{"id":21257,"date":"2013-12-18T20:54:19","date_gmt":"2013-12-18T19:54:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21257"},"modified":"2019-10-07T21:27:58","modified_gmt":"2019-10-07T19:27:58","slug":"und-furchte-mich-immer-noch-vor-der-schwarzen-kochin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/18\/und-furchte-mich-immer-noch-vor-der-schwarzen-kochin\/","title":{"rendered":"&#8230; und f\u00fcrchte mich immer noch vor der Schwarzen K\u00f6chin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kritik einer vernichtenden Verurteilung: Kunos Essay \u201eVerabschiedung der Gebi\u00dftr\u00e4ger\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich hat G\u00fcnter Grass einen schweren Fehler begangen, seine Jugends\u00fcnde, die Zugeh\u00f6rigkeit zur Waffen-SS, zu verschweigen. Ich bedauere das. Sein viel zu sp\u00e4tes Bekenntnis finde ich schwach und in mancher Hinsicht nicht selbstkritisch genug; vielleicht konnte aufgrund mangelnder Entschiedenheit auch die literarische Verarbeitung in Variationen der Zwiebel-Metaphorik nicht \u00fcberzeugend gelingen. Andererseits ist deutlich genug zu sehen, dass Grass ein Gewissen hat und dass die Wahrheit aus ihm heraus musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn deswegen berechnend zu nennen, gar im Hinblick auf Pressepr\u00e4senz und Verkaufszahlen, charakterlos und\/oder senil, halte ich f\u00fcr abwegig und b\u00f6swillig, zumal ihm mit der moralischen auch noch die poetische Kompetenz abgesprochen wird (Vorwurf: \u201eGesinnungs\u00e4sthetik\u201c, Kritik an schriftstellerischer Qualit\u00e4t).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polemik gegen G\u00fcnter Grass, \u201eVerabschiedung der Gebi\u00dftr\u00e4ger\u201c, habe ich mit Interesse gelesen, allerdings fiel mir die Lekt\u00fcre schon nach zwei (ausgedruckten) Seiten schwer, weil sich immer deutlicher abzeichnete, wie ma\u00dflos die ablehnenden Gef\u00fchle des Autors gegen G\u00fcnter Grass sind und wie ungerecht, stellenweise auch selbstgerecht diese in ihren Hauptargumenten sich wiederholende Polemik vorgetragen wird. Tenor: Grass habe keine innere Wende vollzogen. \u201eGraSS verh\u00e4lt sich wie Albert Speer, er \u00fcbernimmt Gesamtverantwortung, ohne individuelle Schuld zu bekennen.\u201c Und: \u201eDiese Unf\u00e4higkeit, sich selbst zu belehren, findet sich bei vielen Angeh\u00f6rigen dieser Generation \u2013 Martin Walser hat sie sogar zum Programm erhoben &#8230;\u201c Sie sind \u201eTeil eines gegenmenschlichen Projekts &#8230;\u201c Ich wei\u00df nicht, was Hagedorn reitet, wenn er Geist und Sprache G\u00fcnter Grass\u2019 so charakterisiert: \u201eDas ist nicht die Sprache, die in den eigenen Abgrund blickt. Das ist das Erbe der nationalsozialistischen Zeit: Eine Distanzlosigkeit sich selbst gegen\u00fcber, die eine Anerkennung dessen, was anderen angetan wurde, \u00fcber blo\u00dfe Bekenntnisrhetorik hinaus nie im Sinn und, vor allem, nie im Gef\u00fchl gehabt hat. Ein Habitus des Immer-recht-Habens, der Larmoyanz, der vollst\u00e4ndigen Unf\u00e4higkeit zur Ambivalenz, frei von jeder Selbstironie.\u201c Der Essayist, der sich nicht scheut, das Denken von Grass in die N\u00e4he totalit\u00e4rer Systeme zu r\u00fccken, sollte, um nur ein Beispiel zu nennen, die Erz\u00e4hlung \u201eKatz und Maus\u201c einmal genau lesen. Er wird leicht einsehen, wie sensibel Grass die Verf\u00fchrbarkeit eines 17-J\u00e4hrigen darstellt. Die Motive und Rahmenbedingungen, die Mahlkes Verhalten ausmachen, treffen autobiographisch auf Grass zu, wenn auch sehr verfremdet, gebrochen und intentional ins Allgemeing\u00fcltige erhoben. Der Ich-Erz\u00e4hler der Novelle ist das reflektierende Alter Ego des Verf\u00fchrten. Dass Grass beim Schreiben dieser Novelle an sich dachte, liegt f\u00fcr mich klar auf der Hand; allerdings wusste ich in den 60er Jahren genauso wenig wie irgendeiner, wie konkret das sublimierende Schreiben ihn selbst mitmeinte. Am Ende der Novelle taucht Mahlke nicht wieder auf (wie zun\u00e4chst auch nicht der bekennende G\u00fcnter Grass), sein Alter Ego aber \u201emu\u00df nun schreiben. Selbst w\u00e4ren wir beide erfunden, ich m\u00fc\u00dfte dennoch.\u201c So steht es gleich am Anfang der Geschichte von \u201eKatz und Maus\u201c geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eScharfrichterliche Strenge\u201c, wie sie Hagedorn dem Dichter vorwirft, trifft eher ihn selbst als Essayisten, der in fast schon robespierrelicher Manier aburteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur \u00fcberzogen, sondern auch unangemessen finde ich bereits den Titel (\u201e&#8230; Gebi\u00dftr\u00e4ger\u201c, kurz danach: \u201eAlterssenilit\u00e4t\u201c etc. pp.) und die Schreibweise des Namens (GraSS).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hagedorns Traktat gegen die \u201eGebi\u00dftr\u00e4ger\u201c ist durchwirkt von Unterstellungen und allzu spekulativen Annahmen, darunter nicht eine einzige, die das Handeln des jungen G\u00fcnter Grass angemessen nach- und mitempfindet. Stattdessen fragt Hagedorn: \u201eWarum schreibt Grass nicht: ich kriegte doch auch einen hoch, wenn ich das Gebr\u00fclle h\u00f6rte, ich wollte doch auch SIEGEN, und Russen abknallen, blonde M\u00e4dchen besch\u00fctzen und die Besiegten totv\u00f6geln &#8230;\u201c Und es wird alles, was Grass geschaffen hat, mit der Messlatte hingerichtet, die sich am Sp\u00e4twerk orientiert: \u201eAltherrenprosa\u201c. A posteriori wird so das Fr\u00fch- und Hauptwerk gleichsam als praesenil eingestuft, wobei f\u00fcr Hagedorn \u201aalt sein\u2019 immer \u201asenil\u2019 im Sinne von geistiger Behinderung gesehen wird, um teilzuhaben an der Kraft der Jungen, die noch Z\u00e4hne haben. Aber dem Essay gegen die Gebi\u00dftr\u00e4ger fehlt der Biss. Diese Z\u00e4hne sind stumpf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unverst\u00e4ndlich ist mir, wie Hagedorn Grass mit dessen Aussagen \u00fcber das Schreiben fiktionaler Literatur vorzuf\u00fchren versucht: \u201eSind Sie ein Mensch, der die Wahrheit sagt?\u201c, fragte ihn eine Journalistin 1979. Grass antwortete, dass ihn die Wahrheit in bestimmten Situationen langweile und er dann anfange, die Wahrheit zu variieren oder andersherum zu erfinden, und er f\u00fcgte aphoristisch zuspitzend hinzu: \u201e&#8230; denn am liebsten l\u00fcge ich wie gedruckt.\u201c Es ist dies der Standpunkt des belletristischen Erz\u00e4hlers, des Aufkl\u00e4rers, der wei\u00df, dass dichterisches L\u00fcgen wahrer sein kann und wirksamer als ein Protokoll der Wahrheit. Das ist G\u00fcnter Grass in der Tat mit seinen ersten Romanen besser gelungen als mit seinem Bekenntnistext \u201eVom H\u00e4uten der Zwiebel\u201c. Das befreit ihn nicht von seiner pers\u00f6nlichen Schuld, die Leser und die deutsche und internationale \u00d6ffentlichkeit belogen zu haben, was seine SS-Vergangenheit als Minderj\u00e4hriger in den letzten Kriegsmonaten 1944\/45 angeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht differenziert genug sieht der Essayist \u2013 im Gegensatz zu G\u00fcnter Grass in der <em>Danziger Trilogie<\/em> \u2013 die geistigen Rahmenbedingungen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg \u2013 er nennt die Kritik eines Bert Brecht oder\u00a0 Thomas Mann masochistisch und \u201eKult der Niederlage\u201c. Grass wird dann sogar untergeschoben, er habe \u201ein der Pose des selbstgewissen und von Eitelkeit nicht freien Moralisten versucht aus seinem Schuldgest\u00e4ndnis &#8230; \u00e4sthetisches Kapital zu schlagen.\u201c Grass\u2019 Schw\u00e4che und seine Motive als verf\u00fchrbarer und verf\u00fchrter Jugendlicher werden verglichen mit dem Verhalten Kurt Waldheims und Jugendlichen in islamischen Terror-Kommandos. \u201eEs war folgerichtig, da\u00df er zur Waffen-SS gelangte. F\u00fcr Naturen wie ihn, die von sexueller Frustration, Sozialneid, Ressentiment und seelischer Unempf\u00e4nglichkeit gepr\u00e4gt waren, wurde sie erfunden.\u201c Diese leichtfertigen Vergleiche greifen zu kurz, sie zeigen beinahe schon ein anachronistisches Verst\u00e4ndnis des Faschismus in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hagedorn nennt Grass ver\u00e4chtlich \u201eGro\u00dfschriftsteller\u201c, in dessen selbstgerechter Aufgeblasenheit sich die ganze westdeutsche Intelligenzia widerspiegele: die Gruppe 47 \/ Martin Walser, \u201edie H\u00f6llerers, die Jens und Lenz, die Wapnewskis und die H\u00f6fers &#8230; mit ihrer hysterischen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\u201c, Botho Strau\u00df, Peter Handke \u201eund Konsorten\u201c. Die Ungenauigkeit der Kritik wird bereichert durch ungerechtfertigte Pauschalisierungen und Vergleiche (\u201eIn seinem Altersstarrsinn erinnert GraSS an Erich Honecker.\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grass \u201emuss wieder los, um das Napalm der Freiheit in die K\u00f6pfe der Finsternis zu bomben, mit dem Uran der Demokratie die Kinder zu verstrahlen und mit Dioxin den Ernst seiner Mission zu segnen.\u201c In solchen ironischen Bildern wird Grass die Fragw\u00fcrdigkeit seiner moralischen und kritischen Intentionen unterstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die (ausgerechnet!) von Oskar Lafontaine zitierten Worte zu Beginn des durch und durch polemischen Essays \u2013 \u201eWer seine Zugeh\u00f6rigkeit zur Waffen-SS verschwiegen hat, sollte sich zu Charakterfragen besser nicht mehr \u00e4u\u00dfern.\u201c \u2013 sind falsch wie das Sprichwort \u201eWer einmal l\u00fcgt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.\u201c Dieser moralistische Standpunkt spricht jedem Menschen die F\u00e4higkeit ab, sich zu \u00e4ndern, zu korrigieren und zu bessern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grass\u2019 Fehler entwertet <em>nicht<\/em> sein erz\u00e4hlerisches Werk, insbesondere nicht die <em>Danziger Trilogie<\/em>, die auch poetisch gelungen ist. Immerhin schreibt Hagedorn auch folgenden Satz: \u201eWenn Grass, Walser und andere Autoren die Verbrechen der Deutschen w\u00e4hrend des Nationalsozialismus mit literarischen Mitteln ins \u00f6ffentliche Bewusstsein r\u00fcckten, haben sie sich damit um ihr Land verdient gemacht.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik einer vernichtenden Verurteilung: Kunos Essay \u201eVerabschiedung der Gebi\u00dftr\u00e4ger\u201c Nat\u00fcrlich hat G\u00fcnter Grass einen schweren Fehler begangen, seine Jugends\u00fcnde, die Zugeh\u00f6rigkeit zur Waffen-SS, zu verschweigen. Ich bedauere das. Sein viel zu sp\u00e4tes Bekenntnis finde ich schwach und in mancher Hinsicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/18\/und-furchte-mich-immer-noch-vor-der-schwarzen-kochin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":13738,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1228,866],"class_list":["post-21257","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gunther-grass","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21257"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21257\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}