{"id":20791,"date":"2014-01-12T00:57:34","date_gmt":"2014-01-11T23:57:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=20791"},"modified":"2021-06-08T11:59:45","modified_gmt":"2021-06-08T09:59:45","slug":"literatur-und-schicksalhaftigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/12\/literatur-und-schicksalhaftigkeit\/","title":{"rendered":"Literatur und Schicksalhaftigkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Laudatio auf den Roma-Schriftsteller Stefan Horvath aus Oberwart im Burgenland\/\u00d6sterreich zur Verleihung des \u201eRoma-Literaturpreis des \u00d6sterreichischen PEN &#8211; zum Gedenken an Ceija Stojka\u201c, bei der Buch Wien.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ist Stefan Horvath, und was ist und bedeutet seine Literatur; f\u00fcr ihn, f\u00fcr uns? Er ist ein Gezeichneter, einer, den das Schicksal geschlagen und hart getroffen hat, sowohl ganz pers\u00f6nlich (durch den gewaltsamen Tod eines seiner Kinder) als auch dadurch, da\u00df er als Rom nicht nur der Kulturgemeinschaft, sondern vor allem der Schicksalsgemeinschaft seines Volkes der Roma angeh\u00f6rt. Seine Eltern waren sechs Jahre in verschiedenen KZ, haben diese \u00fcberlebt. Von den fast zehntausend \u00f6sterreichischen Roma haben etwa 500 \u00fcberlebt, von den etwa 360 Roma aus Oberwart sind 17 \u00dcberlebende \u201eheimgekehrt\u201c. Die Einen waren ermordet worden oder in den KZ umgekommen, die Anderen, die wenigen \u00dcberlebenden, waren f\u00fcr ihr ganzes weiteres Leben, das sie wiederum nur als Ausgegrenzte, als Zigeuner f\u00fchren durften und konnten, stigmatisiert und traumatisiert. Aber man richtete sich eben wieder ein im Leben, im Alltagsleben, so gut es halt ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Roma-Literaturpreis-Verleihung-Buch-Wien-2013.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-20796\" title=\"Roma-Literaturpreis - Verleihung Buch Wien 2013\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Roma-Literaturpreis-Verleihung-Buch-Wien-2013-300x227.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Roma-Literaturpreis-Verleihung-Buch-Wien-2013-300x227.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Roma-Literaturpreis-Verleihung-Buch-Wien-2013-1024x777.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Stefan Horvath wurde 1949 in Oberwart geboren; er wuchs auf in der dortigen Roma-Siedlung am Rande der Stadt auf; in einem Land, in dem es &#8211; so wie fast \u00fcberall &#8211; weder Mitleid noch Unterst\u00fctzung noch Respekt f\u00fcr die Roma, f\u00fcr ein durch den Holocaust fast ausgel\u00f6schtes Volk gab. Nein, ganz im Gegenteil! Der Krieg war zwar beendet, aber die NS-Rassenideologie lebte zutiefst verwurzelt weiter in den K\u00f6pfen und Seelen viel zu vieler. Und die Vergangenheit wurde mit einem alles \u00fcberdeckenden Schweigen, mit einem Verschweigen, mit einem Totschweigen zugedeckt. Und die M\u00f6rder und Rassisten lebten weiter mitten unter uns. Man baute alles materiell Zerst\u00f6rte wieder auf, mit ihm auch eine Scheinwelt. Die Einen waren nirgendwo dabeigewesen, die Anderen, die Opfer, k\u00e4mpften nach dem \u00dcberleben um ihr Weiterleben. Sie blieben allein (gelassen) mit ihrem Schicksal, allein in ihrer Trauer, in ihrem Schmerz. Die Einen verdr\u00e4ngten die Wahrheit und ihre Schuld, die Anderen, die Opfer, verdr\u00e4ngten ihr Schicksal, um weiterleben zu k\u00f6nnen. Und alles war fast so, als w\u00e4re vorher nichts geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer 4. Feber 1995 hat mich aus meiner Schweinwelt gerissen\u201c &#8211; schreibt Stefan Horvath im Vorwort zu seinem ersten Buch \u201eIch war nicht in Auschwitz\u201c (2003). Und f\u00e4hrt wie folgt fort: \u201eBei diesem m\u00f6rderischen Anschlag wurde auch ein Kind von mir get\u00f6tet und beim Anblick der vier Opfer ist mir klar geworden, dass mich meine Vergangenheit eingeholt hatte. Eine Vergangenheit, die ich jahrelang verdr\u00e4ngt hatte. \u2026 Und seit diesem Augenblick glaube ich auch die Stimmen der Toten meiner Volksgruppe zu h\u00f6ren, die in den Konzentrationslagern umgekommen sind. Menschen, die ich nie kennen lernen durfte, weil sie im Dritten Reich erschlagen, vergast und verbrannt wurden. \u2026 Und all diese Geschichten und Gedichte, die ich seither schreibe, sind eigentlich die Geschichte und das Leiden meiner Volksgruppe w\u00e4hrend der NS-Zeit und bis heute, \u2026 Ich bin das Sprachrohr der Toten geworden \u2026 .\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das also ist die Selbstsicht und die Selbstbezeichnung von Stefan Horvath; eines bisher jahrzehntelang handwerklich T\u00e4tigen, der durch ein einziges Ereignis, durch einen schweren Schicksalsschlag, der ihn schlagartig aus einer Scheinwelt herausrei\u00dft, zur Literatur kommt. Und es ist keine \u201eErinnerungsliteratur\u201c im \u00fcblichen Sinn, die er verfa\u00dft. Nein, seine Literatur ist von dieser pers\u00f6nlichen und kollektiven Schicksalhaftigkeit seines Volkes zutiefst gepr\u00e4gt. Ja, das ist \u00fcberhaupt der einzige Ansto\u00df zur Literatur und sein einziges Anliegen zugleich. Es geht ihm darum, ein eindrucksvolles und bleibendes Zeichen zu setzen gegen das Vergessen und f\u00fcr alle Zukunft; vor allem auch f\u00fcr die Jugend. Und es geht auch darum, der Opfer zu gedenken; auch jener Opfer, die zwar \u00fcberlebt, aber die doch nicht ein solches Leben gehabt haben, wie sie es gehabt h\u00e4tten ohne ihre schrecklichen KZ-Erlebnisse und deren Folgen. Und es geht auch darum, die Stimme gegen jede Art von Rassismus zu erheben und nicht nur f\u00fcr Toleranz, sondern f\u00fcr Anstand, Gleichberechtigung und Respekt, f\u00fcr die Menschenrechte zu k\u00e4mpfen und darauf hinzuweisen, da\u00df diese unverzichtbar mit Menschenw\u00fcrde und auch mit einem Rechtsstaat verbunden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stefan Horvath tut dies mit seiner Literatur. Und er tut es mit Entschiedenheit und zugleich mit h\u00f6chster Sensibilit\u00e4t. Er tut es ber\u00fchrend und bewegend. Er tut es aber auch und vor allem als ein wirklicher Dichter und Schriftsteller. Seine Literatur wird allen Anforderungen, die man unter einem Qualit\u00e4tsanspruch an Literatur stellt, gerecht. Er ist ein Schriftsteller, der gerade in seiner mit aller tragischen Schicksalhaftigkeit verbundenen Literatur niemals in hohles Pathos abgleitet, sondern der schreibt, was ihn bewegt und ihm auf der Seele lastet. Und das ergreift uns und bewirkt auch etwas; und zwar nicht nur Empathie. Stefan Horvath ist ein Schriftsteller, dem auch wir etwas schulden, mehr als nur unsere Anerkennung. Aber als sichtbares Zeichen doch auch f\u00fcr diese, verleiht ihm der \u00d6sterreichische P.E.N.-Club, eine weltweite Menschenrechtsbewegung von Dichtern und Schriftstellern, im Gedenken an ihr PEN-Mitglied, die in diesem Jahr verstorbene Roma-K\u00fcnstlerin, die S\u00e4ngerin, Dichterin, Malerin, KZ-\u00dcberlebende, Zeitzeugin, Menschenrechtsaktivistin Ceija Stojka als dem ersten Preistr\u00e4ger den \u201eRoma -Literaturpreis\u201c 2013, zu dem wir ihm in Dankbarkeit sehr herzlich gratulieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"right\">\u00a0***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19389\">Rezension <\/a>auf KUNO, sowie das Portr\u00e4t <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">Poetik des Humanen<\/a> \u00fcber Peter Paul Wiplinger von Arletta Szmorhun.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio auf den Roma-Schriftsteller Stefan Horvath aus Oberwart im Burgenland\/\u00d6sterreich zur Verleihung des \u201eRoma-Literaturpreis des \u00d6sterreichischen PEN &#8211; zum Gedenken an Ceija Stojka\u201c, bei der Buch Wien. 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