{"id":23047,"date":"2014-04-22T00:01:32","date_gmt":"2014-04-21T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23047"},"modified":"2021-09-07T08:54:38","modified_gmt":"2021-09-07T06:54:38","slug":"von-alten-und-jungen-weiblein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/22\/von-alten-und-jungen-weiblein\/","title":{"rendered":"Von alten und jungen Weiblein"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas schleichst du so scheu durch die D\u00e4mmerung, Zarathustra? Und was birgst du behutsam unter deinem Mantel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der B\u00f6sen?\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist&#8217;s, die ich trage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie ist ungeb\u00e4rdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den Mund halte, so schreit sie \u00fcberlaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns \u00fcber das Weib.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich entgegnete ihr: \u00bb\u00fcber das Weib soll man nur zu M\u00e4nnern reden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es gleich wieder zu vergessen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles am Weibe ist ein R\u00e4thsel, und Alles am Weibe hat Eine L\u00f6sung: sie heisst Schwangerschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann ist f\u00fcr das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was ist das Weib f\u00fcr den Mann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweierlei will der \u00e4chte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das Weib, als das gef\u00e4hrlichste Spielzeug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers: alles Andre ist Thorheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allzus\u00fcsse Fr\u00fcchte \u2013 die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib; bitter ist auch noch das s\u00fcsseste Weib.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist kindlicher als das Weib.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00e4chten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Strahl eines Sternes gl\u00e4nze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse: \u00bbm\u00f6ge ich den \u00dcbermenschen geb\u00e4ren!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den losgehn, der euch Furcht einfl\u00f6sst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre. Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und nie die Zweiten zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann f\u00fcrchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann f\u00fcrchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur b\u00f6se, das Weib aber ist dort schlecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wen hasst das Weib am meisten? \u2013 Also sprach das Eisen zum Magneten: \u00bbich hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an dich zu ziehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gl\u00fcck des Mannes heisst: ich will. Das Gl\u00fcck des Weibes heisst: er will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSiehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!\u00ab \u2013 also denkt ein jedes Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfl\u00e4che. Oberfl\u00e4che ist des Weibes Gem\u00fcth, eine bewegliche st\u00fcrmische Haut auf einem seichten Gew\u00e4sser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des Mannes Gem\u00fcth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen H\u00f6hlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da entgegnete mir das alte Weiblein: \u00bbVieles Artige sagte Zarathustra und sonderlich f\u00fcr Die, welche jung genug dazu sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSeltsam ist&#8217;s, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er \u00fcber sie Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding unm\u00f6glich ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug f\u00fcr sie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie \u00fcberlaut, diese kleine Wahrheit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!\u00ab sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also sprach Zarathustra.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"attachment_14437\">\n<dt>\n<div id=\"attachment_91899\" style=\"width: 452px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-91899\" class=\"wp-image-91899 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188.jpg\" alt=\"\" width=\"442\" height=\"661\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188.jpg 442w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188-260x389.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Nietzsche_paul-ree_lou-von-salome188-160x239.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 442px) 100vw, 442px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-91899\" class=\"wp-caption-text\">Lou von Salom\u00e9 spannt Paul R\u00e9e und Friedrich Nietzsche vor ihren Karren. Fotographie im Atelier Jules Bonnet in Luzern zwischen dem 13. und 16. Mai 1882. Das Foto wurde von Nietzsche in allen Einzelheiten arrangiert, nachdem Salom\u00e9 Heiratsantr\u00e4ge beider M\u00e4nner abgelehnt hatte.<\/p><\/div>\n<p>Nietzsche selbst nennt den Stil, in dem <i>Also sprach Zarathustra<\/i> geschrieben ist, <a title=\"Halkyonische Tage\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Halkyonische_Tage\">halkyonisch<\/a> und w\u00fcnscht sich Leser, die eines \u201egleichen Pathos f\u00e4hig und w\u00fcrdig sind\u201c: \u201eMan muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig <i>h\u00f6ren<\/i>, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungsw\u00fcrdig Unrecht zu tun\u201c. In hymnischer Prosa berichtet ein personaler Erz\u00e4hler vom Wirken eines fiktiven Denkers, der den Namen des persischen Religionsstifters <a title=\"Zarathustra\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zarathustra\">Zarathustra<\/a> tr\u00e4gt.<\/dt>\n<dt><\/dt>\n<\/dl>\n<p><strong>\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein. Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbWas schleichst du so scheu durch die D\u00e4mmerung, Zarathustra? Und was birgst du behutsam unter deinem Mantel? \u00bbIst es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde? 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