{"id":18963,"date":"2023-10-17T00:01:00","date_gmt":"2023-10-16T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18963"},"modified":"2023-02-24T11:54:53","modified_gmt":"2023-02-24T10:54:53","slug":"philosophische-aussagen-georg-buchners","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/17\/philosophische-aussagen-georg-buchners\/","title":{"rendered":"Philosophische Aussagen Georg B\u00fcchners"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Grunds\u00e4tzlich schreibt B\u00fcchner autobiographisch. Das Netz, das die Ideen aus dem Leben fischte, fand er in sich vor. [\u2026] Dichtend fand er Zugang zu den \u00fcberfluteten Gebieten seines Selbst, die f\u00fcr andere Erkenntnisarten unzug\u00e4nglich waren.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hermann Kurzke<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg B\u00fcchner (1813-1837) rechnete sich zwar nicht zur literarisch-politischen Bewegung Junges Deutschland, teilte jedoch viele Tendenzen mit ihr. In seinen Dramen nahm B\u00fcchner den Realismus, das Sozialdrama sowie die Dokumentartechnik in bedeutenden Ans\u00e4tzen vorweg. Sein philosophisches Interesse galt unter anderem Descartes, und Spinoza, Fichte und Hegel. Da B\u00fcchner sich besonders in seinen Dramen mit philosophischen Problemen auseinandersetzte, wird im Folgenden der Versuch unternommen, seine wichtigsten Tendenzen herauszuarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Alfieri: E la fama?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gozzi: E la fame?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist die \u201aVorrede\u2019 zum Lustspiel \u201eLeonce und Lena\u201c: Dem pathetischen Idealismus des italienischen Dramatikers Alfieri wird der Realismus des Lustspieldichters Gozzi gegen\u00fcbergestellt, d. h. es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit der Mensch ein von der Natur determiniertes Wesen ist; zugleich wirft das Zitat die Frage nach dem Sein und dem Seinsgrund, die Frage nach der menschlichen Existenz, seiner Willensfreiheit, und die Frage nach dem Sinn des Seins auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Deterministischer Materialismus<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gef\u00fchl einer \u00fcberfl\u00fcssigen menschlichen Existenz stellt B\u00fcchner schon in \u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c heraus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist zwar sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen dr\u00fcber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder heraus zu kriechen und seinen Fu\u00df immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und da\u00df Millionen es schon so gemacht haben, und das Millionen es wieder so machen werden, und da\u00df wir noch obendrein aus zwei H\u00e4lften bestehen, die beide das n\u00e4mliche tun, so da\u00df alles doppelt geschieht &#8211; das ist sehr traurig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die menschliche Existenz erf\u00e4hrt ihre erste Begrenzung im Naturdeterminismus, der sein Leben zu einer sich immer wiederholenden Alltagsmechanik degradiert. Selbst der Rhythmus des Wachseins und Schlafens ist gepr\u00e4gt von einer Langweiligkeit, die keine Modifizierung, sondern nur einen graduellen Unterschied kennt:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Und ist nicht unser Wachen ein hellerer Traum?<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Dantons Tod<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist wohl weniger die Vorwegnahme einer Erkenntnis Sigmund Freuds, sondern will besagen: Das Denken des Menschen im Wachsein ist ebenso abh\u00e4ngig von seinen physischen Determinanten wie die Tr\u00e4ume im Schlaf: Das Denken ist an eine Vernunft, die sich Gehirn des Menschen als Kontrollinstanz etabliert h\u00e4tte, nicht gebunden. Menschliche Vernunft gibt es nicht, Vernunft als Ausflu\u00df unseres Denkens gr\u00fcndet sich nur mehr auf die gesetzm\u00e4\u00dfige Entwicklung des Seins, es ist keine eigene Leistung des Menschen. \u00dcberdru\u00df aus Langeweile an der Existenz tritt auch an anderen Stellen auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Unterschiede sind so gro\u00df nicht, wir alle sind Schurken und Engel, Dummk\u00f6pfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge finden Platz genug in dem n\u00e4mlichen K\u00f6rper, Schlafen, Verdauen, Kinder machen &#8211; das treiben alle, die \u00fcbrigen Dinge sind nur Variationen aus verschiedenen Tonarten \u00fcber das n\u00e4mliche Thema.\u201c (\u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dem Menschen die (sch\u00f6pferische) Denk-Initiative abgesprochen wird, dann kommt den verschiedenen Denkbegabungen und Denkarten keine gro\u00dfe Bedeutung mehr zu. Bei Annahme eines sich entwickelnden Seins ist die Existenz eines dualistischen Prinzips reine Notwendigkeit. Das ist Hegelsche Denkart. Zwei dialektisch widersprechende Pole bilden als\u00a0 <em>ein<\/em> Moment der Bewegung eine dialektische Einheit. Analog gilt: Es gibt nur dann gute Menschen, wenn es auch schlechte gibt (Schurken und Engel), es gibt nur dann Genies, wenn es auch Dummk\u00f6pfe gibt. Wen man betrachtet, da\u00df es Genies nicht nur bei Engeln gibt, so wird der Dualismus des menschlichen Seins gut vorstellbar; diesem Gegensatzkampf entspringt zwangsl\u00e4ufig Neues, d. i. Entwicklung. Wenn man au\u00dferdem betrachtet, da\u00df diese vier Eigenschaften zus\u00e4tzlich in <em>einem<\/em> Menschen veranlagt sind, findet eine \u00e4hnliche Entwicklung im Menschen selbst statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Materialistische daran ist, da\u00df B\u00fcchner in diesem Bild jedes Denken und Handeln auf das je unterschiedliche Zusammenspiel dieser Veranlagungen zur\u00fcckf\u00fchrt; er sagt ausdr\u00fccklich, da\u00df sie im K\u00f6rper veranlagt, also von der Physis determiniert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles Denken\u00a0 und Handeln m\u00fcndet in die drei Existenz-Notwendigkeiten des Menschen: Schlafen, Verdauen, Kinder machen. Alle anderen T\u00e4tigkeiten dienen der Erf\u00fcllung dieser Notwendigkeiten oder sind deren Ausflu\u00df. Selbst eine zweckfreie T\u00e4tigkeit w\u00fcrde einem psychischen Zustand entspringen (oder irgendeinem Gedanken), der auf seine physischen Determinanten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die Psyche wird herabgew\u00fcrdigt zu einem Hilfsorgan der Physis, einer Art technischem Erf\u00fcllungsgehilfen f\u00fcr kompliziertere Abl\u00e4ufe, zu einem Motor des sich entwickelnden Seins.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Danton und wir <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg B\u00fcchners Danton glaubt, eine Marionette innerhalb eines sich in der Geschichte manifestierenden mechanistischen Determinismus zu sein. Er befindet sich in einem doppelten Dilemma: Er durchschaut sein Determiniertsein und muss in seinem radikalen Skeptizismus scheitern, denn er kann nicht ausschlie\u00dfen, dass sein Durchschauen ebenfalls determiniert ist. Daher ist seine Weigerung, weiter als Marionette zu dienen, nur eine scheinbare Entscheidung. Dagegen glaubt sich Saint-Juste als harmonischen Teil des waltenden Weltgeistes. Er verh\u00e4lt sich so amoralisch, dass er sich in einem vergleichbaren Widerspruch befindet. Das ist grotesk: Die Rechtfertigung einer jeden Ethik zwischen beiden Kontrahenten wird durch diese \u201aVersuchsanordnung\u2019 widerlegt. Diese These wird verst\u00e4rkt durch Robespierre, der weder Determinist noch Materialist ist, sondern als Moralist surplus auftritt: An ihm zeigt sich, dass Moral sich in Nichts oder in ihr Gegenteil aufl\u00f6st, wo gut und b\u00f6se sich in seiner praktischen Ethik aufheben. Robespierre wird zum Machtpolitiker eines radikalen Relativismus. Nicht die Handelnden scheitern tragisch, sondern die Geschichte, die in B\u00fcchners Drama an die Stelle der tragischen Helden tritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie kann die Geschichte tragisch sein, wenn sie nur Zeitraum und Schauplatz blind waltenden Zufalls ist? Wird sie als untragisch entlarvt? Liegt dann die Tragik bei den Menschen, die Geschichte ertragen und tragen, wenn sie nach freiem Willen zu handeln glauben, obwohl sie doch Spielb\u00e4lle des blinden Zufalls sind, dessen Durchschauen keine Rettung bringt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tragische l\u00e4ge dann darin, dass es keinen freien Willen gibt und dass der radikal skeptisch Denkende auch dieses Durchschauen in Zweifel ziehen muss &#8211; was f\u00fcr ein verzweifelter Untergang! Er zeigt sich auch in Dantons Handeln und Nichthandeln, was dasselbe ist. Danton kann tun und lassen, was er will, es ist zwecklos, weil die Geschichte sinnlos ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danton als dramatisierte philosophische Frage nach Lebenssinn bleibt trotz allem Relativismus und radikalen Skeptizismus ein St\u00fcck der Hoffnung, denn das Relative (die andere M\u00f6glichkeit) und der Zweifel (auch am Schlechten) schlie\u00dfen die Hoffnung notwendig in sich ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von der Sinnlosigkeit seines Handelns \u00fcberzeugte Danton, eine philosophische Spielfigur, versucht durch absolute Weigerung seinen Status als ein mit freiem Willen begabtes Wesen zu beweisen, bis er erkennen muss, dass diese Haltung zwecklos ist. Nirgends ist Zweifeln und Verzweifeln in seiner innigen Verwandtschaft so klar dramatisiert worden wie bei B\u00fcchner. Danton verzweifelt, weil er seinen Glauben an seinen freien Willen zu verteidigen sucht. Sein Untergang, den er als die einzige sinnvolle Tat begreifen muss, da sie die Sinnlosigkeit seines Lebens beendet, bleibt aber ebenfalls sinnlos. B\u00fcchner verneint also den Freitod als Versuch freien Willen wenigstens im Akt der Selbstt\u00f6tung zu erschaffen. Am Schluss des St\u00fccks wird der Nihilismus ad absurdum gef\u00fchrt: Es lohnt sich nicht einmal der Tod. Danton beweist, dass wir zur Hoffnung verdammt sind. Mehr haben wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie B\u00fcchners ist kein Opium, keine Religion, kein Versprechen. Kunst, die immer verf\u00fchrerische Betr\u00fcgerin und L\u00fcgenzerrei\u00dferin zugleich ist, weitet logische R\u00e4ume. Die Mythen, Gesichte und Bilder formen Gegenwelten, aus denen der Leser &#8211; immer zugleich selbst dichtend, w\u00e4hrend er liest &#8211; immer wieder hart auf die ihn deutende Erde zur\u00fcckgesto\u00dfen wird. Den gro\u00dfen Traum Dantons pflanzend sieht er das unerreichbare Ziel: Ein schmerzloses Sein. An Abgr\u00fcnden vorbeistolpernd rettet er sich in das Leben, das in den Abgrund f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Psyche als Funktion der Physis &#8211; dieser Gedanke geht noch deutlicher aus dem \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c hervor, in dem der Budenbesitzer auf dem Jahrmarkt tierische und menschliche Vernunft vergleicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Budenbesitzer (<em>ein Pferd vorf\u00fchrend<\/em>): Zeig deine viehische Vern\u00fcnftigkeit. Besch\u00e4me die menschliche Soziet\u00e4t! \u2026 dies Tier ist Mitglied von alle gelehrte Soziet\u00e4t \u2026 das war einfacher Verstand.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Gehei\u00df verneint das Pferd eine Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSehn Sie jetzt die doppelte Raison? Das ist Viehsionomik. Ja, das ist kein viehdummes Individuum, das ist eine Person, ein Mensch, ein tierischer Mensch -, und doch ein Vieh, ein B\u00eate. (<em>Das Pferd f\u00fchrt sich ungeb\u00fchrlich auf<\/em>). So, besch\u00e4me die Societ\u00e9. Sehn Sie, das Vieh ist noch Natur, unideale Natur! Lernen Sie bei ihm \u2026 Das hat gehei\u00dfen: Mensch, sei nat\u00fcrlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck? Willst du mehr sein als Sand Staub, Dreck? &#8211; Sehn Sie, was Vernunft: es kann rechnen und kann doch nit an den Fingern herz\u00e4hlen. Warum? Kann sich nur nit ausdr\u00fccken, nur nit explizieren, ist ein verwandelter Mensch.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze ist ein zynisches Bild des Menschen. In Wahrheit ist der Mensch das Tier. \u201eDer einfache Verstand\u201c &#8211; das ist die blo\u00dfe Existenz, die Zugeh\u00f6rigkeit zur Societ\u00e9, er ist das Tiersein des Menschen als physische Existenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die doppelte Raison ist nichts anderes: Die F\u00e4higkeit zu denken hebt den Menschen nicht \u00fcber das Tier hinaus. Die Vorstellung, der Mensch k\u00f6nne eine Individuum sein, wird in der grotesken Personifizierung des Pferdes absurd. Menschliche Vernunft wird hier zur sinnlosen\u00a0 Metaphysik, sie wird jeden h\u00f6heren Sinns beraubt, einem physischen \/ animalischen Determinismus zugerechnet, der dem Menschen lediglich einen komplizierteren Denk-Ablauf konstatiert als dem Tier, das seine im Prinzip gleiche \u201aVernunft\u2019 (hier eigentlich blo\u00df Verstand) nur nicht explizieren kann. Denken bleibt Selbstreflexion des Seins. Diesen Standpunkt verst\u00e4rkt B\u00fcchner mit der Aussage, dass der Mensch im Grunde nur Materie vorstellt (Sand, Staub, Dreck), mehr nicht. Alles andere ist Illusion: \u201eWillst du mehr sein als Sand, Staub, Dreck?\u201c muss naturdeterministisch gesehen scheitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser ern\u00fcchternden Auffassung widerspricht B\u00fcchner jedoch mit einem Moralismus, den er von Rousseau bezieht: Das Tier wird im \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c als unideale Natur bezeichnet, an dessen Vorbild der Mensch lernen sollte. \u201eMensch sei nat\u00fcrlich\u201c erinnert an Rousseaus \u201eRetour \u00e0 la nature!\u201c Denn wenn der Mensch nur ein Natur-Sein vorstellt, ist sein Mehr-sein-Wollen wahnwitzige Illusion, der die Aufforderung zur Besinnung auf das Nat\u00fcrliche entgegengesetzt werden muss, und konsequent wird verlangt, das Natur-Sein zu akzeptieren. Es entspricht dem auch der Satz Rousseaus: \u201eIndem wir lernen zu verlernen, lernen wir.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn jedoch die materialistische Auffassung folgerichtig durchgehalten werden soll, dann muss auch dieser Moralismus als funktionaler Ausfluss der Materie bezeichnet werden. Dies geschieht bei B\u00fcchner nirgends explizit. Allerdings findet sich gerade im \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c eine ausf\u00fchrliche Diskussion \u00fcber Moral. Moral gr\u00fcndet sich hier auf materielle Verh\u00e4ltnisse: Die Moral des Hauptmanns ist eine andere als die Woyzecks. Doch sp\u00fcrt man, dass es f\u00fcr B\u00fcchner eine Moral des Gewissens gibt, diese vermittelt er mit der naiven Figur des Woyzeck. So h\u00e4lt B\u00fcchner in Wahrheit an einem h\u00f6heren Sinn der menschlichen Existenz fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Absurdes Sein<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist kein weiter Schritt von der Langweiligkeit der Existenz zum \u00dcberdruss und vom \u00dcberdruss zur Absurdit\u00e4t des Seins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft bezeichnet B\u00fcchner den Menschen als Puppe, in \u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c steht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePuppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit leugnet B\u00fcchner den freien Willen des Menschen und n\u00e4hert sich dem philosophischen Determinismus. Im Brief an die Braut (Gie\u00dfen, November 1833?) hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch studierte Geschichte der [frz.] Revolution. Ich f\u00fchlte mich wie zernichtet unter dem gr\u00e4\u00dflichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verh\u00e4ltnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Gr\u00f6\u00dfe ein blo\u00dfer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein l\u00e4cherliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das H\u00f6chste, es zu beherrschen unm\u00f6glich. Es f\u00e4llt mir nicht mehr ein, vor den Paradeg\u00e4ulen und Eckstehern der Geschichte mich zu b\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hegels Verst\u00e4ndnis vom Weltgeist der Geschichte, der bei ihm abh\u00e4ngig ist von den Kr\u00e4ften des freien Willens, von der Entscheidungsfreiheit des Menschen, sich mittels der moralischen Postulate einer Religion und eines von der Vernunft geleiteten Denkens f\u00fcr eine \u00c4nderung der Welt wie sie ist einzusetzen, d. h. auf das Durchsetzen der Vernunft als Macht, als gottgegebenen Sinn des Seins zu vertrauen &#8211; wird hier umfunktioniert in einen Fatalismus der Geschichte, die nicht vom Menschen gemacht wird, schon gar nicht vom einzelnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Weltgeist bedient sich in der geistigen Sph\u00e4re unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht.\u201c (\u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier wird menschliche Geschichte gesehen als physische Funktion. Es ist nicht so, dass ein h\u00f6heres Wesen einen Teil seiner Vernunft im Menschen incarniert habe, sondern das \u201eeherne Gesetz\u201c des Seins selbst findet seine Widerspiegelung im Menschen, ein Gesetz ohne Sinn, nicht kontrollierbar, sondern beherrschend. So sind die Begriffe B\u00fcchners von \u201eentsetzlicher Gleichheit in der Menschennatur\u201c, \u201eunabwendbarer Gewalt\u201c und \u201eZufall\u201c zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch als funktionierendes Teil dieses Gesetzes kann es selbst nicht erkennen, er stellt sich Sinn vor, wo Zufall \u201aherrscht\u2019. Er hat nicht die F\u00e4higkeit, eine transzendente Position einzunehmen, um von da aus ein Gesetz und sich selbst zu erkennen. (Es sei denn, er w\u00fcrde selbst den Sinn stiften, was dem Mann vom Lande in Kafkas Parabel \u201eVor dem Gesetz\u201c nicht gelingt.) Es bleibt ihm also nur \u00fcbrig, sich ihm zu unterwerfen. Auch das einzelne Genie ist eine Puppe, von den Dr\u00e4hten des Gesetzes oder des Zufalls gezogen, als Schaum auf der Welle der Natur getragen &#8211; er bleibt Rad im R\u00e4derwerk der menschlichen Gesellschaft, er bestimmt das R\u00e4derwerk der Gesellschaft in dem Ma\u00dfe, wie er von ihm bestimmt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch setzt B\u00fcchner Moral. Vom Gef\u00fchl des Leidens unter diesem Fatalismus bestimmt (\u201eIch f\u00fchlte mich wie zernichtet\u201c) nimmt er, indirekt, einen entscheidenden Satz von Karl Marx sinngem\u00e4\u00df vorweg: \u201eEs f\u00e4llt mir nicht mehr ein, vor den Paradeg\u00e4ulen und Eckstehern der Geschichte mich zu b\u00fccken.\u201c Marx schrieb: \u201eDie Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es k\u00f6mmt aber darauf an, sie zu ver\u00e4ndern.\u201c Auch an dieser Stelle wird der Determinismus durch B\u00fcchners Widerspruch abgeschw\u00e4cht &#8211; es sei denn, jede moralische und politische Haltung ist Ausfluss des Seins und keine Sache des menschlichen Gestaltungswillens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eValerio: \u2026 verk\u00fcndigen \u2026, dass ich vielleicht der\u00a0 \u2026 merkw\u00fcrdigste [Automat] \u2026 bin, wenn ich eigentlich selbst recht w\u00fcsste, wer ich w\u00e4re, \u2026 da ich selbst gar nichts von dem wei\u00df, was ich rede, ja auch nicht einmal wei\u00df, dass ich es nicht wei\u00df, so dass es h\u00f6chst wahrscheinlich ist, dass man mich nur so reden <em>l\u00e4sst<\/em> \u2026 man dr\u00fcckt ein klein wenig, und die Mechanik l\u00e4uft volle f\u00fcnfzig Jahre.\u201c (\u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcchner verst\u00e4rkt die Puppen-Metaphorik (angeregt durch E. Th. A. Hoffmanns mechanische Puppe Olympia). Der Zuschauer fragt sich: Wer dr\u00fcckt den Knopf? Aber B\u00fcchner gibt keine teleologische Antwort. Das zeigt seinen kategorischen Zweifel an allen philosophischen Systemen, die versuchen, den Grund des Seins zu erkennen. B\u00fcchner vertritt hier einen Wahrheitsrelativismus, mit dem er die Hilflosigkeit philosophischen Denkens demonstriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der Absurdit\u00e4t des Seins kommt ihm, das Automaten-Dasein des Menschen als das\u00a0 wahrscheinliche vor. Es trifft sich dieser Gedanke folgerichtig mit dem Determinismus und Geschichtsfatalismus: Das Automaten-Dasein erkl\u00e4rt ganz im materialistischen Sinn die moralischen und psychischen Verhaltensweisen als physisch determinierte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese Personen [Automaten] sind so vollkommen gearbeitet, dass man sie von anderen Menschen gar nicht unterscheiden k\u00f6nnte, wenn man nicht w\u00fcsste, dass sie blo\u00dfe Pappdeckel sind; man k\u00f6nnte sie eigentlich zu Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen. (1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind edel, denn sie sprechen Hochdeutsch; sie sind moralisch, denn sie stehn auf den Glockenschlag auf (2), essen auf den Glockenschlag zu Mittag (3); \u2026 auch haben sie eine gute Verdauung, was beweist, dass sie ein gutes Gewissen haben (4) \u2026 der Mechanismus der Liebe (5) f\u00e4ngt an sich zu \u00e4u\u00dfern. Der Herr hat der Dame schon einigemale den Schal getragen, die Dame hat schon einigemale die Augen verdreht und gen Himmel geblickt. Beide haben schon mehrmals gefl\u00fcstert: Glaube, Liebe, Hoffnung! \u2026 es fehlt nur das winzige W\u00f6rtchen: Amen (6).\u201c (\u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Die Menschen werden als fatalistisch funktionierendes R\u00e4derwerk einer materiell determinierten Welt zugeordnet; ihr Funktionieren geschieht in einer Sph\u00e4re der entsetzlichsten Gleichheit und Langeweile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Sie sind moralisch, denn sie halten sich an die Gesetze der menschlichen Gesellschaft (vgl. Camille in \u201eDantons Tod\u201c,\u00a0 IV. Akt, Conciergerie). Da sie aber als Automaten diese Gesetze ohne ihr Hinzutun befolgen, besitzen sie in wahrheit keine Moral, genau wie jene diese Gesetze nicht befolgen, weil ihre Automatik eine andere ist. B\u00fcchner zeigt eine Welt ohne Moral (vgl. \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c, Szene \u201eBeim Hauptmann) &#8211; aber das Reflektieren dieser Morallosigkeit impliziert den Wunsch nach einer besseren Welt, einer welt mit einer vern\u00fcnftigen Moral.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Dieser Satz zeigt bildlich den physischen Determinismus &#8211; wir haben keine Seele;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) das wird durch gute Verdauung (= gutes Gewissen) unterstrichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Auch die Liebe wird als mechanisches Spiel menschlicher oder tierischer Verhaltensweisen deterministisch gesehen (vgl. \u201eWoyzeck\u201c, Szene \u201eDas Innere der hellerleuchteten Bude\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Das Amen wird abqualifiziert zum blo\u00dfen Ritual. Religion verk\u00f6rpert hier nichts weiter als Erkenntnisunf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt wird erneut dem menschlichen Automaten die F\u00e4higkeit selbst\u00e4ndigen sch\u00f6pferischen Denkens abgesprochen, sein freier Wille verneint (vgl. auch den Schluss von \u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wahrheitsrelativismus<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gebrochenheit philosophischen Denkens wird deutlich in der Ironisierung von Fichtes Satz \u201eIch bin ich\u201c in der Kom\u00f6die \u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePeter: \u2026 Der Mensch muss denken. Wenn ich so laut rede, so wei\u00df ich nicht, wer es eigentlich ist, ich oder ein anderer; das \u00e4ngstigt mich. (<em>Nach langem Besinnen<\/em>): Ich bin ich. &#8211; was halten Sie davon, Pr\u00e4sident? &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pr\u00e4sident: Eure Majest\u00e4t, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ganze Staatsrat <em>im Chor<\/em>: Ja vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter (<em>mit R\u00fchrung<\/em>): O meine Weisen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcchner deutet mit der ausdr\u00fccklichen Wiederholung seines Zweifels an, dass es ihm auf den erw\u00e4hnten Wahrheitsrelativismus ankommt. Die Selbstaffirmation als Identit\u00e4ts- und Existenzbehauptung ist zugleich ein Schlag gegen Hegels Idealismus. Weil unsere ganze Erkenntnisforschung von einem Denken ausgeht, das f\u00fcr B\u00fcchner ein automatisches Funktionieren eines fatalistischen Weltgeistes darstellt, ist uns Wahrheitserkenntnis nicht m\u00f6glich: Wir gehen von denjenigen Bedingungen aus, die wir beweisen wollen. Die Wahrheit der Bedingung (des Denkens) kann nicht mit der Bedingung selbst (dem Denken) erkannt werden. Die Festellung \u201eIch bin ich\u201c ist also Behauptung eines Denkens, das sich selbst ausdr\u00fcckt (Selbstaffirmation).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hegels Dialektik, die der Materialismus, hier B\u00fcchner, kritisch rezipierte, vermag genauso wenig das Wissen \u00fcber \u201eIch bin ich\u201c zu erbringen. Hegel setzte zur Thesis \u201eIch bin\u201c die Antithesis \u201eIch bin nicht\u201c und gelangte zur Synthesis \u201eIch werde\u201c. Hegels Denkbewegung mag in sich selbst (logisch) richtig sein und innere Beziehungen (Widerspr\u00fcche) von einer angenommenen Affirmation ausgehend aufzeigen, die Begriffe in ihrer Bewegung darstellen &#8211; sie kann jedoch keinen absoluten Wahrheitsgehalt aufzeigen, denn das Setzen der Thesis bleibt reines unbewiesenes Setzen meines Denkens; von ihm h\u00e4ngt Antithesis und Synthesis ab. Thesis\/Antithesis kann als gesetzter Widerspruch schon\u00a0 ohne Wahrheit sein. Ich empfinde Thesis\/Antithesis zwar als Wirklichkeit, aber nur indem ich davon ausgehe, dass Thesis\/Antithesis gesetzt werden kann, also existent sei. &#8211; Hegels Dialektik bleibt reine Denkbewegung, die das Bewusstsein \u00fcber die Wirklichkeit zwar steigert, aber in sich selbst (axiomatisch) bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als materialisierter Geist (oder vergeistigte Materie), als Wesen, mache ich mich selbst zum Objekt meines Denkens, obwohl ich keine Gewissheit habe, dass ich als Wesen \u00fcberhaupt bin. Mein Sein als Objekt des Denkens ist eine blo\u00dfe Konstruktion. Denn das Denken als Folge meines Seins kann sich nicht verselbst\u00e4ndigen. Archimedes\u2019 Ausspruch nach der Erkenntnis des Hebelgesetzes: \u201eMan gebe mir einen Punkt au\u00dferhalb der Welt und ich werde sie aus den Angeln hebe(l)n\u201c, das sich auch als bildliche Aussage \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit, hinter den Sinn des Universums zu kommen, verstehen l\u00e4sst, besagt: Wahrheit ist transzendent. Vergleiche dazu die doppelte Spaltung des Seins, die f\u00fcr Jaspers im \u201eUmgreifenden\u201c liegt. Alle Wahrheitserkenntnis bleibt also relativ, stets auf die Annahme bezogen, dass die tautologische Aussage \u201eIch bin ich\u201c wahr ist. Denken als eine Weise des Seins kann sich von ihm nicht l\u00f6sen, es ist Selbstoffenbarung des Seins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber B\u00fcchner macht aufgrund dieses Wahrheitsrelativismus die \u00dcberlegung Heideggers nicht mit: Auszugehen von einem einfach existenten Sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Hegel richtet sich auch folgende Stelle im \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDoktor: Meine Herren, wir sind an der wichtigen Frage \u00fcber das Verh\u00e4ltnis des Subjekts zum Objekt. wenn wir uns eins von den Dingen nehmen, worin sich die organische Selbstaffirmation des G\u00f6ttlichen, auf einem so hohen Standpunkt, manifestiert, und ihre Verh\u00e4ltnisse zum raum, zur Erde, zum Planetarischen untersuchen, meine Herren, wenn ich diese Katze zum Fenster hinauswerfe: wie wird diese Wesenheit sich zum centrum gravitationis gem\u00e4\u00df ihrem eigenen Instinkt verhalten? &#8211; Woyzeck!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woyzeck: (<em>f\u00e4ngt die Katze auf<\/em>): Herr Doktor, sie bei\u00dft!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hegel wird ins L\u00e4cherliche gezogen. Schwerkraft und animalisches Verhalten best\u00e4tigen erneut den Primat der Materie. Gott kommt \u00fcberhaupt keine Bedeutung zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Das Sein <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es existieren zwei grundlegende Seins-Erscheinungen: Materie und ihre Ordnung (Geist). Materie als das stofflich Seiende, r\u00e4umlich Begrenzte, Ver\u00e4nderliche, physisch Wahrnehmbare &#8211; Geist als das Materielose, Ordnung, Bewegung, das r\u00e4umlich und zeitlich Unbegrenzbare. Beide, Materie und Ordnung, sind jedoch nie isolierte Einzelerscheinungen, sondern nur m\u00f6glich in einer je wechselseitigen Bedingung, einer dialektischen Einheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Existierende Materie ist nach Ordnungs- und Funktionsprinzipien angelegt. Es ist logisch, dass solche Prinzipien ohne Objekt nicht existent w\u00e4ren, d. h. sie w\u00e4ren Nichts. Materie, Ordnung, als isoliertes In-Sich-Selbst sind (nach meinem Denken, dem nur subjektive, relative, also axiomatische Bedeutung zukommen k\u00f6nnte) unm\u00f6glich, nur existent als Seins-Ganzes. Danach gilt f\u00fcr das menschliche Sein:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Sein erfahre ich sensuell. Ohne jede Materie w\u00e4re ich als isolierter Geist ein In-Mir-Selbst, d. i. Nichts. Menschliches Sein ist eine Seinsweise des Seins, indem es neben der nach Ordnungsprinzipien (Gesetzen) angelegten Materie als denkbegabtes Materie-Sein ein Zweites bildet: als Verdopplung des Seins: menschliches Sein ist wie das absolute Sein als dessen Bestandteil wie dieses Selbst die Synthesis aus Materie und Ordnung. Genau wie das absolute Sein als Materie-Geist-Synthesis sich in Bewegung (Entwicklung) befindet, ist das menschliche Sein aufgrund des Denkens in Bewegung und Entwicklung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Bewegungen sind in Wahrheit nur die <em>eine<\/em> Seins-Bewegung. Denn menschliches Sein ist als Faktizit\u00e4t des Seins an sich dessen Entwicklungs\u00e4u\u00dferung, seine kausale Folge, sein differenziertes Sein. So w\u00e4re Denken zu deuten als Selbstverdopplung des Seins als eine Seins-Weise. Das Denken entspringt also dem Sein und nicht das Sein dem Denken. Das cartesianische <em>Je pense, donc je suis<\/em> wird bereits von B\u00fcchner unter Vorbehalt nur als erkenntnistheoretischer R\u00fcckschluss vom Denken auf das Sein als dessen Bewirkendes akzeptiert. F\u00fcr B\u00fcchner gilt also: Sum ergo cogito.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Determinismus<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage: Wie h\u00e4lt B\u00fcchner es denn nun mit der Idee vom freien Willen ist eigentlich schon durch seine deterministisch-materialistische Auffassung beantwortet. So hei\u00dft es in \u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePeter (<em>w\u00e4hrend er angekleidet wird<\/em>): Die Substanz ist das An-sich, das bin ich. (<em>Er l\u00e4uft fast nackt im Zimmer herum<\/em>) Begriffen? An-sich ist an sich, versteht ihr? Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien: wo ist mein Hemd, meine Hose? &#8211; Halt, pfui! der freie Wille steht da vorn ganz offen. Wo ist die Moral: wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der scheu\u00dflichsten Verwirrung: es sind zwei Kn\u00f6pfe zuviel zugekn\u00f6pft\u2026 mein ganzes System ist ruiniert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser zynische Angriff rechnet nochmals mit Fichte (\u201eAn-sich\u201c) ab und richtet sich gegen Spinoza, dessen Denksystem er f\u00fcr ruiniert h\u00e4lt. &#8211; Der freie Wille wird ins L\u00e4cherliche gezogen, dessen Existenz im Marionettentheater einer fatalistischen Welt f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten: es sind zwei Kn\u00f6pfe zuviel zugen\u00f6pft &#8211; dieses ironische Bild offenbart den physischen Determinismus des ganzen Menschen. Das wird erg\u00e4nzt durch folgende Ironie im \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDoktor: Die Natur! Hab ich nicht nachgewiesen, dass der Musculus constrictor vesciae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verkl\u00e4rt sich die Individualit\u00e4t zur Freiheit. &#8211; Den Harn nicht halten k\u00f6nnen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201eKritik an einem Aufsatz \u00fcber den Selbstmord\u201c legt B\u00fcchner dar, dass auch der Selbstmord letzten Endes auf einen freien Willen nicht zur\u00fcckzuf\u00fchren ist: \u201eDer Selbstm\u00f6rder aus physischen und psychischen Leiden ist kein Selbstm\u00f6rder, er ist ein an Krankheit gestorbener.\u201c Der physische Determinismus wird erneut bekr\u00e4ftigt. Allerdings bezeugt B\u00fcchner auch gegen die Verleugnung des freien Willens einen Widerspruch, indem er Freiheit als einen der gro\u00dfen Humanit\u00e4tsbegriffe herausstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freier Wille: Das ist das Verm\u00f6gen, sich unbeeinflusst von den Seinsgegebenheiten f\u00fcr dieses oder jenes Handeln auch entgegen einer ideellen oder tats\u00e4chlichen Notwendigkeit zu entschlie\u00dfen. Voraussetzung daf\u00fcr ist ein Denken, das vom Sein unabh\u00e4ngig ist, also absolut steht. Jedes Denken ist jedoch in der apriorischen Faktizit\u00e4t des Seins verankert. Die Entwicklungsm\u00f6glichkeiten des Seins und mithin die M\u00f6glichkeiten des Denkens aber sind bereits determiniert durch jene apriorische Faktizit\u00e4t des Seins, die \u201aaxiomatische Bedingung\u2019 des Seins, die der Axiomatik der Mathematik (zwar unzureichend, aber) anschaulich vergleichbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kann der Mensch sein Sein ver\u00e4ndern? Der Revolution\u00e4r B\u00fcchner bejaht diese Frage, die er philosophisch verneint, in pessimistischer Haltung: Das Sein an sich kann er nicht \u00e4ndern, es k\u00f6nnte nur von einer Kraft au\u00dferhalb der Seinskr\u00e4fte Materie und Ordnung (als einer dialektischen Einheit) ver\u00e4ndert werden. Er kann also am Verh\u00e4ltnis von Materie und Ordnung nichts \u00e4ndern, sein Denken ist von diesem abh\u00e4ngig. Entwicklung des Seins und Entwicklung der menschlichen Existenz sind eins. Eine Ver\u00e4nderung ist nur hinsichtlich der Seinswirklichkeiten m\u00f6glich, d. h. hinsichtlich der Form, in der sich das Verh\u00e4ltnis von Materie und Ordnung ausdr\u00fcckt (als Form des konkreten menschlichen Zusammenlebens. Und diese Ver\u00e4nderung wird nur bewirkt durch eine Steigerung des Bewusstseins aus dem Verh\u00e4ltnis von Materie und Ordnung. Dabei kann dem Denken als Folge von Materie und Ordnung keine Initiative zukommen. Nicht das Denken bestimmt das Sein, es ist apriorisch im Seinsgrund determiniert. Die Ver\u00e4nderungen geschehen also gesetzm\u00e4\u00dfig und unabh\u00e4ngig vom Denken des Menschen (Geschichtsfatalismus \/ vgl. Brief an die Braut, Gie\u00dfen November 1833?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wille ist ein spekulativer Begriff idealistischen Philosophierens, als Freiheit des Denkens gibt es ihn nicht, er ist lediglich Ausdruck eines Bewusstseinszustandes, der bei allen Menschen unterschiedlich stark sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ver\u00e4nderungen geschehen in dem Ma\u00dfe, in dem die dialektische Spannung von Materie und Geist dem Menschen Erkenntnisse philosophischer, wissenschaftlicher oder praktischer Art zuf\u00fchrt. So ist die determinierte Funktionalit\u00e4t von \u201aSeele\u2019 und \u201aMoral\u2019 eine apriorisch im Sein verankerte Seinsfolge. Dementsprechend h\u00e4lt es B\u00fcchner auch mit seinem Begriff von Moral. Gut und B\u00f6se sind nur mehr Teilerkenntnisse des sich in uns widerspiegelnden Seins und haben eine fest umrissene gesellschaftliche Funktion zu erf\u00fcllen: Die Erm\u00f6glichung menschlichen Zusammenlebens und Gl\u00fccklichwerdens jedes einzelnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch das Streben nach Gl\u00fcck, das Gl\u00fccklichwerden-\u201aWollen\u2019 als psychisches Faktum ist eine apriorisch im Sein verankerte Seinsweise.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Atheismus und Nihilismus<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil B\u00fcchner im Ganzen, was die Intention seiner Dramen angeht, ein Bekenntnis zur Humanit\u00e4t formuliert und seine Gottverleugnung Unsicherheit zeigt, ist seine atheistische und nihilistische Haltung eingeschr\u00e4nkt. In \u201e<em>Leonce und Lena<\/em>\u201c h\u00e4lt er die menschliche Existenz f\u00fcr absurd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eValerio: Das Gras steht so sch\u00f6n, dass man ein Ochs sein m\u00f6chte, um es fressen zu k\u00f6nnen, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu essen, der solches Gras gefressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leonce: Ungl\u00fccklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Valerio: Es ist ein Jammer! Man kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne den Hals zu brechen. Man kann keine vier Pfund Kirschen mit den Steinen essen, ohne Leibweh zu kriegen\u2026 ich k\u00f6nnte mich in eine Ecke setzen und singen vom Abend bis zum Morgen: \u201aHei, da sitzt e Fleig an der Wand! Fleig an der Wand! Fleig an der Wand!\u2019 und so fort bis zum Ende meines Lebens. \u2026 w\u00e4hrend ich mit meiner gesunden Vernunft mich h\u00f6chstens noch zur Bef\u00f6rderung der Reife auf einen Kirschbaum verdingen k\u00f6nnte, um &#8211; nun? &#8211; um?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ein Hieb gegen den Utilitismus, eine Lehre, die im N\u00fctzlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht &#8211; B\u00fcchner bezweifelt den Sinn einer solchen Existenz, denn die Wirklichkeit ist erb\u00e4rmlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Mu\u00df ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es mu\u00df ja \u00c4rgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt &#8211; ist schauderhaft. (Matth. 18,7) Was ist das, was in uns l\u00fcgt, mordet, stiehlt?\u201c (Brief an die Braut, Gie\u00dfen, 1833?)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast w\u00f6rtlich kehrt dieser Gedanke in \u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c wieder:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann am Kreuze hat sich\u2019s bequem gemacht: es mu\u00df ja \u00c4rgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen \u00c4rgernis kommt! &#8211; Es mu\u00df; das war dies Mu\u00df. wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Mu\u00df gefallen? Wer hat das Mu\u00df gesprochen, wer? Was ist das, was in uns l\u00fcgt, &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint B\u00fcchner eine solche Sch\u00f6pfung absurd, die durch Mitschaffung des B\u00f6sen unvollkommen wurde, absurd, weil durch die Schaffung der Freiheit (so die christliche Lehre) die Nichtbef\u00e4higung zur S\u00fcnde nicht erteilt werden konnte, absurd, weil den Menschen Gebote gegeben sind, die sie nicht halten k\u00f6nnen. B\u00fcchner bezweifelt die g\u00f6ttliche Herkunft einer Sch\u00f6pfung, wie sie ist. Alle Rechtfertigungsversuche der Theologie, wie sie \u00fcber einhundert Jahre sp\u00e4ter Thomas Mann in seinem Roman \u201e<em>Doktor Faustus<\/em>\u201c durch Professor Schleppfu\u00df vortragen l\u00e4sst, sind f\u00fcr ihn unbedeutend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seinem \u201eMu\u00df\u201c nimmt B\u00fcchner eine Haltung vorweg, die Sartres in \u201e<em>L\u2019Existentialisme est un Humanisme<\/em>\u201c entwickelt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNous sommes seuls, sans excuses. L\u2019homme est condamn\u00e9 \u00e0 \u00eatre libre. Condamn\u00e9, parce-qu\u2019il ne s\u2019est pas cr\u00e9\u00e9 lui-m\u00eame, \u2026 et parce qu\u2019une fois jet\u00e9 dans le monde. L\u2019homme, sans aucun secours, est condamn\u00e9 \u00e0 chaque instant \u00e0 inventer l\u2019homme\u2026 L\u2019homme n\u2019est rien d\u2019autre que ce qu\u2019il se fait\u2026 La vie n\u2019a pas de sens, a priori, mais c\u2019est \u00e0 vous de lui donner un sens.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freiheit wird von Sartre verstanden als absolute Existenz des Menschen, der ganz auf sich allein gestellt ist, also ohne jeden religi\u00f6sen Halt. Wenn B\u00fcchner den freien Willen philosophisch negiert, so vertrat er, wie Sartre, einen Humanismus, wenn auch durch seinen atheistischen Nihilismus sehr pessimistisch gef\u00e4rbt. Im \u201e<em>Woyzeck<\/em>\u201c gelangt er zun\u00e4chst zu einer atheistischen Haltung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWarum ist der Mensch? &#8211; Aber wahrlich, ich sage euch: Von was h\u00e4tte der Landmann, der Wei\u00dfbinder, der Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen h\u00e4tte? \u2026 Darum zweifelt nicht &#8211; ja, ja, es ist lieblich und fein, aber alles Irdische ist \u00fcbel, selbst das Geld geht in Verwesung \u00fcber.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Zynismus ist das Eingest\u00e4ndnis der Unf\u00e4higkeit, die Behauptung der Unm\u00f6glichkeit,\u00a0 einen Lebenssinn zu sehen, zugleich Ablehnung aller teleologischen Erkl\u00e4rungen. In seiner \u201e<em>Kritik an einem Aufsatz \u00fcber den Selbstmord<\/em>\u201c lehnt er auch die Erde als ein \u201ePr\u00fcfungsland\u201c ab:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDieser Gedanke war mir immer sehr anst\u00f6\u00dfig, denn ihm gem\u00e4\u00df wird das Leben nur als <em>Mittel<\/em> betrachtet; ich glaube aber, da\u00df das Leben <em>selbst Zweck<\/em> sei, denn <em>Entwicklung<\/em> ist der Zweck des Lebens, das <em>Leben selbst<\/em> ist die Entwicklung, also ist das Leben selbst <em>Zweck<\/em>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Zitat rechtfertigt den Vergleich mit Sartre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201ePhilosophenszene\u201c in \u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c zeigt B\u00fcchners Atheismus mit den Worten Thomas Payne\u2019s: Wenn Gottes Sch\u00f6pfung einen Anfang gehabt habe, dann spr\u00e4chen die Ver\u00e4nderungen Gottes, die er bei der Sch\u00f6pfung in sich erlitten habe, und der Begriff der Zeit, der sich auf ihn anwenden lasse, gegen sein Wesen. &#8211; Sei eine Sch\u00f6pfung ewig, dann sei sie nach Spinoza ein Attribut Gottes, dann spr\u00e4che aber ihre Unvollkommenheit gegen Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgende Stelle in \u201e<em>Dantons Tod<\/em>\u201c k\u00fcndigt die M\u00f6glichkeit eines Nihilismus an, der nicht unbedingt auf Gottverleugnung basiert, sondern unentschieden l\u00e4sst, ob es keinen Gott gibt oder einen absurden Gott:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan k\u00f6nnte aber auch sagen: damit Gott alles sei, m\u00fcsse er auch sein eigenes Gegenteil sein, d. h. vollkommen und unvollkommen, selig und leidend; das Resultat freilich w\u00fcrde gleich Null sein, es w\u00fcrde sich gegenseitig heben, wir k\u00e4men zum Nichts.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach w\u00e4re Gott = Nichts. An anderer Stelle im gleichen Drama hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu geb\u00e4rende Weltgott.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eDantons Tod\u201c ist die Auffassung Dantons mit der B\u00fcchners weitgehend identisch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u2026 das Nichts wird bald mein Asyl; &#8211; das Leben ist mir zur Last, man mag es mir entrei\u00dfen, ich sehne mich danach es abzusch\u00fctteln. \u2026 und wenn die h\u00f6chste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer! &#8211; Das Nichts hat sich ermordet, die Sch\u00f6pfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen Worten wird der Nihilismus erreicht, aber gleich wieder angezweifelt: Etwas kann nicht zu nichts werden. Das zeigt, dass B\u00fcchner ein methodischer Zweifler an allen philosophischen Systemen und Ergebnissen ist, er denkt permanent philosophisch, ohne an etwas glauben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein permanentes Zweifeln ist die einzige Begr\u00fcndung f\u00fcr die offensichtlichen Widerspr\u00fcche in seinem Werk: Einerseits deterministischer Materialismus, andererseits Humanismus als Intention seiner Dramen. Auch der Humanismus unterliegt permanenten Zweifeln, wie sie in der Kritik Dantons an der Revolution zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man B\u00fcchner unterstellt, er habe trotzdem nach Gl\u00fcckseligkeit gestrebt, so passt dazu Sartres Wort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eL\u2019homme est fondamentalement d\u00e9sir d\u2019\u00eatre Dieu.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er selbst l\u00e4sst seinen Danton sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer gl\u00fccklichste Mensch war der, welcher sich einbilden konnte, da\u00df er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Redaktion empfiehlt: <strong>Georg B\u00fcchner. Dichter, Sp\u00f6tter, R\u00e4tselsteller<\/strong>. Entschl\u00fcsselungen, von Christian Milz, Passagen Verlag, Wien 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_98090\" style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98090\" class=\"wp-image-98090 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Georg_Bu\u0308chner.png\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"246\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Georg_Bu\u0308chner.png 172w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Georg_Bu\u0308chner-160x229.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><p id=\"caption-attachment-98090\" class=\"wp-caption-text\">Alexis Muston aus Stra\u00dfburg fertigte diese Skizze seines Freundes Georg B\u00fcchner etwa 1835 an<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0Zum B\u00fcchner-Hintergrund lesen Sie auch die KUNO-Artikel von Christian Milz <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7777\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8562\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Die Gattung des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Essays<\/a> h\u00e4lt das freie Denken aufrecht, ohne, da\u00df der literarische Anspruch verlorengeht.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Zur Gattung der Novelle: &#8222;Den 20. J\u00e4nner ging <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/20\/lenz\/\">Lenz<\/a> durchs Gebirg.&#8220;<\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Zur Inszenierung des &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/28\/woyzeck\/\">Woyzeck<\/a>&#8220; von Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grunds\u00e4tzlich schreibt B\u00fcchner autobiographisch. Das Netz, das die Ideen aus dem Leben fischte, fand er in sich vor. [\u2026] Dichtend fand er Zugang zu den \u00fcberfluteten Gebieten seines Selbst, die f\u00fcr andere Erkenntnisarten unzug\u00e4nglich waren. 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