren die deutsch- und englischsprachigen Zitate in Kernelemente der spielerischen lyrischen Trakte? Geben die Abbildungen, wie z.B. ein Gewebequerschnitt in einem Rastermikroskop (S. 45), den Blick frei auf den Text \u201eTourists in Front of Dante\u2019s Tomb\u201c (S. 44), vermitteln sie Aufschl\u00fcsse \u00fcber irgendwelche Beziehungen zwischen ikonischen und verbalen Texttypen? Mit diesen Fragen an den Autor legt der Rezensent mit einem bewundernden Blick auf das Titelbild (Aris Kalaizis) den handlichen Hardcover-Band beiseite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89301 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen-186x300.jpg 186w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen-260x420.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen-160x258.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Am-Ende-der-Zeilen.jpg 309w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a>Am Ende der Zeiten. At the End of Days<\/strong>. Gedichte von Paul-Henri Campbell. Poetry, Leipzig (fhl-Verlag) 2013<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer sowohl des Englischen als auch des Deutschen in poetisch ausgefeilten Dimensionen so m\u00e4chtig ist, dass er gleichsam parallel seine lyrischen Texte pr\u00e4sentiert, der ist sich seines publizistischen Auftrags gewiss. 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