{"id":22552,"date":"2014-02-23T00:01:24","date_gmt":"2014-02-22T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22552"},"modified":"2019-10-05T18:40:34","modified_gmt":"2019-10-05T16:40:34","slug":"literaturbetriebskantine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/23\/literaturbetriebskantine\/","title":{"rendered":"Literaturbetriebskantine"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Die Sprache des Schriftstellers hat nicht die Aufgabe, das Reale darzustellen, sondern es zu bedeuten.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Roland Barthes<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Wochen herrscht Gegrummel in der Literaturbetriebskantine. Deutsche Schriftsteller suchen einen Weg durch die Multidimensionalit\u00e4t des Zeitgen\u00f6ssischen. Den Gem\u00fctszustand, das Leid der \u00dcberflu\u00dfgesellschaft an sich selbst, packen dieser Schreiber so derart ergreifend in wortm\u00f6chtige Texte, da\u00df jede erwachende Depression einen Abstecher in die Melancholie macht und dort vom Ausbruch absieht. Statt Kontrastfunken aus der Begegnung verschiedener Welten zu schlagen, unternehmen sie eine einvernehmliche Horizonterweiterung. Der Reihe nach:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWarum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch?\u201c fragte sich\u00a0 Florian Kessler in der letzten Ausgabe der ZEIT. In der <i>taz<\/i> <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=me&amp;dig=2014%2F01%2F23%2Fa0154&amp;cHash=d72794bd9999645ae877cf5061567dd3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">antwortet<\/a> der Publizist Enno Stahl auf diese <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/04\/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polemik<\/a>. Stahl geht das noch nicht weit genug. Die &#8222;Stromlinienf\u00f6rmigkeit der jungen deutschen Gegenwartsliteratur&#8220; verdanke sich nicht nur einer Erfolgorientiertheit der Autoren. Mit Pierre Bourdieu argumentierend schreibt er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&#8222;Sie ist Ergebnis ihres schichtenspezifischen Horizonts. Die Funktions- und Entscheidungstr\u00e4ger des literarischen Feldes, Autoren, Lektoren, Feuilletonisten, Angeh\u00f6rige von Preisjurys, Leiter von Literaturh\u00e4usern, sie bewegen sich alle in ein und demselben hermetisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Teilsystem&#8230; Das ist keine Verschw\u00f6rung, denn es gibt keine Verschw\u00f6rer, sondern schlicht gemeinsame Interessenlagen, gemeinsame Wahrnehmungsweisen, \u00e4sthetische Vorlieben einer bestimmten Klasse.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der <i>Jungle World <\/i><a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/08\/49381.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meldet<\/a> sich Jakob Hayner mit einem historisch geschliffenen Beitrag in der Debatte zur deutschen Gegenwartsliteratur zu Wort. Schon den Einstieg in die Debatte, Florian Kesslers Polemik in der <i>Zeit, <\/i>h\u00e4lt er f\u00fcr<i> <\/i>missgl\u00fcckt, da er sich nicht an einer Analyse, sondern an Identit\u00e4ten klammert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Missgl\u00fcckt ist das, weil die Fragestellung verbindet, was in der Analyse unterschieden werden muss: Fragen der \u00c4sthetik und der Soziologie. Wird diese Unterscheidung unterlassen, so wird Identit\u00e4t zum Ersatz der Analyse &#8230; Eine Analyse der Produktionsbedingungen der professionellen Autoren, das hei\u00dft derjenigen, die mit dem Schreiben das Geld zum \u00dcberleben und vielleicht noch zum Leben verdienen wollen, w\u00fcrde zeigen, dass &#8211; und zwar milieuunspezifisch &#8211; die Abh\u00e4ngigkeit vom Markt und den Verlagen enorm ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der <i>FAZ<\/i> ist Dietmar Dath <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/dietmar-dath-antwortet-auf-maxim-biller-wenn-weissbrote-wie-wir-erzaehlen-12812701-p4.html?printPagedArticle=true\">sehr best\u00fcrzt <\/a>nach Maxim Billers Ausbruch in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/09\/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller\"><i>Zeit<\/i><\/a>. Selbst ein typischer Vertreter der von Biller beschimpften &#8222;echten oder habituellen Christen, Kindern der Suhrkamp-Kultur und Enkeln von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten&#8220;, die &#8222;bestimmen, was gedruckt wird und wie&#8220;, m\u00f6chte er ihm eigentlich recht geben und dann auch wieder nicht. Das Problem sei ja doch irgendwie gr\u00f6\u00dfer, meint Dath und denkt an eigene Erfahrungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Alles, was das fade, keinen unerwarteten nichtdeutschen Belastungen ausgesetzte Wei\u00dfbrot an mir als Literatur herausfordert und in Frage stellt, kommt aus sozialen Begegnungen &#8230; Maxim Biller semmelt der Bewusstseinsindustrie eins rein, das ist seine Begabung, das kann und soll er. Aber die Zust\u00e4nde, die er ablehnt, reimen sich zu gut auf die Zust\u00e4nde in den St\u00e4dten, an den Schulen, in den Parlamenten, als dass sie sich auf die Formate der Bewusstseinsindustrie werden stutzen lassen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Da 99 Prozent der Schriftsteller st\u00e4ndig dar\u00fcber nachdenken, wie sie die Welt verbessern sollen und wie sie sich einschmeicheln sollen bei den sogenannten Lesern, schreiben\u00b4s alle schlechte B\u00fccher, die kein Mensch interessieren.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Bernhard \u00fcber Handke und Canetti<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den wei\u00dfen, mitteleurop\u00e4ischen Mittelalterlichen M\u00e4nnern bringt Anja Seeliger im <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/blog\/434_seitdem_bewegt_sich_niemand_mehr.html\"><i>Perlentaucher<\/i><\/a> einen anderen Klang in die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die teilweise erstickende Uniformit\u00e4t und Leere im deutschen Kulturbetrieb ist genau den B\u00fcrgerkindern geschuldet, die sich jetzt die Stellen und \u00f6ffentlichen Gelder teilen&#8220;, schreibt Seeliger und verweist auf jene Generation von Autoren, die in den fetten Jahren des Jahrtausendwechsels auf ihre Posten kamen und dann von der Zeitungskrise verschreckt wurden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Freie Autoren, und das hei\u00dft auch: Autoren, die nicht aus Milieus stammen, die einem lange Zeit quasi automatisch Redakteursstellen sicherten, wurden mehr und mehr verdr\u00e4ngt. Wenn es jetzt eine Debatte gab, schrieb nicht mehr der freie Publizist, sondern der Herr Redakteur, der so der Gesch\u00e4ftsleitung seine Unentbehrlichkeit beweisen konnte. Die Feuilletons sind inzwischen fast so gleichf\u00f6rmig wie die Meinungsseiten, wo auch immer nur die selben vier Redakteure schreiben. M\u00fcssen diese Autoren wirklich noch einmal den alten Graben zwischen Realismus und Formalismus, zwischen angeblicher Authentizit\u00e4t und angeblich weltfremdem Schreiben wieder aufrei\u00dfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Totholzfeuilleton<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Ausz\u00fcge aus dem Totholzfeuilleton dokumentieren: nie war die deutsche Literatur so selbstreflexiv wie heute. Das \u00e4sthetische und moralische Problem wird zu einem kulturellen und ideologischen Problem. Zugespitzt l\u00e4\u00dft sich sagen: Diese Literatur ist die dem Kapitalismus gegen\u00fcber opportunistischste Kunstform \u00fcberhaupt. Seine Protagonisten wollen mitnichten eine andere Welt, sie wollen ihren Teil von dieser, und zwar einen m\u00f6glichst\u00a0gro\u00dfen. Auf dem Weg dahin nehmen diese Autoren die Merkmale der beiden wesentlichen massenbewu\u00dftseinspr\u00e4genden gesellschaftlichen Sph\u00e4ren der Gegenwart ernst: aus der Kunst die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, sich keinen Regeln f\u00fcgen zu m\u00fcssen, und aus dem Sport den Behauptungswillen um beinahe jeden Preis. Der Literaturstar des 21. Jahrhunderts ist ein gl\u00e4serner Autor, blickt man durch den Stream in ihn hinein, erkennt man die gleichen ungesch\u00f6nten Zweifel, \u00c4ngste und Hemmungen wie bei allen anderen auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Die Solidarit\u00e4t der Solit\u00e4re<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00fcnder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Edition Das Labor<\/a> haben daraus vor f\u00fcnf Jahren die Konsequenzen gezogen, sie interessieren sich f\u00fcr Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist, es sind K\u00fcnstler, die sich f\u00fcr Lebensentw\u00fcrfe und das Zu\u00adsammen\u00adleben interessieren und nicht f\u00fcr standardisierte Wege. Bei diesem Netzwerk sind grundlegende Werte die Selbst\u00adhilfe, Selbstverantwortung, Demo\u00adkratie, Gleichheit und Solidarit\u00e4t. Die beteiligten Artisten sollten auf die ethischen Werte Ehrlichkeit, Offenheit, Sozial\u00adverantwort\u00adlichkeit und Interesse an anderen Menschen vertrauen. Der <em>Sinn<\/em> der Edition Das Labor liegt darin, dass sich K\u00fcnstlergruppen aus unterschiedlichen Regionen zusammen\u00adschlie\u00dfen und dem herrschenden Kulturbetrieb etwas Eigenes ent\u00adgegen\u00adsetzen. Diese Art zu arbeiten befreit die Gr\u00fcnder der Edition Das Labor von der Massenidentit\u00e4t, die in der globalisierten Gesellschaft entsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im diesem Versuchs-Labor entstehen Arbeiten, die keinem Kalk\u00fcl und keiner Mode gehorchen, keiner Preislogik folgen und auch nicht den W\u00fcnschen von Lektoren oder den Pl\u00e4nen von Kuratoren. Diese Artisten machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um als Individuen zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausf\u00fchrliches \u00fcber das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=314\">Konzept<\/a> der Edition Das Labor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sprache des Schriftstellers hat nicht die Aufgabe, das Reale darzustellen, sondern es zu bedeuten. Roland Barthes Seit Wochen herrscht Gegrummel in der Literaturbetriebskantine. Deutsche Schriftsteller suchen einen Weg durch die Multidimensionalit\u00e4t des Zeitgen\u00f6ssischen. 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