{"id":19824,"date":"2023-11-05T00:01:19","date_gmt":"2023-11-04T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19824"},"modified":"2022-02-26T08:56:47","modified_gmt":"2022-02-26T07:56:47","slug":"der-freieste-schriftsteller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/05\/der-freieste-schriftsteller\/","title":{"rendered":"Der freieste Schriftsteller"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes \u201aThe Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman\u2018 das Urteil, da\u00df es zu den 10 gr\u00f6\u00dften B\u00fcchern geh\u00f6re, die bisher in englischer Sprache geschrieben worden sind.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Arno Schmidt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie d\u00fcrfte in einem Buche f\u00fcr freie Geister Lorenz Sterne ungenannt bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines Jahrhunderts geehrt hat! M\u00f6ge er hier mit der Ehre f\u00fcrlieb nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu werden, in Vergleich mit welchem alle anderen steif, vierschr\u00f6tig, unduldsam und b\u00e4uerisch-geradezu erscheinen. An ihm d\u00fcrfte nicht die geschlossene klare, sondern die &#8222;unendliche Melodie&#8220; ger\u00fchmt werden: wenn mit diesem Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt, bei dem die bestimmte Form fortw\u00e4hrend gebrochen, verschoben, in das Unbestimmte zur\u00fcck\u00fcbersetzt wird, so dass sie das eine und zugleich das andere bedeutet. Sterne ist der gro\u00dfe Meister der Zweideutigkeit \u2014 dies Wort billigerweise viel weiter genommen als man gemeinhin tut, wenn man dabei an geschlechtliche Beziehungen denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit genau wissen will, was Sterne eigentlich \u00fcber eine Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein l\u00e4chelndes Gesicht macht: denn er versteht sich auf beides in einer Faltung seines Gesichts; er versteht es ebenfalls und will es sogar, zugleich recht und unrecht zu haben, den Tiefsinn und die Posse zu verkn\u00e4ueln. Seine Abschweifungen sind zugleich Forterz\u00e4hlungen und Weiterentwicklungen der Geschichte; seine Sentenzen enthalten zugleich eine Ironie auf alles Sentenzi\u00f6se, sein Widerwille gegen das Ernsthafte ist einem Hange angekn\u00fcpft, keine Sache nur flach und \u00e4u\u00dferlich nehmen zu k\u00f6nnen. So bringt er bei dem rechten Leser ein Gef\u00fchl von Unsicherheit dar\u00fcber hervor, ob man gehe, stehe oder liege: ein Gef\u00fchl, welches dem des Schwebens am verwandtesten ist. Er, der geschmeidigste Autor, teilt auch seinem Leser etwas von dieser Geschmeidigkeit mit. Ja, Sterne verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso Leser, als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schauspiel im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem andern Theaterpublikum. Man muss sich der Sternischen Laune auf Gnade und Ungnade ergeben \u2014 und kann \u00fcbrigens erwarten, dass sie gn\u00e4dig, immer gn\u00e4dig ist. \u2014 Seltsam und belehrend ist es, wie ein so gro\u00dfer Schriftsteller wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit Sternes gestellt hat: n\u00e4mlich ebenfalls zweideutig \u2014 und das eben ist echt Sternischer \u00dcberhumor. Hat er jenen, in seinem Jacques le fataliste, nachgeahmt, bewundert, verspottet, parodiert? \u2014 man kann es nicht v\u00f6llig herausbekommen, \u2014 und vielleicht hat gerade dies sein Autor gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem Alten und Neuen zu sch\u00e4men braucht) ungerecht. Die Franzosen sind eben zum Humor \u2014 und namentlich zu diesem Humoristischnnehmen des Humors selber \u2014 zu ernsthaft. \u2014 Sollte es n\u00f6tig sein hinzuzuf\u00fcgen, dass Sterne unter allen gro\u00dfen Schriftstellern das schlechteste Muster und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und dass selbst Diderot sein Wagnis b\u00fcssen musste? Das, was die guten Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen als Prosaiker wollten und konnten, ist genau das Gegenteil von dem, was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meisterhafte Ausnahme \u00fcber, das, was alle schriftstellerischen K\u00fcnstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Charakter, Best\u00e4ndigkeit der Absichten, \u00dcberschaulichkeit, Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. \u2014 Leider scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele sprang mit unbest\u00e4ndiger Unruhe von Zweig zu Zweig; was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem unversch\u00e4mten w\u00e4ssrigen Auge und dem empfindsamen Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache von einer solchen Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer hartherzigen Gutm\u00fctigkeit und hatte in den Gen\u00fcssen einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die bl\u00f6de Anmut der Unschuld. Eine solche fleisch- und seelenhafte Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese Eigenschaften hatte, besass vielleicht kein anderer Mensch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-19829 alignleft\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover12-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover12-179x300.jpg 179w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover12.jpg 292w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes \u201aThe Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman\u2018 das Urteil, da\u00df es zu den 10 gr\u00f6\u00dften B\u00fcchern geh\u00f6re, die bisher in englischer Sprache geschrieben&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/05\/der-freieste-schriftsteller\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":99342,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447,531],"class_list":["post-19824","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche","tag-laurence-sterne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19824"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100788,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19824\/revisions\/100788"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99342"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}