{"id":18934,"date":"2022-01-20T00:01:34","date_gmt":"2022-01-19T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18934"},"modified":"2022-04-06T09:01:03","modified_gmt":"2022-04-06T07:01:03","slug":"lenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/20\/lenz\/","title":{"rendered":"Lenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion<\/span>: Ist B\u00fcchners \u201eLenz\u201c \u2013 ein psychiatrischer Fall? \u2013 Bringt die diarische Aufzeichnungsform als Prosa eine Erz\u00e4hlung oder eine Novelle hervor?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den 20. J\u00e4nner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergfl\u00e4chen im Schnee, die T\u00e4ler hinunter graues Gestein, gr\u00fcne Fl\u00e4chen, Felsen und Tannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war na\u00dfkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang \u00fcber den Weg. Die \u00c4ste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht \u2013 und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gestr\u00e4uch, so tr\u00e4g, so plump.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging gleichg\u00fcltig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abw\u00e4rts. M\u00fcdigkeit sp\u00fcrte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, da\u00df er nicht auf dem Kopf gehn konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs dr\u00e4ngte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm sch\u00fcttelte und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enth\u00fcllte; es dr\u00e4ngte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Tr\u00e4umen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so na\u00df; er h\u00e4tte die Erde hinter den Ofen setzen m\u00f6gen. Er begriff nicht, da\u00df er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er m\u00fcsse alles mit ein paar Schritten ausmessen k\u00f6nnen. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gew\u00f6lk in die T\u00e4ler warf und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner und dann gewaltig heranbrausten, in T\u00f6nen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen,\u00a0und die Wolken wie wilde, wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneefl\u00e4chen zog, so da\u00df ein helles, blendendes Licht \u00fcber die Gipfel in die T\u00e4ler schnitt; oder wenn der Sturm das Gew\u00f6lk abw\u00e4rts trieb und einen lichtblauen See hineinri\u00df und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengel\u00e4ute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm und kleine W\u00f6lkchen auf silbernen Fl\u00fcgeln durchzogen, und alle Berggipfel, scharf und fest, weit \u00fcber das Land hin gl\u00e4nzten und blitzten \u2013 ri\u00df es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorw\u00e4rts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er m\u00fcsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag \u00fcber der Erde, er w\u00fchlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt ins Moos und schlo\u00df die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. Aber es waren nur Augenblicke; und dann erhob er sich n\u00fcchtern, fest, ruhig, als w\u00e4re ein Schattenspiel vor ihm vor\u00fcbergezogen \u2013 er wu\u00dfte von nichts mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend kam er auf die H\u00f6he des Gebirgs, auf das Schneefeld, von wo man wieder hinabstieg in die Ebene nach Westen. Er setzte sich oben nieder. Es war gegen Abend ruhiger geworden; das Gew\u00f6lk lag fest und unbeweglich am Himmel; soweit der Blick reichte, nichts als Gipfel, von denen sich breite Fl\u00e4chen hinabzogen, und alles so still, grau, d\u00e4mmernd. Es wurde ihm entsetzlich einsam; er war allein, ganz allein. Er wollte mit sich sprechen, aber er konnte nicht, er wagte kaum zu atmen; das Biegen seines Fu\u00dfes t\u00f6nte wie Donner unter ihm, er mu\u00dfte sich niedersetzen. Es fa\u00dfte ihn eine namenlose Angst in diesem Nichts: er war im Leeren! Er ri\u00df sich auf und flog den Abhang hinunter.<a title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/B%C3%BCchner-WuB\" name=\"86\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war finster geworden, Himmel und Erde verschmolzen in eins. Es war, als ginge ihm was nach und als m\u00fcsse ihn was Entsetzliches erreichen, etwas, das Menschen nicht ertragen k\u00f6nnen, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich h\u00f6rte er Stimmen; er sah Lichter, es wurde ihm leichter. Man sagte ihm, er h\u00e4tte noch eine halbe Stunde nach Waldbach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging durch das Dorf. Die Lichter schienen durch die Fenster, er sah hinein im Vorbeigehen: Kinder am Tische, alte Weiber, M\u00e4dchen, alles ruhige, stille Gesichter. Es war ihm, als m\u00fcsse das Licht von ihnen ausstrahlen; es ward ihm leicht, er war bald in Waldbach im Pfarrhause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sa\u00df am Tische, er hinein; die blonden Locken hingen ihm um das bleiche Gesicht, es zuckte ihm in den Augen und um den Mund, seine Kleider waren zerrissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberlin hie\u00df ihn willkommen, er hielt ihn f\u00fcr einen Handwerker: \u00bbSein Sie mir willkommen, obschon Sie mir unbekannt.\u00ab \u2013 \u00bbIch bin ein Freund von Kaufmann und bringe Ihnen Gr\u00fc\u00dfe von ihm.\u00ab \u2013 \u00bbDer Name, wenn&#8217;s beliebt?\u00ab \u2013 \u00bbLenz.\u00ab \u2013 \u00bbHa, ha, ha, ist er nicht gedruckt? Habe ich nicht einige Dramen gelesen, die einem Herrn dieses Namens zugeschrieben werden?\u00ab \u2013 \u00bbJa, aber belieben Sie, mich nicht darnach zu beurteilen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sprach weiter, er suchte nach Worten und erz\u00e4hlte rasch, aber auf der Folter; nach und nach wurde er ruhig \u2013 das heimliche Zimmer und die stillen Gesichter, die aus dem Schatten hervortraten: das helle Kindergesicht, auf dem alles Licht zu ruhen schien und das neugierig, vertraulich aufschaute, bis zur Mutter, die hinten im Schatten engelgleich stille sa\u00df. Er fing an zu erz\u00e4hlen, von seiner Heimat; er zeichnete allerhand Trachten, man dr\u00e4ngte sich teilnehmend um ihn, er war gleich zu Haus. Sein blasses Kindergesicht, das jetzt l\u00e4chelte, sein lebendiges Erz\u00e4hlen! Er wurde ruhig; es war ihm, als tr\u00e4ten alte Gestalten, vergessene Gesichter wieder aus dem Dunkeln, alte Lieder wachten auf, er war weg, weit weg.<a title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/B%C3%BCchner-WuB\" name=\"87\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich war es Zeit zum Gehen. Man f\u00fchrte ihn \u00fcber die Stra\u00dfe: das Pfarrhaus war zu eng, man gab ihm ein Zimmer im Schulhause. Er ging hinauf. Es war kalt oben, eine weite Stube, leer, ein hohes Bett im Hintergrund. Er stellte das Licht auf den Tisch und ging auf und ab. Er besann sich wieder auf den Tag, wie er hergekommen, wo er war. Das Zimmer im Pfarrhause mit seinen Lichtern und lieben Gesichtern, es war ihm wie ein Schatten, ein Traum, und es wurde ihm leer, wieder wie auf dem Berg; aber er konnte es mit nichts mehr ausf\u00fcllen, das Licht war erloschen, die Finsternis verschlang alles. Eine unnennbare Angst erfa\u00dfte ihn. Er sprang auf, er lief durchs Zimmer, die Treppe hinunter, vors Haus; aber umsonst, alles finster, nichts \u2013 er war sich selbst ein Traum. Einzelne Gedanken huschten auf, er hielt sie fest; es war ihm, als m\u00fcsse er immer \u203aVater unser\u2039 sagen. Er konnte sich nicht mehr finden; ein dunkler Instinkt trieb ihn, sich zu retten. Er stie\u00df an die Steine, er ri\u00df sich mit den N\u00e4geln; der Schmerz fing an, ihm das Bewu\u00dftsein wiederzugeben. Er st\u00fcrzte sich in den Brunnenstein, aber das Wasser war nicht tief, er patschte darin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kamen Leute; man hatte es geh\u00f6rt, man rief ihm zu. Oberlin kam gelaufen. Lenz war wieder zu sich gekommen, das ganze Bewu\u00dftsein seiner Lage stand vor ihm, es war ihm wieder leicht. Jetzt sch\u00e4mte er sich und war betr\u00fcbt, da\u00df er den guten Leuten Angst gemacht; er sagte ihnen, da\u00df er gewohnt sei, kalt zu baden, und ging wieder hinauf; die Ersch\u00f6pfung lie\u00df ihn endlich ruhen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den andern Tag ging es gut. Mit Oberlin zu Pferde durch das Tal: breite Bergfl\u00e4chen, die aus gro\u00dfer H\u00f6he sich in ein schmales, gewundnes Tal zusammenzogen, das in mannigfachen Richtungen sich hoch an den Bergen hinaufzog; gro\u00dfe Felsenmassen, die sich nach unten ausbreiteten; wenig Wald, aber alles im grauen, ernsten Anflug; eine Aussicht nach Westen in das Land hinein und auf die Bergkette, die sich grad hinunter nach S\u00fcden und Norden zog und deren Gipfel gewaltig,\u00a0ernsthaft oder schweigend still, wie ein d\u00e4mmernder Traum, standen. Gewaltige Lichtmassen, die manchmal aus den T\u00e4lern, wie ein goldner Strom, schwollen, dann wieder Gew\u00f6lk, das an dem h\u00f6chsten Gipfel lag und dann langsam den Wald herab in das Tal klomm oder in den Sonnenblitzen sich wie ein fliegendes, silbernes Gespenst herabsenkte und hob; kein L\u00e4rm, keine Bewegung, kein Vogel, nichts als das bald nahe, bald ferne Wehn des Windes. Auch erschienen Punkte, Gerippe von H\u00fctten, Bretter mit Stroh gedeckt, von schwarzer, ernster Farbe. Die Leute, schweigend und ernst, als wagten sie die Ruhe ihres Tales nicht zu st\u00f6ren, gr\u00fc\u00dften ruhig, wie sie vorbeiritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den H\u00fctten war es lebendig: man dr\u00e4ngte sich um Oberlin, er wies zurecht, gab Rat, tr\u00f6stete; \u00fcberall zutrauensvolle Blicke, Gebet. Die Leute erz\u00e4hlten Tr\u00e4ume, Ahnungen. Dann rasch ins praktische Leben: Wege angelegt, Kan\u00e4le gegraben, die Schule besucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberlin war unerm\u00fcdlich, Lenz fortw\u00e4hrend sein Begleiter, bald in Gespr\u00e4ch, bald t\u00e4tig am Gesch\u00e4ft, bald in die Natur versunken. Es wirkte alles wohlt\u00e4tig und beruhigend auf ihn. Er mu\u00dfte Oberlin oft in die Augen sehen, und die m\u00e4chtige Ruhe, die uns \u00fcber der ruhenden Natur, im tiefen Wald, in mondhellen, schmelzenden Sommern\u00e4chten \u00fcberf\u00e4llt, schien ihm noch n\u00e4her in diesem ruhigen Auge, diesem ehrw\u00fcrdigen ernsten Gesicht. Er war sch\u00fcchtern; aber er machte Bemerkungen, er sprach. Oberlin war sein Gespr\u00e4ch sehr angenehm, und das anmutige Kindergesicht Lenzens machte ihm gro\u00dfe Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nur solange das Licht im Tale lag, war es ihm ertr\u00e4glich; gegen Abend befiel ihn eine sonderbare Angst, er h\u00e4tte der Sonne nachlaufen m\u00f6gen. Wie die Gegenst\u00e4nde nach und nach schattiger wurden, kam ihm alles so traumartig, so zuwider vor: es kam ihm die Angst an wie Kindern, die im Dunkeln schlafen; es war ihm, als sei er blind. Jetzt wuchs sie, der Alp des Wahnsinns setzte sich zu seinen F\u00fc\u00dfen: der rettungslose\u00a0Gedanke, als sei alles nur sein Traum, \u00f6ffnete sich vor ihm; er klammerte sich an alle Gegenst\u00e4nde. Gestalten zogen rasch an ihm vorbei, er dr\u00e4ngte sich an sie; es waren Schatten, das Leben wich aus ihm, und seine Glieder waren ganz starr. Er sprach, er sang, er rezitierte Stellen aus Shakespeare, er griff nach allem, was sein Blut sonst hatte rascher flie\u00dfen machen, er versuchte alles, aber \u2013 kalt, kalt! Er mu\u00dfte dann hinaus ins Freie. Das wenige, durch die Nacht zerstreute Licht, wenn seine Augen an die Dunkelheit gew\u00f6hnt waren, machte ihm besser; er st\u00fcrzte sich in den Brunnen, die grelle Wirkung des Wassers machte ihm besser; auch hatte er eine geheime Hoffnung auf eine Krankheit \u2013 er verrichtete sein Baden jetzt mit weniger Ger\u00e4usch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch je mehr er sich in das Leben hineinlebte, ward er ruhiger. Er unterst\u00fctzte Oberlin, zeichnete, las die Bibel; alte, vergangne Hoffnungen gingen in ihm auf; das Neue Testament trat ihm hier so entgegen&#8230; Wie Oberlin ihm erz\u00e4hlte, wie ihn eine unsichtbare Hand auf der Br\u00fccke gehalten h\u00e4tte, wie auf der H\u00f6he ein Glanz seine Augen geblendet hatte, wie er eine Stimme geh\u00f6rt h\u00e4tte, wie es in der Nacht mit ihm gesprochen, und wie Gott so ganz bei ihm eingekehrt, da\u00df er kindlich seine Lose aus der Tasche holte, um zu wissen, was er tun sollte: dieser Glaube, dieser ewige Himmel im Leben, dieses Sein in Gott \u2013 jetzt erst ging ihm die Heilige Schrift auf. Wie den Leuten die Natur so nah trat, alles in himmlischen Mysterien; aber nicht gewaltsam majest\u00e4tisch, sondern noch vertraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Morgens ging er hinaus. Die Nacht war Schnee gefallen; Im Tal lag heller Sonnenschein, aber weiterhin die Landschaft halb im Nebel. Er kam bald vom Weg ab und eine sanfte H\u00f6he hinauf, keine Spur von Fu\u00dftritten mehr, neben einem Tannenwald hin; die Sonne schnitt Kristalle, der Schnee war leicht und flockig, hie und da Spur von Wild leicht auf dem Schnee, die sich ins Gebirg hinzog. Keine Regung in der Luft als ein leises Wehen, als das Rauschen eines Vogels, der die Flocken<a title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/B%C3%BCchner-WuB\" name=\"90\"><\/a>[90]leicht vom Schwanze st\u00e4ubte. Alles so still, und die B\u00e4ume weithin mit schwankenden wei\u00dfen Federn in der tiefblauen Luft. Es wurde ihm heimlich nach und nach. Die einf\u00f6rmigen, gewaltigen Fl\u00e4chen und Linien, vor denen es ihm manchmal war, als ob sie ihn mit gewaltigen T\u00f6nen anredeten, waren verh\u00fcllt; ein heimliches Weihnachtsgef\u00fchl beschlich ihn: er meinte manchmal, seine Mutter m\u00fcsse hinter einem Baume hervortreten, gro\u00df, und ihm sagen, sie hatte ihm dies alles beschert. Wie er hinunterging, sah er, da\u00df um seinen Schatten sich ein Regenbogen von Strahlen legte; es wurde ihm, als h\u00e4tte ihn was an der Stirn ber\u00fchrt, das Wesen sprach ihn an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam hinunter. Oberlin war im Zimmer; Lenz kam heiter auf ihn zu und sagte ihm, er m\u00f6ge wohl einmal predigen. \u2013 \u00bbSind Sie Theologe?\u00ab- \u00bbJa!\u00ab \u2013 \u00bbGut, n\u00e4chsten Sonntag.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lenz ging vergn\u00fcgt auf sein Zimmer. Er dachte auf einen Text zum Predigen und verfiel in Sinnen, und seine N\u00e4chte wurden ruhig. Der Sonntagmorgen kam, es war Tauwetter eingefallen. Vor\u00fcberstreifende Wolken, Blau dazwischen. Die Kirche lag neben am Berg hinauf, auf einem Vorsprung; der Kirchhof drumherum. Lenz stand oben, wie die Glocke l\u00e4utete und die Kircheng\u00e4nger, die Weiber und M\u00e4dchen in ihrer ernsten schwarzen Tracht, das wei\u00dfe gefaltete Schnupftuch auf dem Gesangbuch und den Rosmarinzweig, von den verschiedenen Seiten die schmalen Pfade zwischen den Felsen herauf- und herabkamen. Ein Sonnenblick lag manchmal \u00fcber dem Tal, die laue Luft regte sich langsam, die Landschaft schwamm im Duft, fernes Gel\u00e4ute \u2013 es war, als l\u00f6ste sich alles in eine harmonische Welle auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem kleinen Kirchhof war der Schnee weg, dunkles Moos unter den schwarzen Kreuzen; ein versp\u00e4teter Rosenstrauch lehnte an der Kirchhofmauer, versp\u00e4tete Blumen dazu unter dem Moos hervor; manchmal Sonne, dann wieder dunkel. Die Kirche fing an, die Menschenstimmen begegneten sich im reinen hellen Klang; ein Eindruck als schaue man in reines, durchsichtiges Bergwasser. Der Gesang verhallte \u2013\u00a0Lenz sprach. Er war sch\u00fcchtern; unter den T\u00f6nen hatte sein Starrkrampf sich ganz gelegt, sein ganzer Schmerz wachte jetzt auf und legte sich in sein Herz. Ein s\u00fc\u00dfes Gef\u00fchl unendlichen Wohls beschlich ihn. Er sprach einfach mit den Leuten; sie litten alle mit ihm, und es war ihm ein Trost, wenn er \u00fcber einige m\u00fcdgeweinte Augen Schlaf und gequ\u00e4lten Herzen Ruhe bringen, wenn er \u00fcber dieses von materiellen Bed\u00fcrfnissen gequ\u00e4lte Sein, diese dumpfen Leiden gen Himmel leiten konnte. Er war fester geworden, wie er schlo\u00df \u2013 da fingen die Stimmen wieder an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">La\u00df in mir die heilgen Schmerzen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tiefe Bronnen ganz aufbrechen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leiden sei all mein Gewinst,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leiden sei mein Gottesdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Das Dr\u00e4ngen in ihm, die Musik, der Schmerz, ersch\u00fctterte ihn. Das All war f\u00fcr ihn in Wunden; er f\u00fchlte tiefen, unnennbaren Schmerz davon. Jetzt ein anderes Sein: g\u00f6ttliche, zuckende Lippen b\u00fcckten sich \u00fcber ihm nieder und sogen sich an seine Lippen; er ging auf sein einsames Zimmer. Er war allein, allein! Da rauschte die Quelle, Str\u00f6me brachen aus seinen Augen, er kr\u00fcmmte sich in sich, es zuckten seine Glieder, es war ihm, als m\u00fcsse er sich aufl\u00f6sen, er konnte kein Ende finden der Wollust. Endlich d\u00e4mmerte es in ihm: er empfand ein leises tiefes Mitleid mit sich selbst, er weinte \u00fcber sich; sein Haupt sank auf die Brust, er schlief ein. Der Vollmond stand am Himmel; die Locken fielen ihm \u00fcber die Schl\u00e4fe und das Gesicht, die Tr\u00e4nen hingen ihm an den Wimpern und trockneten auf den Wangen \u2013 so lag er nun da allein, und alles war ruhig und still und kalt, und der Mond schien die ganze Nacht und stand \u00fcber den Bergen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Morgen kam er herunter, er erz\u00e4hlte Oberlin ganz ruhig, wie ihm die Nacht seine Mutter erschienen sei: sie sei in einem wei\u00dfen Kleid aus der dunkeln Kirchhofmauer hervorgetreten und habe eine wei\u00dfe und eine rote Rose an der Brust stecken gehabt; sie sei dann in eine Ecke gesunken,\u00a0und die Rosen seien langsam \u00fcber sie gewachsen, sie sei gewi\u00df tot; er sei ganz ruhig dar\u00fcber. Oberlin versetzte ihm nun, wie er bei dem Tod seines Vaters allein auf dem Felde gewesen sei und er dann eine Stimme geh\u00f6rt habe, so da\u00df er wu\u00dfte, da\u00df sein Vater tot sei; und wie er heimgekommen, sei es so gewesen. Das f\u00fchrte sie weiter: Oberlin sprach noch von den Leuten im Gebirge, von M\u00e4dchen, die das Wasser und Metall unter der Erde f\u00fchlten, von M\u00e4nnern, die auf manchen Bergh\u00f6hen angefa\u00dft w\u00fcrden und mit einem Geiste r\u00e4ngen; er sagte ihm auch, wie er einmal im Gebirg durch das Schauen in ein leeres tiefes Bergwasser in eine Art von Somnambulismus versetzt worden sei. Lenz sagte, da\u00df der Geist des Wassers \u00fcber ihn gekommen sei, da\u00df er dann etwas von seinem eigent\u00fcmlichen Sein empfunden h\u00e4tte. Er fuhr weiter fort: Die einfachste, reinste Natur hinge am n\u00e4chsten mit der elementarischen zusammen; je feiner der Mensch geistig f\u00fchlt und lebt, um so abgestumpfter w\u00fcrde dieser elementarische Sinn; er halte ihn nicht f\u00fcr einen hohen Zustand, er sei nicht selbst\u00e4ndig genug, aber er meine, es m\u00fcsse ein unendliches Wonnegef\u00fchl sein, so von dem eigent\u00fcmlichen Leben jeder Form ber\u00fchrt zu werden, f\u00fcr Gesteine, Metalle, Wasser und Pflanzen eine Seele zu haben, so traumartig jedes Wesen in der Natur in sich aufzunehmen, wie die Blumen mit dem Zu- und Abnehmen des Mondes die Luft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sprach sich selbst weiter aus: wie in allem eine unaussprechliche Harmonie, ein Ton, eine Seligkeit sei, die in den h\u00f6hern Formen mit mehr Organen aus sich herausgriffe, t\u00f6nte, auffa\u00dfte und daf\u00fcr aber auch um so tiefer affiziert w\u00fcrde; wie in den niedrigen Formen alles zur\u00fcckgedr\u00e4ngter, beschr\u00e4nkter, daf\u00fcr aber auch die Ruhe in sich gr\u00f6\u00dfer sei. Er verfolgte das noch weiter. Oberlin brach es ab, es f\u00fchrte ihn zu weit von seiner einfachen Art ab. Ein ander Mal zeigte ihm Oberlin Farbent\u00e4felchen, er setzte ihm auseinander, in welcher Beziehung jede Farbe mit dem Menschen st\u00e4nde; er brachte zw\u00f6lf Apostel heraus, deren jeder durch eine Farbe repr\u00e4sentiert\u00a0w\u00fcrde. Lenz fa\u00dfte das auf, er spann die Sache weiter, kam in \u00e4ngstliche Tr\u00e4ume und fing an, wie Stilling, die Apokalypse zu lesen, und las viel in der Bibel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese Zeit kam Kaufmann mit seiner Braut ins Steintal. Lenzen war anfangs das Zusammentreffen unangenehm; er hatte sich so ein Pl\u00e4tzchen zurechtgemacht, das bi\u00dfchen Ruhe war ihm so kostbar \u2013 und jetzt kam ihm jemand entgegen, der ihn an so vieles erinnerte, mit dem er sprechen, reden mu\u00dfte, der seine Verh\u00e4ltnisse kannte. Oberlin wu\u00dfte von allem nichts; er hatte ihn aufgenommen, gepflegt, er sah es als eine Schickung Gottes, der den Ungl\u00fccklichen ihm zugesandt h\u00e4tte, er liebte ihn herzlich. Auch war es allen notwendig, da\u00df er da war; er geh\u00f6rte zu ihnen, als w\u00e4re er schon l\u00e4ngst da, und niemand frug, woher er gekommen und wohin er gehen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung: man sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete. Die idealistische Periode fing damals an; Kaufmann war ein Anh\u00e4nger davon, Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, h\u00e4tten auch keine Ahnung davon; doch seien sie immer noch ertr\u00e4glicher als die, welche die Wirklichkeit verkl\u00e4ren wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir k\u00f6nnen wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem \u2013 Leben, M\u00f6glichkeit des Daseins, und dann ist&#8217;s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es sch\u00f6n, ob es h\u00e4\u00dflich ist. Das Gef\u00fchl, da\u00df, was geschaffen sei, Leben habe, stehe \u00fcber diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. \u00dcbrigens begegne es uns nur selten: in Shakespeare finden wir es, und in den Volksliedern t\u00f6nt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen; alles \u00fcbrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute k\u00f6nnen auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wollte man idealistische Gestalten, aber alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schm\u00e4hlichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; er h\u00e4tte dergleichen versucht im \u203aHofmeister\u2039 und den \u203aSoldaten\u2039. Es sind die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gef\u00fchlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die H\u00fclle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen mu\u00df. Man mu\u00df nur Aug und Ohren daf\u00fcr haben. Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei M\u00e4dchen sitzen: die eine band ihr Haar auf, die andre half ihr; und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht, und die andre so sorgsam bem\u00fcht. Die sch\u00f6nsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man m\u00f6chte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu k\u00f6nnen, und den Leuten zurufen. Sie standen auf, die sch\u00f6ne Gruppe war zerst\u00f6rt; aber wie sie so hinabstiegen, zwischen den Felsen, war es wieder ein anderes Bild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sch\u00f6nsten Bilder, die schwellendsten T\u00f6ne gruppieren, l\u00f6sen sich auf. Nur eins bleibt: eine unendliche Sch\u00f6nheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgebl\u00e4ttert, ver\u00e4ndert. Man kann sie aber freilich nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen, und dann alt und jung herbeirufen und die Buben und Alten dar\u00fcber radotieren und sich entz\u00fccken lassen. Man mu\u00df die Menschheit lieben, um in das eigent\u00fcmliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu h\u00e4\u00dflich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die blo\u00dfe Empfindung des Sch\u00f6nen, und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas vom \u00c4u\u00dfern hinein zu kopieren, wo einem kein Leben, keine Muskeln, kein Puls entgegenschwillt und pocht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaufmann warf ihm vor, da\u00df er in der Wirklichkeit doch keine Typen f\u00fcr einen Apoll von Belvedere oder eine Raffaelische Madonna finden w\u00fcrde. Was liegt daran, versetzte er; ich mu\u00df gestehen, ich f\u00fchle mich dabei sehr tot. Wenn ich in mir arbeite, kann ich auch wohl was dabei f\u00fchlen, aber ich tue das Beste daran.<em>\u00a0Der<\/em>\u00a0Dichter und Bildende ist mir der liebste, der mir die Natur am wirklichsten gibt, so da\u00df ich \u00fcber seinem Gebild f\u00fchle; alles \u00fcbrige st\u00f6rt mich. Die holl\u00e4ndischen Maler sind mir lieber als die italienischen, sie sind auch die einzigen fa\u00dflichen. Ich kenne nur zwei Bilder, und zwar von Niederl\u00e4ndern, die mir einen Eindruck gemacht h\u00e4tten wie das Neue Testament: das eine ist, ich wei\u00df nicht von wem, Christus und die J\u00fcnger von Emmaus. Wenn man so liest, wie die J\u00fcnger hinausgingen, es liegt gleich die ganze Natur in den paar Worten. Es ist ein tr\u00fcber, d\u00e4mmernder Abend, ein einf\u00f6rmiger roter Streifen am Horizont, halbfinster auf der Stra\u00dfe; da kommt ein Unbekannter zu ihnen, sie sprechen, er bricht das Brot; da erkennen sie ihn, in einfach-menschlicher Art, und die g\u00f6ttlich-leidenden Z\u00fcge reden ihnen deutlich, und sie erschrecken, denn es ist finster geworden, und es tritt sie etwas Unbegreifliches an; aber es ist kein gespenstisches Grauen, es ist, wie wenn einem ein geliebter Toter in der D\u00e4mmerung in der alten Art entgegentr\u00e4te: so ist das Bild mit dem einf\u00f6rmigen, br\u00e4unlichen Ton dar\u00fcber, dem tr\u00fcben stillen Abend. Dann ein anderes: Eine Frau sitzt in ihrer Kammer, das Gebetbuch in der Hand. Es ist sonnt\u00e4glich aufgeputzt, der Sand gestreut, so heimlich rein und warm. Die Frau hat nicht zur Kirche gekonnt, und sie verrichtet die Andacht zu Haus; das Fenster ist offen, sie sitzt darnach hingewandt, und es ist, als schwebten zu dem Fenster \u00fcber die weite ebne Landschaft die Glockent\u00f6ne von dem Dorfe herein und verhallet der Sang der nahen Gemeinde aus der Kirche her, und die Frau liest den Text nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In\u00a0<em>der<\/em>\u00a0Art sprach er weiter; man horchte auf, es traf vieles. Er war rot geworden \u00fcber dem Reden, und bald l\u00e4chelnd, bald ernst sch\u00fcttelte er die blonden Locken. Er hatte sich ganz vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Essen nahm ihn Kaufmann beiseite. Er hatte Briefe von Lenzens Vater erhalten, sein Sohn sollte zur\u00fcck, ihn unterst\u00fctzen.\u00a0Kaufmann sagte ihm, wie er sein Leben hier verschleudre, unn\u00fctz verliere, er solle sich ein Ziel stecken, und dergleichen mehr. Lenz fuhr ihn an: \u00bbHier weg, weg? nach Haus? Toll werden dort? Du wei\u00dft, ich kann es nirgends aushalten als da herum, in der Gegend. Wenn ich nicht manchmal auf einen Berg k\u00f6nnte und die Gegend sehen k\u00f6nnte, und dann wieder herunter ins Haus, durch den Garten gehn und zum Fenster hineinsehn \u2013 ich w\u00fcrde toll! toll! La\u00dft mich doch in Ruhe! Nur ein bi\u00dfchen Ruhe jetzt, wo es mir ein wenig wohl wird! Weg, weg? Ich verstehe das nicht, mit den zwei Worten ist die Welt verhunzt. Jeder hat was n\u00f6tig; wenn er ruhen kann, was k\u00f6nnt er mehr haben! Immer steigen, ringen und so in Ewigkeit alles, was der Augenblick gibt, wegwerfen und immer darben, um einmal zu genie\u00dfen! D\u00fcrsten, w\u00e4hrend einem helle Quellen \u00fcber den Weg springen! Es ist mir jetzt ertr\u00e4glich, und da will ich bleiben. Warum? warum? Eben weil es mir wohl ist. Was will mein Vater? Kann er mehr geben? Unm\u00f6glich! La\u00dft mich in Ruhe!\u00ab \u2013 Er wurde heftig; Kaufmann ging, Lenz war verstimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Tag wollte Kaufmann weg. Er beredete Oberlin, mit ihm in die Schweiz zu gehen. Der Wunsch, Lavater, den er l\u00e4ngst durch Briefe kannte, auch pers\u00f6nlich kennen zu, lernen, bestimmte ihn. Er sagte es zu. Man mu\u00dfte einen Tag l\u00e4nger wegen der Zur\u00fcstungen warten. Lenz fiel das aufs Herz. Er hatte, um seiner unendlichen Qual los zu werden, sich \u00e4ngstlich an alles geklammert; er f\u00fchlte in einzelnen Augenblicken tief, wie er sich alles nur zurechtmache; er ging mit sich um wie mit einem kranken Kinde. Manche Gedanken, m\u00e4chtige Gef\u00fchle wurde er nur mit der gr\u00f6\u00dften Angst los; da trieb es ihn wieder mit unendlicher Gewalt darauf, er zitterte, das Haar str\u00e4ubte ihm fast, bis er es in der ungeheuersten Anspannung ersch\u00f6pfte. Er rettete sich in eine Gestalt, die ihm immer vor Augen schwebte, und in Oberlin; seine Worte, sein Gesicht taten ihm unendlich wohl. So sah er mit Angst seiner Abreise entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Lenzen unheimlich, jetzt allein im Hause zu bleiben. Das Wetter war milde geworden: er beschlo\u00df, Oberlin zu begleiten, ins Gebirg. Auf der andern Seite, wo die T\u00e4ler sich in die Ebne ausliefen, trennten sie sich. Er ging allein zur\u00fcck. Er durchstrich das Gebirg in verschiedenen Richtungen. Breite Fl\u00e4chen zogen sich in die T\u00e4ler herab, wenig Wald, nichts als gewaltige Linien und weiter hinaus die weite, rauchende Ebne; in der Luft ein gewaltiges Wehen, nirgends eine Spur von Menschen, als hie und da eine verlassene H\u00fctte, wo die Hirten den Sommer zubrachten, an den Abh\u00e4ngen gelehnt. Er wurde still, vielleicht fast tr\u00e4umend: es verschmolz ihm alles in eine Linie, wie eine steigende und sinkende Welle, zwischen Himmel und Erde; es war ihm, als l\u00e4ge er an einem unendlichen Meer, das leise auf und ab wogte. Manchmal sa\u00df er; dann ging er wieder, aber langsam tr\u00e4umend. Er suchte keinen Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war finstrer Abend, als er an eine bewohnte H\u00fctte kam, im Abhang nach dem Steintal. Die T\u00fcre war verschlossen; er ging ans Fenster, durch das ein Lichtschimmer fiel. Eine Lampe erhellte fast nur einen Punkt: ihr Licht fiel auf das bleiche Gesicht eines M\u00e4dchens, das mit halb ge\u00f6ffneten Augen, leise die Lippen bewegend, dahinter ruhte. Weiter weg im Dunkel sa\u00df ein altes Weib, das mit schnarrender Stimme aus einem Gesangbuch sang. Nach langem Klopfen \u00f6ffnete sie; sie war halb taub. Sie trug Lenz einiges Essen auf und wies ihm eine Schlafstelle an, wobei sie best\u00e4ndig ihr Lied fortsang. Das M\u00e4dchen hatte sich nicht ger\u00fchrt. Einige Zeit darauf kam ein Mann herein; er war lang und hager, Spuren von grauen Haaren, mit unruhigem, verwirrtem Gesicht. Er trat zum M\u00e4dchen, sie zuckte auf und wurde unruhig. Er nahm ein getrocknetes Kraut von der Wand und legte ihr die Bl\u00e4tter auf die Hand, so da\u00df sie ruhiger wurde und verst\u00e4ndliche Worte in langsam ziehenden, durchschneiden den T\u00f6nen summte. Er erz\u00e4hlte, wie er eine Stimme im Gebirge geh\u00f6rt und dann \u00fcber den T\u00e4lern ein Wetterleuchten gesehen habe; auch habe es ihn angefa\u00dft, und er habe damit gerungen wie Jakob. Er\u00a0warf sich nieder und betete leise mit Inbrunst, w\u00e4hrend die Kranke in einem langsam ziehenden, leise verhallenden Ton sang. Dann gab er sich zur Ruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lenz schlummerte tr\u00e4umend ein, und dann h\u00f6rte er im Schlaf, wie die Uhr pickte. Durch das leise Singen des M\u00e4dchens und die Stimme der Alten zugleich t\u00f6nte das Sausen des Windes, bald n\u00e4her, bald ferner, und der bald helle, bald verh\u00fcllte Mond warf sein wechselndes Licht traumartig in die Stube. Einmal wurden die T\u00f6ne lauter, das M\u00e4dchen redete deutlich und bestimmt: sie sagte, wie auf der Klippe gegen\u00fcber eine Kirche stehe. Lenz sah auf, und sie sa\u00df mit weitge\u00f6ffneten Augen aufrecht hinter dem Tisch, und der Mond warf sein stilles Licht auf ihre Z\u00fcge, von denen ein unheimlicher Glanz zu strahlen schien; zugleich schnarrte die Alte, und \u00fcber diesem Wechseln und Sinken des Lichts, den T\u00f6nen und Stimmen schlief endlich Lenz tief ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erwachte fr\u00fch. In der d\u00e4mmernden Stube schlief alles, auch das M\u00e4dchen war ruhig geworden. Sie lag zur\u00fcckgelehnt, die H\u00e4nde gefaltet unter der linken Wange; das Geisterhafte aus ihren Z\u00fcgen war verschwunden, sie hatte jetzt einen Ausdruck unbeschreiblichen Leidens. Er trat ans Fenster und \u00f6ffnete es, die kalte Morgenluft schlug ihm entgegen. Das Haus lag am Ende eines schmalen, tiefen Tales, das sich nach Osten \u00f6ffnete; rote Strahlen schossen durch den grauen Morgenhimmel in das d\u00e4mmernde Tal, das im wei\u00dfen Rauch lag, und funkelten am grauen Gestein und trafen in die Fenster der H\u00fctten. Der Mann erwachte. Seine Augen trafen auf ein erleuchtet Bild an der Wand, sie richteten sich fest und starr darauf; nun fing er an, die Lippen zu bewegen, und betete leise, dann laut und immer lauter. Indem kamen Leute zur H\u00fctte herein, sie warfen sich schweigend nieder. Das M\u00e4dchen lag in Zuckungen, die Alte schnarrte ihr Lied und plauderte mit den Nachbarn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute erz\u00e4hlten Lenzen, der Mann sei vor langer Zeit in die Gegend gekommen, man wisse nicht woher; er stehe im\u00a0Ruf eines Heiligen, er sehe das Wasser unter der Erde und k\u00f6nne Geister beschw\u00f6ren, und man wallfahre zu ihm. Lenz erfuhr zugleich, da\u00df er weiter vom Steintal abgekommen; er ging weg mit einigen Holzhauern, die in die Gegend gingen. Es tat ihm wohl, Gesellschaft zu finden; es war ihm jetzt unheimlich mit dem gewaltigen Menschen, von dem es ihm manchmal war, als rede er in entsetzlichen T\u00f6nen. Auch f\u00fcrchtete er sich vor sich selbst in der Einsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam heim. Doch hatte die verflossene Nacht einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Die Welt war ihm helle gewesen, und er sp\u00fcrte an sich ein Regen und Wimmeln nach einem Abgrund, zu dem ihn eine unerbittliche Gewalt hinri\u00df. Er w\u00fchlte jetzt in sich. Er a\u00df wenig; halbe N\u00e4chte im Gebet und fieberhaften Tr\u00e4umen. Ein gewaltsames Dr\u00e4ngen, und dann ersch\u00f6pft zur\u00fcckgeschlagen; er lag in den hei\u00dfesten Tr\u00e4nen. Und dann bekam er pl\u00f6tzlich eine St\u00e4rke und erhob sich kalt und gleichg\u00fcltig; seine Tr\u00e4nen waren ihm dann wie Eis, er mu\u00dfte lachen. Je h\u00f6her er sich aufri\u00df, desto tiefer st\u00fcrzte er hinunter. Alles str\u00f6mte wieder zusammen. Ahnungen von seinem alten Zustande durchzuckten ihn und warfen Streiflichter in das w\u00fcste Chaos seines Geistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des Tags sa\u00df er gew\u00f6hnlich unten im Zimmer. Madame Oberlin ging ab und zu; er zeichnete, malte, las, griff nach jeder Zerstreuung, alles hastig von einem zum andern. Doch schlo\u00df er sich jetzt besonders an Madame Oberlin an, wenn sie so dasa\u00df, das schwarze Gesangbuch vor sich, neben eine Pflanze, im Zimmer gezogen, das j\u00fcngste Kind zwischen den Knieen; auch machte er sich viel mit dem Kinde zu tun. So sa\u00df er einmal, da wurde ihm \u00e4ngstlich, er sprang auf, ging auf und ab. Die T\u00fcr halb offen \u2013 da h\u00f6rte er die Magd singen, erst unverst\u00e4ndlich, dann kamen die Worte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Auf dieser Welt hab ich kein Freud,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab mein Schatz, und der ist weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das fiel auf ihn, er verging fast unter den T\u00f6nen. Madame Oberlin sah ihn an. Er fa\u00dfte sich ein Herz, er konnte nicht\u00a0mehr schweigen, er mu\u00dfte davon sprechen. \u00bbBeste Madame Oberlin, k\u00f6nnen Sie mir nicht sagen, was das Frauenzimmer macht, dessen Schicksal mir so zentnerschwer auf dem Herzen liegt?\u00ab \u2013 \u00bbAber Herr Lenz, ich wei\u00df von nichts.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schwieg dann wieder und ging hastig im Zimmer auf und ab; dann fing er wieder an: \u00bbSehn Sie, ich will gehen; Gott, Sie sind noch die einzigen Menschen, wo ich&#8217;s aushalten k\u00f6nnte, und doch \u2013 doch, ich mu\u00df weg, zu\u00a0<em>ihr<\/em>\u00a0\u2013 aber ich kann nicht, ich darf nicht.\u00ab \u2013 Er war heftig bewegt und ging hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend kam Lenz wieder, es d\u00e4mmerte in der Stube; er setzte sich neben Madame Oberlin. \u00bbSehn Sie,\u00ab fing er wieder an, \u00bbwenn sie so durchs Zimmer ging und so halb f\u00fcr sich allein sang, und jeder Tritt war eine Musik, es war so eine Gl\u00fcckseligkeit in ihr, und das str\u00f6mte in mich \u00fcber; ich war immer ruhig, wenn ich sie ansah oder sie so den Kopf an mich lehnte &#8230; Ganz Kind; es war, als w\u00e4r ihr die Welt zu weit: sie zog sich so in sich zur\u00fcck, sie suchte das engste Pl\u00e4tzchen im ganzen Haus, und da sa\u00df sie, als w\u00e4re ihre ganze Seligkeit nur in einem kleinen Punkt, und dann war mir&#8217;s auch so; wie ein Kind h\u00e4tte ich dann spielen k\u00f6nnen. Jetzt ist es mir so eng, so eng! Sehn Sie, es ist mir manchmal, als stie\u00df, ich mit den H\u00e4nden an den Himmel; o, ich ersticke! Es ist mir dabei oft, als f\u00fchlt ich physischen Schmerz, da in der linken Seite, im Arm, womit ich sie sonst fa\u00dfte. Doch kann ich sie mir nicht mehr vorstellen, das Bild l\u00e4uft mir fort, und dies martert mich; nur wenn es mir manchmal ganz hell wird, so ist mir wieder recht wohl.\u00ab \u2013 Er sprach sp\u00e4ter noch oft mit Madame Oberlin davon, aber meist in abgebrochenen S\u00e4tzen; sie wu\u00dfte wenig zu antworten, doch tat es ihm wohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen ging es fort mit seinen religi\u00f6sen Qu\u00e4lereien. Je leerer, je k\u00e4lter, je sterbender er sich innerlich f\u00fchlte, desto mehr dr\u00e4ngte es ihn, eine Glut in sich zu wecken; es kamen ihm Erinnerungen an die Zeiten, wo alles in ihm sich dr\u00e4ngte, wo er unter all seinen Empfindungen keuchte. Und jetzt so tot. Er verzweifelte an sich selbst; dann warf er sich nieder, er\u00a0rang die H\u00e4nde, er r\u00fchrte alles in sich auf- aber tot! tot! Dann flehte er, Gott m\u00f6ge ein Zeichen an ihm tun; dann w\u00fchlte er in sich, fastete, lag tr\u00e4umend am Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 3. Hornung h\u00f6rte er, ein Kind in Fouday sei gestorben, das Friederike hie\u00df; er fa\u00dfte es auf wie eine fixe Idee. Er zog sich in sein Zimmer und fastete einen Tag. Am 4. trat er pl\u00f6tzlich ins Zimmer zu Madame Oberlin; er hatte sich das Gesicht mit Asche beschmiert und forderte einen alten Sack. Sie erschrak; man gab ihm, was er verlangte. Er wickelte den Sack um sich, wie ein B\u00fc\u00dfender, und schlug den Weg nach Fouday ein. Die Leute im Tale waren ihn schon gewohnt; man erz\u00e4hlte sich allerlei Seltsames von ihm. Er kam ins Haus, wo das Kind lag. Die Leute gingen gleichg\u00fcltig ihrem Gesch\u00e4fte nach; man wies ihm eine Kammer: das Kind lag im Hemde auf Stroh, auf einem Holztisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lenz schauderte, wie er die kalten Glieder ber\u00fchrte und die halbge\u00f6ffneten gl\u00e4sernen Augen sah. Das Kind kam ihm so verlassen vor, und er sich so allein und einsam. Er warf sich \u00fcber die Leiche nieder. Der Tod erschreckte ihn, ein heftiger Schmerz fa\u00dfte ihn an: diese Z\u00fcge, dieses stille Gesicht sollte verwesen \u2013 er warf sich nieder; er betete mit allem Jammer der Verzweiflung, da\u00df Gott ein Zeichen an ihm tue und das Kind beleben m\u00f6ge &#8230;; dann sank er ganz in sich und w\u00fchlte all seinen Willen auf einen Punkt. So sa\u00df er lange starr. Dann erhob er sich und fa\u00dfte die H\u00e4nde des Kindes und sprach laut und fest: \u00bbStehe auf und wandle!\u00ab Aber die W\u00e4nde hallten ihm n\u00fcchtern den Ton nach, da\u00df es zu spotten schien, und die Leiche blieb kalt. Da st\u00fcrzte er halb wahnsinnig nieder; dann jagte es ihn auf, hinaus ins Gebirg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolken zogen rasch \u00fcber den Mond; bald alles im Finstern, bald zeigten sie die nebelhaft verschwindende Landschaft im Mondschein. Er rannte auf und ab. In seiner Brust war ein Triumphgesang der H\u00f6lle. Der Wind klang wie ein Titanenlied. Es war ihm, als k\u00f6nnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeirei\u00dfen und zwischen seinen\u00a0Wolken schleifen; als k\u00f6nnte er die Welt mit den Z\u00e4hnen zermalmen und sie dem Sch\u00f6pfer ins Gesicht speien; er schwur, er l\u00e4sterte. So kam er auf die H\u00f6he des Gebirges, und das ungewisse Licht dehnte sich hinunter, wo die wei\u00dfen Steinmassen lagen, und der Himmel war ein dummes blaues Aug, und der Mond stand ganz l\u00e4cherlich drin, einf\u00e4ltig. Lenz mu\u00dfte laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fa\u00dfte ihn ganz sicher und ruhig und fest. Er wu\u00dfte nicht mehr, was ihn vorhin so bewegt hatte, es fror ihn; er dachte, er wolle jetzt zu Bette gehn, und er ging kalt und unersch\u00fctterlich durch das unheimliche Dunkel \u2013 es war ihm alles leer und hohl, er mu\u00dfte laufen und ging zu Bette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Tag befiel ihn ein gro\u00dfes Grauen vor seinem gestrigen Zustand. Er stand nun am Abgrund, wo eine wahnsinnige Lust ihn trieb, immer wieder hineinzuschauen und sich diese Qual zu wiederholen. Dann steigerte sich seine Angst, die S\u00fcnde wider den Heiligen Geist stand vor ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Tage darauf kam Oberlin aus der Schweiz zur\u00fcck, viel fr\u00fcher, als man es erwartet hatte. Lenz war dar\u00fcber betroffen. Doch wurde er heiter, als Oberlin ihm von seinen Freunden im Elsa\u00df erz\u00e4hlte. Oberlin ging dabei im Zimmer hin und her und packte aus, legte hin. Dabei erz\u00e4hlte er von Pfeffel, das Leben eines Landgeistlichen gl\u00fccklich preisend. Dabei ermahnte er ihn, sich in den Wunsch seines Vaters zu f\u00fcgen, seinem Berufe gem\u00e4\u00df zu leben, heimzukehren. Er sagte ihm: \u00bbEhre Vater und Mutter!\u00ab und dergleichen mehr. \u00dcber dem Gespr\u00e4ch geriet Lenz in heftige Unruhe; er stie\u00df tiefe Seufzer aus, Tr\u00e4nen drangen ihm aus den Augen, er sprach abgebrochen. \u00bbJa, ich halt es aber nicht aus; wollen Sie mich versto\u00dfen? Nur in Ihnen ist der Weg zu Gott. Doch mit mir ist&#8217;s aus! Ich bin abgefallen, verdammt in Ewigkeit, ich bin der Ewige Jude.\u00ab Oberlin sagte ihm, daf\u00fcr sei Jesus gestorben; er m\u00f6ge sich br\u00fcnstig an ihn wenden, und er w\u00fcrde teilhaben an seiner Gnade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lenz erhob das Haupt, rang die H\u00e4nde und sagte: \u00bbAch! ach! g\u00f6ttlicher Trost \u2013 .\u00ab Dann frug er pl\u00f6tzlich freundlich, was das Frauenzimmer mache. Oberlin sagte, er wisse von nichts, er wolle ihm aber in allem helfen und raten; er m\u00fcsse ihm aber Ort, Umst\u00e4nde und Person angeben. Er antwortete nichts wie gebrochne Worte: \u00bbAch, ist sie tot? Lebt sie noch? Der Engel! Sie liebte mich \u2013 ich liebte sie, sie war&#8217;s w\u00fcrdig \u2013 o der Engel! Verfluchte Eifersucht, ich habe sie aufgeopfert \u2013 sie liebte noch einen andern \u2013 ich liebte sie, sie war&#8217;s w\u00fcrdig \u2013 o gute Mutter, auch die liebte mich \u2013 ich bin euer M\u00f6rder!\u00ab Oberlin versetzte: vielleicht lebten alle diese Personen noch, vielleicht vergn\u00fcgt; es m\u00f6ge sein, wie es wolle, so k\u00f6nne und werde Gott, wenn er sich zu ihm bekehrt haben w\u00fcrde, diesen Personen auf sein Gebet und Tr\u00e4nen so viel Gutes erweisen, da\u00df der Nutzen, den sie alsdann von ihm h\u00e4tten, den Schaden, den er ihnen zugef\u00fcgt, vielleicht \u00fcberwiegen w\u00fcrde. Er wurde darauf nach und nach ruhiger und ging wieder an sein Malen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Nachmittag kam er wieder. Auf der linken Schulter hatte er ein St\u00fcck Pelz und in der Hand ein B\u00fcndel Gerten, die man Oberlin nebst einem Briefe f\u00fcr Lenz mitgegeben hatte. Er reichte Oberlin die Gerten mit dem Begehren, er sollte ihn damit schlagen. Oberlin nahm die Gerten aus seiner Hand, dr\u00fcckte ihm einige K\u00fcsse auf den Mund und sagte: dies w\u00e4ren die Streiche, die er ihm zu geben h\u00e4tte; er m\u00f6chte ruhig sein, seine Sache mit Gott allein ausmachen, alle m\u00f6glichen Schl\u00e4ge w\u00fcrden keine einzige seiner S\u00fcnden tilgen; daf\u00fcr h\u00e4tte Jesus gesorgt, zu dem m\u00f6chte er sich wenden. Er ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Nachtessen war er wie gew\u00f6hnlich etwas tiefsinnig. Doch sprach er von allerlei, aber mit \u00e4ngstlicher Hast. Um Mitternacht wurde Oberlin durch ein Ger\u00e4usch geweckt. Lenz rannte durch den Hof, rief mit hohler, harter Stimme den Namen Friederike, mit \u00e4u\u00dferster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung ausgesprochen; er st\u00fcrzte sich dann in den Brunnentrog, patschte darin, wieder heraus und herauf in sein Zimmer, wieder herunter in den Trog, und so einigemal \u2013\u00a0endlich wurde er still. Die M\u00e4gde, die in der Kinderstube unter ihm schliefen, sagten, sie h\u00e4tten oft, insonderheit aber in selbiger Nacht, ein Brummen geh\u00f6rt, das sie mit nichts als mit dem Tone einer Haberpfeife zu vergleichen w\u00fc\u00dften. Vielleicht war es sein Winseln, mit hohler, f\u00fcrchterlicher, verzweifelnder Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Morgen kam Lenz lange nicht. Endlich ging Oberlin hinauf in sein Zimmer: er lag im Bett, ruhig und unbeweglich. Oberlin mu\u00dfte lange fragen, ehe er Antwort bekam; endlich sagte er \u00bbJa, Herr Pfarrer, sehen Sie, die Langeweile! die Langeweile! o, so langweilig! Ich wei\u00df gar nicht mehr, was ich sagen soll; ich habe schon allerlei Figuren an die Wand gezeichnet.\u00ab Oberlin sagte ihm, er m\u00f6ge sich zu Gott wenden; da lachte er und sagte: \u00bbJa, wenn ich so gl\u00fccklich w\u00e4re wie Sie, einen so behaglichen Zeitvertreib aufzufinden, ja, man k\u00f6nnte sich die Zeit schon so ausf\u00fcllen. Alles aus M\u00fc\u00dfiggang. Denn die meisten beten aus Langeweile, die andern verlieben sich aus Langeweile, die dritten sind tugendhaft, die vierten lasterhaft, und ich gar nichts, gar nichts, ich mag mich nicht einmal umbringen: es ist zu langweilig!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O Gott! in deines Lichtes Welle,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In deines gl\u00fchnden Mittags Helle,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind meine Augen wund gewacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird es denn niemals wieder Nacht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberlin blickte ihn unwillig an und wollte gehen. Lenz huschte ihm nach, und indem er ihn mit unheimlichen Augen ansah: \u00bbSehn Sie, jetzt kommt mir doch was ein, wenn ich nur unterscheiden k\u00f6nnte, ob ich tr\u00e4ume oder wache; sehn Sie, das ist sehr wichtig, wir wollen es untersuchen\u00ab- er huschte dann wieder ins Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Nachmittag wollte Oberlin in der N\u00e4he einen Besuch machen; seine Frau war schon fort. Er war im Begriff wegzugehen, als es an seine T\u00fcre klopfte und Lenz hereintrat mit vorw\u00e4rts gebogenem Leib, niederw\u00e4rts h\u00e4ngendem Haupt, das Gesicht \u00fcber und \u00fcber und das Kleid hie und da mit Asche bestreut,\u00a0mit der rechten Hand den linken Arm haltend. Er bat Oberlin, ihm den Arm zu ziehen: er h\u00e4tte ihn verrenkt, er h\u00e4tte sich zum Fenster heruntergest\u00fcrzt; weil es aber niemand gesehen, wolle er es auch niemand sagen. Oberlin erschrak heftig, doch sagte er nichts; er tat, was Lenz begehrte. Zugleich schrieb er an den Schulmeister Sebastian Scheidecker von Bellefosse, er m\u00f6ge herunterkommen, und gab ihm Instruktionen. Dann ritt er weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann kam. Lenz hatte ihn schon oft gesehen und hatte sich an ihn attachiert. Er tat, als h\u00e4tte er mit Oberlin etwas reden wollen, wollte dann wieder weg. Lenz bat ihn zu bleiben, und so blieben sie beisammen. Lenz schlug noch einen Spaziergang nach Fouday vor. Er besuchte das Grab des Kindes, das er hatte erwecken wollen, kniete zu verschiedenen Malen nieder, k\u00fc\u00dfte die Erde des Grabes, schien betend, doch mit gro\u00dfer Verwirrung, ri\u00df etwas von der auf dem Grab stehenden Krone ab, als ein Andenken, ging wieder zur\u00fcck nach Waldbach, kehrte wieder um, und Sebastian mit. Bald ging er langsam und klagte \u00fcber gro\u00dfe Schw\u00e4che in den Gliedern, dann ging er mit verzweifelnder Schnelligkeit; die Landschaft be\u00e4ngstigte ihn, sie war so eng, da\u00df er an alles zu sto\u00dfen f\u00fcrchtete. Ein unbeschreibliches Gef\u00fchl des Mi\u00dfbehagens befiel ihn; sein Begleiter ward ihm endlich l\u00e4stig, auch mochte er seine Absicht erraten und suchte Mittel, ihn zu entfernen. Sebastian schien ihm nachzugeben, fand aber heimlich Mittel, seinen Bruder von der Gefahr zu benachrichtigen, und nun hatte Lenz zwei Aufseher, statt einen. Er zog sie wacker herum; endlich ging er nach Waldbach zur\u00fcck, und da sie nahe am Dorfe waren, kehrte er wie ein Blitz wieder um und sprang wie ein Hirsch gen Fouday zur\u00fcck. Die M\u00e4nner setzten ihm nach. Indem sie ihn in Fouday suchten, kamen zwei Kr\u00e4mer und erz\u00e4hlten ihnen, man h\u00e4tte in einem Hause einen Fremden gebunden, der sich f\u00fcr einen M\u00f6rder ausg\u00e4be, der aber gewi\u00df kein M\u00f6rder sein k\u00f6nne. Sie liefen in dies Haus und fanden es so. Ein junger Mensch hatte ihn, auf sein ungest\u00fcmes Dringen,\u00a0in der Angst gebunden. Sie banden ihn los und brachten ihn gl\u00fccklich nach Waldbach, wohin Oberlin indessen mit seiner Frau zur\u00fcckgekommen war. Er sah verwirrt aus. Da er aber merkte, da\u00df er liebreich und freundlich empfangen wurde, bekam er wieder Mut; sein Gesicht ver\u00e4nderte sich vorteilhaft, er dankte seinen beiden Begleitern freundlich und z\u00e4rtlich, und der Abend ging ruhig herum. Oberlin bat ihn inst\u00e4ndig, nicht mehr zu baden, die Nacht ruhig im Bette zu bleiben, und wenn er nicht schlafen k\u00f6nne, sich mit Gott zu unterhalten. Er versprach&#8217;s und tat es so die folgende Nacht; die M\u00e4gde h\u00f6rten ihn fast die ganze Nacht hindurch beten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den folgenden Morgen kam er mit vergn\u00fcgter Miene auf Oberlins Zimmer. Nachdem sie verschiedenes gesprochen hatten, sagte er mit ausnehmender Freundlichkeit: \u00bbLiebster Herr Pfarrer, das Frauenzimmer, wovon ich Ihnen sagte, ist gestorben, ja, gestorben \u2013 der Engel!\u00ab \u2013 \u00bbWoher wissen Sie das?\u00ab \u2013 \u00bbHieroglyphen, Hieroglyphen!\u00ab und dann zum Himmel geschaut und wieder: \u00bbJa, gestorben \u2013 Hieroglyphen!\u00ab Es war dann nichts weiter aus ihm zu bringen. Er setzte sich und schrieb einige Briefe, gab sie sodann Oberlin mit der Bitte, einige Zeilen dazu zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Zustand war indessen immer trostloser geworden. Alles, was er an Ruhe aus der Nahe Oberlins und aus der Stille des Tals gesch\u00f6pft hatte, war weg; die Welt, die er hatte nutzen wollen, hatte einen ungeheuern Ri\u00df; er hatte keinen Ha\u00df, keine Liebe, keine Hoffnung \u2013 eine schreckliche Leere, und doch eine folternde Unruhe, sie auszuf\u00fcllen. Er hatte\u00a0<em>nichts<\/em>. Was er tat, tat er nicht mit Bewu\u00dftsein, und doch zwang ihn ein innerlicher Instinkt. Wenn er allein war, war es ihm so entsetzlich einsam, da\u00df er best\u00e4ndig laut mit sich redete, rief, und dann erschrak er wieder, und es war ihm, als h\u00e4tte eine fremde Stimme mit ihm gesprochen. Im Gespr\u00e4ch stockte er oft, eine unbeschreibliche Angst befiel ihn, er hatte das Ende seines Satzes verloren; dann meinte er, er m\u00fcsse das zuletzt gesprochene Wort behalten und immer sprechen, nur mit gro\u00dfer Anstrengung\u00a0unterdr\u00fcckte er diese Gel\u00fcste. Es bek\u00fcmmerte die guten Leute tief, wenn er manchmal in ruhigen Augenblicken bei ihnen sa\u00df und unbefangen sprach, und er dann stockte und eine unaussprechliche Angst sich in seinen Z\u00fcgen malte, er die Personen, die ihm zun\u00e4chst sa\u00dfen, krampfhaft am Arm fa\u00dfte und erst nach und nach wieder zu sich kam. War er allein oder las er, war&#8217;s noch \u00e4rger; all seine geistige T\u00e4tigkeit blieb manchmal in einem Gedanken h\u00e4ngen. Dachte er an eine fremde Person, oder stellte er sie sich lebhaft vor, so war es ihm, als w\u00fcrde er sie selbst; er verwirrte sich ganz, und dabei hatte er einen unendlichen Trieb, mit allem um ihn im Geiste willk\u00fcrlich umzugehen \u2013 die Natur, Menschen, nur Oberlin ausgenommen, alles traumartig, kalt. Er am\u00fcsierte sich, die H\u00e4user auf die D\u00e4cher zu stellen, die Menschen an- und auszukleiden, die wahnwitzigsten Possen auszusinnen. Manchmal f\u00fchlte er einen unwiderstehlichen Drang, das Ding, das er gerade im Sinne hatte, auszuf\u00fchren, und dann schnitt er entsetzliche Fratzen. Einst sa\u00df er neben Oberlin, die Katze lag gegen\u00fcber auf einem Stuhl. Pl\u00f6tzlich wurden seine Augen starr, er hielt sie unverr\u00fcckt auf das Tier gerichtet; dann glitt er langsam den Stuhl herunter, die Katze ebenfalls: sie war wie bezaubert von seinem Blick, sie geriet in ungeheure Angst, sie str\u00e4ubte sich scheu; Lenz mit den n\u00e4mlichen T\u00f6nen, mit f\u00fcrchterlich entstelltem Gesicht; wie in Verzweiflung st\u00fcrzten beide aufeinander los \u2013 da endlich erhob sich Madame Oberlin, um sie zu trennen. Dann war er wieder tief besch\u00e4mt. Die Zuf\u00e4lle des Nachts steigerten sich aufs schrecklichste. Nur mit der gr\u00f6\u00dften M\u00fche schlief er ein, w\u00e4hrend er zuvor noch die schreckliche Leere zu f\u00fcllen versucht hatte. Dann geriet er zwischen Schlaf und Wachen in einen entsetzlichen Zustand: er stie\u00df an etwas Grauenhaftes, Entsetzliches, der Wahnsinn packte ihn; er fuhr mit f\u00fcrchterlichem Schreien, in Schwei\u00df gebadet, auf, und erst nach und nach fand er sich wieder. Er mu\u00dfte dann mit den einfachsten Dingen anfangen, um wieder zu sich zu kommen. Eigentlich nicht er selbst tat es, sondern\u00a0ein m\u00e4chtiger Erhaltungstrieb: es war, als sei er doppelt, und der eine Teil suche den andern zu retten und riefe sich selbst zu; er erz\u00e4hlte, er sagte in der heftigsten Angst Gedichte her, bis er wieder zu sich kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch bei Tage bekam er diese Zuf\u00e4lle, sie waren dann noch schrecklicher; denn sonst hatte ihn die Helle davor bewahrt. Es war ihm dann, als existiere er allein, als best\u00fcnde die Welt nur in seiner Einbildung, als sei nichts als er; er sei das ewig Verdammte, der Satan, allein mit seinen folternden Vorstellungen. Er jagte mit rasender Schnelligkeit sein Leben durch, und dann sagte er: \u00bbKonsequent, konsequent\u00ab; wenn jemand was sprach: \u00bbInkonsequent, inkonsequent\u00ab; \u2013 es war die Kluft unrettbaren Wahnsinns, eines Wahnsinns durch die Ewigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trieb der geistigen Erhaltung jagte ihn auf: er st\u00fcrzte sich in Oberlins Arme, er klammerte sich an ihn, als wolle er sich in ihn dr\u00e4ngen; er war das einzige Wesen, das f\u00fcr ihn lebte und durch den ihm wieder das Leben offenbart wurde. Allm\u00e4hlich brachten ihn Oberlins Worte dann zu sich; er lag auf den Knieen vor Oberlin, seine H\u00e4nde in den H\u00e4nden Oberlins, sein mit kaltem Schwei\u00df bedecktes Gesicht auf dessen Scho\u00df, am ganzen Leibe bebend und zitternd. Oberlin empfand unendliches Mitleid, die Familie lag auf den Knieen und betete f\u00fcr den Ungl\u00fccklichen, die M\u00e4gde flohen und hielten ihn f\u00fcr einen Besessenen. Und wenn er ruhiger wurde, war es wie der Jammer eines Kindes: er schluchzte, er empfand ein tiefes, tiefes Mitleid mit sich selbst; das waren auch seine seligsten Augenblicke. Oberlin sprach ihm von Gott. Lenz wand sich ruhig los und sah ihn mit einem Ausdruck unendlichen Leidens an, und sagte endlich: \u00bbAber ich w\u00e4r ich allm\u00e4chtig, sehen Sie, wenn ich so w\u00e4re, ich k\u00f6nnte das Leiden nicht ertragen, ich w\u00fcrde retten, retten; ich will ja nichts als Ruhe, Ruhe, nur ein wenig Ruhe, um schlafen zu k\u00f6nnen.\u00ab Oberlin sagte, dies sei eine Profanation. Lenz sch\u00fcttelte trostlos mit dem Kopfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die halben Versuche zum Entleiben, die er indes fortw\u00e4hrend machte, waren nicht ganz ernst. Es war weniger der Wunsch des Todes \u2013 f\u00fcr ihn war ja keine Ruhe und Hoffnung im Tode \u2013, es war mehr in Augenblicken der f\u00fcrchterlichsten Angst oder der dumpfen, ans Nichtsein grenzenden Ruhe ein Versuch, sich zu sich selbst zu bringen durch physischen Schmerz. Augenblicke, worin sein Geist sonst auf irgendeiner wahnwitzigen Idee zu reiten schien, waren noch die gl\u00fccklichsten. Es war doch ein wenig Ruhe, und sein wirrer Blick war nicht so entsetzlich als die nach Rettung d\u00fcrstende Angst, die ewige Qual der Unruhe! Oft schlug er sich den Kopf an die Wand oder verursachte sich sonst einen heftigen physischen Schmerz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den 8. morgens blieb er im Bette, Oberlin ging hinauf; er lag fast nackt auf dem Bette und war heftig bewegt. Oberlin wollte ihn zudecken, er klagte aber sehr, wie schwer alles sei, so schwer! er glaube gar nicht, da\u00df er gehen k\u00f6nne; jetzt endlich empfinde er die ungeheure Schwere der Luft. Oberlin sprach ihm Mut zu. Er blieb aber in seiner fr\u00fchern Lage und blieb den gr\u00f6\u00dften Teil des Tages so, auch nahm er keine Nahrung zu sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend wurde Oberlin zu einem Kranken nach Bellefosse gerufen. Es war gelindes Wetter und Mondschein. Auf dem R\u00fcckweg begegnete ihm Lenz. Er schien ganz vern\u00fcnftig und sprach ruhig und freundlich mit Oberlin. Der bat ihn, nicht zu weit zu gehen; er versprach&#8217;s. Im Weggehn wandte er sich pl\u00f6tzlich um und trat wieder ganz nahe zu Oberlin und sagte rasch: \u00bbSehn Sie, Herr Pfarrer, wenn ich das nur nicht mehr h\u00f6ren m\u00fc\u00dfte, mir w\u00e4re geholfen.\u00ab-\u00bbWas denn, mein Lieber?\u00ab \u2013 \u00bbH\u00f6ren Sie denn nichts? h\u00f6ren Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man gew\u00f6hnlich die Stille hei\u00dft? Seit ich in dem stillen Tal bin, h\u00f6r ich&#8217;s immer, es l\u00e4\u00dft mich nicht schlafen; ja, Herr Pfarrer, wenn ich wieder einmal schlafen k\u00f6nnte!\u00ab Er ging dann kopfsch\u00fcttelnd weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberlin ging zur\u00fcck nach Waldbach und wollte ihm jemand nachschicken, als er ihn die Stiege herauf in sein Zimmer gehen h\u00f6rte. Einen Augenblick darauf platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, da\u00df es Oberlin unm\u00f6glich von dem Fall eines Menschen herkommen zu k\u00f6nnen schien. Die Kindsmagd kam todbla\u00df und ganz zitternd &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sa\u00df mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Tal hervor nach Westen fuhren. Es war ihm einerlei, wohin man ihn f\u00fchrte. Mehrmals, wo der Wagen bei dem schlechten Wege in Gefahr geriet, blieb er ganz ruhig sitzen; er war vollkommen gleichg\u00fcltig. In diesem Zustand legte er den Weg durchs Gebirg zur\u00fcck. Gegen Abend waren sie im Rheintale. Sie entfernten sich allm\u00e4hlich vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Kristallwelle sich in das Abendrot hob, und auf deren warmer Flut die roten Strahlen des Abends spielten; \u00fcber die Ebene hin am Fu\u00dfe des Gebirgs lag ein schimmerndes, bl\u00e4uliches Gespinst. Es wurde finster, je mehr sie sich Stra\u00dfburg n\u00e4herten; hoher Vollmond, alle fernen Gegenst\u00e4nde dunkel, nur der Berg neben bildete eine scharfe Linie; die Erde war wie ein goldner Pokal, \u00fcber den sch\u00e4umend die Goldwellen des Mondes liefen. Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung, kein Drang; nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenst\u00e4nde sich in der Finsternis verloren. Sie mu\u00dften einkehren. Da machte er wieder mehrere Versuche, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Morgen, bei tr\u00fcbem, regnerischem Wetter, trat er in Stra\u00dfburg ein. Er schien ganz vern\u00fcnftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er f\u00fchlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lebte er hin &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Lenz<\/b> erschien posthum 1839 in der Zeitschrift Telegraph f\u00fcr Deutschland. Ihre genaue Entstehungszeit ist unbekannt, B\u00fcchner hat sich aber nachweislich sp\u00e4testens seit dem Fr\u00fchjahr 1835 mit dem Stoff besch\u00e4ftigt und hat die Arbeit daran vor Januar 1836 beendet. Die Behauptung, es handele sich bei dem Text um ein Fragment, ist ebenso umstritten wie seine Kategorisierung als Novelle.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Ist B\u00fcchners \u201eLenz\u201c \u2013 ein psychiatrischer Fall? \u2013 Bringt die diarische Aufzeichnungsform als Prosa eine Erz\u00e4hlung oder eine Novelle hervor? &nbsp; Den 20. J\u00e4nner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergfl\u00e4chen im Schnee, die T\u00e4ler&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/20\/lenz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":120,"featured_media":98090,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[892],"class_list":["post-18934","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-georg-buchner"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18934","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/120"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18934"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18934\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102597,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18934\/revisions\/102597"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98090"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18934"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18934"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18934"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}