{"id":18542,"date":"2019-05-26T00:01:07","date_gmt":"2019-05-25T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18542"},"modified":"2021-01-19T15:44:42","modified_gmt":"2021-01-19T14:44:42","slug":"die-bisher-unerzahlte-oder-unerzahlbare-geschichte-vom-reichen-des-wassers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/26\/die-bisher-unerzahlte-oder-unerzahlbare-geschichte-vom-reichen-des-wassers\/","title":{"rendered":"Die bisher unerz\u00e4hlte oder unerz\u00e4hlbare Geschichte  vom Reichen des Wassers"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte ist zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Sie konnte sich so nicht ereignen. Aber sie ist in ihrem Kern genauso wahr wie jede andere kleine Geschichte der gro\u00dfen Geschichte, die wir erleben oder schon erlebt haben. Keine Geschichte hat sich so ereignet, wie sie erz\u00e4hlt wird. Alle Geschichten werden falsch, wenn sie erz\u00e4hlt werden. Sind die unerz\u00e4hlten deswegen wahrer? Schwer zu sagen. Man m\u00fcsste die unerz\u00e4hlten Geschichten erz\u00e4hlen. Dann haben wir noch mehr unwahre Geschichten. Aber andere Geschichten gibt es gar nicht. Wir brauchen alle eine Geschichte, ohne Geschichte existieren wir nicht richtig. Erst wenn wir uns unsere Geschichte erz\u00e4hlen, verstehen wir uns. Mit jeder Geschichte, die wir erz\u00e4hlen, erschaffen wir uns. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck erfinden wir uns in unseren Geschichten, oder wir finden uns in fremden Geschichten wieder. Wir l\u00fcgen nicht immer absichtlich, wenn wir unsere Geschichten erz\u00e4hlen. Am meisten l\u00fcgen wir im Interesse der Kunst oder der Wahrheit, was fast dasselbe ist. Wir wissen, unsere Geschichte wird umso durchschaubarer, je mehr wir l\u00fcgen. Und so werden auch die vollkommen erfundenen Geschichten auf wunderbare Weise wahr. Vielleicht wird die schlimmste L\u00fcgengeschichte wieder wahr, wenn wir sie richtig lesen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So eine Geschichte ist das hier auch. Sie hat sich nie ereignet, aber sie kann schon morgen so geschehen, wie sie hier erz\u00e4hlt wird. Vielleicht nicht bei dir. Aber vielleicht bei einem Anderen. Und nicht unbedingt morgen. Vielleicht hat sie sich schon ereignet, und wir wissen es nur nicht, weil sie keiner erz\u00e4hlt hat. Sie hat sich ganz woanders zugetragen, sie ist erz\u00e4hlt worden, aber wir kennen die Geschichte nicht. Oder keiner wollte diese Geschichte verraten. Daher sind die unerz\u00e4hlten Geschichten, die nicht verraten und doch noch erz\u00e4hlt werden, erratene Geschichten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So eine Geschichte ist diese Geschichte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der Titel der Geschichte, von der wir nicht viel wissen, ist unklar. Was ist mit dem Reichen des Wassers gemeint? Verdurstete jemand? Oder ging es um die Art, wie einer dem anderen Wasser gab? Ging es vielleicht darum, ob einer dem anderen Wasser reichen konnte? Lassen wir das Wasser weg. Konnte der eine dem anderen irgendetwas reichen oder nicht? Was war es? Nahm der eine oder andere es an? Und was brachte es ihm? &#8211; Fragen \u00fcber Fragen! Lauter M\u00f6glichkeiten! Das ist der Stoff der Geschichte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sind die Fakten. Die \u00e4lteste Quelle, eine Handschrift aus El Fajum, erz\u00e4hlt: \u201eDer \u00e4gyptische Schriftgelehrte Cha-\u00fbz\u2019ki, der in der Mitte seines Lebens erkannte, dass weder seine Sch\u00fcler noch die denkende Elite der Gesellschaft ein wirkliches Interesse an der Philosophie hatten, sodass ihm sein Leben unter Menschen immer schwerer fiel, verlie\u00df eines Tages sein Kairoer Haus mit den Worten: Ich gehe in die W\u00fcste, vielleicht finde ich dort Menschen. Die Verwandten und Nachbarn warnten Cha-\u00fbz\u2019ki vor einer solchen Reise ins Ungewisse: Du kennst dich dort nicht aus. Die Sonne dreht sich um dich, Sand weht dir in die Augen, die Nacht ist kalt. Du gehst in dein Grab. Ich wei\u00df, sagte Cha-\u00fbz\u2019ki, aber wenn ich einen Menschen finde, hat sich meine Reise gelohnt. Du findest keinen Menschen, wenn du den Weg verlierst. In der W\u00fcste ist es nicht anders als hier. [Die vordergr\u00fcndige Absicht solchen Philosophierens liegt auf der Hand: Sie wollten nicht ihn retten, sondern nur ihre arme Sicht der Dinge und ihre bequeme Lebensart.] Cha-\u00fbz\u2019ki ritt auf einem Kamel in die Libysche W\u00fcste hinein. Er war f\u00fcr die Nacht ger\u00fcstet. Die Wasserschl\u00e4uche reichten f\u00fcr drei Wochen. Und wenn ich nur einen finde, der so reist wie ich!, sagte Cha-\u00fbz\u2019ki noch einmal beim Abschied. Die ersten Tage in der W\u00fcste empfand er als Befreiung. Er liebte die Einsamkeit. Ich brauche keine Menschen, sagte er sich, die Menschen verletzen mich nur, hier bin ich gl\u00fccklich. Er sp\u00fcrte die Vermessenheit seines Hochgef\u00fchls. Bin ich der Mensch, den ich suche? Ich bin nicht besser als die anderen! Dann sagte er laut: Ich reiche mir selber das Wasser! [Es folgt ein unlesbares Textst\u00fcck.] Cha-\u00fbz\u2019ki wusste nicht, wo er sich befand. Seit Tagen waren die Schl\u00e4uche leer. Das Kamel wurde immer leichter. Er ritt in halben Kreisen um sich selbst. Die Zeit verging, ohne dass er einen Menschen traf. Ich bin ein Schiffbr\u00fcchiger, schrieb er, den Sand kann ich nicht trinken. Er legte sich schlafen, in der Nacht tr\u00e4umte er nichts. Als er am Morgen aufwachte, stand die Sonne noch halb im Sand.\u201c Hier endet die Quelle.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer nubischen Handschrift, in der die Geschichte \u00e4hnlich, wie eine Legende, aber viel k\u00fcrzer erz\u00e4hlt wird, hei\u00dft es: \u201eIn der letzten Nacht konnte Cha-\u00fbz\u2019ki nicht einschlafen, er hatte Angst vor d\u00fcsteren Tr\u00e4umen. Er ritt in der Nacht zum Mond, der am Morgen tief in die Sonne eintauchte. Cha-\u00fbz\u2019ki fiel beim ersten Strahl der Sonne, die aus dem Sand stieg [hier wird die N\u00e4he zur ersten Quelle deutlich], ersch\u00f6pft vom Pferd [?].\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer anderen Quelle, die in Turah, am rechten Ufer des Nils, etwa zehn Kilometer s\u00fcdlich des alten Kairo, gefunden wurde, steht, wenn man will, die Fortsetzung:\u00a0\u00a0 \u201eCha-\u00fbz\u2019ki kroch auf allen Vieren die letzten Meter zum Kamm der Sandd\u00fcne hoch. Er hat noch das Wasser des Nils gesehen, ehe seine Augen brachen. Keiner wei\u00df, was er in diesem Moment dachte.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schluss der Handschrift aus El-Gizeh lautet: \u201eWir fanden den Philosophen Cha-\u00fbz\u2019ki am Fu\u00dfe der Gro\u00dfen Pyramide im Staub der Morgensonne. Er war ganz allein und schlief mit offenen Augen, die den Nachtmond nicht loslassen wollten, in sein neues Leben hinein. Als er erwachte, sagte er: Ich habe einen Menschen gefunden. Cha-\u00fbz\u2019ki begr\u00fcndete eine Philosophie der Tat. Er setzte sein Leben aufs Spiel, um zu beweisen, dass wir uns selbst finden k\u00f6nnen, wenn wir uns wirklich suchen.\u201c\u00a0 [Die F\u00e4lschung ins Gegenteil ist immer die leichteste.]<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am linken Ufer des Nils, in Schabramant, unweit der Pyramiden von Gizeh, fanden sich vor wenigen Jahren Fragmente mit einer ganz anderen Sichtweise. Dort liest man folgenden Schluss: \u201eCha-\u00fbz\u2019ki sah die Sonne nicht mehr, als er aus seinem Traum erwachte. Er lag unter den Palmen am Ufer des Bahr el-Libeini, als man ihn entdeckte. Als er die Sprache wiedergefunden hatte, waren seine ersten Worte: Niemand konnte mir das Wasser reichen.\u201c [Diese Quelle schlie\u00dft sich motivisch an die \u00e4lteste Handschrift aus El-Fajum an.]<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahrheit bleibt verborgen. Nur so viel steht fest: Die Quellen, nach denen der Schriftgelehrte Cha-\u00fbz\u2019ki das philosophische Abenteuer seiner Menschensuche \u00fcberlebt, obwohl [oder weil?] sie scheitert, \u00fcberwiegen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\r\n<p>Leseprobe aus: <strong>Morgen-Land,<\/strong> ein Themenheft des Dichtungsrings # 55.<\/p>\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55729\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-783x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-783x1024.jpg 783w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-229x300.jpg 229w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-768x1005.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-560x732.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-260x340.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover-160x209.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Dichtungsring_Cover.jpg 1250w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute pr\u00e4sentiert das Kultur-Caf\u00e9 im MIGRApolis-Haus der Vielfalt (53111 Bonn, Br\u00fcdergasse 16-18) die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift DICHTUNGSRING. Die Veranstaltung beginnt um 11:30 Uhr. Dr. H\u0131d\u0131r \u00c7elik wird die G\u00e4ste begr\u00fc\u00dfen, durch die Matinee f\u00fchren Franz Hofner und Ulrich Bergmann. Der Eintritt ist frei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. Lesen Sie zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> gleichfalls einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Diese Geschichte ist zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Sie konnte sich so nicht ereignen. Aber sie ist in ihrem Kern genauso wahr wie jede andere kleine Geschichte der gro\u00dfen Geschichte, die wir erleben oder schon erlebt haben. 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