{"id":19259,"date":"2013-11-23T00:01:00","date_gmt":"2013-11-22T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19259"},"modified":"2021-03-09T17:28:51","modified_gmt":"2021-03-09T16:28:51","slug":"die-erfahrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/23\/die-erfahrung\/","title":{"rendered":"Die Erfahrung, Auszug"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er nach Hause kam, zuckte sein linker Mundwinkel. Sie sa\u00df am Tisch, das Ultraschallbild zwischen den Fingern herum drehend. Sie starrte ins Leere. Betrachtete danach f\u00fcr einige endlose Momente die rote Glasvase, in deren Innerem kleine Tropfenformationen zu sehen waren. Luftblasen, dachte sie. Dann fiel die T\u00fcr ins Schlo\u00df. Er setzte sich ihr gegen\u00fcber hin, der Blick seltsam gl\u00e4sern. Ihr L\u00e4cheln fror ein. Sie hat mich gebeten, dir nichts zu erz\u00e4hlen, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nickte. Der Kehlkopf schwoll an, bauschte sich auf zu einem riesigen Kn\u00f6del, das sie nicht mehr hinunter schlucken konnte. Er stand auf, bewegte sich in ihre Richtung, seltsam motorisch. Umarmte sie. Kalte frostige Kuppen, die ihren Hals ber\u00fchrten. Sie aufzucken lie\u00dfen. War Mama besorgt? fragte sie tonlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja. Ich glaube.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es war richtig, nicht hinzugehen, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lie\u00df die Arme belanglos von sich herunter baumeln, blickte sie an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, meinte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast sie doch auch nicht gemocht, antwortete sie, auf einmal ver\u00e4rgert. Sie sp\u00fcrte, dass ihr gleich die Stimme umkippen w\u00fcrde. Sie schob das abgegriffene Ultraschallbild von sich, nestelte an ihren eigenen Fingern herum, hilflos. Stille. Sie blickte unverwandt auf den F\u00f6tus, den das Bildchen zeigte, dann auf die kleinen Bl\u00e4schen im Inneren der roten Vase. Sie begann, diese zu z\u00e4hlen. Verlor sich in Gedanken. H\u00f6rte auf, fing wieder an: Eins, zwei, drei&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab ihren Daumennagel gestreichelt, sagte er irgendwann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hielt inne, griff nach dem Ultraschallbild und drehte es zwischen den Fingern hin und her. So sah es also aus in ihr. Die Geb\u00e4rmutter ein enger Wohnraum, dachte sie. Der Raum w\u00fcrde wachsen und das Kind mit ihm. Die erste Erfahrung des Kindes w\u00fcrde also sein, dass das Au\u00dfen mit ihm gemeinsam gr\u00f6\u00dfer w\u00fcrde. Und immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du sagst gar nichts, meinte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stand auf. Ich mach dir einen Fr\u00fcchtetee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen putzte sie sich die Z\u00e4hne versehentlich mit ihrer Handcreme. Spuckte pl\u00f6tzlich aus, in einem Schwall. Trank Wasser nach. Spuckte wieder aus. Blickte dann auf die Tube, verdrehte die Augen und lachte sich selbst ein bisschen aus. Sie wollte nicht an den Tod der Mutter denken. Und auch nicht daran, dass es jetzt zu sp\u00e4t war. Sie gurgelte, sp\u00fclte sich den Mund aus. Immer wieder. Ihre Augen r\u00f6teten sich, kleine feine \u00c4derchen begannen, das Wei\u00df des Augapfels zu sprenkeln. Sie seufzte, ihre F\u00fc\u00dfe waren nackt. Sie schob den Bauch vor sich her, streifte durch die Wohnung, ziellos, paralysiert. Wusste nicht, ob sie sich auf die Geburt des Kindes freuen oder es sich eher weg w\u00fcnschen wollte. Die Tagesstrukturen waren Halteseile, die sie vergessen lie\u00dfen, dass sie schockgefroren war. Sich in einer Art K\u00fchle durch die Tage bewegte, sich selbst von Au\u00dfen zusah.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover61.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-19262\" title=\"Cover6\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover61-282x300.jpg\" alt=\"\" width=\"282\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover61-282x300.jpg 282w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover61.jpg 330w\" sizes=\"auto, (max-width: 282px) 100vw, 282px\" \/><\/a>Die Erfahrung<\/strong> von Sophie Reyer, <a href=\"http:\/\/www.sukultur.de\/die-erfahrung.html\">SuKuLTuR<\/a>, 2013<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch zwischen Sophie Reyer und A.J. Weigoni findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16720\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als er nach Hause kam, zuckte sein linker Mundwinkel. Sie sa\u00df am Tisch, das Ultraschallbild zwischen den Fingern herum drehend. Sie starrte ins Leere. 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