{"id":19832,"date":"2014-01-06T00:01:34","date_gmt":"2014-01-05T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19832"},"modified":"2022-02-20T14:01:57","modified_gmt":"2022-02-20T13:01:57","slug":"mehr-lasst-sich-nicht-retten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/06\/mehr-lasst-sich-nicht-retten\/","title":{"rendered":"Mehr l\u00e4sst sich nicht retten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig w\u00e4re.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Theodor Storm<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Holz, aus dem Francisca Ricinski ihr Leben formt, ist aus Sprache, aus W\u00f6rtern gemacht. Die Lebenslinien dieses Holzes sind in Rum\u00e4nien und in Deutschland gewachsen. Linien ganz unterschiedlicher Dichte und Breite, die f\u00fcr ein wechselvolles Dasein und die Wucht der Erfahrung stehen, die <em>Mutter(brust)sprache<\/em> etwa vier Jahrzehnte nach der Geburt als Zentrum verloren zu haben, um die zweite H\u00e4lfte des Lebens in einem fremden Sprach- und Kulturraum zu verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verlust der Heimat, besonders jener der Kinder- und Jugendjahre, ist immer eine Ersch\u00fctterung. Wieviel irritierender und schmerzhafter muss sich der Verlust aber noch anf\u00fchlen, wenn mit der Heimat auch die Sprache abhanden kommt, besonders dann, wenn sie nicht nur der zwischenmenschlichen Kommunikation oder der Zeitungslekt\u00fcre dient. Wer auf intellektueller und k\u00fcnstlerischer Ebene so tief in Buchstaben, W\u00f6rtern und S\u00e4tzen wurzelt wie Francisca Ricinski, verliert viel mehr. 1980 nach Deutschland verpflanzt, ist sie am Ufer des Mittelrheins zwar angewachsen und heimisch geworden, im Inneren aber gleichzeitig doch fremd und unruhig geblieben in dem Bewusstsein, dass ihre Existenz seitdem ohne scharfe Konturen zwischen Her- und Ankunft verschwimmt. Ein Leben, das von politischen und pers\u00f6nlichen Miseren gepr\u00e4gt wurde, die \u00a0sie dazu zwangen, immer wieder zu improvisieren, statt auf einem soliden Fundament ihre Lebensphasen zu planen und aufeinander aufzubauen. Ein Leben auch, in dem die W\u00f6rter, selbst die deutschen, weitaus mehr Bleibe waren und sie davor bewahrten eine <em>Niemandsnomadin<\/em> zu sein, als der Ort, an dem sie, zuf\u00e4llig oder schicksalhaft, die Wirklichkeit lebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Texten und Erz\u00e4hlcollagen dieses Buches ist viel von alledem sp\u00fcrbar. Francisca Ricinski setzt ihre Prosa aus den Stummfilmen ihrer Erinnerungen und einem \u00fcbersch\u00e4umenden Imaginationsverm\u00f6gen zusammen. Sie schafft surrealistische Welten, in denen sie Fiktion und Erfahrung in bet\u00f6renden und verst\u00f6renden Farben \u00fcbereinander schichtet. Ihre Arbeiten kreisen um Identit\u00e4t, um Grenzen, auch denen des eigenen K\u00f6rpers. Sie destilliert sie aus dem Widerhall ihres Lebens, ohne sich zur Mitte ihrer Texte zu machen. Pers\u00f6nliche Erfahrungen, Sichtweisen und Erlebnisse sind lediglich die Grundierung, die sie mit ihren St\u00fccken \u00fcbermalt, in denen sie abgerissene F\u00e4den mit neuen verkn\u00fcpft und dadurch andeutet, dass alles miteinander verbunden ist, voneinander abh\u00e4ngt oder aufeinander Bezug nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Melancholisch erz\u00e4hlt sie von Verlorenheit, Trauer, Verlust. Verlust als dem wohl treuesten Begleiter des Menschen und der verl\u00e4sslichsten Konstante der Existenz, in der die R\u00fcckschau mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Aufgeladen mit dem Leben der <em>Gesterntage<\/em>, wird die Zahl der Morgentage kleiner und kleiner. Man reflektiert, zieht Bilanz, stellt sich Fragen, auf die es keine Antworten gibt, weil es ist, wie es ist. Niemand wei\u00df, ob die <em>Philosophie des Zufalls<\/em> an einer der vielen Gabelungen (auch denen der Eltern und Gro\u00dfeltern) auf einem anderen Weg vielleicht zu dem Leben gef\u00fchrt h\u00e4tte, das den eigenen Vorstellungen mehr entsprechen w\u00fcrde. \u00a0Das Dasein ist, nach Francisca Ricinski, eine B\u00fchne, die schr\u00e4g in die Erde rutscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin schafft komplexe, bisweilen r\u00e4tselhafte Texte, in denen Erdachtes, Erlebtes und Erlesenes symbiotisch ineinandergreifen. Texte, die Geschichte haben und sich entwickeln, ohne strengen Handlungsstr\u00f6men zu folgen. Ricinskis Prosa ist hochprozentig. L\u00e4sst man sie in sich aufgehen, kann es geschehen, dass man sich in S\u00e4tzen wie <em>Dieser K\u00f6rper ist mein Land, und die Stirn mein Himmelsgew\u00f6lbe, diese winzige, unausgeschlafene<\/em> <em>Welt bin ich<\/em> oder <em>Warum w\u00e4scht dich der Regen nicht auch von innen, mein Kopf?<\/em> pl\u00f6tzlich wiedererkennt und dabei feststellt, dass Ricinskis Fragen oft auch die eigenen Fragen sind, auf die man Antworten oder wenigstens einen Standpunkt sucht, von dem aus man sein Da- und Sosein betrachten und reflektieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Francisca Ricinski mag ihren Lebensweg als krumm und knorrig empfinden, aber er hat sie zu einer bemerkenswerten Sprachk\u00fcnstlerin gemacht. Gerade Schriftsteller mit ungeradem, verwachsenem,\u00a0 widerspenstigem und bedrohtem Weg haben etwas zu sagen, das \u00fcber Geschichten weit hinausgeht. Sie sind Geschichte. Sie wissen um die die Zerbrechlichkeit des Seins, um <em>das winzige R\u00fcckgrat des<\/em> <em>Friedens<\/em>. Francisca Ricinski ist eine von ihnen. W\u00f6rter klopfen ihr so lange von innen gegen die Schl\u00e4fen, bis sie frei- und auf Papier kommen d\u00fcrfen. Sie gibt ihnen in ihren Texten eine Bleibe. <em>Mehr l\u00e4sst sich nicht retten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Francisca-Ricinski-Als-ka\u0308me-noch-jemand3-241x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-19951\" title=\"Francisca-Ricinski-Als-ka\u0308me-noch-jemand3-241x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Francisca-Ricinski-Als-ka\u0308me-noch-jemand3-241x300-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Nachwort aus<strong>: <\/strong><strong>Als k\u00e4me noch jemand<\/strong><em>. Lyrische Prosa und Erz\u00e4hlcollagen von <\/em>Francisca Ricinski, 168 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2013. 15,50 EUR,\u00a0 ISBN 978-3-86356-074-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig w\u00e4re. Theodor Storm Das Holz, aus dem Francisca Ricinski ihr Leben formt, ist aus Sprache, aus W\u00f6rtern gemacht. 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