{"id":21937,"date":"2014-02-03T00:52:37","date_gmt":"2014-02-02T23:52:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21937"},"modified":"2014-01-27T20:48:02","modified_gmt":"2014-01-27T19:48:02","slug":"a-wie-auge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/03\/a-wie-auge\/","title":{"rendered":"A wie Auge&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 So beginnt Haimo Hieronymus\u2018 Alphabetikon \u2013 sinnvollerweise, ist doch das Auge das Sinnesorgan, mit dem wir die Gem\u00e4lde der Serie wahrnehmen k\u00f6nnen, der einzig m\u00f6gliche Ausgangspunkt, Bildkunst zu erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann beginnt das Gehirn zu arbeiten. \u201eAlphabetikon\u201c klingt so griechisch, dass es geradezu als uraltes und gel\u00e4ufiges Wort erscheinen mag. Die Verkn\u00fcpfung der griechischen Worte Alphabet und Ikon (griechisch \u03b5\u1f30\u03ba\u03ce\u03bd) \u2013 Bild, Abbild, Bildzeichen \u2013 ist aber eine ma\u00dfgeschneiderte Neusch\u00f6pfung f\u00fcr diese Serie, in welcher der semantische Gehalt von W\u00f6rtern eines jeden Buchstaben des Alphabets bildlich auf Zeichen, Ikone, eingekocht ist. Wie die Buchstaben, kleinste Formen der Repr\u00e4sentation (eines Lautes) durch ein bildliches Zeichen, in der uralten Serie \u201eAlphabet\u201c versammelt sind, so bilden die einzelnen Gem\u00e4lde, von denen jedes ein Wort repr\u00e4sentiert, die Serie \u201eAlphabetikon\u201c. Wie die Buchstaben als Grundmodule unserer geschrieben Sprache immer wieder neu zusammengesetzt mannigfaltige W\u00f6rter bilden, welche ihrerseits Dinge, Sachverhalte, Gef\u00fchle und so vieles andere repr\u00e4sentieren, so bezeichnen die in den Bildern thematisierten Begriffe wie \u201eKrise\u201c, \u201ebeten\u201c, \u201eFigur\u201c und \u201eZoom\u201c Bestandteile eines komplexen modernen Lebensgef\u00fchls, das mehr oder weniger \u00fcberpers\u00f6nliche G\u00fcltigkeit hat. Zumindest vollst\u00e4ndig entziehen kann man sich als menschlicher Teil der Gesellschaft nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Klang von \u201eAlphabetikon\u201c erinnert an \u201eLexikon\u201c. Allerdings werden die W\u00f6rter, die in diesem speziellen bildlichen Nachschlagewerk versammelt sind, wohl nur selten nachgeschlagen, denn sie sind alle gel\u00e4ufige W\u00f6rter unserer allt\u00e4glichen Sprache \u2013 ihre Bedeutung scheint nicht auf den ersten Blick einer Hinterfragung w\u00fcrdig. Allerdings stammen all diese W\u00f6rter aus fremden Sprachen und haben sich im Deutschen lediglich erfolgreich ihren Raum gesucht. Ihre Wurzeln liegen im Griechischen, Lateinischen, Englischen, Arabischen. Bei den einen \u2013 etwa \u201eElektro\u201c oder \u201eCluster\u201c \u2013 mag die fremde Herkunft noch offensichtlich sein, bei den anderen \u2013 wie \u201eAuge\u201c &#8211; liegt die Verschmelzung eines fremden mit einem germanischen Wort soweit zur\u00fcck, dass die etymologische Entwicklung nur grob rekonstruiert werden kann und bei den meisten liegt der Prozess des Einwachsens mit all seinen Umformungen (auch des Bedeutungsgehaltes) zumindest so lange zur\u00fcck, dass er nur f\u00fcr den Spezialisten zu bemerken ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt das auch mit der bezeichneten \u201eSache\u201c zusammen \u2013 seit jeher hat der Mensch mit dem Auge zu tun. Es ist zwar nicht unbedingt notwendig f\u00fcr die Sprache, aber es ist unser wohl wichtigstes Sinnesorgan, um die Welt\u00a0zu erfahren, zu erleben. Elektrik ist hingegen etwas so Neues, dass auch das Wort noch nicht im Laufe der Zeit abgeschliffen, umgeformt und seinen neuen, sich auch ver\u00e4ndernden und vielf\u00e4ltiger werdenden oder sich spezialisierenden\u00a0Aufgaben angepasst wurde. Solche sprachlichen Adoptionen scheinen mit der Entwicklung der Zivilisation und der Wissenschaft einherzugehen. An der Sprache als Spiegel der Kultur wird hier sichtbar, dass wir als Volk niemals unber\u00fchrt,\u00a0unbeeinflusst von anderen V\u00f6lkern und Kulturen bleiben und geblieben sind, ein immer und gerade heutzutage \u00e4u\u00dferst aktuelles Thema; auch kann das Bewusstsein f\u00fcr die historisches Dimension geweckt werden, eine Erinnerung an den steten Wandel und den uralten und langen Prozess, den die Sprachentwicklung bereits hinter sich hat. Bereits die Auswahl der Begriffe macht deutlich, dass es sich beim Alphabetikon nicht um eine gew\u00f6hnliche Bebilderung des ABC (A wie Apfel bis Z wie Zebra) handelt. Die Begriffe, sind nur auf den ersten Blick trivial, eigentlich aber \u00e4u\u00dferst komplex, vielschichtig, bedeutungsvoll und vielsagend. Jeder von ihnen hat eine gewisse Monumentalit\u00e4t (und das \u00fcbergeordnete Thema: Lebensgef\u00fchl sowieso), der das meist gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde als Zeichen gerecht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kleine Format des Buches, das aufgrund der engen Verbindung zur geschriebenen Sprache und zum Nachschlagewerk vielleicht gerade hier naheliegend gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte im Widerspruch dazu gestanden, h\u00e4tte mit seiner innewohnenden Vertraulichkeit wohl auch der \u00dcberpers\u00f6nlichkeit des Themas entgegengestanden. Auch h\u00e4tte die Gefahr bestanden, dass ein illustrativer Charakter zu dominant geworden w\u00e4re. Gerade diese Bilder sind keine blo\u00dfen Illustrationen von W\u00f6rtern. Sie sind ebenso wie die W\u00f6rter Zeichen f\u00fcr etwas viel komplexeres, z.B. ein Ding, ein Gef\u00fchl, eine T\u00e4tigkeit; aber das Bild ist vom Wort unabh\u00e4ngiger, eigenst\u00e4ndiger Informationstr\u00e4ger. Es veranschaulicht, interpretiert oder erg\u00e4nzt das gesprochene oder geschriebene Wort nicht, sondern repr\u00e4sentiert das Bezeichnete auf seine eigene Weise \u2013 so umfassend, beschr\u00e4nkt oder speziell, wie eben nur ein Bild es kann; es kann viel mehr, weniger oder anderes sagen als ein Wort, in jedem Fall funktioniert es grundlegend anders (selbst wenn das Bild klingt, tut es das auf andere Weise): nat\u00fcrlich beinhaltet auch ein Wort vielf\u00e4ltige Aspekte, Bedeutungsebenen, Nuancen, es kann sie aber nie alle auf einmal pr\u00e4sent machen, das Bild hingegen schon, hier ist alles gleichzeitig und immer da. Es ist nicht nach einem Hauch vorbei wie das gesprochene Wort. Es ist nicht so extrem zeichenhaft wie das geschriebene Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die unterschiedlichen Begriffe der Serie sind in den einzelnen Gem\u00e4lden durch eine ad\u00e4quate Vielfalt der Formate, Materialien, Techniken, Farben, Formen und stilistischen Mittel repr\u00e4sentiert, durch die regelm\u00e4\u00dfige Verwendung der Stilmittel aber auch deutlich zur Serie zusammengebunden. Jeder Faktor im vielschichtigen Aufbau eines Bildes ist in die Repr\u00e4sentation des spezifischen Inhalts \u2013 der semantischen F\u00fcllung des Begriffes \u2013 eingebunden. Bereits dem Format kommt Aussagekraft zu. Meist ist mit dem Hochrechteck, einem gel\u00e4ufigen und angenehmen Format, in den Ma\u00dfen zwar gro\u00df, aber recht gut erfassbar ein passender Rahmen f\u00fcr die Worte gew\u00e4hlt, die \u00e4u\u00dferlich zun\u00e4chst so selbstverst\u00e4ndlich daherkommen. Dem gro\u00dfen \u201eAuge\u201c, das alles erblickt, kommt eine Sonderstellung auch \u00fcber das Format zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBeten\u201c hingegen ist im intimen kleinen Format gehalten. Beide Bildern sind auch im selteneren quadratischen Format gehalten, das in jenem die menschlich allgemeing\u00fcltige, zeitlose Stellung betont, in diesem gemeinsam mit der teils stark symmetrischen Gestaltung seine in sich geschlossene, konzentrierte Wirkung entfaltet, die durch den in die Tiefe und seitw\u00e4rts strebenden Schriftzug konterkariert wird. Beide dem Beten eigenen paradoxen Aspekte des auf-sich-selbst-Gerichteten, in-sich-Gekehrten und das auf-etwas-anderes-Gerichteten kommen so zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch \u201eZoom\u201c lebt vom kleineren Format \u2013 der Bildausschnitt wird schlie\u00dflich zwangsl\u00e4ufig kleiner, je n\u00e4her man heran\u201czoomt\u201cund \u201eUltra\u201c ist programmatisch im Extremhochformat gefasst. Die meisten der Bilder sind klassisch auf\u00a0Leinwand gemalt, aber auch andere Materialien kommen als Bildtr\u00e4ger zum Einsatz, wo sie zum Gehalt des Bildes beitragen k\u00f6nnen. So ist \u201ebeten\u201c auf kostbarem Brokat gemalt. \u201eSofa\u201c ist auf einem Stoff zum Bezug des Alltagsgegenstandes gemalt, hier wird also \u00fcber das Material bereits ein Aspekt des Begriffes ins Bild eingebracht. Der gemusterte Stoff in \u201eDekor\u201c veranschaulicht ebenfalls einen Aspekt des Wortes und ein anderer sorgt in \u201eElektro\u201c mit seinem\u00a0dunklen Muster nicht nur f\u00fcr die Suggestion von Raum, sondern kann auch auf einen inhaltlichen Aspekt verweisen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unentwirrbar und r\u00e4tselhaft f\u00fcgen sich die kleinteiligen Strukturen des Musters ineinander, aus der Ferne betrachtet sind sie zwar nicht besser verst\u00e4ndlich, f\u00fcgen sich aber zu einem Muster von plastischer Wirkung, das zu pulsieren scheint. Diese Hintergrundfolie bildet bei vielen anderen Bildern ein Klang aus ineinander flie\u00dfenden Farben, der auch eine Grundstimmung evozieren kann. Davor bilden sich einzelne Bilder, Elemente heraus, die Aspekte des Begriffes andeuten und ein Assoziationsnetz ausl\u00f6sen k\u00f6nnen: Etwa die gro\u00dfe Bl\u00fcte in \u201eNatur\u201c, der Fliegenpilz in \u201eGenerationen\u201c oder die Menschenbilder, aber auch das Spiel mit den Formaten in \u201eFigur\u201c. Aber auch Technik, Malweise und Farben bekommen die F\u00e4higkeit, den Begriff zu repr\u00e4sentieren: Die Bonbonfarben von \u201eYammi\u201c, die \u00fcppigen, leuchtenden Formen in \u201eBarock\u201c, die zur\u00fcckgenommene Farbigkeit und das graphische Andeuten in \u201eIntim\u201c. Fein gespr\u00fchte Farbe l\u00e4sst\u00a0die rundliche gelbe Fl\u00e4che in \u201eSatellit\u201c auf den ersten Blick an einen Himmelsk\u00f6rper erinnern, gro\u00dfe Farbflecken und Spritzer in \u201eZoom\u201c veranschaulichen die Aufl\u00f6sung des Gegenst\u00e4ndlichen bei fast mikroskopisch naher Betrachtung, in \u201eKrise\u201c ist es hingespritzte und hinabgeronnene Farbe, die uns Schlimmes ahnen l\u00e4sst. Das Hinabrinnen der Farbe, das in vielen Bildern eingesetzt ist, bricht die vordergr\u00fcndige, durch klare Konturen, gro\u00dfe Fl\u00e4chen, pralle Farben und Gestaltungselemente der \u00f6ffentlichen Bildwelt evozierte plakative Wirkung. Es macht auf den Charakter von Malerei, das Entstanden-Sein aus Farbe, aufmerksam (wie auch die gerade im unteren Bilddrittel oder an den R\u00e4ndern oft sichtbare Leinwand) und kann gleichzeitig Sinnbild sein f\u00fcr das Zerrinnen des Festgef\u00fcgten schon beim zweiten Blick. Besonders wichtiges und pr\u00e4gendes Element der Bilder ist aber die mannigfaltige Verfassung des Menschen selbst, die in jedem Bild in graphischer Kontur auftritt. Jeder der sparsamen Striche sitzt, ein Schwung kann B\u00e4nde sprechen. Deshalb\u00a0k\u00f6nnen diese Figuren auch trotz der Reduziertheit sehr differenzierten Ausdruck vermitteln. In \u201earbeiten\u201c etwa stehen sich eine gewisse konzentrierte Strenge der Mutter und ein sch\u00fcchternes Fragen des Kleinen gegen\u00fcber; das passive,\u00a0ruhige, emotionslose Schauen in \u201eSofa\u201c ist vom tr\u00e4umerischen Blick in \u201eSatellit\u201c grundverscheiden. Zu beobachten ist dieses gekonnte auf-den-Punkt-Bringen auch sehr sch\u00f6n in \u201ebeten\u201c, wo es malerisch genauso gelungen ist \u2013 aus ein paar\u00a0dunkelblauen und wei\u00dfen Flecken hat der K\u00fcnstler eine unglaublich k\u00f6rperliche, kraft- und geistvolle Gestalt geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die graphischen Figuren scheinen das Ergebnis eines Abstraktionsprozesses zu sein, die reduzierte, destillierte Essenz von Rollen des Menschen: Des Mannes, der Frau, des Jungen, des M\u00e4dchens, des Denkenden, des Konsumierenden,\u00a0des Domestizierten, des Genie\u00dfenden, des Verzweifelten, des Fragenden, des Selbstkritischen, des Funktionierenden, des Portr\u00e4tierten&#8230; Sie sind durch Denken, Schaffen, \u00dcberdenken und Abstrahieren gefundene Formel, die nun so g\u00fcltig ist, dass sie wieder und wieder angewendet werden kann, sie sind platonische Ideale. Haimo Hieronymus vervielf\u00e4ltigt sie tats\u00e4chlich mittels Schablonen und dennoch sind sie nie dieselben, jeder neue Kontext ver\u00e4ndert sie. Da die Figuren nur aus Konturen bestehen und an sich k\u00f6rperlos sind, sind sie durchwirkt von den Farben, Formen und Zeichen des Hintergrundes und der noch \u00fcber ihnen liegenden Schicht \u2013 sie sind immer gepr\u00e4gt von ihrer Umgebung und k\u00f6nnen sich nie vollst\u00e4ndig daraus l\u00f6sen. Der Sinnende in \u201eBarock\u201c gewinnt noch den meisten Abstand; der Junge in \u201eNatur\u201c beginnt, sich derselben oder seiner eigenen zu entfremden oder zumindest ihre dunklen Seiten auszublenden und mit Vernunft zu \u00fcberlagern. Die Figur in Krise ist allerdings ganz mit Farbe gef\u00fcllt, die auf bedr\u00fcckende Weise an nat\u00fcrliches Inkarnat erinnert und dabei unnat\u00fcrlich kr\u00e4ftig ist \u2013 die vollst\u00e4ndige Trennung (was Krise im \u00dcbrigen urspr\u00fcnglich bedeutet) des Menschen von der Welt, geistig, seelisch und k\u00f6rperlich ohnehin, f\u00fchrt unweigerlich zur Krise, zum Ungl\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo im Bild findet sich auch immer der thematisierte Begriff als geschriebenes Wort. Er ist als Schriftzug in Gro\u00dfbuchstaben eingebaut, wobei der K\u00fcnstler sich verschiedener typographischer Gestaltungen bedient hat. Jeder Buchstabe des \u201eCluster\u201c sticht mit mehreren Spitzen, die schn\u00f6rkelige Schrift in \u201eDekor\u201c wirft die Frage nach der Grenze zum Kitsch auf und \u201eYammi\u201c schwebt in bunten Seifenblasen heran. Manchmal sind die Schriftz\u00fcge dreidimensional gemalt und erinnern damit auch an Werbung, wie in Krise; \u201eElektro\u201c strahlt und flimmert wie eine Leuchtreklame; \u201eZoom\u201c ist so gro\u00df geworden, dass es kaum noch leserlich ist. Bereits das geschriebene Wort selbst kann also mit Unterst\u00fctzung gestalterischer Mittel mehr ausdr\u00fccken, als das Wort allein es k\u00f6nnte, zumindest wird es konkreter. Durch den vielf\u00e4ltigen Reichtum wirken die Bilder des Alphabetikon im ersten Moment etwas chaotisch, nicht gekl\u00e4rt, geordnet, vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In mannigfaltigen Farben und Formen trifft die ganze Zusammenschau von Bedeutungsebenen und -aspekten in einem Moment auf das Auge und entwirrt sich langsam, verdeutlicht sich, einzelnes tritt zur\u00fcck, anderes hervor, um dann wieder einzusinken ins Ganze. Vor einem Bild m\u00fcssen wir verweilen und k\u00f6nnen es. Das k\u00fcnstlerische Bild steht als Fels in aufwerfen, Figur l\u00e4sst an viel zu viele Sprichw\u00f6rter denken und kann zu Gedanken \u00fcber Selbst- und Fremdwahrnehmung anregen, \u201eZoom\u201c kann \u00fcber die Betrachtung der Welt nachdenken lassen. Dennoch schafft Haimo Hieronymus keine\u00a0Kunst nur f\u00fcr den Verstand. Mit dem Alphabet hat er sich hier ein uraltes, fast zeitloses, solides und grundlegendes Prinzip zur Orientierung genommen, w\u00e4hrend er mit unserer Begriffs- und Lebenswelt etwas sehr aktuelles und sich rasant ver\u00e4nderndes, fl\u00fcchtiges und nur durch beherzten, raschen Zugriff fassbares und niemals ganz einheitliches beleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Art und Weise, wie er das in jedem einzelnen Bild umsetzt, zeigt dieselbe Verschr\u00e4nkung von bew\u00e4hrter Tradition, die zur Norm geworden ist, und moderner Herangehensweise sowie pers\u00f6nlicher Innovation. Er malt recht klassisch auf Leinwand, bereichert und bricht diese Weise aber durch Mischtechniken und Materialien, die nicht genuin im Bereich der Kunst angesiedelt sind, wie M\u00f6belstoffe und Schellack. Seine Bilder haben Formate und Proportionen, die seit der Renaissance g\u00fcltig sind, aber sie nicht mehr Querschnitt durch die Sehpyramide oder Fenster zur materiellen Welt gedacht, sondern vielmehr als Querschnitt durch unsere geistige Welt, unsere Assoziationen und Gedankeng\u00e4nge. Deswegen k\u00f6nnen Ort und Zeit nicht altmodisch \u00fcbereinstimmen, deswegen fehlen Ort und Zeit scheinbar ganz,\u00a0ebenso wie eine einheitliche Perspektive. Trotzdem richten seine Bilder sich an das betrachtende Auge: Einige Elemente sind perspektivisch darauf bezogen, die Figuren schauen aus den Bildern heraus und nehmen st\u00e4ndig Kontakt auf, die\u00a0Farben locken mit ihrer Pracht. Diese Bilder sind zug\u00e4nglich und offen, verf\u00fchrerisch sch\u00f6n und ziehen den Betrachter, in ihren Bann, das Auge, das sich eigenst\u00e4ndig seinen Weg sucht. Sofort aber folgt dem Augengenuss die geistige\u00a0Besch\u00e4ftigung mit dem Bild, mit seinem Gehalt, dem ersten Vergn\u00fcgen folgt die Irritation, das Denken, das Bewusst-Werden \u00fcber die eigene Sprache und Lebenswelt. Diese Kunst ist, wie das erste Bild des Alphabetikon bereits verk\u00fcndet, tats\u00e4chlich eine Kunst f\u00fcr ein denkendes Auge, das eigenwilliger Teil des Gehirns ist. Ihr gelingt es, die Reflektion \u00fcber Alltag und Sprache, die Hieronymus in jedem einzelnen Bild geleistet hat, dem Betrachter und damit der \u00d6ffentlichkeit zu \u00fcbertragen. Diesen Ansatz verfolgen auch die Ausbilderungsversuche, bei denen Haimo Hieronymus Ableger dieser\u00a0Bilder der \u00d6ffentlichkeit bzw. einem zuf\u00e4lligen Einzelnen \u00fcberantwortet. Wie jeder einzelne das allgemein g\u00fcltige, verf\u00fcgbare Alphabet ganz individuell zum Sprechen und Verstehen nutzt, so greifen auch im Alphabetikon \u00dcberpers\u00f6nliches und Pers\u00f6nliches, sowohl des K\u00fcnstlers als auch des Betrachters, ineinander. So kann und wird auch die Rezeption der Bilder individuell sein und individuelle Ergebnisse tragen, denn die Offenheit der Bilder, die sich auch mit Andeutungen begn\u00fcgen k\u00f6nnen, erm\u00f6glicht dies. Wichtig ist, dass sie wie die Sprache ins Leben einbezogen werden. Das Kunstwerk lebt zum gro\u00dfen Teil auch von der Rezeption eines Betrachters als aktiv Erlebendem. Dieser Gedanke findet\u00a0sich in Haimo Hieronymus\u2018 Werken immer wieder, es ist ein Gedanke des Artomaten, des Sommergelees, auch einiger K\u00fcnstlerb\u00fccher. Mit dem Alphabetikon gibt Haimo Hieronymus dem Betrachter nun ein \u00fcppiges Nachschlagewerk an die Hand, in dem das Bl\u00e4ttern lohnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Alphabetikon<\/strong>, aktuelle Arbeiten von Haimo Hieronymus in der Werkstattgalerie Der Bogen (M\u00f6hnestr. 58 \/ 59757 Neheim bei Arnsberg). Dauer der Ausstellung 19. Januar &#8211; 7. Februar 2014.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerb\u00fccher <em>Unbehaust<\/em>, <em>Faszikel<\/em> und <em>Idole<\/em> sind ebenso wie die Neuerscheinung <em>Etwa 40 % Prozent<\/em> erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0157 889 239 67<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" title=\"Beitragsbild festlegen\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=21932&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"AlphabetikonCover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/AlphabetikonCover-300x200.jpg\" width=\"266\" height=\"177\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Further reading <\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vertiefend zu &#8218;Alphabetikon&#8216; lesen Sie bitte das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus. Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen Sie bitte auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Probeh\u00f6ren kann man seit Januar 2013 das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe MetaPhon. Und auch die H\u00f6rspielfassung von <em>Unbehaust<\/em> ist in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/unbehaust01.htm\">MetaPhon<\/a> auf <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/\">vordenker.de<\/a> zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine limitierte Auflage des H\u00f6rbuchs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=56\">Pr\u00e6gnarien<\/a> von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bestellung des H\u00f6rbuchs \u00fcber: <a href=\"mailto:info@tonstudio-an-der-ruhr.de\">info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bilder der Pr\u00e6gnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=12402\">hier<\/a> zu sehen. Probeh\u00f6ren kann man diese Live-Aufnahme auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>. Bewegte Bilder <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/schwebebahn.htm\">unter<\/a> und eben: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SMFU2_5xl-E\">HIER<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualit\u00e4t erh\u00e4ltlich \u00fcber: <a href=\"mailto:info@tonstudio-an-der-ruhr.de\">info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 So beginnt Haimo Hieronymus\u2018 Alphabetikon \u2013 sinnvollerweise, ist doch das Auge das Sinnesorgan, mit dem wir die Gem\u00e4lde der Serie wahrnehmen k\u00f6nnen, der einzig m\u00f6gliche Ausgangspunkt, Bildkunst zu erfahren. 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