{"id":19160,"date":"2014-01-27T00:09:21","date_gmt":"2014-01-26T23:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19160"},"modified":"2018-03-26T05:40:34","modified_gmt":"2018-03-26T03:40:34","slug":"sprachzeichen-lebensbilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/27\/sprachzeichen-lebensbilder\/","title":{"rendered":"Sprachzeichen \u2013 Lebensbilder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ans\u00e4tze zu einer fragmentarischen Betrachtung(sweise)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragen stellen fragen nach der Bedeutung von Worten von Bildern von S\u00e4tzen fragen nach dem was man sagt was man ausdr\u00fcckt was man meint fragen nach dem was unausgesprochen bleibt nicht abgebildet wird oder abgebildet ist fragen nach dem Verborgenen nach dem Nicht-Entschl\u00fcsselbaren nach dem was einen verwirrt nach dem wovon keiner redet nach dem was man sich selbst nicht eingesteht nicht eingestanden hat seit Jahren nicht und noch nie in seinem bisherigen Leben Fragen stellen auf die man die g\u00e4ngigen Antworten bekommt diese Antworten hinterfragen fragen nach Fragen auf die man bis jetzt noch immer keine Antworten hat auf die es vielleicht gar keine Antworten gibt vielleicht wird oder mu\u00df man sprachlos bleiben ohne Worte bleiben ohne Worte zum Beispiel angesichts einer unbegreifbaren Ungeheuerlichkeit das Wort \u201eAuschwitz\u201c kommt mir in den Sinn ein Wort ein einziges Sprachzeichen \u201eKZ\u201c f\u00fcr etwas Unbegreifliches reduzierte S\u00e4tze reduziertes Sprechen reduzierte Sprechm\u00f6glichkeiten reduzierte Leben reduzierte Lebensschicksale reduzierte Lebenszeit reduzierte Lebenswirklichkeiten von Millionen von Menschen aus den verschiedensten L\u00e4ndern und Kulturen von Menschen verschiedenster Herkunft und sozialer Stellung mit den verschiedensten Sprachen und Sprechweisen alles reduziert auf ein einziges Wort auf das Wort \u201eAuschwitz\u201c und alle oder doch nicht alle wissen was damit gemeint ist oder wissen es auch nicht wollen es nicht mehr wissen manche leugnen das alles sogar sagen da\u00df es keinen Holocaust kein Auschwitz gegeben hat damit auch nicht die vielen anderen Vernichtungslager wie Majdanek Sobibor Theresienstadt Bergen-Belsen Treblinka Mauthausen sagen das alles hat es nicht gegeben das alles ist nicht wahr dieses Wort ist ohne jede Bedeutung ist nur ein Zeichen ein Sprachzeichen f\u00fcr eine einzige gro\u00dfe L\u00fcge das sagen die welche wieder in schwarzen Hemden und mit Glatze und in Stiefeln marschieren die Hand zum Hitlergru\u00df erhoben die mit gespreizten Fingern drei Biere bestellen ganz \u00f6ffentlich und dabei grinsen und dann auch noch frech und unversch\u00e4mt und unverantwortlich sagen das alles war nur ein Scherz das alles war und ist doch so gar nicht gemeint nein man war nur bei einer harmlosen Wehrsportgruppe nein man war nur beim Bundesheer war dort Jahrzehnte lang ein Oberst ein Kommandeur ein Vorbild und schlie\u00dflich ist man von altem wenn auch Niederem Adel und tr\u00e4gt einen Namen auf den man stolz ist alles reduzieren auf die eigene Ansicht auf die eigene Meinung auf ein Au\u00dfenseitertum in der Geschichtsauffassung ob man nun Irving, Gudenus, Strache oder Honsik ob man nun Edgar Siegfried Horst (Wessel) oder sonstwie hei\u00dft Kanaken hei\u00dfen dann die anderen \u201eAbklatschen\u201c sagt man f\u00fcr ein Spiel das meint einem Farbigen irgendwo in Gruppe nachlaufen in eine U-Bahn-Station ihn hetzen und dann niederschlagen und mit Stiefeln eintreten bis sein K\u00f6rper blut\u00fcberstr\u00f6mt und f\u00fcr sein weiteres Leben als Kr\u00fcppel am Boden liegt oder man bezeichnet die kleine Farbige als \u201eNegerhure\u201c stellt ihr ein Bein da\u00df sie mit ihren Einkaufstaschen hinfliegt auf die Nase und sich die Knie aufsch\u00fcrft dann lachen alle saufen noch ein Bier klopfen sich gegenseitig auf die Schultern das war doch wieder einmal eine Hetz das war ein Spa\u00df so war es damals auch als Juden auf dem Boden knieten und den Gehsteig reinigten und der SA-Mann stolz in seiner neuen Uniform dahinter stand und grinste und sich so fotografieren lie\u00df na Helene da schaust was ich geworden bin und welchen Respekt die Juden vor mir haben die knien vor mir jetzt auf dem Boden er gibt dem Universit\u00e4tsprofessor einen kr\u00e4ftigen Tritt in seinen Hintern und lacht dabei Jahrzehnte sp\u00e4ter sagt er dann das war ja gar nicht schlimm gemeint das alles war doch nur ein Spa\u00df und \u00fcberhaupt sei das alles nicht mehr wichtig weil auch schon l\u00e4ngst verj\u00e4hrt genauso wie die Erschie\u00dfungen wie die Vergasungen wie die Ermordungen in den Vernichtungslagern und auch in Hartheim nein da habe er ein anderes Geschichtsbild und andere haben das ja auch er sei also damit gar nicht allein denn andere haben auch gesagt die SS-Kameraden seien tugendhaft weil sie zu ihren Grunds\u00e4tzen stehen ein ganzes Leben lang gestanden sind sie k\u00f6nnten der Jugend mit ihrer Standhaftigkeit ein Vorbild sein denn Standhaftigkeit sei eine Tugend das Wort \u201eStandgericht\u201c f\u00e4llt mir da ein die tausenden Todesurteile und Hinrichtungen aber alles hatte seine Ordnung alles war auf eine g\u00fcltige Rechtsordnung gegr\u00fcndet sagt sp\u00e4ter dann ein angesehener Richter meint auch der Gerichtsgutachter meint der mit dem Ehrenkreuz f\u00fcr Wissenschaft und Kunst der Republik \u00d6sterreich ausgezeichnete SP\u00d6-Genosse Primarius Dr. Heinrich Gross und l\u00e4chelt mild dabei ich bitte sie man wei\u00df ja wie solche Personen solche Patienten waren und mir f\u00e4llt auf da\u00df man da nie von \u201eMenschen\u201c spricht nein das waren alles F\u00e4lle das waren Nummern die waren in die Arme t\u00e4towiert mein schon verstorbener Freund der Roma-Maler Karl Stojka und seine Schwester Ceija haben sie mir einmal gezeigt das war eine Nummer blaugrau noch immer sichtbar in der schon alten runzeligen Haut eint\u00e4towiert damals als sie noch Kinder waren in Bergen-Belsen oder anderswo nein das ist alles so nicht wahr das sei so nicht gewesen sagt der feine Herr mit Anzug und Krawatte und einem Tausend-Schilling-Hemd mit wei\u00dfem Kragen vor dem Ausschu\u00df ein jeder habe doch das Recht auf seine eigene Meinung doch Eduard Goldst\u00fccker brachte das auf eine richtige Formel wenn er sagte dar\u00fcber gibt es keine Diskussion denn jede Diskussion bedeute da nur Zustimmung zum industriellen Massenmord immer noch die Vergangenheit immer nur die Vergangenheit sagt man mir das alles ist doch l\u00e4ngst vorbei was soll das denn wir leben doch schon l\u00e4ngst in einer anderen Welt ich stehe im Museum vor einem Bild vor einem Egger-Lienz-Bild \u201edie Schnitter\u201c hei\u00dft es glaube ich bin mir nicht sicher ich stehe im Museum vor dem Bild \u201eSchwarzes Quadrat auf wei\u00dfem Grund\u201c ich bin in Moskau oder bin ich in St. Petersburg ich wei\u00df es nicht ich kann mich nicht erinnern wo das war ich kann mich nur erinnern da\u00df ich vor diesem Bild gestanden bin und auch vor vielen anderen Bildern im Laufe meines Lebens sich auch noch Bilder machen von vergangenem Leben anhand von Fotografien vergangenes Leben und l\u00e4ngst verstorbene Personen sich wieder in Erinnerung rufen sein eigenes Verkn\u00fcpftsein mit all dem da stehen wir zehn Kinder wie die Orgelpfeifen aufgereiht in Festtagskleidung wahrscheinlich Ostern auf einer Wiese und Mutter steht ganz vorne ist stolz auf ihre Kinder kann das sein und Vater hat uns fotografiert da sitzen wir auf unseren Rodeln im Winter ich stehe bis zum Bauch im Schnee da sind wir irgendwo auf einem Ausflug ich noch sehr klein kann sein es war im Krieg jedenfalls noch in der Nazizeit das sagt mein Vater ein Wort als Sprachzeichen \u201eNazizeit\u201c bedeutet dies und das f\u00fcr diesen oder jenen doch bedeutet auf alle F\u00e4lle eine Zeit bedeutet Lebenszeit Geschichte sich Bilder machen vom eigenen Leben und von dem von anderen von einem Leben in einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit dann ein Gedicht schreiben ein paar S\u00e4tze Prosa immer wieder die Worte Liebe Leben Tod Erde Himmel Wasser Schnee Abend Morgen Dunkel Nacht die Wege gehen Lebenswege sich erinnern an vergangenes Leben anhand von Bildern Lebensbildern sich ein Bild machen vom eigenen Leben vom Leben anderer erz\u00e4hlen vom Leben \u00fcberhaupt etwas zur Sprache bringen davon sprechen nicht endlos alles ausbreiten nein kurz in K\u00fcrzeln in Sprachzeichen Lebensbilder in Sprachzeichen wiedergeben eben in Bezeichnungen mit Bezeichnungen und Worten immer wieder zur\u00fcckkehren zu diesen Lebensbildern zu diesen Sprachzeichen zu diesen Worten solange man (noch) lebt solange man wach ist und nicht schl\u00e4ft \u201eschlafe mein Kindchen schlaf ein\u201c ein Lied ein Lebensbild von damals unsere K\u00f6chin die von mir geliebte Fanni an meinem Gitterbett die Nazizeit die Bomben und die Angst der Krieg dann Frieden dann Schokolade dann Bananen dann Reisen und der Wiederaufbau dann auch ein neues \u00d6sterreich die Amerikaner Russen Franzosen Briten die Demarkationslinie und \u00dcbergriffe Sibirien und Heimkehr ein neuer Anfang Einbeinige Einarmige und Blinde und das Verschweigen und Nicht-Reden das Sich-wieder-Vertragen wie mein Vater das nannte und dabei meinte nicht davon sprechen all dem ausweichen und der SA-Mann von damals und der SS-Mann von damals und das BDM-M\u00e4dchen als Erzieherin die mich gnadenlos schl\u00e4gt und \u201ez\u00fcchtigt\u201c wie sie das nennt mein Aufbegehren meine Rebellion mein Sprechen meine Gedanken meine Gedankensplitter meine Sprachzeichen auf dem Papier als meine Zeichensetzung f\u00fcr (m)ein Leben f\u00fcr eine l\u00e4ngst vergangenen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=19160&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg 2448w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, 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