{"id":21629,"date":"2023-03-03T00:01:39","date_gmt":"2023-03-02T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21629"},"modified":"2022-06-13T06:02:28","modified_gmt":"2022-06-13T04:02:28","slug":"unbewust-hochste-lust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/03\/unbewust-hochste-lust\/","title":{"rendered":"&#8230; unbewu\u00dft &#8211; h\u00f6chste Lust!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die gro\u00dfe \u00a0Erm\u00f6glicherin des Lebens, die gro\u00dfe Verf\u00fchrerin zum Leben, das gro\u00dfe Stimulans des Lebens.<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Friedrich Nietzsche (1888)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-99342 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Friedrich-Nietzsche-e1645463484791.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" \/>Du verlierst dich im Rausch der Worte und Gedanken Nietzsches. Wenn du erst die Welt seines langj\u00e4hrigen Freundes Richard Wagners entdeckst, der noch viel entschiedener mit der Musik philosophierte! Wenn du die unendliche Melodie h\u00f6rst, die Vernetzung der Motive im Ring des Nibelungen, die so genannte Leitmotiv-Technik! Wagners Ring ist wie jedes bedeutende Kunstwerk ein offenes System &#8211; wie auch Nietzsches Denken, das noch systematischer unsystematisch ist als Wagners Kombination von Welt-Seele-Geschichte-Bild-Wort-Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Prinzip hat Richard Wagner mit seiner Idee der Sprachmelodik und der ewigen Melodie (endg\u00fcltige Aufl\u00f6sung der Nummernoper, also auch, weitgehend, der Arien) die Grundlagen f\u00fcr Sch\u00f6nberg geschaffen. Erst wird\u2019s chromatisch, das hei\u00dft, die Tonarten changieren wegen der vielen Halbtonschritte innerhalb einer Partitur so sehr, dass sie wie Farbvariationen wahrgenommen werden \u2013 so in der impressionistischen Musik und in der Sp\u00e4tromantik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Vogelperspektive weiten sich die Begriffe. Wir wissen nicht, welche Gesamtkunstwerke auf uns zukommen, ob nach wie vor die Musik so sehr dominiert oder ob die technischen M\u00f6glichkeiten, angefacht durch Computer und Visualisierungen virtueller Ideenozeane, auf der B\u00fchne das Optische verst\u00e4rken, oder ob Texte in den Vordergrund treten und die Musik nur noch flankierende Funktion hat, etwa wie im Film. Wagner hat Hollywoodsche Gr\u00f6\u00dfenphantasien vorweggenommen. Das museale Opern-Imperium mag wackeln, aber es tanzt attraktiv am Rand des Abgrunds. Derzeit sehe ich kaum einen futuristischen Funken im Betrieb. Die privaten B\u00fchnen vermarkten meist nur das G\u00e4ngige, das Leichte, das Gewohnte, das sich in den Geh\u00f6rg\u00e4ngen wohlig einnistet. Das Neue holt den H\u00f6rer nicht ab, der muss hinh\u00f6ren und sich die Musik erschaffen wie die K\u00fcnstler die Morgend\u00e4mmerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drachenfels. Auf halbem Weg zum Gipfel steht die 1882-84 \u00fcberwiegend im neogotischen Stil erbaute Villa Drachenburg \u00fcber dem Rhein. Wagner-Jahr. Der Staat, Nordrhein-Westfalen, f\u00f6rdert die neue Mode: Erhaltung der historistischen, praepostmodernen, eklektizistischen oder wilheminischen Architektur. Das rheinische Neuschwanstein war vor Jahren in Gefahr, zur Ruine zu werden \u2013 wie auch die benachbarte Nibelungenhalle. Das sind die Follies unterhalb der Drachenfels-Ruine. Hier soll, Simrock wies darauf hin, Siegfried den Drachen besiegt haben. Zur Nibelungenhalle geh\u00f6rt eine H\u00f6hle aus Gips, die in eine Lichtung m\u00fcndet, wo der Drache aus Stein, sieben Meter lang, den H\u00f6hleng\u00e4nger mit grinsenden Augen empf\u00e4ngt. Ein Reptilienzoo schlie\u00dft sich nahtlos an. Schon als Kind sah ich die Anacondas und Kaimans. Die Betreiberin der Nibelungenhalle ist auch die Zoodirektorin, sie kennt sich in den Opernstoffen des Meisters aus Leipzig aus und wei\u00df auf Anhieb zu sagen, wie die unter der Weltesche hausende Schlange hei\u00dft: Midgard. Sie ziert das Estrich-Mosaik in der Halle, wo das Siegfried-Idyll aus alten Lautsprechern scheppert. Nebenan Midgards Verwandte, meterlange Pythons, Kobras, Vogelspinnen und Alligatoren. In der Apsis der von einer Kuppel \u00fcberdachten Halle und rings in prunkvollen Holzrahmen, Alt\u00e4ren gleich, die gro\u00dfen sp\u00e4tromantischen \u00d6lbilder mit Opernmotiven von Kunstprofessor Hendrich. Die meisten Bilder wurden dunkel, vom Wasser, das durch die marode Kuppel nach unten rinnt. Die Wagner-Verherrlichung h\u00e4lt sich in rheinischen Grenzen. Die Bilder erinnern an die Rittersagen aus unserer Kindheit \u2013 eine m\u00e4nnliche Welt dunkler Natur; als suche schon der junge Knabe das Weib in den H\u00f6hlen, beim Besteigen der B\u00e4ume, im Ringkampf mit den Rivalen auf dem Schulhof und auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Flohmarkt erstand ich eine Ton-B\u00fcste, das idealisierte Antlitz des Meisters &#8230; Ich bekenne: Wagner ist ein Gigant, mich fasziniert seine Kunstauffassung, das Gesamtkunstwerk, oder seine Idee, die wir in \u201eFitzcarraldo\u201c wiederfanden: Ein Opernhaus bauen, den Ring auff\u00fchren und wieder abrei\u00dfen. Zwar lie\u00dfe sich, wo wir mit allen tonalen Finessen aufgewachsen sind, einwenden, Wagners Opern seien nur Hollywoodfilme, die aus lauter Tradition noch auf der B\u00fchne gezeigt w\u00fcrden, aber ich w\u00fcrde nichts dagegen haben, wenn Tristan, der Ring und Parsifal multimedial aufgef\u00fchrt w\u00fcrden, mit allen Mitteln unserer technischen Welt, unserer MATRIX &#8230; Nun steht der Meister vor mir auf dem Schreibtisch, daneben der bronzene Kopf Schillers. Goethe im Regal, FAUST mit Trunz\u2019 Anmerkungen neben der Bibel und dem neuen Duden. Etwas weiter Heine in f\u00fcnf B\u00e4nden, B\u00fcchner, Kleist, Thomas Bernhard, Heiner M\u00fcller und Kafka. Dar\u00fcber eine Reihe Thomas Mann, der von Wagner sagte, in ihm habe sich die deutsche Musik vollendet. Sch\u00f6nbergs \u00fcberromantische Werke wie seine zw\u00f6lft\u00f6nernen hat er nicht ausstehen k\u00f6nnen und mit Adorno verwurstet zur feinsten Literatur-Salami.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner, der radikale K\u00fcnstler, spielte auf der Klaviatur eines b\u00fcrgerlichen Lebens. Er kannte aber auch Armut und musste mit der Ungewissheit, wer von seinen zwei V\u00e4tern der richtige war, fertig werden und lebenslang um seine Identit\u00e4t k\u00e4mpfen. (Ob G\u00fcnter Grass in der \u201eBlechtrommel\u201c mit diesem Motiv spielt?) Mir ist das z\u00e4he dunkle Blut mitgegeben, das mich den Rausch nachleben l\u00e4sst, den Wagners abenteuerliches Leben in Lust und Arbeit bot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carl, mein Gro\u00dfvater, variierte, wenn er sich allein glaubte, Motive aus Wagners Opern, er brummte Bach-Chor\u00e4le vor sich hin, extemporierte Melodien und Rhythmen auf Christian Morgensterns Galgenlieder. Ich konnte die Toilettenarie, die Carl zum Schluss einer Sitzung anstimmte, bald im Kopf nachsingen. \u201eCarl, was singst du?\u201c, fragte ich, als der Gro\u00dfvater die Toilette verlie\u00df und sich wieder an den Schreibtisch setzte, an dem er seine Zeitungsartikel schrieb. \u201eWalk\u00fcrenritt\u201c, sagte Carl, \u201eich singe drei Variationen, die ich mir ausgedacht habe.\u201c Ich hatte keine Ahnung von Wagner, ich verstand Carls Brummeleien und Wagneriaden nicht im geringsten. Mal mochte ich sie, mal gingen sie mir auf die Nerven. Carl erz\u00e4hlte vom Fliegenden Holl\u00e4nder, von Siegfried und Parsifal und erkl\u00e4rte, dass Wagner die ewige Melodie suchte. Er erkl\u00e4rte mir die Leitmotive im Rheingold. Wenn Carl guter Dinge war, ahmte er die Instrumente des Orchesters nach. Das klang mit seinem tiefen Bass so komisch, dass wir uns schief lachten. \u201eWenn ich auf dem Klo den Walk\u00fcrenritt brumme\u201c, sagte Carl, \u201eist das so etwas wie ein Leitmotiv.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein andres Mal sang Carl \u201eNie sollst du mich befragen &#8230;\u201c \u201eSchon wieder Lohengrin!\u201c \u201eErraten!\u201c, sagte Carl. Ich besa\u00df ein Bild von Kaulbach, da war Lohengrin mit Elsa von Brabant allein im Schloss mit einem Ausblick durch ein gro\u00dfes Steinfenster auf eine Landschaft, die das Paradies zu sein schien. Elsa liebte Lohengrin sehr. Das erkannte man an ihrem Blick. Aber sie durfte Lohengrin nicht fragen, wie er hie\u00df. Ich verstand das nicht. Lohengrin sah ganz ernst aus, da war es also schon zu sp\u00e4t. Elsa hatte gefragt, und nun musste Lohengrin sie verlassen, weil er es am Anfang so gesagt hatte. \u201eCarl\u201c, fragte ich, \u201ewarum muss Lohengrin wieder gehen; nur weil Elsa ihn gefragt hat, wie er hei\u00dft?\u201c \u201eLohengrin ist ein Gralsritter, er hat Elsa gerettet, das war seine Pflicht. Er steht im Dienst des Gralk\u00f6nigs, das ist f\u00fcr ihn das Wichtigste, weil der Gralk\u00f6nig im Dienste Gottes steht, er h\u00fctet den Gral, eine Schale, die ein Symbol f\u00fcr die Wahrheit, das Gute und die Liebe ist.\u201c \u201eDann konnte er ja nicht lange bei Elsa bleiben\u201c, sagte ich. \u201eJa\u201c, sagte Carl, \u201edas kann man so sehen. Lohengrin versprach ihr nur seine Liebe, aber nicht die Ehe.\u201c \u201eDas geh\u00f6rt doch zusammen\u201c, meinte ich. \u201eNa ja\u201c, sagte Carl, \u201ef\u00fcr die meisten ist das vielleicht so, jedenfalls in den ersten Jahren, wenn man sich besonders lieb hat.\u201c \u201eDu hast doch Gro\u00dfmutti bestimmt immer noch so lieb wie fr\u00fcher!\u201c \u201eJa\u201c, sagte Carl, \u201edie Liebe wandelt sich allerdings mit der Zeit.\u201c \u201eDas wollte Lohengrin nicht?\u201c, fragte ich. \u201eEr wollte seine Freiheit behalten\u201c, sagte Carl, \u201eund diese Freiheit in den Dienst einer h\u00f6heren Sache stellen, also f\u00fcr den Gral.\u201c \u201eDann ist die Ehe keine so wichtige Sache\u201c, sagte ich. \u201eJa\u201c, sagte Carl. \u201eIst der Beruf wichtiger als die Liebe?\u201c \u201eJa\u201c, sagte Carl, \u201eaber nicht jeder hat eine so wichtige Aufgabe im Leben.\u201c \u201eDann ist die Liebe wieder wichtiger?\u201c, sagte ich. \u201eDer Mensch ist ein Gesellschaftstier\u201c, sagte Carl, \u201eein zoon politikon.\u201c \u201eZoon politikon?\u201c \u201eDas ist Griechisch\u201c, sagte Carl. \u201eIch bin doch kein Tier\u201c, sagte ich. \u201eSo war das nicht gemeint\u201c, sagte Carl, \u201ewir sind den Tieren aber \u00e4hnlich. Und manche Menschen benehmen sich oft wie Tiere, sie denken nicht viel und handeln nur nach ihren Gef\u00fchlen.\u201c \u201eVielleicht denkt Lohengrin zuviel\u201c, sagte ich. Carl lachte. \u201eIch glaube, das meinte Wagner nicht.\u201c \u201eIch w\u00e4re gern so ein K\u00f6nig\u201c, sagte ich, \u201emit einer K\u00f6nigin an meiner Seite.\u201c \u201eIch wei\u00df\u201c, sagte Carl, \u201edas spielst du ja am liebsten, wenn du mit deiner Freundin zusammen bist.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_14487\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14487\" class=\"wp-image-14487 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/RichardWagner.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14487\" class=\"wp-caption-text\">Richard Wagner<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Mann 1938 in seinem Vortrag <em>Richard Wagner und der Ring des Nibelungen <\/em>in der Aula der Universit\u00e4t Z\u00fcrich: \u201eDer ungeheure; man kann sagen planetarische Erfolg, den die b\u00fcrgerliche Welt, die internationale Bourgeoisie dieser Kunst dank gewisser sinnlicher, nerv\u00f6ser und intellektueller Reize, die sie bot, bereitete, ist ein tragikomisches Paradox und darf nicht vergessen machen, da\u00df sie einem ganz anderen Publikum zugedacht ist und sozialsittlich weit hinauszielt \u00fcber alle kapitalistisch-b\u00fcrgerliche Ordnung in eine von Machtwahn und Geldherrschaft befreite, auf Gerechtigkeit und Liebe gegr\u00fcndete, br\u00fcderliche Menschenwelt.\u201c Und so sehe ich den Meister auch \u2013 ganz unabh\u00e4ngig von seiner Biografie und dem (leider!) zeit\u00fcblichen Antisemitismus, den er zum Gl\u00fcck au\u00dferhalb seiner Musikdramen austobte. Adorno versuchte zwar in seinen wagnerkritischen Schriften an einigen Textstellen im Ring das Gegenteil zu beweisen, aber er \u00fcberzeugt nicht mit seinen Libretto-Beispielen, die er assoziativ und spekulativ analysiert. Der M\u00fcnchner Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer sieht Mime (Ring des Nibelungen), Beckmesser (Die Meistersinger von N\u00fcrnberg) und Kundry (Parsifal) \u201ezwar nicht vordergr\u00fcndig und eindeutig als Juden\u201c, aber er erkennt \u201edurchaus Elemente und Anspielungen in Gestik, Singen und Musik, die in diese Richtung deuteten.\u201c F\u00fcr das Publikum im 19. Jahrhundert seien diese Hinweise gut zu verstehen gewesen. Das ist mir zu vage. Auch eine zwangsl\u00e4ufige gedankliche Entwicklung, die vom musikalischen \u0152uvre zum Faschismus\u00a0 hinf\u00fchrt, sehe ich nicht. Leicht ist zu erkennen, wie Wagner und Nietzsche missverstanden und instrumentalisiert wurden von Hitler und anderen in der Entstehungszeit des Faschismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Atlanta, Georgia, 1970. Wagner und Hesse als Rauschkonsum und Accessoire eines jugendlichen Lebensstils \u2013 auch das gibt es in immer wieder neuen Varianten. Das weltgr\u00f6\u00dfte Hippie-Viertel lernte ich auf meiner Reise durch die USA kennen, als mir das Geld ausging. Ed Ash, ein sympathisch erscheinender junger Bursche, versuchte mir in New Orleans Hasch zu verkaufen. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch. Er \u00fcberredete mich, mit ihm nach Atlanta zu fahren, wo er Studenten kannte. In Wahrheit wollte er dort Geld machen. In einer Drogerie kaufte er Vitamin B, f\u00fcnfzig Pillen eingewickelt in meine Zigarettenplastikfolie. Sechzig Dollar. Ich als Lockvogel: Yes, the stuff works very good. Teriffic! &#8230; Wir betreten eine alte Villa. Ein Student liegt auf dem Parkettboden des Salons, pafft einen joint, eng an ihn geschmiegt ein halb bekleidetes M\u00e4dchen. L\u2019apr\u00e8s-midi d\u2019un faune? Aus riesigen Boxen dr\u00f6hnt der Walk\u00fcrenritt! Alle T\u00fcren und Fenster sind weit ge\u00f6ffnet. Im Nebenraum das gleiche Bild. Halb geschlossene Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">VIA HOLLYWOOD. Lohengrin. Das Pendel der Zeit \u00fcber der Mitte der Weltscheibe, des Reichs, des Herzogtums Brabant, des Lebens- und Liebeskreises. Die Welt ger\u00e4t am Ende nicht aus den Fugen. Eine geschlossene Gesellschaft gibt den festen Rahmen f\u00fcr die Liebenden \u2013 nur Ortrud und Friedrich von Telramund fallen da heraus. Lohengrin steigt aus fernem Land in die Handlung ein. (Zum Kuckuck, wo ist der Schwan? Kaum eine B\u00fchne l\u00e4sst den Schwan auffahren. Mir schwant, keiner wei\u00df mehr, was der bedeutet.) Lohengrin tritt namenlos in den Kreis der gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, rettet Elsa und verl\u00e4sst sie, nachdem sie ihm das Geheimnis seines Namens abgerungen hat. Er kehrt zur\u00fcck in eine andere Welt: Es ist der Gral, Utopie einer Civitas Die, von hegelianischer Hoffnung gepr\u00e4gt. Der Kampf zwischen Gut (Elsa und die christliche Reichsidee) und B\u00f6se (Ortruds und Telramunds Machtgier) bindet alle vorhandenen Kr\u00e4fte und zieht ungekannte Kr\u00e4fte an. Die Gesellschaft und der Einzelne brauchen Ideale. Auch Telramund und Ortrud ben\u00f6tigen eine Legitimation ihrer Macht\u00fcbernahme. Sie scheitern an der unerwarteten entente cordiale des christlichen Ritters mit Elsa. Keiner kann so ein politisches M\u00e4rchen glauben. Also bietet sich Wagners Mythe als Interpretation der Liebe an, die ihre St\u00e4rke aus dem Geheimnis der Fremdheit der Liebenden gewinnt. Na ja. Wer das sieht, wei\u00df es schon vorher: Die Frau braucht den Mann, der sie mit seiner Liebe erl\u00f6st, aber sie ist zu schwach f\u00fcr das Geheimnis der Freiheit. Der Mann aber ist stark und zu H\u00f6herem berufen. Die Inszenierungen entmythologisieren meist, um den modernen Mythos der Solidarit\u00e4t zu proklamieren. Wagners Lohengrin bleibt ein Dauerbrenner im ewigen Opern-Repertoire, weil das romantische M\u00e4rchen der Liebe die stabile Sehnsucht der meisten Menschen bedient. Die Leitmotivik der effektvollen Musik unterst\u00fctzt die Bilder einer gesellschaftlichen Utopie oder eines privaten Paradieses. Soap opera auf h\u00f6chstem Niveau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach meiner Milit\u00e4rzeit legte ich nachts zum Lernen Schallplatten mit Richard Strauss\u2019 Tondichtung \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c, Wagners Ouvert\u00fcren und den ganzen Fliegenden Holl\u00e4nder auf. Das war meiner Vermieterin, obwohl sie schwerh\u00f6rig war, zu laut, ich musste den Apparat leiser drehen. Wagners Musik drang so tief in meine Seele ein, dass ich von einer neuen Wagner-Musik tr\u00e4umte, das Orchester kreiste in meinem Kopf, ich wachte auf und die Musik, die ich komponieren musste, klang in mir weiter. In diesen Tagen las ich Kleists Erz\u00e4hlung \u201eC\u00e4cilie oder die Gewalt der Musik\u201c, mit der sich mein Traum geheimnisvoll ber\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Ring kam ich erst in den 90er Jahren, zu Tristan fr\u00fcher. Parsifal ist die sch\u00f6nste und tiefste Entdeckung. Ich las um die Jahrtausendwende den \u201eZauberberg\u201c noch einmal, da passte die Parsifal-Musik zum Kapitel \u201eF\u00fclle des Wohllauts\u201c. Ich dachte zur\u00fcck an eine Zeit meines Studiums, in der ich mich dem Stumpfsinn des Nichtstuns hingab und richtungslos lauter unn\u00fctze Dinge tat: Ich klassifizierte meine B\u00fccher, schrieb Statistiken \u00fcber Reichstagswahlen und las einen Science-Fiction-Roman nach dem anderen, statt in der Universit\u00e4tsbibliothek die Literatur \u00fcber deutsche Milit\u00e4rdoktrinen vor und nach dem Ersten Weltkrieg auszuwerten. Damals lebte ich wie Hans Castorp im vorangehenden Kapitel \u201eDer gro\u00dfe Stumpfsinn\u201c. Das freie Spiel aller geistigen Kr\u00e4fte findet auf vielen Feldern statt, leider auch auf dem Schlachtfeld, wo Castorp f\u00e4llt. Thomas Mann begleitet den Tod des kritisch geliebten Scheiterers mit Schuberts Lied vom Lindenbaum &#8230; Sp\u00e4t erst gewann ich Die Meistersinger lieb, die zu h\u00f6ren ich z\u00f6gerte aus Furcht vor deutscht\u00fcmelnder Folklore. Die Musik flie\u00dft und tanzt so leicht dahin. In keiner anderen Oper sang sich Wagner so radikal aus. Ach &#8230; mir tut die Beobachtung weh, dass sich so viele junge Leute durch zwei Jahrzehnte Industriemusik durchfressen, ehe sie Bob Dylan und Schubert, Bach und Schostakowitsch erh\u00f6ren. Die meisten gaffen nach Lady Gagas Venusberg oder saufen sich die Ohren mit Heavy Metal oder Pop-Sentimentalismen m\u00fcde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PARSIFAL \u2013 \u00dcBERMENSCH &amp; ERL\u00d6SER im K\u00f6lner Musical Dome. So muss es sein: Trotz einiger Inszenierungs\u00fcbertreibungen (Richard Wagner als Titurels Leiche &#8230; ein gar nicht so abwegiger, gewitzter Einfall) gelang Carlus Padrissa eine vielschichtige Inszenierung als Fortsetzung der Oper unter Einschluss aller Mittel des Musicals.\u00a0 Spektakul\u00e4re B\u00fchnenbilder und Kost\u00fcme \u2013 vier gro\u00dfe Kuppelsegmente in verschiedenen Aufstellungen, in wei\u00dfem Dress und Atemmasken das junge medizinische Personal als Gro\u00dfgruppe; technische Aktionen mit schwebenden Figuren im B\u00fchnenraum \u2013 inszenierte Skepsis zwischen Himmelfahrt und Begr\u00e4bnis oder Balance von Heiligkeit und \u00dcbermenschentum; abstrakte und gegenst\u00e4ndliche Computeranimationen von Grals- und Seinsbedeutungen \u2013 Spiele von Form und Inhalt, Geist und K\u00f6rper; grandiose Beleuchtungsideen und Chor-Choreographien inmitten des Publikums &#8230; Wagner w\u00e4re begeistert gewesen angesichts dieses stimmigen postmodernen Eklektizismus und h\u00e4tte manche seiner langen Regieanweisungen umgeschrieben. Gurnemanz \u2013 so k\u00f6nnte die Oper, die Wagner ein B\u00fchnenweihfestspiel nannte, auch hei\u00dfen. Oder ein Requiem im Operngewand, darin Verdi nicht un\u00e4hnlich. Dass der Tod heutzutage bewusster und \u00f6ffentlicher wahrgenommen wird, daf\u00fcr hat auch die erfolgreiche Lebensverl\u00e4ngerungsmedizin gesorgt. PARSIFAL, ein Oratorium der Pflegestufe III \u2013 das deutete die Inszenierung mit dem Heer stummer junger Komparsen in Pfleger-Uniform an. Sie teilten am Schluss im Publikum Brot aus. Ein Abendmahl f\u00fcnf vor zw\u00f6lf vorm Dauerton des Herzstillstands. Gigantomanie. Diese Inszenierung einer Christus-Nachfolge-Oper will Nietzsche mit dem freien Christenmenschen vers\u00f6hnen. Das klappte, obwohl vielleicht eher Nietzsches \u201aVatermord\u2019 an Wagner gemeint war. Die Liquidierung des Erl\u00f6sungsdramas scheiterte jedenfalls, daran \u00e4nderte auch das Taufbad der nackten Kundry nichts, die schlie\u00dflich wie ein Goldfisch im Becken des Grals ihre Kreise drehte. Es ist die Verbildlichung der Taufe, in der das Wilde und die erotische Kraft der Liebe dialektisch aufgehoben werden. Mich erinnert das an Novalis\u2019 Heinrich von Ofterdingen, der tr\u00e4umend die Blaue Blume findet, die sich in ein M\u00e4dchengesicht verwandelt, Vorahnung der Liebeserfahrung. Er steigt ins Wasser einer Grotte, wo er in einer \u201eAufl\u00f6sung reizender M\u00e4dchen\u201c badend gleichsam eine Taufe f\u00fcr seine Erkentnisf\u00e4higkeit erf\u00e4hrt, eine Synthese von K\u00f6rper und Geist, die Initiation in die Poesie und die Liebe \u2013 auch eine Reifungsgeschichte. Wie im Parsifal die Utopie der Welterl\u00f6sung durch Poesie und Liebe. Kundry soll kein Zierfisch sein, obwohl dieses Bild sich naturgem\u00e4\u00df aufdr\u00e4ngt, sondern den Gral in der Verschmelzung von Agape und Eros beleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem gewissen Sinne sind Wagners Opern jenseits aller Inhalte ebenso unterhaltsam wie Rossinis. Es f\u00e4llt mir \u00fcberhaupt nicht schwer, mich in Wagners Strom tonnenschwerer Noten so wohlzuf\u00fchlen wie in den milligrammleichten Taktwirbeln Rossinis, denn die Gewichte relativieren sich in unseren Ohren, und so werden Rossinis rhythmische und melodische Str\u00f6me schwerer, wenn sie sich in eine starke W\u00e4hrung des Gl\u00fccks verwandeln, w\u00e4hrend Wagners unendliche Melodie leicht wird, weil sie die Freiheit des Menschen meint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas zu dumm zu sagen ist, singt man.\u201c, lautet ein Bonmot des Librettisten Pietro Metastasio. Wagner \u00fcbersteigt diesen Satz. Wer den Ring liest, ohne die Musik zu kennen, sp\u00fcrt, wie im Kopf eine Komposition entsteht, nicht etwa nur bei den lautmalerischen Ausrufen der Rheint\u00f6chter und Walk\u00fcren. Die bronzierte Sprache fesselt den Leser. So sehr der Komponist auch die nat\u00fcrliche Wort- und Satzmelodie in T\u00f6ne und rhythmische Akzentuierungen umsetzt, so sehr treibt er die K\u00fcnstlichkeit der Sprache oft auf die Spitze. Manchmal kippen Pathos und Authentizit\u00e4t ins Komische um. Jambisch stabende Verse verlieren sich im Wortspiel. ISOLDE: Bin ich\u2019s? Bist du\u2019s? \/ Halt\u2019 ich dich fest? TRISTAN: Bin ich\u2019s? Bist du\u2019s? \/ Ist es kein Trug? BEIDE: Ist es kein Traum? &#8230; ISOLDE: Wie lange fern! \/ Wie fern so lang\u2019! TRISTAN: Wie weit so nah\u2019! \/ So nah\u2019 wie weit! ISOLDE: O Freundesfeindin, \/ B\u00f6se Ferne! \/ Tr\u00e4ger Zeiten \/ Z\u00f6gernde L\u00e4nge! TRISTAN: O Weit\u2019 und N\u00e4he! \/ Hart entzweite! \/ Holde N\u00e4he! \/ Oede Weite! ISOLDE: Im Dunkel du, \/ Im Lichte ich! TRISTAN: Das Licht! Das Licht! \/ O dieses Licht &#8230; So stammeln sie beide im \u201aVorspiel\u2019 des Zweiten Aufzugs, die auf Ewigkeit und Steigerung angelegte Instrumentalmelodie sagt das Wesentliche: Die Entwicklung zu einem Orgasmus der Seelen, musikalisch formuliert, in schlanken Versen die logische Stammelei des eigentlich gemeinten Akts. Wagner glaubte, das Orchester d\u00fcrfe nicht zu gut spielen, die S\u00e4nger nicht zu gut singen, sonst hielten Seele und K\u00f6rper des Zuh\u00f6rers die Spannung nicht aus: BEIDE: O ew\u2019ge Nacht, \/ S\u00fc\u00dfe Nacht! &#8230; Sehnend verlangter \/ Liebestod! &#8230; Tristan du, \/ Ich Isolde, Nicht mehr Tristan! \/ Du Isolde, \/ Tristan ich, \/ Nicht mehr Isolde! \/ Endlos ewig \/ Ein-bewu\u00dft: \/ Hei\u00df ergl\u00fchter Brust \/ H\u00f6chste Liebeslust! <em>(Sie bleiben in verz\u00fcckter Stellung) <\/em>In dieser Szene (II, 2), wo Gesangs- und Instrumentalmelodie oft zusammengehen, w\u00e4chst das Drama endg\u00fcltig von au\u00dfen nach innen und wird zur musikalischen Tiefenanalyse, deren Echo bis ins sprachliche Material am Ende des dritten Aufzugs wirkt, wo Isolde den Akt der Liebe, in Verkl\u00e4rung versinkend, mitnimmt auf h\u00f6here Ebenen des Verkraftens: irgendwo zwischen Weltatem und innerstem Seelenherzschlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leitmotive: Liebe, Liebesbund, Liebesgl\u00fcck, Liebesglut, Liebesverwirrung, Liebessehnsucht &#8230; Verlockung, Entz\u00fcckung, Hingebung, Erwachen, Gr\u00fcbel, Unheil, Unruhe, Unmut, Wehe, Verzweiflung, Angst, Schlaf, Tod, Vergessen, Erl\u00f6sung &#8230; Erl\u00f6sung! Das war der Vorwurf Nietzsches. Immer Erl\u00f6sung, immer diese Sehnsucht nach der Lysis, dieses Happy-Ending \u00e0 la Hollywood. Parsifal: \u201eErl\u00f6sung dem Erl\u00f6ser! Das ist inkonsequent, meinte Nietzsche, eben noch G\u00f6tterd\u00e4mmerung und Menschwerdung (\u201eder G\u00f6tter Ende \/ D\u00e4mmert nun auf &#8230; ohne Walter \/ Die Welt\u201c) \u2013 und jetzt dieser R\u00fcckfall in die Erl\u00f6sung! Diese \u201aSchw\u00e4che\u2019 zeigt Wagner aber auch als Realisten: Der tragische Untergang des Menschen im Scheitern an einer gebrochenen Welt. Nietzsche \u00fcbersah, dass Wagner nur als K\u00fcnstler die Utopie einer Welt ohne G\u00f6tter realisieren konnte, einer Welt, in der wir uns selbst gestalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den \u00fcbelsten Anti-Wagner-Clich\u00e9s begegnete ich in der Schule aus dem Mund meiner Lehrer, die Wagners Libretti und seine Musik offensichtlich schlecht kannten. Die S\u00e4nger br\u00fcllen, die S\u00e4ngerinnen schreien, sagten sie, das Orchester l\u00e4rmt pausenlos. Der germanische Mythenmix sei unertr\u00e4glich deutscht\u00fcmelnd, die Sprache skurril bis absurd, alles sei manisch, der imperiale Gestus der Musik nervend, die Handlung menschenverachtend, darin stecke Nietzsches Gr\u00f6\u00dfenwahn vom \u00dcbermenschen. (Also hatten sie auch Nietzsche nicht oder nur durch die Brille <em>ihrer<\/em> Lehrer gelesen.) Aber ich erfuhr ja die Wagner-Liebe meines Gro\u00dfvaters und erkannte sp\u00e4ter die historischen Zusammenh\u00e4nge besser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230; die Frage bleibt, ob Wagner entzaubert werden mu\u00df, damit wir ihn genie\u00dfen d\u00fcrfen. Ist seine Kunst mit der offenen Gesellschaft unvereinbar? Da\u00df seine Opern das wissenschaftliche Weltbild ersch\u00fcttern oder \u00fcberholte Formen politischer Legitimit\u00e4t wiedererwecken k\u00f6nnten, ist kaum anzunehmen. &#8230; und das Wagnerverbot in Israel wirkt immer seltsamer. Ohnehin l\u00e4\u00dft der Alarmismus der Wagnerkritik allm\u00e4hlich nach, wie eine alte Malaria &#8230;\u201c (Horace Engdahl, Wagner und das Wunderbare, in: Sinn und Form 6\/2013, S. 861)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich Ring-Rezensionen zur Bayreuther Inszenierung 2013 las, musste ich lachen \u2013 es war ein Lachen der humorvollen Ber\u00fchrung, die von Castorfs Inszenierungsideen ausging: Der neue Mensch kommt genauso wenig wie Godot. Der \u00dcbermensch mutiert sich nicht aus dem alten Adam. Der Ring wird gr\u00f6\u00dfer, der Weltuntergang immer finaler. Wallstreet und Walhalla bedingen einander &#8230; Ein deutscher Ring mit Berliner \u201aAkzent\u2019. Die gro\u00dfe inhaltliche Durchdringung des Rings als Kapitalismuskritik, Menschheitsaufbruch, Zarathustra-2.0, Mythologie-Selbstzertr\u00fcmmerung w\u00e4re nat\u00fcrlich so eine Inszenierung, die es wieder ganz ernst meint. Davor haben Regisseure Angst. Sie glauben gar nicht mehr an Inhalte, daher wird jeder Gedanke ironisch gebrochen oder verfremdet, die Verfremdung wird noch einmal verfremdet, und aus diesen intellektuellen Schachtelungen kann sich jeder herausreden. Die gro\u00dfen Ideen demokratisieren, das ist die Mode, also alles auf ein soziales Niveau runterziehen (dem fast keiner im Bayreuther Festspielhaus oder in irgendeinem Opernhaus der Welt entspricht). Solche Sozialisierungsversuche an Opern rechtfertigt die k\u00fcnstlerische Elite durch den Zwang zum Neuen. Derlei Zyne lacht letztlich alle sozialen Fragen aus. Da ist es schon viel, wenn es Castorf gelingt, den Rezipienten zu humorvoller Geneigtheit zu bewegen. Mit Wagnerianern, die mit Bierernst am Meister kleben, habe ich keine Gemeinsamkeit. Aufgekl\u00e4rte Wagnerianer finden die Verarschung des Rings auf h\u00f6chstem Niveau als Abwechslung gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die T\u00fccke jeder Inszenierung eines alten Dudelsacks, dass man sich was einfallen lassen muss gegen den einschl\u00e4fernden Gr\u00fcnspan der Kulturpfleger. Es ist nun mal unm\u00f6glich, eine Kritische Ausgabe des Rings auf die B\u00fchne zu stellen. Es liegt in der Natur des spielenden Menschen, dass er intuitiv und berechnend alles durchprobiert, was denkbar ist. Der Ring wird auch noch comicalisiert werden \u2013 wahrscheinlich in Anlehnung an Tolkiens skurril-epigonalen Fantasy-Roman \u201eDer Herr der Ringe\u201c; oder Siegfried als Tarzan in einer Castingshow mit Superman und Goofy, Charlie Brown und Linus; die Rheint\u00f6chter als Models und der ganze Ring dann als Dschungelbuch-Apotheose und RTL-Dschungel-Camp: Holt mich hier raus, ich bin ein Star! Siegfried zum Beispiel. Noch hat man die Libretti nicht anger\u00fchrt. Aber das kommt. Da ist noch viel Luft nach unten \u2013 Cracking! Irgendwann interessiert sich ein Regisseur wieder f\u00fcr die Luft nach oben. Operninszenierung heute ist die Fortsetzung des Lebens als Show mit allen Mitteln. Das ist nicht falsch und es ist auch nicht richtig. Wagners Opern sind lauter Schr\u00f6dinger-Katzen. Es kommt drauf an, wie und wann man sie beobachtet. Wir leben im quantentheoretischen Zeitalter, da geht es nicht nur um die zweiwertige Logik. G\u00f6tterd\u00e4mmerung als dekonstruktivistisches Spektakel, Rheingold als Musical, das kommt noch, wenn nicht auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel, dann eben in Valencia. Bleiben wir gelassen und harren in humorvoll get\u00f6nter Vorfreude der Dinge, die da kommen. Die \u00dcberraschung ist tot. Es lebe die \u00dcberraschung! Wir bleiben gefesselt im Zwielicht der D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNehmen Sie das wunderartigste Gebilde des typischsten und darum m\u00e4chtigsten K\u00fcnstlers, nehmen Sie ein so morbides und tief zweideutiges Werk wie \u203a<cite>Tristan und Isolde<\/cite>\u2039 und beobachten Sie die Wirkung, die dieses Werk auf einen jungen, gesunden, stark normal empfindenden Menschen aus\u00fcbt. Sie sehen Gehobenheit, Gest\u00e4rktheit, warme, rechtschaffene Begeisterung, Angeregtheit vielleicht zu eigenem \u203ak\u00fcnstlerischen\u2039 Schaffen \u2026\u201c, sagt die Malerin Lisaweta in Thomas Manns \u201eTonio Kr\u00f6ger\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz dazu steht eine Szene in Thomas Manns \u201eBuddenbrooks\u201c: \u201eAm Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierausz\u00fcge aus \u00bbTristan und Isolde\u00ab aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er nach f\u00fcnfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des \u00e4u\u00dfersten Ekels zwischen Erker und Fl\u00fcgel hin und wider geeilt. \u00bbIch spiele dies nicht, gn\u00e4dige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener, aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik &#8230; glauben Sie mir doch &#8230; ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parf\u00fcmierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht!\u00ab Und mit diesen Worten hatte er sich wieder auf den Sessel geworfen und, w\u00e4hrend sein Kehlkopf auf und nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere f\u00fcnfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schlie\u00dfen und zu rufen: \u00bbPfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir, verehrteste Frau, ich rede offen &#8230; Sie honorieren mich, Sie bezahlen mich seit Jahr und Tag f\u00fcr meine Dienste &#8230; und ich bin ein Mann in bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen \u2026! Und das Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise hereingekommen, um Musik zu h\u00f6ren! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und gar vergiften?\u00ab &#8230; \u00bbPf\u00fchl\u00ab, sagte sie, \u00bbseien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe. Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie &#8230; Sie finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und nat\u00fcrlich. Aber bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat &#8230; und Bach selbst, mein Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor! &#8230; Sie sprechen von Moral &#8230; aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Gro\u00dfartiger, bewu\u00dfter, vertiefter als bei Bach. Glauben Sie mir, Pf\u00fchl, diese Musik ist Ihrem innersten Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!\u00ab\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist so ein Punkt bei Wagner: das innerste Wesen! Es ist ganz ambivalent, was es mit uns macht, denn im innersten Wesen steckt der Wahn, da lebt die doppelte Lust, die nach Zerst\u00f6rung und Selbstzerst\u00f6rung, vielleicht sogar die Sehnsucht nach dem Tod. Und nach Erl\u00f6sung (siehe oben!). So eine Doppelnatur besitzt offenbar auch Wagners Musik \u2013 nicht f\u00fcr alle, aber f\u00fcr viele. Ist es die Angst, die wir vor uns selbst haben, wenn wir Wagner lieber aus dem Weg gehen oder wenn er uns nicht erreicht? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beschlie\u00dfe meine Gedanken \u00fcber ein immer noch lebendiges Ungeheuer der Sp\u00e4tromantik mit einer Geschichte, die ich so oder so \u00e4hnlich erlebt habe oder erlebt haben k\u00f6nnte. Sie hat den Titel \u201eH\u00f6chste Lust\u201c und rekurriert auf jene Oper, die nicht nur wegen ihres vertrackten Doppeldominant-Septakkords ber\u00fchmt wurde:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm, von Zeit zu Zeit ein Seelenwanderer, den weiten Weg auf mich, um endlich die Oper zu h\u00f6ren, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. Auf einer B\u00fchne unauff\u00fchrbar, warum h\u00f6re und sehe ich mir diese Oper ausgerechnet in Bayreuth an, dachte ich, als die H\u00f6rner und Trompeten mich aufriefen und wegbliesen von Wei\u00dfwurst und Kaviar, aber da sa\u00df ich schon im Dunkel der Oper, der Himmel \u00fcber mir war schwarz, das Vorspiel t\u00f6nte herauf zu mir aus dem orphischen Hades, und ich tr\u00e4umte mich weit weg. Ich war, wo ich von je gewesen, im weiten Reich der Weltennacht. Ich fand mich auf einmal auf den Stufen des r\u00f6mischen Theaters von Orange wieder und sah in der sch\u00f6nsten Mauer Frankreichs die Kulisse des Abendlands, das Orchester sang sich aus, und es war die Welt, die da t\u00f6nte, Tristan und Isolde und die Nacht der Liebe. Ich schloss die Augen, war nun Tristan, war Ton unter T\u00f6nen, und meine Seele, die so weit und tief wurde wie das Land, aus dem er kam, wurde aufgenommen in den Scho\u00df westlicher Liebeliebe. L\u00f6se von der Welt mich los!, sang ich mit innerer Stimme. Gib Vergessen, dass ich lebe! Und meine Seele atmete tief, warf die Ketten der inneren Gefangenschaft ab und f\u00fchlte sich eins mit allen Menschen, die um mich herum sa\u00dfen in dieser wunderbaren Nacht, alle die Seelen, die sich nun befreiten. Wir sp\u00fcrten alle nicht die harten Sitze, die uns wach hielten. Kein Kissen kann mich erl\u00f6sen, nur der Orchestergraben, das Grab der Auferstehungsmusik, die mich belebte. Wir sahen nicht die blauschwarzen schweren Wolken am Himmel, die das letzte Abendrot verdunkelten. Als ob die Musik Schatten w\u00fcrfe, dachte ich, als ich das sanfte Rollen des Donners h\u00f6rte, das Orchester spielt von allen Seiten! Weh, nun w\u00e4chst, bleich und bang, mir des Tages wilder Drang, ich schlug die Augen auf, weckt zu Trug und Wahn mir das Hirn! Lange Blitze erhellten das ganze Theater. Verfluchter Tag mit deinem Schein! Ich glaubte schon, als die Donnerschl\u00e4ge wuchsen, die Signale einer Revolution zu h\u00f6ren, am falschen Ort, zur falschen Zeit, aber je lauter und heller das himmlische Gewitter wurde, umso st\u00e4rker f\u00fchlte ich mich in dem wogenden Schwall, in dem t\u00f6nenden Schall, in des Welt-Atems wehenden All ertrinken, versinken, unbewusst -, ich war vollkommen eins mit allem, mit dem Himmel des Abendlands, der Nacht der Liebe, dem Tag der Revolution und mit mir selbst. Die letzten Kl\u00e4nge starben, und ein krachender Donnerschlag beendete die Auff\u00fchrung endg\u00fcltig. Alles erschauerte und blieb starr. Als die ersten Tropfen fielen, platzte es wie eine Gewitterwolke, und es war kein Wunder, als ich in das unendliche Rauschen der Welt hinein, endlich erwachend, sagte: Ich regne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div>\n<div><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/div>\n<div>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103660 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Wagner-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p>Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein.<\/div>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die gro\u00dfe \u00a0Erm\u00f6glicherin des Lebens, die gro\u00dfe Verf\u00fchrerin zum Leben, das gro\u00dfe Stimulans des Lebens. Friedrich Nietzsche (1888) Du verlierst dich im Rausch der Worte und Gedanken Nietzsches. Wenn du erst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/03\/unbewust-hochste-lust\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":103660,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447,1223,866],"class_list":["post-21629","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche","tag-richard-wagner","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21629"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21629\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103676,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21629\/revisions\/103676"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103660"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}