{"id":20818,"date":"2020-03-14T00:01:41","date_gmt":"2020-03-13T23:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=20818"},"modified":"2019-12-25T08:17:25","modified_gmt":"2019-12-25T07:17:25","slug":"schwerkraftubungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/14\/schwerkraftubungen\/","title":{"rendered":"Schwerkraft\u00fcbungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ernsthaftigkeit und L\u00e4cherlichkeit all jener Beschwerden zu ertragen, die Ruhest\u00e4ndler erleiden, k\u00f6nnte \u2013 muss aber nicht \u2013 zur Altersweisheit f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Feldkamp.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-20822\" title=\"Feldkamp\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Feldkamp.jpg\" alt=\"\" width=\"160\" height=\"160\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Feldkamp.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Feldkamp-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 160px) 100vw, 160px\" \/><\/a>Alles, was ich anfasse, anzufassen versuche oder nicht einmal ber\u00fchren will, f\u00e4llt unweigerlich zu Boden. Und das vor allem, wenn ich mich verzweifelt bem\u00fche, den drohenden Absturz zu verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders, wenn mich mein naturgem\u00e4\u00df stark eingeschr\u00e4nkter jugendlicher Schwung antreibt, entwickelt die Erdanziehung un\u00fcberwindliche Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Altersgruppe 70 plus zugeh\u00f6rig, die bekanntlich zu seniler Bettflucht neigt, bin ich zumeist wenig ausgeschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch gibt es N\u00e4chte, die mich aus unerfindlichen Gr\u00fcnden mit \u00fcberraschendemTiefschlaf begl\u00fccken. Stehe ich nach einer solchen Nacht voller Tatendrang auf, wachsen viele m\u00f6gliche sich zu tats\u00e4chlichen Katastrophen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der an sich gen\u00fcgend breite Rahmen unserer Schlafzimmert\u00fcr, der beim Einzug noch ausreichte, problemlos Doppelbett und antiken Kleiderschrank passieren zu lassen, wird nach solcher Nacht zu meinem ersten un\u00fcberwindlichen Hindernis, dem ich mich mit breiter Schulter schmerzfrei n\u00e4here, um nach schmerzhaftem Zusammensto\u00df \u00fcber den Flur ins Bad zu stolpern. Nat\u00fcrlich werde ich sp\u00e4testens am n\u00e4chsten Tag unter der Dusche einen blauen Fleck am Oberarm entdecken. Aber so weit bin ich noch nicht. Zun\u00e4chst verfehle ich bei einem rasant angesetzten Drehschwung den Platz vor dem Badezimmer-Spiegel und suche leicht schwindelig nach meinem Gegen\u00fcber. Und finde ich ihn, starrt der mich entsetzt an. Vermutlich wird auch sein Hirn gerade von Katastrophen-Gedanken geflutet, die mit der resignierenden \u00dcberlegung enden, doch besser wieder ins Bett zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um aber mein Gegen\u00fcber genauer in Augenschein zu nehmen, taste ich nach meiner Brille, die ich abends nach dem Z\u00e4hneputzen immer auf der Ablage unter dem Spiegel deponiere. Meine Sehhilfe weicht allen Tastversuchen aus, f\u00e4llt auf den Waschbeckenrand und von dort auf den geflie\u00dften Badezimmerboden. Zum Gl\u00fcck riet mir die Seniorchefin des Optikers meines Vertrauens zu bruchsicheren Kunststoffgl\u00e4sern und einem ebenso bruchsicheren Gestell. \u201eGlauben Sie mir, es lohnt sich. Mein Mann macht damit nur allerbeste Erfahrungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen f\u00e4llt mir auch nur noch meine elektrischen Zahnb\u00fcrste aus der Hand und landet auf der flauschigen Badematte, die meine Frau einst hinlegte, um auch andere Ger\u00e4te vor ernsthaften Sch\u00e4den zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Anziehen meiner Jeans, die, damit sie mich jugendlicher erscheinen l\u00e4sst, zu eng geriet, kann ich das Gleichgewicht nicht halten und finde mich sitzend vor dem Schlafzimmerspiegelschrank wieder. Aus ihm blickt mir ein faltenreich verzweifelt sorgenvolles Gesicht entgegen. Ich strecke ihm die Zungen heraus und sehe dem alten Mann aus Gr\u00fcnden der Diskretion nicht beim m\u00fchsamen Aufstehen zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks hinterl\u00e4\u00dft der Kaffee noch einige kaum sichtbare Flecken auf meinem vorsichtshalber ohnehin kaffeefarbenen Pullover und das Glas mit dem gesunden Vitamin C haltigen Orangensaft rutscht, als ich nach einem Br\u00f6tchen greife, nur wenige Zentimeter zur Seite. Vorgestern kippte es, nat\u00fcrlich randvoll. Und die klebrige goldgelbe Fl\u00fcssigkeit ergoss sich \u00fcber den Tisch, meine Hosenbeine und die frisch gewaschenen Kissen der K\u00fcchenbank. Dabei hatte ich in der Nacht zuvor noch nicht einmal besonders gut geschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend las ich in der Zeitungsbeilage, die sich an diesem Tag ausgerechnet an Seniorinnen und Senioren richtete, wie ungemein beruhigend Entspannungs-und Meditations\u00fcbungen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ruhe wegen sind wir vor drei Jahren in ein Dorf gezogen, und um es noch ruhiger zu haben, in ein Haus unweit eines gr\u00f6\u00dferen Waldes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich wegen innerer Unruhe dringend Auslauf brauche, verlasse ich unser Haus und steige einen steilen Feldweg hinan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz aus der Puste erreiche ich den Wald, stolpere \u00fcber den beachtlichen Ast einer imposanten Eiche, der beim letzten Herbststurm zu Boden ging und lande weich, n\u00e4mlich mit meinem Hinterteil in einem erstaunlich gro\u00dfen Ameisenhaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich aufsehe, n\u00e4hert sich mir jener Jagdp\u00e4chter, dem ich bereits \u00f6fter hier begegnete. Wir unterhielten uns einige Male \u00fcber Gott, die Welt und unsere Altersbeschwerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwungvoll stellt er Rucksack und Gewehr an jene imposante Eiche, reicht mir lachend die Hand und versucht, mich hochzuziehen. \u201eAlter Gl\u00fcckspilz, hast Du mir nicht erz\u00e4hlt, dass dich auch das Rheuma plagt? Ameisens\u00e4ure ist hervorragend dagegen, mein Lieber.\u201c Sogleich verliert mein Nothelfer das Gleichgewicht und sitzt schlie\u00dflich neben mir zwischen schwarzen Insekten, die sich gesch\u00e4ftig \u00fcber uns hermachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHast Du heute Nacht auch so gut geschlafen?\u201c will ich von ihm wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, und ich habe getr\u00e4umt, endlich einem weisen alten Mann zu begegnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der der Redaktion:<\/span> Gerne verweisen wir in diesem Zusammenhang <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7831\">noch einmal<\/a> auf den <strong>Vorruhestandswahn<\/strong>, von Karl Feldkamp. Erschienen bei Satzweiss.com \u2013 Chichilli-Agency, 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernsthaftigkeit und L\u00e4cherlichkeit all jener Beschwerden zu ertragen, die Ruhest\u00e4ndler erleiden, k\u00f6nnte \u2013 muss aber nicht \u2013 zur Altersweisheit f\u00fchren. Alles, was ich anfasse, anzufassen versuche oder nicht einmal ber\u00fchren will, f\u00e4llt unweigerlich zu Boden. 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