{"id":18550,"date":"2013-10-14T00:01:38","date_gmt":"2013-10-13T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18550"},"modified":"2019-12-29T17:11:59","modified_gmt":"2019-12-29T16:11:59","slug":"literatur-in-zeiten-der-umverteilung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/14\/literatur-in-zeiten-der-umverteilung\/","title":{"rendered":"Literatur in Zeiten der Umverteilung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Prosaver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahre kreisen weiter um die NS-Vergangenheit (Beyer, Biller), um Ostnostalgie (Brussig, J. Hensel), um Liebesgeschichten (Franck, Scheuermann, Zeh) oder Beziehungsproblematiken (Biller, Herbst, Hermann), sie erz\u00e4hlen M\u00e4rchen (Duve) oder Historisches (Orths). Bisweilen spielen die Geschichten zwar irgendwo in der Wirklichkeit, doch wichtiger als die gesellschaftliche Einbettung der Figuren ist in diesen B\u00fcchern ein suggestiver Stil, In- und Dresscodes, `name dropping\u00b4, lieber locker distanziert als extrem oder gar involviert.<\/p>\n<div id=\"attachment_18555\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18555\" class=\"size-medium wp-image-18555\" title=\"Enno Stahl\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18555\" class=\"wp-caption-text\">Enno Stahl, Portr\u00e4t: Kirsten Adamek<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Protagonisten aktueller Romane und Drehb\u00fccher arbeiten nicht, sie mini-jobben h\u00f6chstens in der Kneipe oder haben irgendwie mit Kultur zu tun. Mit echten Brotjobs, mit schmutzigem Geldverdienen geben sie sich nicht ab, das sind alles Menschen, die irgendwie geerbt haben m\u00fcssen oder von sonst woher alimentiert sind. Jedenfalls haben sie alle Zeit der Welt, um ausgiebig in der Gegend herumzureisen oder sich ihren delikaten Au\u00dfenkontakten zu widmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Protagonisten der neuesten Literatur hei\u00dfen Ben, Vinz, Jonas, Fred, Paula, Max oder Ruth, nur zu oft handelt es sich um melancholische Gestalten ohne soziale Codierung, sie sind schweigsam, zur\u00fcck haltend, fast \u00e4ngstlich, alles Monaden, die kaum je wirklich handeln, beinahe autistisch, dabei sehr abgekl\u00e4rt. Die TV-generierte Generation: man kennt alles, hat aber nichts selbst erlebt, eine Tendenz, die sich im Erz\u00e4hlton der j\u00fcngeren Generationen immer deutlicher manifestiert. Zuf\u00e4llig rekrutieren diese sich denn auch nahezu ausnahmslos aus den Absolventenreihen des Leipziger Literaturinstituts. Nat\u00fcrlich lernt man dort schreiben, lernt, wie man eine Story, eine Atmosph\u00e4re aufbaut, gut, mitunter bet\u00f6rend erz\u00e4hlt. Doch \u00fcber die Wirklichkeit erf\u00e4hrt man in der einzigen deutschen Schreibuni offensichtlich nichts, allenfalls \u00fcber die eigene. Aus der Not mache man eine Tugend, das \u201eGenerationenportr\u00e4t\u201c ist momentan schwer angesagt ebenso wie Entwicklungsgeschichten (Tobias H\u00fclswitt, Jana Hensel): \u201ewie ich aufwuchs in irgendeiner Provinz, um dann nach Berlin zu gehen und&nbsp; drei\u00dfig zu werden&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eIch\u201c-Erz\u00e4hlung erlebt eine einzigartige Bl\u00fcte, ich, ich und nochmals ich; die Erz\u00e4hlung in der 1. Person ist, angefangen bei den Pop-Autoren, zu <em>der<\/em> Erz\u00e4hlperspektive der neueren deutschen Literatur geworden. W\u00e4hrend etwa in der englischen Pop-Literatur (Irvine Welsh, Nick Hornby) die 1. Person oft dazu dient, qua Soziolekt Schichten und Milieus zu markieren, wird sie in der deutschen Gegenwartsliteratur zum Vehikel ironischer Reserve, mit der die Erz\u00e4hler\/innen aus gesicherter Position dem sozialen Spektakel beiwohnen. Anders als in der englischen Literatur, im englischen Kino bleiben die gesellschaftlichen&nbsp; Missst\u00e4nde, die doch f\u00fcr jeden ersichtlich sind, au\u00dfen vor. Den \u201eWhite Trash\u201c wird man im deutschen Erfolgsroman vergeblich suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Partizipation an Verbrauch oder Meinungsbildung, die 11 Millionen unter der Armutsgrenze finden in Politik und \u00d6ffentlichkeit nicht statt \u2013 es sei denn als Zielscheibe medialen Voyeurismus im mitt\u00e4glichen Talk-Programm. Die sozial und kulturell Deklassierten werden zur\u00fcck gedr\u00e4ngt in ihre eigenen vier W\u00e4nde bei Porno-Videos und ALDI-Food. Und die Literatur, deren Aufgabe es sein sollte, auch diesen Minderprivilegierten ihre Stimme zu leihen, bringt sie ein zweites Mal zum Verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum das so ist? Die deutsche Gegenwartsliteratur ist Sprachrohr einer b\u00fcrgerlichen Mitte, deren Anteil an der realen Gesellschaftsstruktur&nbsp; fortw\u00e4hrend schmilzt. Literatur, ja Kultur allgemein, wird in Deutschland weitgehend von Menschen produziert, vermarktet und rezipiert, die aus wohl situierten Verh\u00e4ltnissen stammen. Die Funktions- und Entscheidungstr\u00e4ger des Betriebs, Verleger, Agenten, Juroren, Tutoren und Autoren, alle bewegen sich in einem hermetischen Teil der Realit\u00e4t, Literatur und ihre Wahrnehmung, beides bespiegelt sich und den gemeinsamen Erfahrungshintergrund. Dass soziale Themen, Arbeits- und Obdachlosigkeit, Drogen, Integrationsprobleme u.\u00e4. von Lektoraten und Agenturen ausgesondert werden, ist daher nur zu verst\u00e4ndlich. Unbestreitbar ist aber, dass im Augenblick nichtsdestotrotz auch \u201egute\u201c Literatur entsteht, die ihr Publikum findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum geht es hier allerdings nicht. Sondern um die Frage, wie es dazu kommt, dass die lesende Bev\u00f6lkerung einseitig an Themen und Charakteren interessiert ist, die einem relativ st\u00f6rungsfreien b\u00fcrgerlichen Kontext entnommen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Land hat die Literatur, die es verdient, Deutschland bedarf ihrer scheinbar als Sedativ, als eine M\u00f6glichkeit, die Augen vor der bedrohlichen Wirklichkeit zu verschlie\u00dfen. Die deutsche Gegenwartsliteratur ist Ausdruck einer zutiefst verunsicherten Zivilgesellschaft, die keinen Begriff von sich selbst besitzt. Die Formel von der \u201eBerliner Republik\u201c, die einige Jahre durch die Gazetten geisterte, ist inzwischen aus der Mode. \u00dcbrig geblieben ist nur Leere, ein Land ohne Identit\u00e4t, ohne Einheit, ohne Solidarit\u00e4t. Statt Gemeinsamkeit herrscht Egoismus und Gruppenwillk\u00fcr, alles Monaden, die Literatur ist Spiegelbild dessen, ohne jedoch die zugrunde liegenden Strukturen zu deuten oder gar dabei zu helfen, diesem Land ein realistisches Selbstverst\u00e4ndnis zu vermitteln. Ausnahmen sind rar (Georg M. Oswald, Kathrin R\u00f6ggla, Ingo Schulze) und nicht immer gegl\u00fcckt.<strong><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur in Deutschland m\u00fcsste, um eine solch anspruchsvolle Aufgabe zu erf\u00fcllen, erst einmal wieder einen Standpunkt finden. Der Schriftsteller und seine Figuren agieren nicht im luftleeren Raum, sondern in einem sozialen Gef\u00fcge, \u00fcber dessen Wesen man sich Klarheit verschaffen muss. Sie sollte Fragen stellen und diese mit ihren M\u00f6glichkeiten veranschaulichen. Was bedeutet f\u00fcr den Einzelnen der Verlust des Arbeitsplatzes? Wie f\u00fchlt sich das an, was in den Nachrichten nur als Zahl in Erscheinung tritt? Was bedeutet sozialer Ausschluss? Und was steht dahinter? Welche politisch-\u00f6konomischen Strategien? Wer agiert? Wer profitiert? Wie funktioniert \u00fcberhaupt ein Gro\u00dfkonzern oder die Politik in der Praxis? Wie die Medien? Was k\u00f6nnen Menschen tun? Wie ihre W\u00fcrde erhalten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem sich Literatur ihr Einwirken auf die Realit\u00e4t weder verbieten l\u00e4sst noch freiwillig versagt, kann sie ihren Beitrag leisten zur noch offenen Auspr\u00e4gung einer freiheitlichen Zivilgesellschaft. Und ist nicht das ihre eigentliche kulturelle Bedeutung, ihre Legitimation \u2013 die <em>Intervention<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Nachbemerkung der Redaktion<\/span>: KUNO dankt dem Autor f\u00fcr diesen Auszug.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Prosaver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahre kreisen weiter um die NS-Vergangenheit (Beyer, Biller), um Ostnostalgie (Brussig, J. Hensel), um Liebesgeschichten (Franck, Scheuermann, Zeh) oder Beziehungsproblematiken (Biller, Herbst, Hermann), sie erz\u00e4hlen M\u00e4rchen (Duve) oder Historisches (Orths). 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