{"id":18838,"date":"2013-10-31T00:01:51","date_gmt":"2013-10-30T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18838"},"modified":"2019-12-29T17:23:01","modified_gmt":"2019-12-29T16:23:01","slug":"was-ich-schon-lange-sagen-wollte-ein-pladoyer-fur-die-kurzgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/31\/was-ich-schon-lange-sagen-wollte-ein-pladoyer-fur-die-kurzgeschichte\/","title":{"rendered":"Was ich schon lange sagen wollte. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Kurzgeschichte."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Der Weg ist einfach, wenn du klug genug bist, mit leichtem Gep\u00e4ck zureisen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Alice Munro, aus: \u201e Tricks\u201c 2004<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;Lange hat es gedauert, bis die Schriftstellerin Alice Munro (*1931) nicht nur in ihrer kanadischen Heimat mit ihren Kurzgeschichten ernstgenommen wurde (Griller Prize), sondern auch f\u00fcr ihr Lebenswerk das sie diesem Genre gewidmet hat, mit der h\u00f6chsten Auszeichnung, dem Literatur-Nobelpreis 2013, bedacht worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Back in the 1950s and 60s, when Munro began, there was a feeling that not only female writers but Canadians were thought to be both trespassing and transgressing. Munro found herself referred to as &#8217;some housewife&#8216;, and was told that her subject matter, being too &#8218;domestic&#8216;, was boring. A male writer told her she wrote good stories, but he wouldn&#8217;t want to sleep with her. &#8218;Nobody invited him,&#8216; said Munro tartly. When writers occur in Munro stories, they are pretentious, or exploitative of others; or they&#8217;re being asked by their relatives why they aren&#8217;t famous, or &#8211; worse, if female &#8211; why they aren&#8217;t better-looking.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Margaret Atwood<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturkritiker und wie es scheint auch die Verlage, betrachten Kurzgeschichten noch immer als eine Art \u00dcbungsform f\u00fcr den Roman- quasi als die kleine Schwester der \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlform\u201c. Die Entscheidung fiel damit nicht nur f\u00fcr die Autorin, sondern auch f\u00fcr die W\u00fcrdigung der Form der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wird die Nachfrage allgemein nach Erz\u00e4hlb\u00e4nden \u2013 und nicht nur das Dutzend der Nobelpreistr\u00e4gerin \u2013 nach der noblen W\u00fcrdigung steigen d\u00fcrfen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-18843\" title=\"16818_FL_munro_tricks_rz\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover8-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover8-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover8-674x1024.jpg 674w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover8.jpg 778w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Die Kurzgeschichte, wie sie begrifflich heute im deutschsprachigem Raum verwendet wird, wurde in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wesentlich von der amerikanischen short story beeinflusst. Diese kam um 1820 in Amerika auf und griff damals selbst auf die europ\u00e4ischen Kurzformen wie Novelle, Anekdote, Kalendergeschichte und Essay zur\u00fcck. W\u00e4hrend sich also im amerikanischen Raum die Kurzerz\u00e4hlung gro\u00dfer Beliebtheit erfreute und auflagenstark in Magazinen, Zeitschriften und Anthologien beg\u00fcnstigt und gef\u00f6rdert wurde und innerhalb weniger Jahre zur beliebtesten literarischen Gattung in England und den USA aufstieg, befand\/befindet sich die deutschsprachige Kurzgeschichte in einem Konkurrenzkampf zu anderen traditionellen Erz\u00e4hlformen, allen voran dem Roman.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Mir scheint, dass sie sich einmal f\u00fcr die Form der Story entschieden hat, weil sie diesen festen Boden braucht, um sich ganz und gar den menschlichen Eigenheiten und Abgr\u00fcnden stellen zu k\u00f6nnen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ingo Schulze<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der O. Henry-Preis, ein j\u00e4hrlich vergebener gro\u00dfer Literaturpreis f\u00fcr englischsprachige Kurzgeschichten, der nach dem gleichnamigen amerikanischen Schriftsteller benannt wurde, wird seit 1919 (!) verliehen. Ein angemessenes Anerkennungspendant f\u00fcr deutschsprachige Kurzgeschichten gibt es nicht, wenngleich mittlerweile sehr viele kleinere und gr\u00f6\u00dfere Literaturpreise versuchen, aufgesplittert und auf den deutschsprachigen Raum verteilt, \u00e4hnliche Pionierleistungen zu leisten, wie bereits vor knapp 100 Jahren in Amerika. Doch ziehen die Verlage bei uns noch nicht so mit&nbsp; wie im angels\u00e4chsischen Raum. Einen Erz\u00e4hlband als Deb\u00fctwerk vorlegen gelang z.B. einer Judith Hermann 1998 (Sommerhaus, sp\u00e4ter) f\u00fcr den sie den Kleist-Preis und zwei weitere Preise bekam. Diesem Band folgte 2003 der Erz\u00e4hlband \u201eNichts als Gespenster\u201c von dem einzelne Geschichten 2007 f\u00fcr das deutsche Kino verfilmt wurden. Auch der dritte Band der 1970 in Berlin geborenen Autorin, \u201eAlice\u201c , ist ein Erz\u00e4hlband und erhielt den Friedrich-H\u00f6lderlin-Preis. Tritt diese Judith Hermann, die eine gro\u00dfe Verehrerin und Kennerin von Alice Munros Texten ist, im europ\u00e4ischem Raum in deren Fu\u00dfstapfen, wird es ihr und \u00e4hnlich guten Kurzgeschichten-SchriftstellerInnen gelingen, auch die Verlage zu \u00fcberzeugen, die Kurzgeschichten-Renaissance im deutschsprachigem Raum bed\u00fcrfnisgerecht f\u00fcr die Leser und Leserinnen mitzutragen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Werden die deutschsprachigen Verlage eine Reaktion auf diesen literarischen Markstein zeigen und mit einer Wendung reagieren?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer noch immer dazu neigt, den Erz\u00e4hlband als \u201eZweitbuch\u201c aufzulegen, anstatt in Zeiten der Schnelllebigkeit, in Zeiten der gro\u00dfen medialen Konkurrenz, in Zeiten in der geistige Nahrung &#8211; die Bildung \u00fcber das Wort \u2013 nicht zum berechtigten Erstbuch werden l\u00e4sst f\u00fcr die Deb\u00fctantInnen unter den Autoren und Autorinnen ebenso wie f\u00fcr zunehmend interessierte Leser und Leserinnen, wird die Schere nicht zweischneidig schlie\u00dfen: der Konkurrenz zu schnelllebigen Medien wie z.B. dem e-book genauso etwas entgegen zusetzen wie dem \u201equality fastreading\u201c, dem Hunger nach besonderen anregenden kurzen Leseeinheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was macht eine gute Kurzgeschichte aus, was hebt diese moderne literarische Form der Prosa von anderen Erz\u00e4hlungen ab?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Merkmale gelten Alltagsn\u00e4he, ein unvermittelter Anfang, meistens auch ein abrupter offener Schluss der keine eindeutigen L\u00f6sungen wie im Roman anbietet, das Erz\u00e4hlte zeigt analog einer Szene im Film einen Ausschnitt aus einem nicht erz\u00e4hltem gr\u00f6\u00dferem Zusammenhang. Gerade die Kunst der Auslassung ist es, was dieses Genre als auch den in diesem Metier gewandten Schriftsteller ausmacht. In diesem Sinne bin auch ich bereits am Schluss angelangt und ende mit Anton Tschechow, der meinte: Je mehr du k\u00fcrzest, desto h\u00e4ufiger wirst du gedruckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberblick \u00fcber die deutschen Feuilletonrezensionen von Alice Munros B\u00fcchern finden Sie bei den Kollegen vom <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/autor\/alice-munro.html\">Perlentaucher<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg ist einfach, wenn du klug genug bist, mit leichtem Gep\u00e4ck zureisen. 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