{"id":21111,"date":"2014-01-30T00:01:56","date_gmt":"2014-01-29T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21111"},"modified":"2021-04-02T20:12:58","modified_gmt":"2021-04-02T18:12:58","slug":"rezension-zu-hans-georg-bulla","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/30\/rezension-zu-hans-georg-bulla\/","title":{"rendered":"\u00bbWollen Sie erz\u00e4hlen?\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An den R\u00e4ndern der Sprache &#8211; Das neue H\u00f6rst\u00fcck von Hans Georg Bulla<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es tut immer wieder gut, Texte zu lesen, die sich auf das Wesentliche konzentrieren; die unaufgeblasen einen ganzen Raum mit Spannung und Gedanken f\u00fcllen. Dieser Raum ist das Zimmer, in dem ich lese und das Buch hei\u00dft \u00bbM\u00e4rzwinter\u00ab von Hans Georg Bulla. Das Zimmer f\u00fcllt sich auch mit Stimmen, denn es ist ein H\u00f6rst\u00fcck f\u00fcr eine Frauen- und eine M\u00e4nnerstimme, Cello oder Bass, Percussion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache ist rhythmisch, eing\u00e4ngig und klar, der Inhalt umso vielschichtiger und nur mit dem, was ausgespart wird, zu fassen. Es geht um eine Begegnung von Mann und Frau, das meinen wir zu kennen, gro\u00dfe Liebesgeschichten fangen so an, Romeo und Julia, H\u00f6lderlin und Diotima, Orpheus und Eurydike, all diese Geschichten beginnen mit der Liebe, bei dieser aber scheint es, sie w\u00fcrde genau an dieser Stelle aufh\u00f6ren. Keine dramatische Handlung mit Intrigen, Wirrungen, Kriegen nimmt ihren Lauf, ganz im Gegenteil: die Handlung h\u00f6rt auf, zumindest nach au\u00dfen hin. Die Frauen-Figur erlebt allerdings eine Art Implusion, sie traut sich nicht, ihre Gef\u00fchle nach au\u00dfen zu tragen, sondern verharrt in Zweifeln und Fragen. Die Sehnsucht richtet sich nach innen und vernichtet jegliche andere Bilder und Gedanken, zerfrisst letztlich die Lebensfreude, wird pathologisch. Das ist auch der Grund, warum die m\u00e4nnliche Stimme nicht dem Mann geh\u00f6rt, der eigentlich die Hauptperson ist, sondern einem Therapeuten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bitte kommen Sie herein.<\/em><\/p>\n<pre>Ger\u00e4usch: Schritte, St\u00fchler\u00fccken, Hinsetzen etc.<\/pre>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bitte setzen Sie sich doch.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wo Sie wollen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist Ihre Stunde.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wollen Sie erz\u00e4hlen?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Frauenstimme erz\u00e4hlt das Geschehen im Prinzip in mehreren dieser Sitzungen vom Ende her:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich habe mich vergiftet,<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/gekreute-Arme.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-21273\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/gekreute-Arme-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"243\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/gekreute-Arme-213x300.jpg 213w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/gekreute-Arme-729x1024.jpg 729w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/gekreute-Arme.jpg 1088w\" sizes=\"auto, (max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>wissen Sie,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>der lange Blick,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>wie im Finger der b\u00f6se Dorn,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>mit dem f\u00e4ngt es an.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dann breitet es sich aus,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>im ganzen K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann &#8211; nicht angesprochen, und umgekehrt, sie nicht ansprechend, anders als mit Blicken &#8211; ist irgendwann nicht mehr da (oder Moment: gab es doch einen kurzen Austausch von Worten \/ W\u00f6rtern \/ Silben \/ Einsilben?), ist wieder anonym mit der Welt da drau\u00dfen verschmolzen, f\u00fcr immer verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es zu der r\u00e4tselhaften Geschichte, die der Mann oder ein Mann aus dem Fenster beobachtet, einen Zusammenhang? Ein Unfall an einer Bahnschranke, beim wiederholten Erz\u00e4hlen kommen Details hinzu, entsteht ein Bild vom Tod eines Mannes w\u00e4hrend eines Faschingumzugs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht bleibt in der Geschichte von Hans Georg Bulla etwas viel in der Schwebe, aber die Komposition, die mich an Bilder von Max Beckmann erinnert, in denen sich Mann und Frau, Verkleidete und Todesboten treffen, ist in sich dicht und stimmig. M\u00e4rzwinter, das ist ein Winter, der fortdauert, wenn es eigentlich Fr\u00fchling sein sollte, ein Frost, der einsetzt, obwohl oder weil eine zarte Ann\u00e4herung W\u00e4rme verhei\u00dft, eine paradoxe Urangst, ein Urmisstrauen in uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grafiken von Peter Marggraf sind zwar nicht direkt zu den Texten entstanden, erz\u00e4hlen aber genau von dieser Stimmung, in der die Worte verschwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Solche S\u00e4tze habe ich gedacht,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>habe sie in meinen Rechner getippt,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>habe sie zu speichern vergessen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Habe sie anderntags unter seinem langen Blick,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>zu rekonstruieren versucht.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am besten spiegelt diese Stimmung f\u00fcr mich die \u00bbFrau, die Arme vor der Brust gekreuzt\u00ab; auch Tote bettet man so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die B\u00fccher aus der Reihe \u00bbi libri bianchi\u00ab, in der auch \u00bbM\u00e4rzwinter\u00ab im Herbst 2013 erschienen ist, sind zwar mit Digitaldruck hergestellt, aber handgefertigt, mit Hardcover und Schutzumschlag &#8211; einfach sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0\u2022\u2022\u2022<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Hans Georg Bulla<br \/>\nM\u00c4RZWINTER \u00a0\u00a0 Ein H\u00f6rst\u00fcck<br \/>\nBilder von Peter Marggraf<br \/>\nSan Marco Handpresse, Bordenau 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; An den R\u00e4ndern der Sprache &#8211; Das neue H\u00f6rst\u00fcck von Hans Georg Bulla Es tut immer wieder gut, Texte zu lesen, die sich auf das Wesentliche konzentrieren; die unaufgeblasen einen ganzen Raum mit Spannung und Gedanken f\u00fcllen. 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