{"id":22505,"date":"2014-03-08T00:01:47","date_gmt":"2014-03-07T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22505"},"modified":"2014-03-03T16:06:49","modified_gmt":"2014-03-03T15:06:49","slug":"versuch-ueber-anne-amelang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/03\/08\/versuch-ueber-anne-amelang\/","title":{"rendered":"Versuch \u00fcber Anne Amelang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\">Berlin, der erste Schnee, beides Nebensache, denn alles hat seine <i>schreckliche<\/i> Zeit und macht sich irgendwann aus dem Staub: es hinterl\u00e4sst Abdr\u00fccke dabei und wirft <i>seinen<\/i> Schatten auf die Haut der Dinge. Wenn sich der Wind dreht, wenn die Sonne andersherum scheint, dann ziehen auch sie weiter: anders bei Anne Amelangs <i>sichergestellten<\/i> Fossilien, den schattengewordenen W\u00e4ldern, die einer anderen Zeitrechnung angeh\u00f6ren. Zelte, Gehwegplatten und W\u00e4nde, alles wird <i>beschrieben<\/i> damit, mit Schemen davon, Umrissen, mit Flecken die so tun, als w\u00e4ren sie \u00fcbrig geblieben oder als h\u00e4tten sie es nicht n\u00f6tig, den Dingen nachzulaufen. Sie finden sich nicht ab mit den Gegebenheiten, damit, dass alles immer weiter zieht, dass sich das Licht \u00e4ndert je nach Tages- oder Jahreszeit, dass das Laub f\u00e4llt und B\u00e4ume einknicken bei Sturm.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tent_schreibweise.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"tent_schreibweise\" src=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tent_schreibweise-800x600.png\" width=\"622\" height=\"466\" \/><\/a><\/p>\n<p>tent#1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\">Sie selbst tun das ja nicht: diese liegen gelassenen Spuren der Lichtverh\u00e4ltnisse. Nichts r\u00fchrt sich an ihnen, nicht irgendein ein Bisschen: \u00c4ste machen keinen Laut bei Wind, das Zeltchen wackelt nicht und <i>alles steht stiller<\/i>, so, als g\u00e4be es keine vergangenen und keine kommenden Momente mehr: in diese W\u00e4lder gehe ich, wenn ich in Anne Amelangs Arbeiten gehe. Der Weg dorthin f\u00fchrt aber nicht in dichte Baumgruppen, nicht zur\u00fcck zur Natur. Vielmehr f\u00fchrt er in ihre Abwesenheit, zu dem, was sie verdr\u00e4ngte: in die \u2018Boxen, die wir uns bauen, um uns h\u00e4rter zu machen, weich wie wir sind\u2019 (1) \u2013 in die St\u00e4dte n\u00e4mlich, in unser Leben und alles davon ist eine Kiste: wir schl\u00fcpfen aus einer K\u00f6rperkiste bei Geburt, dann schlafen wir in einem Bettkasten, wir fahren in ber\u00e4derten Kartons herum, unsere H\u00e4user sind Quader und in einer Kiste verlassen wir das alles wieder. Dazwischen lungern die Schatten: wir <i>verbannen<\/i> sie auf Fotografien und die Momente, sie wachsen ungehindert fort. Aber manchmal, da bleibt etwas <i>f\u00fcrchterlich<\/i> zur\u00fcck \u2013 eine vergilbte Stelle an der Wand, eine Spur auf unserer Haut und in uns sind lauter Flecken: Flecken von den Geschichten, die sich angeh\u00e4uft haben, die nie aufh\u00f6ren und der Mund ist voll davon \u2013 wie ein Wald so voll und wir suchen manchmal darin, suchen vergeblich. Denn dabei geht es nicht gerade eindeutig zu und niemals fliessend einfach. Ebenso verschwommen kommt mir mein Weg in Berlin vor, mein Weg zu Anne Amelang und daher unterbreche ich meine Schritte, setze mich an eine Bushaltestelle neben einen Mann. Der schl\u00e4ft dort und erweckt den Eindruck, dass die Zeit nichts mehr von ihm wissen will \u2013 <i>unsere<\/i> Zeit. Aber das ist noch etwas anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><a href=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1010171small.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"P1010171small\" src=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1010171small-800x600.jpg\" width=\"634\" height=\"475\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\">Ich frage mich weiter wie es bei Anne Amelang dazu kam, dass die Kalender versagt haben und wo sie wohl stecken geblieben sind. We\u00dfhalb sind es Bl\u00e4tter, Zweige und B\u00e4ume, die sich hartn\u00e4ckig gegen das Datum wehren? Welcher Moment ist es, der alle Momente <i>\u00fcberschattet<\/i>? Nat\u00fcrlich bekomme ich keine Antwort, nicht so schnell jedenfalls. Also beschliesse ich Amelangs Schatten nachzuahmen und mich genauso wenig zu <i>r\u00fchren,<\/i> wie sie es tun: <i>ich<\/i> <i>stelle mich stiller<\/i>. Neben mir der Verkehr, das schlackernde Gewimmel und ich werde zu <i>sp\u00e4t<\/i> kommen. Mit meinem vorl\u00e4ufigen Winterschlaf fallen mir pl\u00f6tzlich andere Dinge auf, n\u00e4mlich der waghalsige Gesang der Arbeiten und das sie ebenso sch\u00f6n und gut sein k\u00f6nnten. Ich vermisse pl\u00f6tzlich die H\u00e4rte und die Grenze, sehe nicht mehr, was ich gedacht habe und frage mich, warum in Berlin nicht hunderte Gehwegplatten fehlen, warum sie nicht von den Stra\u00dfen geraubt wurden. Liegen diese Arbeiten den eigenen Dingen etwa fern und sind die Fossilien vielleicht nur \u00c4stehtik und Bemalung? <i>Wo, frage ich mich, wo ist der Punkt, der keine Kompromisse mehr zul\u00e4sst<\/i>? Doch bevor ich dazu komme, das zu beantworten, wacht er auf, der Mann, der zeitlose Flecken neben mir auf der Bank. Ich drehe ihm eine \u2013 wir rauchen zusammen, aber erz\u00e4hlen nichts. Er erkl\u00e4rt mir noch den Weg, der mich aus den W\u00e4ldern f\u00fchrt und zu dem Klingelschild auf dem steht: Amelang.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schattenf\u00e4nger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"schattenf\u00e4nger\" src=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schattenf\u00e4nger-800x600.jpg\" width=\"614\" height=\"460\" \/><\/a><\/p>\n<p>schattenf\u00e4nger<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><b>Anmerkungen<\/b> Beitragsbild: Anne Amelang \u2018Ohne Titel\u2019 1 Frei zit. nach Paul Val\u00e9ry \u2018Weich wie wir sind, bauen wir uns Boxen, um uns h\u00e4rter zu machen.\u2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><b>\u00dcber Anne Amelang<\/b> 1980 geb. in Karlsburg 1998 Abitur am F.L. Jahn Gymnasium Greifswald 1998-2004 diverse Auslandsaufenthalte, Arbeit f\u00fcr Theater \u2013 und Designwerkst\u00e4tten 2004-08 Studium f\u00fcr autonome Kunst an der academie voor beeldene kunsten in Enschede, Nl 2006-07 Studium finearts an der Bezalel in Jerusalem, Israel seit 2008 Arbeit f\u00fcr B\u00fchnenbau, Projektarbeit in der kulturellen Bildung und freischaffende Internationale Ausstellungen und Projektarbeiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><b>Material<\/b> Projektkatalog von \u2018<a href=\"http:\/\/www.conquering-places.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/amelang_cementimage.pdf\">cementimage<\/a>\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><b>Links<\/b> <a href=\"http:\/\/www.annea.info\/\">www.annea.info<\/a> <a href=\"http:\/\/www.cementimage.info\/\">www.cementimage.info<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, der erste Schnee, beides Nebensache, denn alles hat seine schreckliche Zeit und macht sich irgendwann aus dem Staub: es hinterl\u00e4sst Abdr\u00fccke dabei und wirft seinen Schatten auf die Haut der Dinge. 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