{"id":18574,"date":"2013-11-11T00:01:30","date_gmt":"2013-11-10T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18574"},"modified":"2021-11-10T14:39:47","modified_gmt":"2021-11-10T13:39:47","slug":"twitteratur-von-botho-straus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/11\/twitteratur-von-botho-straus\/","title":{"rendered":"Twitteratur von Botho Strau\u00df"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit welchen inhaltlich verwandten Thesen beunruhigen Byung-Chul Han, der aus Korea stammende, an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Berlin lehrende Kulturphilosoph, und Botho Strau\u00df, das enfant terrible der deutschen Literaturszene, gegenw\u00e4rtig die Vordenker der bundesdeutschen Nation? Der eine spricht von der Agonie des Eros, von einer M\u00fcdigkeitsgesellschaft oder wie zuletzt, vom Zerfall des \u00f6ffentlichen Raums und dem Ende des kommunikativen Handelns (<em>vgl. Byung-Chul Han. Digitale Rationalit\u00e4t und das Ende des kommunikativen Handelns. Berlin: Matthes &amp; Seitz, 2013<\/em>) und der andere von einer Gesellschaft, aus der jede Diskretion verschwunden sei. Strau\u00df\u2019 These in dem j\u00fcngst im Diederichs Verlag erschienenen Band mit Aphorismen bezieht sich auf einen Idioten, der \u00a0\u201ein mehrfacher Symbol-Gestalt auch als Januskopf (existiert): nach vorn blickt die Parodie des Informierten, der Info-Demente. Zur\u00fcck blickt die Heiterkeit des Unger\u00fchrten. Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein hei\u00dft, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben.\u201c (S. 7)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Unterschiede zeichnen sich zwischen dem kultursoziologischen und dem literaturphilosophischen Ansatz ab? Inwieweit \u00e4hneln sich die Konzeptionen? Der an deutschen Universit\u00e4ten ausgebildete koreanische Kulturphilosoph bedient sich in seiner thesenartigen Schrift \u00fcber das Dilemma der digitalen Rationalit\u00e4t, der es an kommunikativ-diskursiver oder dialogischer Innerlichkeit fehle, einer Reihe von theoretischen Ans\u00e4tzen. In ihnen ist die Rede von der Entm\u00fcndigung im Internet (Eli Pariser), von der dialogischen Dysfunktionalit\u00e4t des Web (J\u00fcrgen Habermas) oder von der Umsteuerung des Informationsstromes im Netz, die den \u00f6ffentlichen Raum \u00fcberfl\u00fcssig mache (Vil\u00e9m Flusser). Diese von exogenen Faktoren ausgehende Konzeption steht dem auf endogene Wirkmerkmale zur\u00fcck gef\u00fchrten Denkansatz von Botho Strau\u00df gegen\u00fcber. Ihm geht es vor allem um den von Informationen \u00fcbersch\u00fctteten Menschen, dessen Denksystem nur noch \u00a0in \u201eMuster und Module\u201c zerf\u00e4llt, der zwar intelligent ist, aber bei weitem nicht klug, bei dem Wissen sich nicht in Weisheit verwandelt hat. Die seit den fr\u00fchen achtziger Jahren in immer neuen Variationen entworfene Konzeption vom unvollendeten Projekt der Aufkl\u00e4rung erf\u00e4hrt bei Strau\u00df nunmehr in der Figur des Idioten, mit einer Variante <em>Idiotes<\/em>, die wohl dem lateinisch korrekten <em>idiota<\/em> (St\u00fcmper) entspricht, des Dementen wie auch des Toren eine aphoristische Auspr\u00e4gung. Die semantische \u00dcberpr\u00fcfung der H\u00e4ufigkeit der Begriffe f\u00fchrt bei einer aufmerksamen Lekt\u00fcre zu einer Reihe von vorl\u00e4ufigen Einsichten. Bereits im ersten Textabschnitt begegnet uns der Demente in vielfacher Gestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer gleichsam episodenhaften Einleitung, in der ein schwachsinniges Kind an der Hand seines \u00e4lteren Bruders eine Dorfstra\u00dfe entlang schlurft, wird die Figur des Idioten vorgestellt: \u201eDer Idiot erscheint wie ein Gem\u00fct, das sich zu weit ausspannte, sich \u00fcberdehnte und nie wieder kontrahieren konnte. Vielleicht ist er der Erstgeschlagene und Prototyp unter den Menschen, die in Millionenzahl vom Verenden des Verstehens \u00fcberrascht werden.\u201c (S, 6)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ungew\u00f6hnliche Wortwahl: Verenden des Verstehens, also Demenz oder ein Gem\u00fct, das sich wie ein Luftballon verh\u00e4lt, \u00fcberrascht ebenso wie die metaphorisierende Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses von Intelligenz und Dummheit (\u201eDas Innere der Dummheit ist zart und durchsichtig wie ein Libellenfl\u00fcgel, es schillert von \u00fcberwundener Intelligenz\u201c, S. 7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Beschreibung des Idioten, der \u201eauf den Fluten uferlosen Gedenkens\u201c dahin treibt und kurz bevor er im Jenseits-Nachen verschwindet\u201c, verwirrt ob seines metaphysischen Umfeldes:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDer Idiot. der Ged\u00e4chtnislose selbst\u00a0 &#8211; treibt er nicht auf den Fluten uferlosen Gedenkens? \u2013 Treibt dahin, wie die Barke, die jenseits des Horizonts in ewige Dunkelheit vorst\u00f6\u00dft. Kurz vor dem Umsteigen in den Jenseits-Nachen trifft ihn noch einmal der grelle Suchscheinwerfer der Verst\u00e4ndigten.\u201c<\/em> (17)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das literarische Bezugsfeld, in dem sich die Figur des Idioten bewegt, taucht dann unter Verweis auf den F\u00fcrsten Myschkin in Dostojewskij Roman \u201eDer Idiot\u201c auf. Der F\u00fcrst, so Strauss, bringe \u201edas Radarsystem der logischen Ordnung von Aussage und Replik durcheinander. Er h\u00f6rt das Widerlegte im Kern jeder Behauptung.\u201c (S. 23) Dieses Feld verl\u00e4sst Strau\u00df in den folgenden Aphorismen. An seine Stelle tritt nun ein kognitives Muskelpaket, \u201edem der Sparringspartner fehlt\u201c, wie der Autor unter Verweis auf Zarathustra anmerkt. Und die Offenbarung, dass der von Nietzsche kreierte \u201e\u00dcbermensch\u201c in der technisierten Zivilisation ein Unikum werde, eine \u201eKreuzung zwischen beseeltem Ding und dinggewordenem Mensch.\u201c (S. 110). Diese fragile Kombination von verdinglichter Seele und entfremdeten Mensch erf\u00e4hrt insofern eine physikalische und anthropologische Beschreibung, als auch der Versuch unternommen wird, die k\u00fcnftige Ausgestaltung des homo erectus auszumalen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eLetzte Menschen werden recycelt aus ihren sonnenlosen Resten. Ihr gestr\u00fcpp\u00fcberwachsenes (!) Auge wird befreit und neu gefasst: ein winziges Panel im Nanometerformat ersetzt das nackte Schauen wie das ideelle Auge.\u201c<\/em> (S. 112)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der noch existierende, kritikf\u00e4hige Mensch? Wenn er, wie Strau\u00df meint, eine Schule der Nacht besucht h\u00e4tte, dann h\u00e4tte er erfahren, dass \u201eunser Wissen einen undurchsichtigen Dunstkreis bildet, Teilchenstaub, in dem Beziehungsreichtum herrscht und nichts als Aufeinanderbezogenes wirkt. Und dass wir selbst nur torkelnde Tanzfiguren sind am Rande von weit entfernten Kl\u00e4ngen, Verworrene von so viel Licht- und Schattenwechsel \u2026\u201c (S. 129)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die \u201etorkelnden Tanzfiguren\u201c gewinnen in den abschlie\u00dfenden Aphorismen pl\u00f6tzlich eine polit\u00f6konomische Pr\u00e4senz, die wiederum \u00fcberrascht. Es ist die Existenzform des Kapitalismus, in der \u201eder Arbeiter \u2026 sich nicht in den Dienst eines Unternehmens (stellt), sondern in die Funktion einer Finanztransaktion, \u2026 entlassen oder umgesetzt (wird).\u201c (S. 150)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich ist es eine Eigenschaft des Aphorismus, dass er seinen funkelnden Esprit gleichsam eruptiv seinem Leser entgegenschleudert, auch auf die Gefahr hin, dass dieser den narrativen Faden und den kognitiven Bogen im Leseakt\u00a0 verliert. In den \u201eLichter des Toren\u201c flammt er leuchtfeuerartig auf, verschwindet am Himmel des Weisen, um in der Gestalt des verwunderten Idioten wieder aufzutauchen. Und in welcher Stimmung wird er sich vom Leser verabschieden? Wird er die Emanzipierten in der Greisengesellschaft, die den sozialen Fortschritt pflegen und eine Gesellschaft des Absterbens hervorbringen (vgl. S. 174), noch wahrnehmen? Nein, es ist die \u201eHeiterkeit der Abstinenz\u201c, die seine Laune beherrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bleibt nach der Lekt\u00fcre der rund 400 Aphorismen, in denen das grimmige Hohelied des Reaktion\u00e4rs gesungen wird, der skeptisch \u201eauf die Eigendynamik von Liberalisierungen und Egalisierungen (blickt)\u201c (S. 105)? Gewinnt bei Botho Strau\u00df zwanzig Jahre nach seinem Anschwellenden Bocksgesang der \u201edurchinformierte Mensch wieder Ma\u00df und Mitte\u201c, wie es in der Presseank\u00fcndigung des Verlags hei\u00dft? Oder l\u00f6st sich der Einzelg\u00e4nger, geblendet von seinem elit\u00e4ren Kulturverst\u00e4ndnis, in der amorphen Gestalt des vielschichtigen Idioten auf? Ein Hinweis auf diese schwindende Gestalt liefert einer der letzen Aphorismen: \u201eEr ging nun FRIEDLICH UND VERWUNDERT unter den Leuten umher. F\u00fcr sie war er versiegt, das sp\u00fcrte er wohl selbst, die ganze Person war ihnen nur noch zum \u00dcbersehen da.\u201c (S. 175)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ruhe sanft k\u00f6nnte der Leser sagen, wenn nicht der Bocksgesang von neuem\u00a0 einsetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit<\/strong> von Botho Strau\u00df, M\u00fcnchen (Dieterichs Verlag) 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18580 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover2-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover2-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover2.jpg 329w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>, sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit welchen inhaltlich verwandten Thesen beunruhigen Byung-Chul Han, der aus Korea stammende, an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Berlin lehrende Kulturphilosoph, und Botho Strau\u00df, das enfant terrible der deutschen Literaturszene, gegenw\u00e4rtig die Vordenker der bundesdeutschen Nation? 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