{"id":19411,"date":"2013-11-13T10:39:18","date_gmt":"2013-11-13T09:39:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19411"},"modified":"2022-05-22T07:47:16","modified_gmt":"2022-05-22T05:47:16","slug":"man-nehme-ein-fuenftel-und-verschweige-den-rest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/13\/man-nehme-ein-fuenftel-und-verschweige-den-rest\/","title":{"rendered":"Man nehme ein F\u00fcnftel &#8230; und verschweige den Rest."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kann man ein Geschenkbuch rezensieren?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Oder ein Buch, das der Verlag zumindest als solches anpreist?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall von Peter Tilles zweitem Aphorismenband lohnt es sich, diesen Vorbehalt zu \u00fcberwinden \u2013 nicht zuletzt, weil die Nonbook- Tendenz, die jedem erkl\u00e4rten Geschenkbuch innewohnt, hier ebenso vielf\u00e4ltig wie anschaulich hervorsticht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst ist erfreulich, dass fast 30 Jahre nach den <em>Sommersprossen<\/em>, die 1983 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, im Oktober 2012 ein weiterer Band mit Aphorismen von Peter Tille (1938\u20131996) herauskam. In den letzten Jahren, da seine zahlreichen Kinderb\u00fccher immer wieder aufgelegt wurden, drohte der Aphoristiker Tille in Vergessenheit zu geraten. Au\u00dferdem verstrich zwischen dem aphoristischen Deb\u00fct und Tilles Tod \u00fcber eine Dekade; die Hoffnung, dass der Steffen Verlag auf einen betr\u00e4chtlichen Nachlass zur\u00fcckgreifen konnte, ist daher nicht ganz unbegr\u00fcndet. Umso mehr entt\u00e4uscht das Resultat. Auf eine angemessene Breite im B\u00fccherregal kommt der quadratische Band dank seiner extrem dicken Buchdeckel und aufgrund des Layouts: Die geraden Seiten sind vollfl\u00e4chig von Harald Larisch illustriert, Texte stehen nur auf den ungeraden Seiten. Optisch und haptisch beeindruckt das konsequent in Rot und Schwarz gehaltene, stabil gebundene Buch. Der Umfang f\u00e4llt mit 132 Aphorismen allerdings sehr bescheiden aus. Schlimmer noch: Kein einziger darunter ist neu! Alle wurden dem Band <em>Sommersprossen <\/em>entnommen, der laut Untertitel \u201e666 aphoristische Gesichtspunkte\u201c, also ungef\u00e4hr die f\u00fcnffache Textmenge enth\u00e4lt. Gegen die Ver\u00f6ffentlichung einer Auswahl w\u00e4re nichts zu sagen. Jedoch wird dieser Sachverhalt geflissentlich verschwiegen. Noch nicht einmal der Name der Quelle, aus der man ad libitum sch\u00f6pfte, wird erw\u00e4hnt \u2013 auch nicht in Tilles Kurzbiografie, die lapidar endet: \u201eZu seinem Werk geh\u00f6ren Prosa, Gedichte, H\u00f6rst\u00fccke.\u201c Offen bleibt zudem, wer die Auswahl besorgte und somit als Herausgeber fungierte. Angesichts der eingangs erw\u00e4hnten Geschenkbucheigenschaft ist diese Frage, zugegeben, eine rhetorische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es auch seri\u00f6s geht, bewies zum Beispiel Katharina Ayen mit <em>Tagseite \u2013 Nachtseite<\/em>. Der erstmals 1996 erschienene Band versammelt Maximen und Gedanken aus dem Werk Ernst J\u00fcngers und benennt im Anhang alle Fundstellen. Beim Vergleich der beiden Tille-B\u00e4nde f\u00e4llt auf, dass vor allem Texte mit st\u00f6rendem DDR-Kolorit ausgesiebt wurden. Zwar muss man nicht jedem Einfall zur Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, zur Mitropa oder zu Marx nachtrauern, aber der chronistische Reiz ging damit nat\u00fcrlich verloren. Dar\u00fcber hinaus trat ein Tille-Spezifikum v\u00f6llig in den Hintergrund: Die in den <em>Sommersprossen <\/em>enthaltenen Aphorismuszyklen zu Pers\u00f6nlichkeiten wie Albert Einstein oder Bertolt Brecht wurden regelrecht zusammengestrichen. Nur ein Einstein-Aphorismus schaffte es in die Neuauswahl. F\u00fcr Brecht war gar kein Platz. Schmerzlich vermisst der Rezensent den folgenden, vielleicht sogar besten Aphorismus von Tille: \u201eNach Auschwitz kann man auch Gedichte schreiben, aber es m\u00fcssen Gedichte nach Auschwitz sein.\u201c Diese geniale Adorno-Replik, die aus der moralisch-politischen Verpflichtung eine poetologische ableitet, hat nat\u00fcrlich in einem Geschenkbuch nichts verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber h\u00e4tte man \u201eWer in sich geht, verirrt sich leicht\u201c kein zweites Mal abdrucken m\u00fcssen. Das war schon 1983 nicht mehr neu; schlie\u00dflich notierte der 1973 verstorbene Dieter Leisegang: \u201eEr ging in sich. Kein Wunder, dass er sich verlief.\u201c Bei einer nicht minder popul\u00e4ren Idee wie \u201eViele denken nach, wenige vor\u201c l\u00e4sst sich kaum mehr recherchieren, wer sie zuerst hatte \u2013 Tille wahrscheinlich nicht. Das gr\u00f6\u00dfte Husarenst\u00fcck, das sich der Verlag leistete, bestand darin, einen Spruch wie \u201eUnter Strohk\u00f6pfen sind Geistesblitze lebensgef\u00e4hrlich\u201c zum Buchtitel zu k\u00fcren. Der Rezensent kennt unz\u00e4hlige Aphoristiker (z.B. Jupp M\u00fcller, Gerhard J\u00f6rgensen, Hans Derendinger, Wolfgang Mocker, Detlef Dornbach, Manfred Ach, Gerhard Uhlenbruck, Ludwig Fienhold und J\u00fcrgen Flenker), die vor der leichten Entflammbarkeit von Strohk\u00f6pfen warnten. Ein derart abgegriffenes Wortspiel heute noch an exponierter Stelle zu verwenden, zeugt von eklatanter Unkenntnis der Materie. Problematisch, wenn auch aus einem anderen Grund, ist die Wiederaufnahme des folgenden Aphorismus: \u201eEin ordentlicher Pariser Pflasterstein hat mindestens einmal einer Barrikade gedient.\u201c Das Original lautet n\u00e4mlich: \u201eEin ordentlicher Pariser Pflasterstein hat mindestens einmal einer Barrikade gedient. Hier irrte Goethe: Leipzig ist kein Klein-Paris.\u201c Die K\u00fcrzung kommt diesem Aphorismus durchaus zugute. Dennoch setzen derartige \u00c4nderungen das Einverst\u00e4ndnis des Autors voraus. Bei posthumen Herausgaben verbieten sie sich von selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gelegenheit, Tilles Aphoristik durch eine strenge Selektion insgesamt vorteilhafter aussehen zu lassen, blieb ungenutzt. Das qualitative Spektrum der <em>Sommersprossen <\/em>bildet sich in seinen Extremen unvermindert ab. Es reicht von Kalauern wie \u201eMan soll den Schnaps nicht vor dem Rollmops loben\u201c \u00fcber metaphorisch hervorragend gelungene S\u00e4tze, die den Kinderbuchautor erkennen lassen (\u201eWenn das Kind mit dem Stock in den Dorfteich schl\u00e4gt, zittert die Sonne\u201c), bis hin zu Einsichten mittlerer Bedeutungsschwere wie \u201eDurchs Schl\u00fcsselloch sieht man mehr als durch die offene T\u00fcr\u201c oder \u201eBetr\u00fcge den Misstrauischen, es ist sein innerster Wunsch.\u201c Dabei k\u00f6nnten die letzten beiden S\u00e4tze f\u00fcr heutige Leser, im Unterschied zu 1983, einen fast d\u00e4monischen Doppelsinn entwickeln \u2013 vorausgesetzt, n\u00f6tige Hintergrundinformationen w\u00fcrden nicht unterschlagen. Aber hier ist man wieder bei vers\u00e4umten Chancen und beim Manko des Geschenkbuches. Die Journalistin Christiane Baumann geht in ihrer 2006 publizierten Studie <em>Das Literaturzentrum Neubrandenburg 1971\u2013 2005 <\/em>ausf\u00fchrlich auf Peter Tilles, wie sie selbst schreibt, \u201ezutiefst tragische\u201c Lebensgeschichte ein. Tille war im Zeitraum von 1965 bis 1976 als Inoffizieller Mitarbeiter f\u00fcr das MfS t\u00e4tig. Unter anderem verriet er seinen Schriftstellerkollegen Ulrich Schacht, was zu dessen Inhaftierung 1973 f\u00fchrte. Ab Mitte der 1970er Jahre wurde Tille selbst \u00fcberwacht. Als 1992 seine Stasi- Vergangenheit publik wurde, musste Tille als Mitglied des Pasewalker Kreistages zur\u00fccktreten. Von all dem ist in der Kurzbiografie nicht die Rede. Diese vermeldet in bedenklicher Knappheit lediglich: \u201eAb 1990 arbeitete er f\u00fcr zwei Jahre als Abgeordneter des Pasewalker Kreistages.\u201c<br \/>\nBei aller Fragw\u00fcrdigkeit muss man dem Band zumindest lassen, dass er Peter Tille als Aphoristiker wieder ins Ged\u00e4chtnis ruft. Wer sich ernsthaft f\u00fcr diese Form der Literatur interessiert, kommt an den heute nur antiquarisch erh\u00e4ltlichen <em>Sommersprossen <\/em>nicht vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Unter Strohk\u00f6pfen sind Geistesblitze lebensgef\u00e4hrlich, <\/strong>Aphorismen von Peter Tille, Steffen 2013<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man ein Geschenkbuch rezensieren? Oder ein Buch, das der Verlag zumindest als solches anpreist? Im Fall von Peter Tilles zweitem Aphorismenband lohnt es sich, diesen Vorbehalt zu \u00fcberwinden \u2013 nicht zuletzt, weil die Nonbook- Tendenz, die jedem erkl\u00e4rten Geschenkbuch&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/13\/man-nehme-ein-fuenftel-und-verschweige-den-rest\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":97,"featured_media":103104,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3702,1190],"class_list":["post-19411","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-tille","tag-tobias-gruterich"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19411","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/97"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19411"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103108,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19411\/revisions\/103108"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103104"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}