{"id":18961,"date":"2023-02-19T00:01:46","date_gmt":"2023-02-18T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18961"},"modified":"2023-02-19T00:02:22","modified_gmt":"2023-02-18T23:02:22","slug":"danton-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/19\/danton-und-wir\/","title":{"rendered":"Danton und wir"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg B\u00fcchners Danton glaubt, eine Marionette innerhalb eines sich in der Geschichte manifestierenden mechanistischen Determinismus zu sein. Er befindet sich in einem doppelten Dilemma: Er durchschaut sein Determiniertsein und muss in seinem radikalen Skeptizismus scheitern, denn er kann nicht ausschlie\u00dfen, dass sein Durchschauen ebenfalls determiniert ist. Daher ist seine Weigerung, weiter als Marionette zu dienen, nur eine scheinbare Entscheidung. Dagegen glaubt sich Saint-Just als harmonischen Teil des waltenden Weltgeistes. Er verh\u00e4lt sich so amoralisch, dass er sich in einem vergleichbaren Widerspruch befindet. Das ist grotesk: Die Rechtfertigung einer jeden Ethik zwischen beiden Kontrahenten wird durch diese \u201aVersuchsanordnung\u2019 widerlegt. Diese These wird verst\u00e4rkt durch Robespierre, der weder Determinist noch Materialist ist, sondern als Moralist surplus auftritt: An ihm zeigt sich, dass Moral sich in Nichts oder in ihr Gegenteil aufl\u00f6st, wo Gut und B\u00f6se sich in seiner praktischen Ethik aufheben. Robespierre wird zum Machtpolitiker eines radikalen Relativismus. Nicht die Handelnden scheitern tragisch, sondern die Geschichte scheitert, die in B\u00fcchners Drama an die Stelle der tragischen Helden tritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie kann die Geschichte tragisch sein, wenn sie nur Zeitraum und Schauplatz eines blinden Zufalls ist? Wird sie als untragisch entlarvt? Liegt dann die Tragik bei den Menschen, die Geschichte tragen und ertragen, wenn sie nach freiem Willen zu handeln glauben, obwohl sie doch Spielb\u00e4lle des Zufalls sind, dessen Durchschauen keine Rettung bringt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tragische l\u00e4ge dann darin, dass es keinen freien Willen gibt und dass der radikal skeptisch Denkende auch dieses Durchschauen in Zweifel ziehen muss &#8211; was f\u00fcr ein verzweifelter Untergang! Er zeigt sich auch in Dantons Handeln und Nichthandeln, was dasselbe ist. Danton kann tun und lassen, was er will, es ist zwecklos, weil die Geschichte sinnlos ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danton als dramatisierte philosophische Frage nach Lebenssinn bleibt trotz allem Relativismus und radikalen Skeptizismus ein St\u00fcck der Hoffnung, denn das Relative (die andere M\u00f6glichkeit) und der Zweifel (auch am Schlechten) schlie\u00dfen die Hoffnung notwendig in sich ein. Der von der Sinnlosigkeit seines Handelns \u00fcberzeugte Danton, eine philosophische Spielfigur, versucht durch absolute Weigerung seinen Status als ein mit freiem Willen begabtes Wesen zu beweisen, bis er erkennen muss, dass diese Haltung zwecklos ist. Nirgends ist Zweifeln und Verzweifeln in seiner innigen Verwandtschaft so klar dramatisiert worden wie bei B\u00fcchner. Danton verzweifelt, <em>weil<\/em> er seinen Glauben an seinen freien Willen zu verteidigen sucht. Sein Untergang, den er als die einzige sinnvolle Tat begreifen muss, da sie die Sinnlosigkeit seines Lebens beendet, bleibt aber ebenfalls sinnlos. B\u00fcchner verneint also den Freitod als Versuch, freien Willen wenigstens im Akt der Selbstt\u00f6tung zu erschaffen. Am Schluss des St\u00fccks wird der Nihilismus ad absurdum gef\u00fchrt: Es lohnt sich nicht einmal der Tod. Danton beweist, dass wir zur Hoffnung verdammt sind. Mehr haben wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie B\u00fcchners ist kein Opium, keine Religion, kein Versprechen. Kunst, die immer verf\u00fchrerische Betr\u00fcgerin und L\u00fcgenzerrei\u00dferin zugleich ist, weitet logische R\u00e4ume. Die Mythen, Gesichte und Bilder formen Gegenwelten, aus denen der Leser \u2013 immer zugleich selbst dichtend, w\u00e4hrend er liest &#8211; immer wieder hart auf die ihn deutende Erde zur\u00fcck gesto\u00dfen wird. Den gro\u00dfen Traum Dantons pflanzend sieht er das unerreichbare Ziel: Ein schmerzloses Sein. An Abgr\u00fcnden vorbeistolpernd rettet er sich das Leben, indem er ihm seinen Sinn gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Muston_B\u00fcchner_1835-198x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18966\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Muston_B\u00fcchner_1835-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Zum B\u00fcchner-Hintergrund lesen sie auch die KUNO-Artikel von Christian Milz <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7777\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8562\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Georg B\u00fcchners Danton glaubt, eine Marionette innerhalb eines sich in der Geschichte manifestierenden mechanistischen Determinismus zu sein. 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