{"id":19389,"date":"2013-11-22T00:01:36","date_gmt":"2013-11-21T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19389"},"modified":"2021-06-14T15:20:46","modified_gmt":"2021-06-14T13:20:46","slug":"die-unberuhrbaren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/22\/die-unberuhrbaren\/","title":{"rendered":"Die Unber\u00fchrbaren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein wichtiges Buch, ein ber\u00fchrendes Buch, ein gro\u00dfartiges Buch, ein gut geschriebenes Buch. Gerade durch seine Einfachheit und Schlichtheit; ohne jedes Pathos, obwohl es vom Leiden handelt, von der Stigmatisierung einer Menschengruppe, von Menschen, die vom nationalsozialistischen Rassenwahn zu \u201eUntermenschen\u201c, ja zu \u201eUngeziefer\u201c erkl\u00e4rt wurden, von burgenl\u00e4ndischen \u00d6sterreichern, von seit Jahrhunderten im Burgenland ans\u00e4ssigen Roma.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Buch, in dem die schrecklichen Leidenstrag\u00f6dien bei den wenigen \u00dcberlebenden des auch an den Roma und Sinti ver\u00fcbten nationalsozialistischen V\u00f6lkermordes, streiflichtartig erhellt, f\u00fcr kurze Zeit aufleuchten. Sie werden anhand von Einzelschicksalen der \u00dcberlebenden (von ca. 360 Personen nur ein Dutzend) aus der ehemaligen Oberwarter Roma-Siedlung geschildert, deren Familien systematisch ermordet worden waren. Dennoch sind diese \u00dcberlebenden in ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt, wo sie dann wiederum jahrzehntelang so wie vorher \u201eausgegrenzt\u201c, d.h. gedem\u00fctigt, verachtet, entwertet, unerw\u00fcnscht abgeschoben wurden, an den Stadtrand. Neben der rauchenden und stinkenden M\u00fclldeponie, in miserablen Unterk\u00fcnften mu\u00dften sie hausen, im sozialen Ghetto, im Elendsquartier, im Niemandsland; in einem neuerlichen harten und dem\u00fctigenden \u00dcberlebenskampf. Das ist die Schuld des Mehrheitsvolkes, der Bev\u00f6lkerung, der Stadt Oberwart, des Burgenlandes, der Regierung, \u00fcberhaupt jene der Republik \u00d6sterreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Erinnerungsbuch, ein Gedenkbuch; in liebevollem Verbundensein mit dem eigenen Volk geschrieben. Das Buch eines zutiefst Betroffenen, auch durch den gewaltsamen Tod seines Sohnes infolge des Bombenattentats vom 4. Februar 1995. Die Gro\u00dfeltern samt ihren Geschwistern, Verwandten, Freunden waren in den Konzentrationslagern ermordet worden, der Vater hatte sechs Jahre in verschiedenen KZ \u00fcberlebt. Alle Zur\u00fcckgekehrten waren lebenslang Opfer der rassistischen Unmenschlichkeit und der erlittenen Leiden. Sie waren von schwersten Traumata aus ihrer KZ-Zeit stigmatisiert. Und das bestimmte ihr weiteres Leben. Da ist das, was mit dem Wort \u201eWiedergutmachung\u201c alles an Verlogenheit abdeckt wird, eine einzige Verh\u00f6hnung. Und jene, die einst beim Abtransport der etwa 360 Roma aus der Oberwarter Roma-Siedlung unter fanatischen \u201eHeil-Hitler!-Rufen\u201c geklatscht und die Roma angespuckt hatten, die sa\u00dfen \u201enachher\u201c noch immer genauso wohlbestallt und unbehelligt in ihren H\u00e4usern, in ihren \u00c4mtern, an ihren Schreibtischen, an ihrem Arbeitsplatz; sie alle waren hochangesehene B\u00fcrger dieser Stadt. So wie das \u00fcberall war. Der Krieg war zwar verloren, Millionen waren in den KZ umgebracht worden, aber das Nazi-Gedankengut und der Rassismus hatten \u00fcberlebt und verbreiteten sich weiterhin wieder. Nein, ein neues \u00d6sterreich wurde nicht aufgebaut, ein neues \u00d6sterreich ist nicht entstanden, das gibt es bis heute nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das sind jetzt meine Gedanken, das ist mein Urteil. Der Buchautor spricht nicht direkt davon, er klagt nicht an, nein, er l\u00e4\u00dft diese Bitterkeit nur zwischen den Zeilen durchschimmern, sie kommt aber hoch, sie ist da in ihm, auch als Verst\u00f6rung. Aber er rechnet nicht ab und keine Schuld auf. Er zeigt jedoch an den Einzelschicksalen und deshalb umso eindringlicher und ber\u00fchrender auf, wie dieses Ineinanderverwobensein von NS-Ideologie und gew\u00f6hnlichem Alltagsrassismus \u2013 im konkreten Fall gegen &#8222;die dreckigen Zigeuner, die der Hitler vergessen hat zu vergasen\u201c (so eine Stimme aus der Nachkriegszeit) \u2013 weiter bestand; und den N\u00e4hrboden aufbereitete, auf dem dann die Briefbombenattentate eines Franz Fuchs geschehen konnten. Und doch erstarrt der Autor nicht in Verbitterung, sondern schreibt dieses Buch und ruft darin auf zur Vers\u00f6hnung, weil er selbst ein bewundernswerter Vers\u00f6hnungsmensch ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Atsinganos \u2013 Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen <\/strong>von\u00a0Stefan Horvath,\u00a0edition lex liszt, Oberwart, 2013<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-19397\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover10.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein wichtiges Buch, ein ber\u00fchrendes Buch, ein gro\u00dfartiges Buch, ein gut geschriebenes Buch. 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