{"id":19216,"date":"2013-11-19T00:57:15","date_gmt":"2013-11-18T23:57:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19216"},"modified":"2013-11-08T08:25:56","modified_gmt":"2013-11-08T07:25:56","slug":"insekten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/19\/insekten\/","title":{"rendered":"Insekten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">&#8222;Da, Mama!&#8220; Der zweij\u00e4hrige Jona hatte im Sandkasten einen K\u00e4fer entdeckt und ihn, voller Neugierde und Begeisterung, zwischen seine kurzen Finger genommen, das zappelige Etwas zun\u00e4chst wieder verloren, dann erneut zugegriffen, diesmal nat\u00fcrlich fester, und &#8211; es konnte ja nicht anders sein &#8211; ihn dabei zerquetscht. Nun schaute er mit gerunzelter Stirn auf die im Sand verstreuten und an den Fingern klebenden Einzelteile. Sein Schrei dr\u00fcckte Erschrecken, Verwunderung und Entdeckerfreude aus. Er rannte zu Nicole, ohne die Spuren an seinen Fingern aus den Augen zu verlieren. Meine Freundin wischte ihm mit mamam\u00e4\u00dfiger Routine und einem Feuchttuch die K\u00e4ferextremit\u00e4ten ab. Das war aber nicht, was Jona wollte, er protestierte lautstark. &#8222;Du findest bestimmt gleich einen neuen&#8220;, damit schickte Nicole Jona wieder in den Sandkasten und wandte sich zu mir: &#8222;In anderen L\u00e4ndern werden Insekten ja gegessen. Erst gestern sah ich einen Bericht im Fernsehen, dass es die L\u00f6sung vieler Probleme w\u00e4re, wenn die Menschen mehr Insekten essen w\u00fcrden.&#8220; &#8222;War das ein Ratschlag oder eine Vision?&#8220;, wollte ich wissen. Doch unser Gespr\u00e4ch wurde unterbrochen, weil Jona den n\u00e4chsten K\u00e4ferrest brachte. Wahrscheinlich hatte ich als Vegetarierin sowieso nichts mit der Sache zu schaffen&#8230;<\/p>\n<div id=\"attachment_19358\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/heuschr2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19358\" class=\" wp-image-19358 \" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/heuschr2-300x206.jpg\" alt=\"Heuschreckenzeichnung\" width=\"270\" height=\"185\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/heuschr2-300x206.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/heuschr2.jpg 314w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19358\" class=\"wp-caption-text\">Arno Kappe\u00a0\u00a0\u2022\u00a0 Heuschrecke<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor wenigen Tagen fragte ich mich allerdings, ob Insekten \u00fcberhaupt Tiere sind. Es war mal wieder so ein Tag, an dem mein Sohn mich zum Kauf eines Haustiers \u00fcberreden wollte und ich beschloss, mit ihm die neu er\u00f6ffnete Tierhandlung im Einkaufzentrum zu besuchen, mit dem heimlichen Ziel, ihm durch traurig dahockende Kleintiere, stinkendes Futter und trostlose K\u00e4fige davon zu \u00fcberzeugen, dass sowohl eine Dauerkarte im Zoo, als auch Reitunterricht, die bessere Wahl w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei Au\u00dfentemperaturen von \u00fcber 27 Grad war es in den s\u00fc\u00dflich-muffigen Ladenr\u00e4umen wie ausgestorben. Um genau zu sein, befand sich, au\u00dfer uns lediglich eine junge Frau dort, die den Kauf einer Schildkr\u00f6te nur deshalb nicht abgeschlossen hatte, weil die Verk\u00e4uferin ihr zum Transport blo\u00df eine kleine Plastikschachtel angeboten hatte. Nun hockte sie vor dem Terrarium und redete z\u00e4rtlich mit der Schildkr\u00f6te:&#8220;Ich komme morgen wieder. Und dann hole ich dich hier raus.&#8220; Unweit des unter einem Stein kauernden Tieres, bei dem es offenbar einen Zusammenhang zwischen Preis und Lebenserwartung gab (70 Euro &#8211; 70 Jahre), entdeckten mein Sohn und ich die vermutlich billigsten Tiere des Ladens: Heuschrecken f\u00fcr 49 Cent. Sie wuselten zu mehreren in einer Sahara-Landschaft und wir \u00fcberlegten, ob sie nun als Tierfutter oder als Tiere ausgestellt waren. In der Menge fiel es mir schwer, sie sch\u00f6n zu finden. Im benachbarten Regal war es eindeutiger, als was die Viecher dienen sollten: es gab Bohnenk\u00e4fer und Mehlw\u00fcrmer &#8211; Mehlw\u00fcrmer mit Mehl, und Mehlw\u00fcrmer ohne Mehl. Die Exemplare mit Mehl mussten sich zu Hunderten einen winzigen Haufen Mehl in einer durchsichtigen Schachtel teilen. Die Exemplare ohne Mehl hingegen waren zu Tausenden in einer gro\u00dfen Plastikt\u00fcte eingeschwei\u00dft. Ob ihr Todeszeitpunkt vor oder nach der Mumifizierung lag? War soetwas ethisch erlaubt? Mir wurde \u00fcbel, aber richtig schlecht ging es mir erst, als wir auf eine Packung mit 12 eng zusammengepferchten Heuschrecken stie\u00dfen, die wir &#8211; die lebendigen Artgenossen noch vor Augen &#8211; als tot einstuften. In Form eines Eierkartonbodens war inmitten der Packung eine zweite Ebene eingebaut und sechs Heuschrecken befanden sich unten, sechs Heuschrecken oben. Der Sinn hiervon blieb mir verschlossen. Eine Zweiklassengesellschaft im Jenseits? Ich nahm sie aus dem Regal, um sie n\u00e4her zu betrachten &#8211; die Packung begann zu zucken und zu knistern, weil die Tiere sich auf einmal roboterartig bewegten und gegen die d\u00fcnnen W\u00e4nde stie\u00dfen. Wovon, Herrgott, lebten sie? Ich sah kein Futter. Was f\u00fcr eine Form von Leben war das? Was f\u00fcr eine Form von Tod? &#8211; Ich erstarrte, wie eine Stabheuschrecke. &#8211; Und <em>diese<\/em> Tiere sollten wir essen? Ich schaute Nicole an. &#8222;Die grillt man wohl. Das soll ganz lecker schmecken.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ist Brot nicht aber auch ekelig? Ich muss an den selbstgemachten Sauerteig meines Mannes denken, der in unzugeschraubten Schraubgl\u00e4sern im K\u00fchlschrank lagert. Bei Raumtemperatur kriecht er in kurzer Zeit zum Rand des Glases hoch. &#8222;Das sind Bakterien. Die haben ihren Stoffwechsel. Im K\u00fchlschrank kommt der zum Stillstand, deswegen kann man den Teig dort lagern.&#8220; Ich glaube das ja nicht, weil sich im Laufe der Zeit auf der Teigoberfl\u00e4che immer eine dunkelbraune, d\u00fcnnfl\u00fcssige Schicht absondert, die bald zum Gr\u00fcnen tendiert. &#8222;M\u00fcssen wir ihn nicht wegschmei\u00dfen?&#8220;, frage ich dann jedesmal besorgt vor der n\u00e4chsten Brotbackaktion. &#8222;Nein, nein&#8220;, erwidert mein Mann dann, &#8222;sowas h\u00e4lt sich im Prinzip <em>ewig<\/em>.&#8220; Wann ist ein Lebewesen ein Lebewesen? Wann hat es eine Seele? Wenn es einen Stoffwechsel hat? Wenn es Augen hat? Genug, genug. Wir werden heute abend Cornflakes mit Sojamilch essen, und morgen noch mal neu \u00fcber die Sache nachdenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Da, Mama!&#8220; Der zweij\u00e4hrige Jona hatte im Sandkasten einen K\u00e4fer entdeckt und ihn, voller Neugierde und Begeisterung, zwischen seine kurzen Finger genommen, das zappelige Etwas zun\u00e4chst wieder verloren, dann erneut zugegriffen, diesmal nat\u00fcrlich fester, und &#8211; es konnte ja nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/19\/insekten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":19358,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[390,239],"class_list":["post-19216","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arno-kappe","tag-christine-kappe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19216\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}