{"id":21415,"date":"2009-03-23T00:01:18","date_gmt":"2009-03-22T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21415"},"modified":"2021-04-24T06:44:12","modified_gmt":"2021-04-24T04:44:12","slug":"vom-zierpen-zum-zwitschern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/23\/vom-zierpen-zum-zwitschern\/","title":{"rendered":"Vom Zirpen zum Zwitschern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Das Internet ist wahrscheinlich ein kostbares Werkzeug, um unbewusste Verbindungen aufzudecken oder auch um Gespenster zum Leben zu Erwecken. Doch oft ist das Internet ohne jeden Nutzen, denn so leicht lassen sich die Gespenster nicht aufst\u00f6bern.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Patrick Modiano<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich den Ursprung des Begriffes Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst von dem Wort \u201cLyra\u201c, was soviel bedeutet wie \u201cLeier\u201d. Demnach war Lyrik in ihren Anf\u00e4ngen bereits Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie schon \u201einterdisziplin\u00e4r\u201c, wenn man so will.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wie aber sieht das Ganze heute aus?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Anfang des Jahrhunderts besteht eine Tendenz, nach und nach auch andere Medien in das Textliche mit einzubeziehen. Man denke nur an den Boom der Videokunst sowie der Live-Elektronik in den sechziger Jahren. Interdisziplinarit\u00e4t birgt, wie viele herausragende Ergebnisse zeigen, eine gro\u00dfe Chance, sie kann jedoch auch ungenaue Arbeit am Material \u201cdeckeln\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Analysiert man, wie bestimmte Kunstschaffende- etwa die \u201cWiener Gruppe\u201d in Wien oder \u201cOulipo\u201d in Frankreich- mit Wort und Text umgegangen sind, so f\u00e4llt auf, dass es immer kompositorische Prinzipien waren, die auf das vorhandene Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Herangehensweisen von Kompositiontechniken lassen sich, wie wir also sp\u00e4testens seit diesen Bewegungen wissen, wunderbar auf die Sprache \u00fcbertragen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wie gestalte ich eine Art des Zusammenhang fernab semantischer Strukturen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die jenseits der Form ber\u00fccksichtigt werden muss. Demnach h\u00f6ren Lyriker ihre Texte meist innerlich, h\u00f6ren sie sich wieder und wieder durch, trimmen die sprachlichen Einheiten und st\u00f6pseln sie aneinander, so dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen und sich gleichsam in die Gro\u00dfform einschmiegen. Als problematisch kann es sich heraus stellen, wenn der Schreibende sich zum Sklaven der Technik, die er sich selbst auferlegt hat, macht. Dann wirken die Textergebnise zu \u201egerade\u201c, zu \u201egebaut\u201c, zu \u201ekonstruiert\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner eigenen Herangehensweise bewege ich mich immer zwischen Spracharbeit und Intuition. Es ist ein st\u00e4ndiges Oszillieren. Oft passiert es, dass ich einen ersten Wurf aus dem Bauch \u2013 bzw. eher dem inneren Ohr- heraus mache und diesen als Steinbruch f\u00fcr eine (Sprach)Komposition nehme, ihn dann in ein strukturelles Gewand einf\u00fcge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel das Anagramm, die Liste, den Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Die Arbeit bleibt immer eine Gratwanderung. Das Ergebnis ist nie befriedigend. Man befindet sich auf einer Reise.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wie sieht das Ganze nun aber aus, wenn die Ebene der Musik sich zu dem vorhandenen Sprachmaterial dazu gesellt?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier stellt sich die Frage von Form und Freiheit. Inwieweit wird ein Text aufgedr\u00f6selt, wenn er vertont wird? Inwieweit gibt der Text an sich schon die klangliche und zeitliche Abfolge der Musik vor? Wann arbeitet man f\u00fcr, und wann gegen den Text? Und: kommen nicht auch, wenn man \u201cgegen\u201d den Text arbeitet, ihn quasi in seine lautlichen und phonetischen Einzelst\u00fccke zersprargelt- hier wird z.B. aus dem Zirpen eine Repitition der Konsonantenabfolge \u201czrp\u201d heraus gesch\u00e4lt oder aber eine schrille Intonation des I- Lautes hervor gehoben- spannende Ergebnisse heraus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\">Dieser Text flo\u00df ein in den Band: <strong>Twitteratur, <\/strong>Genese einer Literaturgattung. Erweiterte Taschenbuchausgabe mit der Dokumentation des Hungertuchpreises. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Sophie-Reyer1-225x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Sophie-Reyer1-225x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Sophie-Reyer1-225x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/a>Das Projekt <em>Wortspielhalle <\/em>ist in der Edition Das Labor <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=591\">erschienen<\/a>. Die Sprechpartitur wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sophie_Reyer\">Sophie Reyer<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19038\">hier<\/a>. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen sei auch\u00a0das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Reyer und Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. Ein Portr\u00e4t von A.J. Weigoni findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10444\">hier<\/a>. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>. Alle <em>LiteraturClips<\/em> dieses Projekts k\u00f6nnen nach und nach <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?author=124\">hier<\/a> abgerufen werden. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist wahrscheinlich ein kostbares Werkzeug, um unbewusste Verbindungen aufzudecken oder auch um Gespenster zum Leben zu Erwecken. Doch oft ist das Internet ohne jeden Nutzen, denn so leicht lassen sich die Gespenster nicht aufst\u00f6bern. 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