{"id":18709,"date":"2013-10-28T00:43:37","date_gmt":"2013-10-27T23:43:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18709"},"modified":"2019-10-05T18:33:37","modified_gmt":"2019-10-05T16:33:37","slug":"leben-oder-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/28\/leben-oder-schreiben\/","title":{"rendered":"Leben oder Schreiben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Warlam Schalamow hat fast 20 Jahre in Lagern verbracht und \u00fcber seine Erfahrungen in &#8222;Erz\u00e4hlungen aus Kolyma&#8220; berichtet.&nbsp; Die Kolyma ist ein Flu\u00df im Nordosten Sibiriens, der nach rund 2000 Kilometern ins Ostsibirische Meer m\u00fcndet. Nach ihm ist auch eine riesige Region Ru\u00dflands benannt. Vor allem wegen ihrer Bodensch\u00e4tze wurde sie in der Zeit des Stalinismus unter gewaltigem Einsatz von Zwangsarbeitern und H\u00e4ftlingen industriell erschlossen: In weniger als einem Jahrzehnt wurde ab 1929 ein gigantischer Komplex von Bergwerken, Industrieanlagen und Konzentrationslagern errichtet, in dem Millionen Menschen extrem ausgebeutet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eindrucksvollste literarische Zeuge aus dieser Landschaft der Abweisung, der K\u00e4lte, der S\u00fcmpfe, aus dieser menschlichen Verlorenheit im Raum, aus der Kolonie der Verfehlungen, der Willk\u00fcr, des Strafens um seiner selbst willen, aus dem grausig-praktischen Reich des Geheimdienstes ist Warlam Schalamow (1907-1982).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine in der deutschen \u00dcbersetzung von Gabriele Leupold vier B\u00e4nde umfassenden \u201eErz\u00e4hlungen aus Kolyma\u201c geh\u00f6ren zu jener Weltliteratur, die sich den Lagern, dem Zerbrechen der Humanit\u00e4t, dem Regime des B\u00f6sen als anthropologischem Exerzitium widmet. Warlam Schalamow geh\u00f6rt in die n\u00e4chste Nachbarschaft von Primo Levi, Jorge Sempr\u00fan und Imre Kert\u00e9sz, deren Berichte aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Auschwitz zu den Menschheitszeugnissen \u00fcber den Terror geh\u00f6ren. In dieser Bibliothek erscheint Schalamows Werk als unerbittliches Dokument, das den Leser einem Praktikum an menschlichem Horror, Verlorenheit, Verrat am Menschentum aussetzt, ihn aber auch mit den Siegen des moralischen \u00dcberlebenswillens und dem Gl\u00fcck des rettenden Zufalls vertraut macht.\u2028Mehr als vierzig Jahre und verschiedener Anl\u00e4ufe hat es bedurft, diesen Schriftsteller mit seinem Werk in Deutschland einzub\u00fcrgern. Da mit den \u201eErz\u00e4hlungen aus Kolyma\u201c und autobiographischen Zeugnissen aus anderen Lebensperioden Schalamows Hauptwerk auf Deutsch weitgehend vorliegt, wird es Zeit, sich seinem pers\u00f6nlichen Umri\u00df vor dem Panorama der geschichtlichen Wenden zu widmen, wie es nun die von Wilfried F. Schoeller und Christina Links realisierte Ausstellung unternimmt, f\u00fcr die zahlreiche russische Archive und Museen Leihgaben zur Verf\u00fcgung gestellt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18713\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Cover5.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"282\"\/><\/a>Warlam Schalamow hat erkannt, da\u00df Auschwitz mit dem Gulag zusammenzudenken ist. Nicht gleichzusetzen, vielmehr: dem Vergleich auszusetzen und die Perspektive zu benennen, unter der dies geschieht. Es gilt, was die russische Menschenrechtsorganisation \u201eMemorial\u201c 2007 an \u201eThesen \u00fcber das Jahr 1937 und die Gegenwart\u201c ver\u00f6ffentlicht hat: \u201eGulag, Kolyma, 1937 \u2013 das sind ebensolche Symbole des 20. Jahrhunderts wie Auschwitz und Hiroshima. Sie gehen \u00fcber die Grenzen des historischen Schicksals der UdSSR oder Ru\u00dflands hinaus und werden zu einem Zeugnis f\u00fcr die Br\u00fcchigkeit und Labilit\u00e4t der menschlichen Zivilisation, f\u00fcr die Relativit\u00e4t der Errungenschaften des Fortschritts, zu einer Warnung vor der M\u00f6glichkeit k\u00fcnftiger katastrophaler R\u00fcckf\u00e4lle in die Barbarei.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2028F\u00fcr Leihgaben und Mitwirkung ist zu danken: insbesondere dem Russischen Staatsarchiv f\u00fcr Literatur und Kunst (RGALI), \u201eMemorial\u201c Moskau, dem Staatlichen Literaturmuseum Moskau, dem GULAG-Museum Moskau, den GULAG-Gedenkst\u00e4tten Perm 36 und Jagodnoje (Iwan Panikarow), dem Schalamow-Museum und dem Archiv Wologda; Tomasz Kizny, Andrej Krassulin, Nikolai Nassedkin sowie Anna Gawrilowa, Valeri Jessipow, Jan Machonin, Alexander Rigosik und Sergej Solowjow.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2028Die Ausstellung dausert noch bis 8.12.2013 \u2028dienstags bis freitags: 13 bis 19 Uhr \u2028samstags, sonntags und feiertags: 11 bis 19 Uhr ge\u00f6ffnet \u2028Eintritt frei<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2028Das gleichnamige, von Wilfried F. Schoeller geschriebene Begleitbuch zur Ausstellung enth\u00e4lt Beitr\u00e4ge von Irina Scherbakowa (Memorial), Valeri Jessipow, Franziska Thun-Hohenstein u.a. sowie einige hier erstmals in \u00dcbersetzung ver\u00f6ffentlichte Texte Schalamows: 24,90 Euro, zahlreiche, z.T. farbige Abbildungen (Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warlam Schalamow hat fast 20 Jahre in Lagern verbracht und \u00fcber seine Erfahrungen in &#8222;Erz\u00e4hlungen aus Kolyma&#8220; berichtet.&nbsp; Die Kolyma ist ein Flu\u00df im Nordosten Sibiriens, der nach rund 2000 Kilometern ins Ostsibirische Meer m\u00fcndet. 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