{"id":20093,"date":"2013-12-05T12:38:31","date_gmt":"2013-12-05T11:38:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=20093"},"modified":"2018-05-05T08:21:45","modified_gmt":"2018-05-05T06:21:45","slug":"kurz-geschichte-eine-kurzgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/05\/kurz-geschichte-eine-kurzgeschichte\/","title":{"rendered":"Kurz, Geschichte: eine Kurzgeschichte?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Je mehr Du k\u00fcrzest,<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">desto h\u00e4ufiger wirst Du gedruckt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Anton Tschechow<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ein Faible f\u00fcr kurze Liaisonen hat, der ist bei Kurzgeschichten von vornherein gut aufgehoben. Denn kaum bist du als Leser\/als Leserin der Erz\u00e4hlfigur begegnet, kaum ist sie in dein Leben getreten und du hast Neugier und Anteilnahme durch dein Vertiefen in die Lebensbeschreibung bekundet, ist sie auch schon wieder weg &#8211; genauso ohne Abschied, ohne erkl\u00e4rende Worte wie manch andere unliebsame Lebenserfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Uns fehlt der Optimismus des 19. Jahrhunderts, zu glauben, diese Welt lie\u00dfe sich auf f\u00fcnfhundert Seiten einfangen; deshalb w\u00e4hlen wir die kurze Form!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0Jorge Luis Borges<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als normal sozialisierte\/r Leser\/Leserin m\u00f6chtest du jedoch eine l\u00e4ngere Beziehung eingehen, auch mit einer fiktiven Figur. Du m\u00f6chtest sie l\u00e4nger als f\u00fcnfzehn Seiten lang begleiten, ihre Beweggr\u00fcnde f\u00fcr ihr Auftreten ergr\u00fcnden, ihr Denken und F\u00fchlen nachvollziehen. Vielleicht entstehen aus diesem Grund die beliebten Sammelb\u00e4nde von Kurzgeschichten in denen nur ein Protagonist \/eine Protagonistin durchgehend handelt. Dennoch, auch dieser Kunstgriff kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass viele Kurzgeschichten zusammengefasst noch lange keinen Roman ergeben. Und das m\u00f6chte die Kurzgeschichte auch nicht sein, die kleine Schwester des Romans. Sie m\u00f6chte auch nicht nur Spielfeld sein f\u00fcr das Erlernen des Handwerks des Schreibens f\u00fcr einen zuk\u00fcnftigen Autor. Sie stellt ein eigenes Genre dar, dass zwar in der Fachdiskussion begrifflich nicht eindeutig definiert ist, dennoch eigenen Regeln unterliegt, um als solche erkannt und anerkannt zu werden. Bereits Edgar Allen Po und Ernest Hemingway sind speziell durch ihre Kurzgeschichten ber\u00fchmt geworden. Auch Franz Kafka geh\u00f6rt zu den Erfolgreichen bei den k\u00fcrzer gehaltenen Texten die f\u00fcr den Leser\/die Leserin in einem Durchgang zu lesen sind, die den Leser\/die Leserin quasi gleich in die story hineinwerfen ohne lange Einleitung, die Charakter in pr\u00e4gnanten Eigenschaften herausgestellt vorfinden lassen und viele kleine unterschwellige Mitteilungen\u00a0 zum Selbstdeuten geboten bekommen, ehe es an ein offenes Ende geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Kafka ist heute eine der meistdiskutierten Pers\u00f6nlichkeiten und leider gibt es auch sehr viele Interpretationen von Kafka, die gewisserma\u00dfen &#8211; ohne ihn je pers\u00f6nlich gekannt zu haben &#8211; sein Bild verzeichnen. Es gibt nat\u00fcrlich eine ganze Reihe von Forschern &#8211; und mit Freude stelle ich fest, dass auch gerade unter den Tschechen solche Forscher aufgetreten sind und weiter auftreten -, die Kafka richtig erkl\u00e4ren. Das hei\u00dft: einfach ihn so nehmen, wie er geschrieben hat.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Max Brod<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_20121\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20121\" class=\"size-full wp-image-20121\" title=\"Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x3001\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20121\" class=\"wp-caption-text\">Franz Kafka, Fotografie aus dem Atelier Jacobi 1906<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz Kafkas Texte, vor allem seine fr\u00fchen, haben die Literaturwissenschaft gespalten. Etliche Vertreter sehen diese Texte als misslungen, andere wiederum erkennen darin bereits all das Neuen, mit dem er die zuk\u00fcnftige Literatur aufl\u00e4dt. Gerade bei einem Autor wie Kafka stellt sich nicht die Frage, warum Kurzgeschichten. Die Antworten dr\u00e4ngen sich mit den Texten auf. Die Literaturgenie\u00dfer wollen gar nicht von einem Textst\u00fcck erl\u00f6st werden, sind blo\u00df daran interessiert, wie in einem guten Restaurant einen Platz zu bekommen, sich speisen aber nicht mit Billigstformulierungen abspeisen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausweglosigkeit und Dunkelheit der Kafkatexte bieten eben keine L\u00f6sung, h\u00f6chstens viele M\u00f6glichkeiten zum Staunen, in das sich zwar hie und da panisches Entsetzen mischt, gepaart mit einem Spiel der Sprache und damit auch mit sich selbst. Das vermag den Leser anziehen und absto\u00dfen, ihn hineinziehen und hinauswerfen, zu einem \u201eblinden Sehen\u201c einladen. Diese Paradoxien die auch mittels der Adaption \u00e4sthetischer Mittel wie z.B. der Traumlogik hergestellt werden, in der Raum und Zeit aufgehoben sind, und surreale Bilder nicht aufgel\u00f6st werden, verweisen auf eine Kunst die auf Erkl\u00e4rungen verzichtet. Sie sind Initialz\u00fcndungen f\u00fcr einen utopischen Raum in dem \u201edunkle Revolution\u201c gewisserma\u00dfen beginnen kann, \u201eGeschichte\u201c &#8211; historische und je pers\u00f6nliche die sich wiederum einbinden l\u00e4sst in erstere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend tastend, fast konkretistisch schreibt Kafka aus dem Dickicht der Sprache sich selbst in diese und mit dieser ein. Ein derart intensiver Umgang mit Text, der \u201eBilder\u201c erzeugt, vertr\u00e4gt keine l\u00e4ngere Romanform.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Die M\u00e4nner des Kahlschlags [&#8230;] wissen, oder [&#8230;] ahnen es doch mindestens, da\u00df dem neuen Anfang der Prosa in unserem Land allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen sind.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wolfgang Weyrauch<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-20119\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover11-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover11-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Cover11.jpg 575w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a>In <a href=\"http:\/\/www.textatelier.com\/index.php?id=996&amp;blognr=2308\">Werkstattgespr\u00e4che mit Schriftstellern<\/a> spricht sich Heinrich B\u00f6ll \u00fcber Kurzgeschichte aus. Er meint, dass es nicht die Kurzgeschichte an sich g\u00e4be, dass jede ihre eigenen Gesetze habe, dass sie nicht die geringste Nachl\u00e4ssigkeit dulde und dass sie vielleicht deshalb zur reizvollen Prosaform geworden ist, weil sie alle Elemente der Zeit enthalte. Der Leser einer Kurzgeschichte m\u00f6chte schnell auf den Punkt kommen, wie ein guter Witz. Es gibt daf\u00fcr eine Exposition die meist au\u00dfergew\u00f6hnlich ist, mindestens eine \u00fcberraschende Anwendung enth\u00e4lt die verbl\u00fcfft. Und alles was die St\u00e4rken eines Romans ausmacht, spielt bei einer Kurzgeschichte nur am Rande eine Rolle, sie muss mit wenigen S\u00e4tzen oder sogar Worten auskommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>A.J. Weigoni ist ein genialer Decouvreur von Alltagsmythen, ein Demonteur von Sprache auf hohem Niveau.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wolfgang Schlott<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich einem Franz Kafka dessen Werk sich mit der Kraft auszeichnet Dissonanzen zu erzeugen, zeichnen sich auch die Erz\u00e4hlungen des A. J. Weigonis aus. Mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=52\">Zombies<\/a> wird der Leser\/ die Leserin in ein abgr\u00fcndiges Reich menschlicher Leidenschaften gef\u00fchrt. Mit Ohrenzwinkern reagiert der gewitzte Kenner\/die Kennerin von Sprache auf hohem Niveau, die ganz einfach und in modernen Szenen gefasst daherkommt und Emotionen unterschiedlichster Art in Schwingungen versetzt, auf die \u201eBilder\u201c dieses Autors, der es gekonnt wie Kafka versteht, nicht die gelesenen Worte am Steuer sitzen zu lassen, sondern das was im Erleben damit ausgel\u00f6st wird, was in einen tieferen Zusammenhang gebracht wird. Obwohl beide Autoren ihre Erz\u00e4hlungen strukturiert darbieten, gestalten sie sich als sehr indifferent, was zu einer Ausgestaltung analogem Geschehens beim Leser \/bei der Leserin f\u00fchrt. In der Natur der Literatur wie des Menschen ist die Wiederholung angelegt, zur Untersuchung von Wort und Sprache. Sprechen\/erz\u00e4hlen hei\u00dft sich bewegen nicht nur mit dem Mund, so wie das \u201eIn-der-Sprache-sein\u201c gleichnishaft komplex und paradox eine Bewegung darstellt. Kurz, eine Geschichte, eine Kurzgeschichte!<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von\u00a0A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=20093&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p>\u2192 Weiteres zum Thema auf\u00a0<a href=\"http:\/\/www.kultura-extra.de\/literatur\/literatur\/rezensionen\/rezension_weigoni_zombies.php\">Kultura-extra<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=16341\">nrhz<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/rezensionen\/1002.html\">fixpoetry<\/a>. Und inzwischen wurden die Zombies zum <a href=\"http:\/\/www.kult-literaten.de\/zombies\">Kultschatz<\/a> erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> Den ersten Teil zum Thema Kurzgeschichte lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18838\">hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je mehr Du k\u00fcrzest, desto h\u00e4ufiger wirst Du gedruckt. Anton Tschechow Wer ein Faible f\u00fcr kurze Liaisonen hat, der ist bei Kurzgeschichten von vornherein gut aufgehoben. 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