{"id":21675,"date":"2023-04-12T00:01:47","date_gmt":"2023-04-11T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21675"},"modified":"2022-02-23T09:18:56","modified_gmt":"2022-02-23T08:18:56","slug":"satzzeichengewitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/12\/satzzeichengewitter\/","title":{"rendered":"Wir sind Nobodaddy\u2019s Kinder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Lassen Se man: ich eigne mich schlecht als literarisches Mannequin.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Arno Schmidt, 1953 auf Martin Walsers Einladung zur Gruppe 47<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal atmen Literaturkritik und Literaturwissenschaft auf, wenn ein Autor nach seinem Tod nach und nach in Vergessenheit ger\u00e4t. Etwas komplizierter verh\u00e4lt sich der Fall bei Arno Schmidt. Er wuchs in Hamburg und Lauban auf. Seit 1938 lebte er in Greiffenberg. Von 1946 an lebte er als freier Schriftsteller zun\u00e4chst in Cordingen, dann in Gau-Bickelheim, Kastel an der Saar und sp\u00e4ter in Darmstadt. Aufgrund dieser Umz\u00fcge kann man Arno Schmidt als Heimatvertriebenen bezeichnen, der eine neue Bleibe suchte und diese schlie\u00dflich im kleinen Heidedorf Bargfeld fand. In der ersch\u00fctternden Normalit\u00e4t Niedersachsens mu\u00df\u00a0 Schmidt wie ein Fremdk\u00f6rper gewirkt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bin ich ein deutscher Schriftsteller vom zweiten Range (worin keine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Bescheidenheit liegen soll : wir haben keinen Mann ersten Ranges zur Zeit ! ; besser zu werden, haben mich ung\u00fcnstige Umst\u00e4nde verhindert; man vergesse nie, da\u00df mein erstes Buch erschien, als ich 35 Jahre alt war \u2013 also um 15 Jahre zu sp\u00e4t.).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein erster Band mit Erz\u00e4hlungen, <em>Leviathan oder Die beste der Welten<\/em>, erschien 1949. Schmidt beschreibt darin das Schicksal von Fl\u00fcchtlingen, die im Februar 1945 bei bitterer K\u00e4lte einen stillgelegten Zug wieder in Betrieb nehmen und sich auf den Weg nach Westen machen. Eindringlich wird die Orientierungslosigkeit der durch den Krieg Entwurzelten geschildert, die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens angesichts des Kriegswahnsinns, der Verlust der Selbstgewi\u00dfheit angesichts einer in Tr\u00fcmmer gehenden Welt. Einige der Fl\u00fcchtlinge suchen ihren Trost im Glauben, w\u00e4hrend der Ich-Erz\u00e4hler sich fatalistisch dem von ihm als &#8222;Weltmonster&#8220; wahrgenommenen Universum ergibt. Schilderungen von K\u00e4lte, Hunger, Elend und Tod wechseln sich ab mit Gespr\u00e4chen der Reisenden \u00fcber das Wesen der Welt und die Existenz Gottes. Zwischen allem der Krieg, ideologisch verblendete Hitlerjungen und eine chancenlose Romanze. Die im &#8222;Leviathan&#8220; eingef\u00fchrte Gliederung der Handlung in unverbundene, bruchst\u00fcckhafte Einzelszenen bewirkt zusammen mit Schmidts unverwechselbarer Sprache eine enorme erz\u00e4hlerische Dichte. Ein fulminater Einstieg in ein Schriftstellerleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Der K\u00fcnstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk. Im zweiten Fall besieht man sich den Rest besser nicht.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arno Schmidts fr\u00fche Erz\u00e4hlungen entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck von Nazismus und Weltkrieg. Virtuos verwebt Arno Schmidt Reisebeschreibung, Motive aus M\u00e4rchen und Mythologie mit der Innenansicht eines Verzweifelnden. Und immer wieder l\u00e4sst der Ich-Erz\u00e4hler die Grenzen zwischen Figur und Autor verschwimmen. Aber sind diese Texte eine Geschichte \u00fcber Weltflucht oder nicht vielmehr eine Hommage an Literatur und menschliche Phantasie? Wer spricht hier eigentlich? Die tagebuchartige Struktur seiner Erz\u00e4hlungen scheint wie geschaffen f\u00fcr einen facettenreichen Monolog. Hier wird akribisch berichtet, philosophisch spekuliert, w\u00fctend argumentiert, trunken rezitiert, bildreich fabuliert \u2013 um schlie\u00dflich im Weiten zu entschwinden. Auch die <em>Seelandschaft mit Pocahontas<\/em>setzte sich mit den Erlebnissen des Krieges und der Nachkriegsgesellschaft auseinander, und das in einer Sprache und Radikalit\u00e4t, die f\u00fcr diese unerh\u00f6rt waren. Dieses Buch brachte dem Atheisten eine Anklage wegen Gottesl\u00e4sterung und Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften ein, der er sich mit Hilfe seiner Bewunderer entziehen konnte. Der Rowohlt Verlag, der seine Werke bislang herausgebracht hatte, lehnte eine Ver\u00f6ffentlichung nach negativen Voten seiner Lektoren ab \u2212 Wolfgang Weyrauch hatte sich \u00fcber die inhaltliche \u201eApologie der Spiesserei\u201c und die \u201eradikale Onanie\u201c von Schmidts Sprache aufgeregt.Auch die Frankfurter Verlagsanstalt lehnte den Text ab, wie Eugen Kogon an Schmidt schrieb, haupts\u00e4chlich wegen seines \u201esexuellen Aggregatzustands\u201c. Die Erz\u00e4hlung erschien daher zuerst 1955 im Band 1 der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift <em>Texte und Zeichen<\/em> des Luchterhand-Verlags.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wenn ich nicht schon von Geburt Atheist w\u00e4re, w\u00fcrde mich der Anblick Adenauer-Deutschlands dazu machen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schmidt galt ob seiner Menschenscheu, seiner m\u00fcrrischen Zur\u00fcckgezogenheit und seiner pedantischen Arbeitsweise als Sonderling mit sehr spezieller Aura. Bewusstseinsprozesse der Gegenwart sieht Schmidt anders verlaufen. Sie bilden keinen Erlebnisstrom. \u201eDie Ereignisse unseres Lebens springen vielmehr. Auf dem Bindfaden der Bedeutungslosigkeit, der allgegenw\u00e4rtigen langen Weile ist die Perlenkette kleiner Erlebniseinheiten, innerer und \u00e4u\u00dferer, aufgereiht. Von Mitternacht zu Mitternacht ist gar nicht \u201a1 Tag\u2018 sondern \u201a1440 Minuten\u2018 (und von diesen sind wiederum h\u00f6chstens 50 belangvoll!). Aus dieser por\u00f6sen Struktur auch unserer Gegenwartsempfindung ergibt sich ein l\u00f6cheriges Dasein &#8230; Der Sinn dieser \u201azweiten\u2018 Form ist also, an die Stelle der fr\u00fcher beliebten Fiktion der \u201afortlaufenden Handlung\u2018 ein der menschlichen Erlebnisweise gerechter werdendes, zwar magereres, aber trainierteres Prosagef\u00fcge zu setzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Dieser Herr Arno Schmidt ist eine Potenz, keine ganz angenehme, aber entschieden originell u. k\u00fchn.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"> Gottfried Benn<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So solit\u00e4r er in der deutschen Prosa der 1950-ger Jahre erschien, er\u00a0geh\u00f6rte er zu einer Tradition, die bis zu Rabelais, Sterne, Diderot und im Deutschen zu Fischart und vor allem Jean Paul zur\u00fcckreichte und deren aktuelle Parallelaktionen bei Jorge Luis Borges, Julio Cort\u00e1zar, Jos\u00e9 Lezema Lima oder Carlo Emilio Gadda, Giorgio Manganelli, Italo Calvino oder dem fr\u00fchen Luigi Malerba zu finden waren. Schmidts Werk angef\u00fcllt mit zahllosen ungekennzeichneten Fremdzitaten. Sie als Zitate zu erkennen, ihre Quellen ausfindig zu machen und ihren tieferen Sinn an eben dieser oder jener Stelle zu ergr\u00fcnden ist eine spannende Detektivarbeit, die die literarische Bildung des Lesers herausfordert und oft genug \u00fcberfordert. Hinzu kommen r\u00e4tselhafte Bemerkungen und Einw\u00fcrfe, die \u2013 obgleich beil\u00e4ufig in den Text eingestreut und scheinbar unwichtig \u2013 dechiffriert werden wollen. Insgesamt macht Schmidts Werk den Eindruck einer gewaltigen Ansammlung von Selbst- und Fremdzitaten, literarischen Anspielungen, anz\u00fcglichen Allegorien, sprachlichen Spielereien und ganz allgemein von zu entschl\u00fcsselnden Geheimnissen. In <em>Die Umsiedler<\/em> besch\u00e4ftigt er sich mit dem damaligen Tabuthema von Flucht und Vertreibung und schildert, wie wenig willkommen er, der mit seiner Frau aus Schlesien fliehen musste, sich in der Bundesrepublik f\u00fchlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wir haben alles mit Schmerzen versehen: das Licht &#8218;verbrennt&#8216;; der Schall &#8218;erstirbt&#8216;; der Mond &#8218;geht unter&#8216;; der Wind &#8218;heult&#8216;; der Blitz &#8218;zuckt&#8216;; der Bach &#8218;windet sich&#8216; ebenso wie die Stra\u00dfe. \/ Mein Herz pumpte die Nacht aus: Bl\u00f6dsinnige Einrichtung, da\u00df da st\u00e4ndig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet ! N steinernes m\u00fc\u00dfte man haben, wie beim Hauff.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Das steinere Herz<\/em> wettert er gegen die Scheinheiligkeit und die allgemeinen Restaurationstendenzen der Adenauer-Jahre. Schmidt will mit diesem Roman die Wirklichkeit aufzeigen und mit seinen stilistischen Mitteln eine Analogie zu dieser Wirklichkeit herstellen. Wieso besch\u00e4ftigt sich die Hauptfigur Eggers mit Staatshandb\u00fcchern? Was gewinnt er aus diesem Tun? Eggers selbst, nachdem er bei seinen Forschungen auf einen ihm bisher unbekannten Namen gesto\u00dfen ist, erl\u00e4utert, es handele sich bei ihm um ein Unverm\u00f6gen, davon ablassen zu k\u00f6nnen, \u201eschicksalhaften Verflechtungen gem\u00e4\u00df Satz vom Grunde, Paragraph so und so, die Stelle wo es steht\u201c nachzugehen. Er nennt eine \u201ewahnsinnige Lust an Exaktem : Daten, Fl\u00e4cheninhalte, Einwohnerzahlen\u201c. Eggers bezeichnet sich selbst als \u201epr\u00e4ziser Abergl\u00e4ubiger\u201c. Arno Schmidt verleiht diesem Eggers eine ganz besondere F\u00e4higkeit, die Dinge in seiner Umgebung wahrzunehmen. Er beschreibt deren Oberfl\u00e4chen, indem er versucht, so viel wie m\u00f6glich von ihrer tradierten Bedeutung und Funktion zu vernachl\u00e4ssigen, zu \u00fcbersehen. Damit l\u00e4sst er sie neu mit einem eigenen Anspruch auf Wirklichkeit erscheinen. Aus jedem ungewohnten Bild spricht der Versuch, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, die Dinge aus sich heraus auf den Betrachter wirken zu lassen. Dabei verlieren sie manchesmal ihre gewohnten Bezeichnungen und m\u00fcssen sich neue Namen und Umschreibungen gefallen lassen. Besonders der Mond und K\u00f6rperteile sind hiervon betroffen. Beispiele: In erster Linie sind es Eggers Augen und Ohren, die ihm und uns die Welt mitteilen. Was immer Eggers Augen sehen, es liegt au\u00dferhalb des gewohnten Zusammenhanges der Welt. Den Dingen der Natur, eigenen und fremden K\u00f6rperteilen werden Absichten und Zwecke unterstellt, es werden ihnen T\u00e4tigkeiten zugewiesen, die sie als willentlich Handelnde zeigen. So flattert die W\u00e4sche nicht einfach auf der Leine. Sie turnt. Ein Stern erscheint nicht deshalb blinkend am Nachthimmel, weil sich zwischen ihm und Eggers eine Atmosph\u00e4re befindet. Er scheint vielmehr eine Botschaft morsen zu wollen: \u201ekurzkurz : lang : kurz \/ Lang : kurzkurz ! ( Also &lt; F &gt; und &lt; D &gt;, wenn ich nicht\u00a0\u00a0alles vergessen habe ? &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Ehe Du f\u00fcr dein Vaterland sterben willst, sieh dir s erst mal genauer an!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Begin an hatte das Feuilleton nicht nur mit der radikalen politischen Position des Autors Schwierigkeiten, es kapitulierte mehr noch vor seiner radikalen \u00e4sthetischen Position. Schmidt galt als hermetisch, und irgendwann war man froh, sich nicht mehr mit ihm auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Seine Werke der 1950er Jahre sind sprachlich von einer ungew\u00f6hnlichen, sich oft am Expressionismus orientierenden Wortwahl gepr\u00e4gt. Er nannte seine Erz\u00e4hlweise \u201amusivisch\u2018. Sein Vorgehen ist die Zerlegung der Geschichte in kleine und kleinste Teile. Jeder Abschnitt steht f\u00fcr eine momenthaft fixierte Einzelsituation im Tagesablauf des Erz\u00e4hlers. Eindr\u00fccke, Gedankenblitze, Assoziationen, Einf\u00e4lle des Ich-Erz\u00e4hlers bilden die stenogrammartige Struktur. Die dargestellte Situation zeigt dem Leser ein unvollst\u00e4ndiges, unrundes Bild. Es gibt keine \u00dcberleitungen. Es liegt keine fortlaufend erz\u00e4hlte Geschichte vor mit verbindenden, aufbauenden Elementen, vielmehr ein Text, der sich aus einer Abfolge von Einzelsituationen zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Mein Leben ? ! : ist kein Kontinuum! (nicht blo\u00df Tag und Nacht in wei\u00df und schwarze St\u00fccke zerbrochen ! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; b\u00fcchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender F\u00e4cher; der rennt; raucht; kotet; radioh\u00f6rt; &#8218;Herr Landrat&#8216; sagt: that&#8217;s me!) ein Tablett voll glitzender snapshots.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Formal kennzeichnet seine fr\u00fche Prosa das Bem\u00fchen um neue Formen, inhaltlich sind sie von einer kulturpessimistischen Weltsicht und einer angriffslustigen Gegnerschaft gegen das Westdeutschland der Adenauer-\u00c4ra gepr\u00e4gt. Besonders zeichnen sich seine Texte durch ihren ausgepr\u00e4gten Humor aus, der s\u00e4mtliche Register zwischen Ironie und Sarkasmus zieht und gerade in der R\u00fcckschau als jemand der so gar nicht in die <em>Tr\u00fcmmerliteratur<\/em> einzuordnen war. Als Pionier der Sprache, widerborstig, rebellisch und konsequent bis zur Besessenheit ordnete er s\u00e4mtliche Lebensbereiche seinem Schaffen unter. Schmidt blieb aber auch zeitlebens auf Distanz zum literarischen Betrieb. Seit 1958 im Heidedorf Bargfeld bei Celle ans\u00e4ssig, entwickelte Schmidt seine theoretischen \u00dcberlegungen zu Prosa und Sprache in den 1960er Jahren in Auseinandersetzung vor allem mit James Joyce und Sigmund Freud weiter und suchte seine Ergebnisse in den in dieser Zeit entstandenen Werken (L\u00e4ndliche Erz\u00e4hlungen des Bands <em>K\u00fche in Halbtrauer<\/em>, <em>KAFF auch Mare Crisium<\/em>) umzusetzen. Es ist eine hochartifizielle \u2013 und dabei auch hochmusikalische \u2013 Sprache, ein Amalgam aus Argot, Dokumentarischem und klassischem Erz\u00e4hlstil, wobei vor allem auf den Giganten der deutschen Sprache <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14142\">zu verweisen ist<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Sei es noch so unzeitgem\u00e4\u00df und unpopul\u00e4r; aber ich wei\u00df, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur &#8218;Die Arbeit&#8216; zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze nat\u00fcrlich die Jugend, mit nichten \u00fcberarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet: ich kann das Geschwafel von der &#8217;40-Stunden-Woche&#8216; einfach nicht mehr h\u00f6ren: meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Summe dieser Entwicklung erschien 1970 das monumentale Hauptwerk <em>Zettel\u2019s Traum<\/em>. Dieses \u00dcberbuch schildert die Geschehnisse eines einzigen Sommertags in einem Heidedorf.\u00a0\u00a0Der Ich-Erz\u00e4hler Daniel Pagenstecher hat das \u00dcbersetzer-Ehepaar Paul und Wilma Jakobi mit deren Tochter Franziska zu Besuch. Breiten Raum nehmen die Gespr\u00e4che der Erwachsenen \u00fcber den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe ein, dessen Leben und Werk Pagenstecher mittels der von ihm entwickelten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Etym-Theorie#Etym-Theorie\"><em style=\"text-align: justify;\">Etym-Theorie<\/em> <\/a>deutet. Mit dieser Fortentwicklung der Freudschen Psychoanalyse stellt er Poe als impotenten, koprophilen Voyeur mit Neigung zu Kindfrauen dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201aBeatles\u2018? D\u00e0s w\u00e4re Dir besser nicht eingefallen, Franziska, diese puber\u00adt\u00e4ren Krampfhennen!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zettel\u2019s Traum<\/em> ist ein dreispaltiges, in seiner Komplexit\u00e4t kaum zu erfassendes Werk, das seinem Verfasser Kultstatus, aber auch den Ruf des Sonderlings und Einzelg\u00e4ngers einbrachte. Ein Buch f\u00fcr das der Autor den Nobelpreis verdient h\u00e4tte, der ging stattdessen an den Katholiken aus der Domstadt. Schmidts Sp\u00e4twerk <em>(Die Schule der Atheisten<\/em>, <em>Abend mit Goldrand<\/em> und das Fragment gebliebene Werk <em>Julia, oder die Gem\u00e4lde<\/em>) erschien wie <em>Zettel\u2019s Traum<\/em> in gro\u00dfformatigen Typoskriptb\u00e4nden. Hier treffen letztmals extravagante Interpunktionsexzesse treffen auf aggressive Bildungshubereien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<div id=\"attachment_21687\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21687\" class=\"size-full wp-image-21687\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"401\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-21687\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fche in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts Erz\u00e4hlung K\u00fche in Halbtrauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">2010 erschien <em>Zettel\u2019s Traum<\/em>\u00a0\u00b7 <em>Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV\/1. Standardausgabe<\/em> als gesetztes Buch im Suhrkamp Verlag \u2013 der Titel erstmals in der Schreibweise des Autors.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theo Breuer blickt f\u00fcr KUNO auf das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9333\">\u00dcberbuch<\/a> von Arno Schmidt zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lassen Se man: ich eigne mich schlecht als literarisches Mannequin. Arno Schmidt, 1953 auf Martin Walsers Einladung zur Gruppe 47 Manchmal atmen Literaturkritik und Literaturwissenschaft auf, wenn ein Autor nach seinem Tod nach und nach in Vergessenheit ger\u00e4t. Etwas komplizierter&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/12\/satzzeichengewitter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":99749,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[334],"class_list":["post-21675","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arno-schmidt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21675"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21675\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99750,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21675\/revisions\/99750"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99749"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}