{"id":21254,"date":"2003-12-03T09:30:17","date_gmt":"2003-12-03T08:30:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21254"},"modified":"2022-06-06T13:47:59","modified_gmt":"2022-06-06T11:47:59","slug":"alles-im-arsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/03\/alles-im-arsch\/","title":{"rendered":"Alles im Arsch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">\u201eMaria Stuart\u201c von Friedrich Schiller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_21263\" style=\"width: 207px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-MaryStuartbyClouet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21263\" class=\"size-medium wp-image-21263\" title=\"220px-MaryStuartbyClouet\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-MaryStuartbyClouet-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-MaryStuartbyClouet-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-MaryStuartbyClouet.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21263\" class=\"wp-caption-text\">Maria Stuart um 1558, Portr\u00e4t von Fran\u00e7ois Clouet<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nigin Elisabeth steigt als Glamour-Star die steile Treppe zur Show hinab. Die Show ist die Staatspolitik. Irgendwie stimmt das ja auch. Die Minister benehmen sich wie die feinen Zuh\u00e4lter der sogenannten freien Wirtschaft. Na gut. Sie nehmen der K\u00f6nigin das Blech von der Seele und stellen es scheppernd ab. Da steht die blonde Venus nun auf den Stufen ihrer moralischen Treppe abw\u00e4rts. Leicester will hoch. Er will Maria und Elisabeth, am liebsten die sch\u00f6ne Maria. Leicester betr\u00fcgt beide K\u00f6niginnen gleichzeitig. Leicester ist ein richtiges Arschloch. Da steht sein aufrichtiger Wille. Er rei\u00dft sich die Kleider vom Leib, w\u00e4hrend er die Stufen hinauf st\u00fcrzt, und wirft sein nacktes Fleisch der englischen K\u00f6nigin zum Fra\u00df vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im sch\u00f6nen Schein der Worte regnet es immer wieder mal in feinen Schwaden. Das ist nicht das englische Wetter, sondern Spermienregen. In diesem Klima sieht die Welt sehr sch\u00f6n aus. Nach dem Streit der K\u00f6niginnen, in dem beide ihre Hormone freilegen, kann Mortimer seine Geilheit nicht mehr z\u00e4hmen. Er l\u00e4sst die Hose fallen wie eine Maske, das Arschloch f\u00e4llt \u00fcber Maria her, aber er steht die Nummer nicht durch. Der Abknicker sackt zusammen. Maria rettet sich. Dann ejakuliert der Himmel, es regnet. Mortimer kriecht in die Pf\u00fctze, ins allgemeine Spermienbiotop, streckt uns den nackten Arsch entgegen und windet sich unbefriedigt. Maria ist auch nicht viel besser. Sie bleibt bis zum Schluss, was sie am Anfang war: Ein schwaches Weib. Und dennoch wird ihr echte L\u00e4uterung zugestanden. Sie darf die Treppe, auf der Elisabeth in unsere Realit\u00e4t hinabstieg, als moralische Siegerin hinaufsteigen. Sie wei\u00df, dass sie ein Opfer der politischen Maschinerie ist. Elisabeth ist die k\u00fchle und\u00a0 beherrschte, aber schwache und zuletzt v\u00f6llig geschaffte Herrscherin, die zur Alkoholikerin werden k\u00f6nnte. Am Ende steht sie allein und einsam da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch ist schlecht. Er will Macht und Geld. Er liebt nur sich. Er hat keine Ideale. Er kennt nur Intrigen. Er ist geil. Er denkt mit dem Schwanz. Seine Seele liegt irgendwo zwischen zwei L\u00f6chern. Der Mensch ist ein Arschloch. Es gibt kein Ich, es gibt nur Es. Wir sind alle nur Zuh\u00e4lter, geile Freier, Nutten und Stricher. Ja, Schiller kennt die Welt, wie sie wirklich ist! Er zeigt uns, was eine Harke ist! Idealismus ist nur L\u00fcge oder Selbstbetrug! Okay \u2013 das ist mir lieber als die trockene Fortsetzung der Philologie mit allen Mitteln. Leicesters Striptease auf der einen Seite, Mortimer als Schlappschwanz auf der anderen: Die Vivisektion der Wirklichkeit hat System.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geilheit und Sentimentalit\u00e4t sind f\u00fcrn Arsch. F\u00fcr die \u00c4rsche im Publikum, denen die Welt irgendwie am Arsch vorbei geht, am Arsch im Kopf und erst recht in der moralischen Anstalt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99271 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Friedrich_Schiller-220x300.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMaria Stuart\u201c von Friedrich Schiller \u00a0 K\u00f6nigin Elisabeth steigt als Glamour-Star die steile Treppe zur Show hinab. Die Show ist die Staatspolitik. Irgendwie stimmt das ja auch. Die Minister benehmen sich wie die feinen Zuh\u00e4lter der sogenannten freien Wirtschaft. Na&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/03\/alles-im-arsch\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[497,866],"class_list":["post-21254","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schiller","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21254","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21254"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21254\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103524,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21254\/revisions\/103524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21254"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21254"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21254"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}