{"id":19665,"date":"2014-01-07T08:25:52","date_gmt":"2014-01-07T07:25:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19665"},"modified":"2022-02-27T18:52:09","modified_gmt":"2022-02-27T17:52:09","slug":"fliesende-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/07\/fliesende-grenzen\/","title":{"rendered":"Flie\u00dfende Grenzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wie soll man da leben? Man soll ja nicht.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Gottfried Benn<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-99651 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Francisca-Ricinski-e1645559681429.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/>Von machen Autoren wird wortreich vieles wiederholt oder variiert. Francisca Ricinski ist die Ausnahme von dieser Regel. Auf gro\u00dfes Echo stie\u00df sie mit <em>Auf silikonweichen Pfoten<\/em>. Nun erscheint ein neuer Band von Ricinski, der sich in intensiven und ergreifenden literarischen Bekundungen dem Prozess des Verfalls widmet. Dieser lyrischen Prosa haftet einerseits etwas Fl\u00fcchtiges, Momentanes an, andererseits ist sie melancholisch und bleischwer. Ihre kleinen Arbeiten leben von der Kraft der Assoziation, von Umkehrungen und paradoxen Figuren. Die Bedeutungen verwandeln sich fortw\u00e4hrend, haften nicht an den Namen. Es kommt selten oft vor, dass sich eine Dichterin sich in aller Direktheit den wortw\u00f6rtlich elementaren Themen widmen. Es geht Ricinski\u00a0 nicht um Lyrik im klassischen Sinn, es geht darum lyrische Formen als Reflexionsmedium fern seiner glitzernden Oberfl\u00e4che begreiflich zu machen. Nat\u00fcrlich kann dabei nicht g\u00e4nzlich auf etwas Pathos verzichtet werden. Die sozialen Gegens\u00e4tze, der Kampf um Freiheit und die Anerkennung der Kulturen, hat Spuren in dieser Poesie hinterlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Lyrik ist mehr als nur poetisches Design<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lyrik ist ein Laboratorium, in dem die Dichter versuchen, das zu integrieren, was sie, wenn sie vorurteilslos hinschauen, was sie vorfinden in der europ\u00e4ischen Wirklichkeit. Bei Ricinski sind die Grenzen zwischen Poesie und Prosa flie\u00dfend: Im Traum vermischen sich Lied und Notiz; die Lyrikerin mutiert zur Tagebuchschreiberin; die Reflexion f\u00e4llt der po\u00e9sie pure ins Wort. Es ist eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen gar nicht trennen l\u00e4\u00dft. Unbek\u00fcmmert, mit feinem stilistischem Gesp\u00fcr mischt sie Genres, gleitet vom Heute ins Gestern und wieder zur\u00fcck. Ricinski versteht es, die gro\u00dfe Geschichte mit der kleinen zu verschr\u00e4nken, das Pers\u00f6nliche ins Allgemeine laufen oder besser: st\u00fcrzen zu lassen. Wenige Skizzen reichen ihr, ihren Protagonisten ein pers\u00f6nliches Antlitz zu geben. Sie hat eine Sprache, die sich auf nichts ausschlie\u00df\u00adlich einl\u00e4sst, sondern immer mit Augenzwinkern erz\u00e4hlt. \u00dcber alldem und um all das herum bilden Humor und Traurigkeit eine Dichotomie. Ricinskis Handschrift ist eine Kennung, ein Ausweis, ein Biorhythmus. Das aktive Ich tritt zur\u00fcck, die Natur verf\u00fcgt pl\u00f6tzlich \u00fcber m\u00e4chtigere Ressourcen und wird zum bestimmenden Element. Obwohl sinnliche Empfindungen symbolisch aufgeladen werden, reihen diese Texte in die romanische Tradition ein und sind von der manchmal schwerbl\u00fctigen Tiefe deutscher Naturlyrik weit entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Reservoirs f\u00fcr Literatur<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch dieses Buch zieht das M\u00f6glichkeitsspektrum der Literatur, durch alle Genres l\u00e4uft, vom Gedicht \u00fcber Essay, dramatischen Entwurf bis hin zum Prosa. Vielf\u00e4ltige Parallelen werden sichtbar, auch besondere Motivlagen, die sich durch die Zeiten hindurchziehen. Der poetische Sprachgebrauch\u00a0 entspringt dem Wunsch nach Aufsprengen der Funk\u00adtions\u00adrich\u00adtung moderner Sprache, einem Verweigern gegen die auf Ein\u00addeutig\u00adkeit gerichtete Tendenz des all\u00adt\u00e4g\u00adlichen Sprach\u00adgebrauchs. \u00c4hnlich wie im Fall von Erhabenheit und Pathos schafft sie es auch den melancholischen Momenten des Bandes ein selbstironisches Gegengewicht anzuh\u00e4ngen. Ricinski bringt mit ihrer Dichtung eine Stimme in die Gegenwartsliteratur, die in ihrer Evokation und Haltung schier \u00fcberrascht und ein Verh\u00e4ltnis von Kunst und Mysterium ungetr\u00fcbt erprobt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Als k\u00e4me noch jemand<\/strong> &#8211; lyrische Prosa mit Erz\u00e4hlcollagen von Francisca Ricinski, Pop-Verlag, 2013<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12771\">Essay<\/a> \u00fcber die Arbeit von Francisca Ricinski.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie soll man da leben? Man soll ja nicht. Gottfried Benn Von machen Autoren wird wortreich vieles wiederholt oder variiert. Francisca Ricinski ist die Ausnahme von dieser Regel. Auf gro\u00dfes Echo stie\u00df sie mit Auf silikonweichen Pfoten. 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