{"id":18535,"date":"2020-09-16T00:01:00","date_gmt":"2020-09-15T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18535"},"modified":"2020-01-04T09:07:37","modified_gmt":"2020-01-04T08:07:37","slug":"grand-canyon-letter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/16\/grand-canyon-letter\/","title":{"rendered":"GRAND CANYON LETTER"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bright Angel Creek, 16.September 1970<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Entschlu\u00df, drei Tage l\u00e4nger im Grand Canyon zu bleiben, fiel mir nicht schwer. Ich bin wei\u00df Gott kein Naturanbeter, vermag al\u00adso nicht allzulange and\u00e4chtig vor einem der vielen Alt\u00e4re des Erdsch\u00f6pfers &#8211; wer auch immer das sei &#8211; stehenzubleiben. Aber der Grand Canyon \u00fcbertrifft alles, was ich mir nur je im Geiste vor\u00adstellen konnte, er ist das Non plus ultra meiner Amerika-Reise,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und ich wei\u00df, da\u00df ich nicht \u00fcbertreibe, wenn ich sage: Er ist viel\u00adleicht das Beste, was Amerika \u00fcberhaupt zu bieten hat! Glaubt mir, ganze Schauer der Erregung liefen mir den R\u00fccken herunter, als ich die ersten Meter des Bright Angel Trails hinter mir hatte. Ich konnte erst gar nicht glauben, was ich sah. Und was ich sah, das war Natur und Unnatur zugleich &#8211; das war zugleich sch\u00f6n, gro\u00df, m\u00e4chtig &#8211; bizarr, trostlos, w\u00fcst. Die Fotos l\u00fcgen, die Kamera ist einfach machtlos, sich ein Bild vom Canyon zu machen. Die wahren Fotos werde ich verge\u00dflicher Mensch unverge\u00dflich in meinem Gehirn aufbl\u00e4ttern. Ich sage sowas selten: Aber wer \u00fcber den Grand Canyon reden will, der mu\u00df dagewesen sein &#8211; und zwar: er mu\u00df bis ganz unten hin, bis zum Colorado River gewandert sein, andauernd von der Vorstellung get\u00e4uscht, hinter der n\u00e4chsten Felsecke m\u00fcsse der Colorado endlich auftauchen. Und er mu\u00df die 7 Meilen hinauf ge\u00adkeucht haben, geschwitzt, gedurstet, geflucht. Fata Morgana: die n\u00e4chste Felszinne ist die Spitze. Du glaubst es geschafft zu ha\u00adben und bist pl\u00f6tzlich in den Indian Gardens: vor dir ein neuer Grand Canyon, und das wiederholt sich. Auf dem engen Pfad, auf den zahllosen Serpentinen begegnen sich die Menschen mit einem Hi!, Halloh! oder Howdoyee! &#8211; Ich begegnete einem 81 Jahre alten Mann, er ist den ganzen Tag unterwegs. &#8211; Am Bright Angel Creek, in der alleruntersten Schlucht &#8211; verfluchte Moskitos! -, komme ich zum Nachdenken und Schrei\u00adben \u00fcber das, was ich in den zwei kurzen Wochen meines Trips bis\u00adher gesehen und erlebt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich startete in New York City: Ich schleppte meinen Rucksack zu einem der Locker des Port Authority Bus Terminals und ging dann den Broadway hinunter. Leicht, sich vor\u00adzustellen, wie unsicher ich mich nun f\u00fchlte, ja regelrechte Angst davor hatte, angesprochen zu werden &#8211; zum ersten Mal w\u00fcrde ich ge\u00adzwungen sein, englisch zu sprechen. Allein in einer glitzernden, brennenden Steinw\u00fcste; in der Dunkelheit leuchtete links und rechts von mir Wall Street Lametta. Typen von Menschen, wie ich sie erst jetzt, wo ich allein war, richtig beobachten und bemerken konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Amerika scheint es nur zwei stabile Gesellschaftsklassen zu geben: die Reichen und die Armen &#8211; und von beiden scheint die der Armen die stabilere zu sein. Eine dritte Klasse hat gerade soviel Geld, da\u00df sie ihre laufenden Schulden tilgen kann, ohne dabei zu verhungern; sie pendelt zwischen den beiden stabilen Klassen hin und her. &#8211; Ich wurde sehr schnell angesprochen: Do you have change? Do vou have change?, Two pennies only &#8211; please!, Do vou have a cigarette?, Would you pay a meal for me? &#8211; and so on. Ich war deprimiert und sah, da\u00df ich hier aus lauter Mitleid selbst arm w\u00fcrde und stellte mir vor, wie ich nachher selber am Stra\u00dfenrand lauern w\u00fcrde: Do you have change? So habe ich mir ein stereotypes Sorry angew\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Die Maschinerie, das System dieses Landes, ist das Gesetz des Dschungels. Oder eines Karpfenteichs. Wer ist der gr\u00f6\u00dfte Fisch?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist so schrecklich anonym, bei aller \u00e4u\u00dferlichen Herzlichkeit. Den guten alten Europ\u00e4er trifft zun\u00e4chst einmal der Schlag, weil er mit der anscheinend angeborenen Freundlichkeit der so liebensw\u00fcrdigen Amerikaner nicht Schritt halten kann. Aber es ist ja vieles nur Schall und Rauch; es steckt oft nicht viel dahinter. Im Herzen regiert der Dollar die Freundlichkeit und den Umgang mit Menschen &#8211; das gilt jedenfalls f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Bereich. Ich dachte zuerst: Toll! Das sind Menschen, ganz anders, viel besser als in Europa, die haben alle so einen leichten Stich ins Gr\u00fcne &#8211; die k\u00f6nnen leben! Pustekuchen &#8211; sie k\u00f6nnen nicht leben. Und wenn sie leben wollen, k\u00f6nnen sie es nicht, ohne ihr Herz nicht mit einer Dollarnote vakuumverpackt zu haben. So bin ich traurig \u00fcber dieses in jeder Hinsicht arme Land, ich habe nun mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr unsere Zust\u00e4nde in West\u00addeutschland. (Oder sind wir als kolonialer Au\u00dfen\u00adposten Amerikas nur eine Variation der gleichen Probleme?)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, die crux Amerikas ist es, da\u00df es noch nicht den Sturmwind der Geschichte gesp\u00fcrt hat wie Europa. Es fehlt die gewachsene Geschichte, wohin man auch blickt. Amerika ist explodiert &#8211; und der Vulkan wei\u00df nicht, wie er weiterexplodieren soll\u2026 Old Faithful &#8211; blubb blubb! Nehmen wir die Bewegung des Sozialismus. Amerika lebt ohne dieses Wort. Noch! Aber das Wort wird kommen, und es wird schrecklich werden, schrecklicher, als es schon ist. Der Vulkan k\u00f6nnte implodieren. \u00dcber hundert Millionen Vereinsmit\u00adglieder der Great Silent Majority, Tr\u00e4umer vom Planeten Indivi\u00addualia, Gl\u00e4ubige vor dem Standbild der drei chinesischen Affen &#8211; Anpassung, Anpassung \u00fcber alles, auf da\u00df das System keine (asia\u00adtische) Grippe bekomme &#8211; Betrunkene der Freiheit; und zugleich brutale Realisten im unerm\u00fcdlichen Zwickm\u00fchle-Spielen, Millionen Gl\u00e4ubige vor dem Altar der eigenen Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung: Jeder ist sein eigener Schiedsrichter. Amerika Arbiter mundi &#8211; gro\u00dfer Gott! Meint Wall Street etwa, der dritte Weltkrieg sei auch noch ein Gesch\u00e4ft? &#8211; mu\u00df umdenken! Es geht zu weit, wenn man in lauter Selbstglorifizierung, in der Selbstan\u00adbetung des erl\u00f6senden Individualismus, die Menschenw\u00fcrde mit F\u00fc\u00dfen tritt. Die Menschenw\u00fcrde scheint hier wie auf einer Auktion f\u00fcr Dollars verkloppt zu werden, wie rostige Schl\u00fcssel. Wer die Dollars nicht hat, kann sich keine Menschenw\u00fcrde kaufen und darf sich mit dem Recht darauf zufriedengeben (Bettlekt\u00fcre: Decla\u00adration of Independence). Manchmal verteilt dann der Staat ein bi\u00dfchen Menschenw\u00fcrde, bleibt aber Eigent\u00fcmer bis zur vollst\u00e4ndi\u00adgen Bezahlung, f\u00fcr den Preis zum Beispiel, das Recht auf Menschenw\u00fcrde auch in Asien zu erk\u00e4mpfen. Panem et circenses. Aber nur soviel panem, da\u00df die Reichen nicht sehen m\u00fcssen, wie arm ihre \u201aMitmenschen\u2019, oder \u201aMitb\u00fcrger\u2019 sind. Sowenig panem, da\u00df die Armen die Schuldner ihrer eigenen Menschenw\u00fcrde bleiben. Ich habe mit solchen armen Menschen am Union Square in San Francisco, in New York City, Chicago und in den Greyhound-Bussen gesprochen. Sie finden keine Arbeit; und wenn sie Geld vom Staat erhalten, d\u00fcrfen sie vielfach nicht arbeiten, sonst kriegen sie kein Geld mehr &#8211; Spirale der Unvernunft! Aber weder staatliches Geld noch mickriges Einkommen (wenn \u00fcberhaupt) reichen in vielen F\u00e4llen hin, ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu gew\u00e4hrleisten. Das ist doch purer Zynismus!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann der Indochina-Krieger &#8211; our boys! &#8211; sich heute noch ein\u00adbilden, er k\u00e4mpfe f\u00fcr Demokratie, Gerechtigkeit, Wohlstand, Gott und Zivilisation? Dies Land ist krank. Viele Jugendliche wissen es &#8211; die anderen verdr\u00e4ngen das Bewu\u00dftsein, da\u00df irgendetwas nicht (mehr?) stimmt. &#8211; In Deutschland ist das doch auch so, lie\u00dfe sich einwenden. Nein, so ist es nicht. Es mag vielleicht etwas sarkastisch klingen, aber neben jeden Glaspalast einer westdeutschen Versicherung stellt der Staat, stellt die Gesellschaft Wohnungs- und Arbeitsm\u00f6glichkeiten. Die Extreme fehlen &#8211; das System des totalen Karpfenteichs ist nicht existent. Aber hier in Amerika ist das Revier der Karpfen unendlich gro\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte heulen, wenn man Amerika sieht: So viele M\u00f6glichkeiten, Bodensch\u00e4tze, Intelligenz und guter Wille &#8211; und soviel Ungerech\u00adtigkeit, gottgesegnete Ungerechtigkeit. Es ist genug f\u00fcr alle da &#8211; aber dieser Satz klingt hier schon kommunistisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah das Lincoln Center und die Metropolitan Opera &#8211; wer kann die Karten bezahlen? Was mu\u00df Chagall f\u00fcr ein kleinkarierter Vorarbeiter des Dollarsys\u00adtems sein &#8211; dieser elende Anpasser! Gem\u00e4lde f\u00fcr die Pariser Oper (schon schlimm genug!) und nun noch f\u00fcr das Lincoln Center, neben dem die Armen stehen: Do you have change? Wenn ich nicht prinzi\u00adpiell gegen Krieg w\u00e4re: Nur ein B\u00fcrgerkrieg kann hier schnell hel\u00adfen &#8211; oder doch nicht? Wall Street k\u00f6nnte das gr\u00f6\u00dfte Gesch\u00e4ft seiner Geschichte machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott! Was sind die getretenen Schwarzen manierlich! So manierlich, da\u00df Sunil, der allm\u00e4chtige Prometheus von Manhattan, es sich leisten kann, ein paar riots als spannendes living theater zu verkraften. (By the way: Auch manche Schwarze sind nat\u00fcrlich keine wei\u00dfen Scha\u00adfe. Einer sah mein peace symbol, krallte beide H\u00e4nde zur Faust zusammen, br\u00fcllte \u201eBlack Power!\u201c und bat um ein paar Zigaretten: \u201eBlack Power &#8211; righthere, rightnow!\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">New York City: Homos an den Ecken. Peep shows. Die Extreme: Verklemmtheit bis zum Exze\u00df (kommerziell ausgenutzt) neben \u00f6ffentlichem Sexismus. (Von Spannung, ja Verklemmung, Nicht-Wissen-Wie, \u00dcberbe\u00adwertung und Unterbewertung des Sexuellen sind auch wir in Europa nicht frei. Zum Gl\u00fcck, sonst w\u00e4re ja die Liebe am besten etabliert in einem Hot-dog-Stand.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In San Francisco kam ein M\u00e4dchen auf mich zu: \u201eDo you have change?\u201c &#8211; \u201eSorry.\u201c &#8211; \u201eWillst du mit mir schlafen? F\u00fcnf Dollar.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitgespenster kommen und gehen. Heute verteilen wir &#8211; BIG! SALE &#8211; die freie Liebe, morgen gehen wir mit Schleier. M\u00fcssen wir bei dem imperialistisch funktionierenden Dollarsystem bleiben, oder sollten wir uns den Luxus leisten, ein paar Gehirnzellen in Gang zu setzen? &#8211; Wall Street sorgt allerorten f\u00fcr das Opium, damit die Zellen nicht zu arbeiten brauchen und gar nicht erst k\u00f6nnen (es gen\u00fcgt ja, ein advertisement zu verstehen). Gehirnzellen haben einen negativen Marktwert. BIG! SALE f\u00fcr die Schuhsohlen, die die Menschenw\u00fcrde treten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Franzosen haben den besten Scherz der Weltgeschichte gestiftet (Bernard Shaw sagte es ganz richtig), als sie der Neuen Welt (so \u00adcalled) die Statue of Liberty schenkten. Gro\u00dfartig! Aus Stein und Stahl! Gleich am Eingang zur Neuen Welt. &#8211; Wie sch\u00f6n! Die Souvenirl\u00e4den haben t\u00e4glich ihren BIG! SALE f\u00fcr lauter kleine Freiheits\u00adstatuen, damit jeder Tourist, jeder Einwanderer gleich wei\u00df: In unserem Lande kann die Freiheit, bei gutem Wetter f\u00fcr 3.50 $ (Circle Line) besichtigt werden. BITTE NTCHT BER\u00dcHREN. &#8211; Wer spendet end\u00adlich eine Statue of Liberty f\u00fcr den Hafen von Rotterdam? Ich verga\u00df: Wall Street hat den Grundstein schon gelegt. Und der wird Zinsen tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DISCOVER AMERICA steht auf jedem Greyhound-Bus. Accepted. Grey\u00adhound ist f\u00fcr mich &#8211; ich gebe es gern zu &#8211; eine gro\u00dfartige Sache, relativ bequem, schnell, laufend Anschlu\u00df. &#8211; Da wird viel Geld gemacht. Und nicht nur mit den Bussen. Wohl vielmehr noch mit den BUS TERMINALS: Ein Post Coach Inn hier, eins da. Cafeteria: Ein Hohn, was man hierzulande Cafeteria nennt, ein Hohn. Abf\u00fctterung wie beim Kommi\u00df &#8211; ist das ein Teil des so sagenhaften American way of life? Hinter jeder Preisangabe steht unsichtbar \u201every expensive\u201c oder \u201eSie zahlen eigentlich zuviel, aber schlie\u00df\u00adlich verteidigen wir in Indochina die Demokratie.\u201c Ja, die Demokra\u00adtie ist teuer. So teuer, da\u00df nur eine Minderheit sie genie\u00dfen kann. THANK YOU FOR GOING GREYHOUND t\u00f6nt der Lautsprecher allemal. MAY I HAVE YOUR ATTENTION PLEASE. F\u00fcr was? F\u00fcr den Wucher? (\u201eBevor ich mein stolzes Greyhound-Unternehmen aufgebaut habe, war ich Schuhputzer in der Wall Street\u201c.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bus fuhr nach Buffalo. Nachts. Inzwischen habe ich den Bogen raus, wie man auf zwei Sitzen liegend gut schlafen kann. Manchmal hatte ich Pech und b\u00f6se Sitznachbarn quetschten mich derart, da\u00df ich schlie\u00dflich nur noch ein Abziehbildchen am Busfenster war. Oder 2-Zentner-Menschen: Nat\u00fcrlich ha\u00dft man sie, wenn sie einem den Schlaf rauben. &#8211; Ich ging auf die kanadische Seite, sah die Niagara Falls. &#8211; Wieder in Buffalo, lernte ich Neyris kennen, eine wallisische Studentin. Zum ersten Mal wurde mein Englisch auf eine ernsthaftere Probe gestellt, als nur zu sagen \u201eI want to have a ticket to Buffalo.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abends nach Chicago &#8211; endlich einmal eine akzeptable Skyscraper\u00adArchitektur und gute (d. h. teure) Gesch\u00e4fte, Blumen in den Stra\u00dfen, keine pollution wie in Manhattan. Strand am Lake Michigan, direkt vor der skyline. Ich ging schwim\u00admen und begann, Huxleys BRAVE NEW WORLD zu lesen, ein Buch, das mich in jeder Hinsicht ge\u00adfesselt hat. Es hat die Depressionen \u00fcber Amerika, die sich noch h\u00e4ufen sollten, vorweggenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 36 Stunden nach Livingston, Montana, waren eine Qual. Dort oben im Norden waren \u00fcbrigens wenige Touristen, aber daf\u00fcr wimmelt es hier oder in San Francisco nur so davon. In Livingston f\u00fchr kein Bus in den Yellowstone Park. Nur eine Sightseeing-Tour f\u00fcr 80 Dollar war zu haben. Ich sparte die 80 Dollar und schlo\u00df mich einer sich spontan bildenden Gruppe an: Zwei Kanadierinnen (Susanne und Anne), zwei Ungarn (Joseph und Julia), ein Japaner (Yugro) und ein Grieche (Pandos). Da der Grieche und die Ungarn in Westdeutschland studierten, konnten sie sich nur in deutscher Sprache verst\u00e4ndlich machen. Der \u00dcbersetzer in beide Richtungen war ich. Ich lernte bald Umgangsenglisch, relativ viel, und jetzt bin ich in einem Stadium, wo ich mehr Vokabeln wissen will und mehr Grammatik, um bessere, schwierigere S\u00e4tze bilden zu k\u00f6nnen, um mehr zu verstehen und zu reden. Ich redete von da an t\u00e4glich viel Englisch, aber es ist noch anstrengend f\u00fcr mich. &#8211; Unsere Gruppe mietete ein Auto, und zwei Tage lang sahen wir den wirklich bewundernswerten Park (aber was ist er schon ge\u00adgen den Grand Canyon!) und \u00fcbernachteten im \u201eOld Faithful Inn\u201c Das war endlich eine Nacht im Bett. Ich habe gl\u00e4nzend geschlafen. Ich werde langsam m\u00fcde. So ein Trip mit wenig Geld ist anstren\u00adgend, weil in sehr kurzer Zeit allzu viele Eindr\u00fccke aufeinan\u00adderfolgen, weil ich in einem fremden (WIE FREMDEN!) Land bin, in dem noch nicht einmal Deutsch gesprochen wird. Weil ich nie gut schlafen kann und weil ich nichts Rechtes zu essen habe. Ja, ich werde m\u00fcde. Die Eindr\u00fccke in Somerset kommen ja noch obendrauf. Und immer wieder neue Menschen verkraften. Das ist sch\u00f6n und gut, aber anstrengend. Ich sehne mich nach Ruhe zur\u00fcck, nach Mozart, nach Arbeit, nach irgendeiner Aufgabe &#8211; und nach &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SSSCCCHHHLLLAAAFFF!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Salt Lake City: Temple Square. Great Salt Lake, in dem ich schwamm! Der Salzsee ist ansonsten wie SLC ziemlich uninteressant. Eine sch\u00f6\u00adne, fast europ\u00e4ische Stadt &#8211; aber inzwischen mache ich mir nicht mehr viel aus St\u00e4dten. Nun noch New Orleans und Florida, und dann habe ich f\u00fcrs erste GENUG. Genug des Sehenswerten, Neuen, Interessanten. Genug des Deprimierenden. Genug vom Dollarsystem. &#8211; Ich traf in SLC zwei Schweizer, verabschiedete mich nun von den Ungarn und den Kanadierinnen. Ich k\u00f6nnte Stories erz\u00e4hlen von jedem, den ich traf. Da reiste zum Beispiel Neyris, eine englische Touristin, von Bett zu Bett, schlief mit jedem und finanzierte so ihre Fahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe ausnahmslos deutschfreundliche Leute getroffen &#8211; das mag daran liegen, da\u00df ich meistens nur mit Jugendlichen zu\u00adsammentraf, welche die alten Klischees beiseite geschoben hatten, teils selbst in Deutschland waren und von Amerika zuweilen genug hatten. Immer wieder wurde ich gefragt : Wie ist die SPD? Wer ist Brandt wirklich? Wie sind eure sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse? Wie studierst du? &#8211; Obwohl ich viel an Westdeutschlands Verh\u00e4ltnissen zu kritisieren habe und grundlegende Ver\u00e4nderungen f\u00fcr notwendig halte &#8211; ich kam mir hier vor, als sei ich Reisender aus Schlaraf\u00adfenland. Ich wurde mit Fragen bombardiert, h\u00f6rte, wie man hier studiert, was man zahlt, wie man lebt etc. Manche Amerikaner klagten \u00fcber den Freundschaftsbegriff. Hier gibt es einen Verschlei\u00df an Freunden, es ist unglaublich. Anh\u00e4nglichkeit, nach der sich hier viele sehnen, wird kleingeschrieben. Man lebt hier mit Menschen oft so zusammen, als rauche man sie als Zigaretten.&nbsp; Mir geht es augenblicklich genauso. Es macht mich m\u00fcde, langsam langweilt es mich sogar. Zu viel. Zu schnell. Der Kontakt ist gut, nicht immer nur oberfl\u00e4chlich &#8211; und trotzdem ober\u00adfl\u00e4chlich, weil kurz. Das Know how des Sichkennenlernens ist hier ei\u00adgentlich \u00fcberfl\u00fcssig &#8211; vielleicht ist das nicht so gut, es geht zu einfach. Meine Tagesbekanntschaften waren sehr aufschlu\u00dfreich, ich lernte viel und konnte selbst einiges mitteilen. &#8211; Seit SLC lerne ich seltsamerweise nur noch Amerikaner kennen, obwohl es hier geradezu von deutschen Touristen wimmelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah Nevada Desert. Dann San Francisco. Sofort nach Sausalito: Dollar-System. Marke \u201eSou\u00advenir\u201c oder \u201eKnips knips\u201c. Viel moderne fashion, reiche Leute, Fe\u00adrienhippies. Sch\u00f6ne H\u00e4user. Interessant eigentlich nur, da\u00df Sausa\u00adlito in Amerika liegt. Sonst nichts. &#8211; San Francisco ist eine gro\u00df\u00adartige Stadt &#8211; bis auf seine Armut. Cable Car. Chinatown (dort schlug ich mir endlich einmal den Bauch voll) &#8211; aber Chinatown war im Grunde entt\u00e4uschend; nicht viel anders, nur gr\u00f6\u00dfer als in NYC. &#8211; Zwei andere Schweizer getroffen. In den St\u00e4dten lernst du keine Menschen kennen, auch in den gr\u00f6\u00dferen Bus Terminals bist du allein. Ich dachte mir, so sch\u00f6n S.F. ist, aber eine \u00dcbernachtung gen\u00fcgt. Und was f\u00fcr eine \u00dcbernachtung! F\u00fcr 2.50 Dollar ins \u201eBaldwin House\u201c &#8211; tol\u00adler Eingang. Ich dachte schon, das ist viel g\u00fcnstiger als YMCA. Ich \u00f6ffne die T\u00fcr meines Zimmers. Alles dun\u00adkel, ich konnte erst nichts sehen, taste in die Gegend, wo eine Lampe h\u00e4ngen m\u00fc\u00dfte, erwische einen Draht, dann eine Birne, die ich rein\u00adschraubte. Die armselige Funzel erhellte den Raum. Ich sah mit obsz\u00f6nen Bildern und S\u00e4tzen beschmierte W\u00e4nde. Schmutz, wo man nur hinsah und hintrat &#8211; die Schuhe zog ich mir erst im Bett aus. Das Fenster: Die Scheiben braungelb vor Schmutz, zersprungen. Ich dr\u00fccke das Fenster hoch und sehe auf den Innenhof. Auf einem Zwischendach lag meterhoch der Abfall und stank. Dunkel alles. Das Sp\u00fclbecken eine Kloake. Der Wasserhahn brachte es lediglich zum Tropfen. Ich wollte mich auf den Bettrand setzen, bemerkte, das Bett war ungemacht. Schmutzige, gelbgewordene besudelte W\u00e4sche, seit Wochen oder Monaten nicht ausgewechselt. Eine Kommode, leere Dosen, Asche, Papier, Abfall \u00fcberall. Ich zog die W\u00e4sche vom Bett, nahm meine Decke und ruhte mich aus. \u00adIch hatte gezahlt, die Katze im Sack gekauft, hatte Angst zu re\u00adklamieren, zumal ich noch nicht gut genug Englisch sprach. Dann \u00fcberlegte ich mir, ob ich zur Polizei gehen sollte &#8211; aber die kennt ja bestimmt diese Zust\u00e4nde im Herzen des sch\u00f6nen S.F. Ich blieb, hatte wenigs\u00adtens einen guten Schlaf, nachdem ich von Fisherman&#8217;s Wharf zur\u00fcck\u00adkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag lief ich stundenlang durch die Stadt. Union Square: Dort war es fast so wie am Washington Square in NYC. Drei Berkeley\u00ad-Studenten spielten Fl\u00f6tentrios von Bach und Quantz &#8211; sie verdienten gut in kurzer Zeit, spielten aber auch wirklich ausgezeichnet. In den Stra\u00dfen eine Geigerin. Ein Musikwagen mit einer eigent\u00fcmli\u00adchen Orgel &#8211; von Pferden gezogen &#8211; f\u00fchr \u00fcber die Stra\u00dfenkreuzung. &#8211; Do you have change? &#8211; Ein Veteran an der Ecke, ohne Beine, verkaufte Bleistifte. Hippies. Reiche, vornehme Damen stolzierten vor den Ge\u00adsch\u00e4ften. &#8211; Do you have a lunch for me? &#8211; Demonstrierende Inder schlugen auf kleine Trommeln und tanzten in gelben Kutten. BLACK POWER. Gedr\u00e4nge in den Stra\u00dfen. Ein amerikanischer Soldat: Do you have change? &#8211; Sorry. &#8211; But, I defend our country. &#8211; Sorry. Gedr\u00e4nge. Rush hour. Excuse me&#8230; excuse me&#8230; excuse me&#8230; excuse me &#8230; Ich kanns nimmer h\u00f6ren, excuse me.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde angesprochen, die Church of Scientology will mich testen, umsonst. Ich machte mit: 400 Fragen in Englisch waren zu beantworten mit YES, NO oder MAY BE. Danach war ich wie ger\u00e4dert. Ein junger Mann kam am Schlu\u00df mit der Auswertung meines Tests zu mir, hier der result (100 Punkte sind jeweils Maximum oder Minimum):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Ich wei\u00df nicht, warum und wof\u00fcr ich lebe: -80<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Ich bin nicht gl\u00fccklich und mein Lebensgef\u00fchl<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; ist dementsprechend: -60<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Ich BEGINNE, Dinge zu tun: +80<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Ich f\u00fchre Dinge aus: +80<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. Aber ich BEENDE die Dinge nicht: -20<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. Ich bin zu CRITICAL: -60<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7. Ich habe gute Kontaktf\u00e4higkeit: +80<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich sollte ich wegen Ziffer l, 2 und 6 Mitglied der Church of Sciento\u00adlogy werden. Aber ich wurde nicht. Vielmehr hielt ich den Test f\u00fcr schlecht, f\u00fcr eine abgekartete Sache, f\u00fcr h\u00f6chst tendenzi\u00f6s, denn: Bei 1 schnitt ich deswegen \u201aschlecht\u2019 ab, weil ich offen zugab, nicht zu wissen, warum ich letztenendes lebe (wei\u00df die Church of Scientology es?), und entsprechend antwortete ich auf \u00e4hnliche, versteckte Fragen. Ob ich mir aber selber Bestimmungen meines Lebens gebe, wurde nicht gefragt. &#8211; Bei Ziffer 2 schnitt ich \u201aschlecht\u2019 ab, weil ich auf verschiedene Fragen antwortete, da\u00df ich nicht mit den sozialen oder politischen Verh\u00e4ltnissen oder mit dem, was ich bisher in meinem Leben erreichte, zufrieden bin. Bei Ziffer 3 frage ich mich, woher sie ihr Urteil nehmen. Und bei Ziffer 6 tritt die Tendenz dieser \u201eChurch\u201c offen zu Tage. &#8211; Auf meine Gegenvorstellun\u00adgen erhielt ich stets ein liebes L\u00e4cheln. L\u00e4cheln, L\u00e4cheln. Soll ich l\u00e4chelnd zusehen, wie die Schwarzen diskriminiert werden, wie die Ar\u00admen noch mehr verarmen, wie die Konservativen ihren heiligen Krieg in Asien f\u00fchren? Vielleicht ist dies sogar das Ziel dieser Church. Wie ich dieses werbende, falsche, vernunftwidrige L\u00e4cheln hasse! Warum nicht ein ernstes Gesicht, wenn ich ernst bin, ein trauriges, wenn ich traurig bin? Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, wieviel ein L\u00e4cheln helfen kann, auch wenn es unmotiviert ist, aber ich bin genauso gegen das Extrem, unmotiviert zu handeln, wie gegen das andere Extrem, stets nur moti\u00adviert zu handeln. SMILING AMERICA!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Busfahrt nach San Diego lernte ich einen Franzosen kennen, sp\u00e4ter auch einen Tschechen &#8211; so waren meine Busfahrten aufgrund der interessanten Gespr\u00e4che, nie langweilig. &#8211; San Diego ist schrecklich! Vielleicht nicht so schrecklich wie Los Angeles, das ich einfach auf meiner Reise auslie\u00df, aber es ist eine absto\u00dfende, billige, ordin\u00e4re Gro\u00dfstadt. Puffs. Kneipen. Go-go-girls etc. Oder Bank-Pal\u00e4ste, \u201eCafe\u00adterias\u201c etc. &#8211; Reiche Villen, arme, lumpige Holzh\u00e4user, direkt nebeneinander. Ein Park, eine W\u00fcste. Ein trauriger, schmutziger (Kriegs)ha\u00adfen. Viele Mexikaner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich versuchte \u00fcber die Grenze nach Mexico zu kommen. Ich wollte nur Tijuana sehen, da Mexico City mit 24 Dollar f\u00fcr mich diesmal zu teuer war. Der mexikanische Grenzbeamte, liederlich gekleidet, l\u00e4ssig dasitzend &#8211; in einem regelrech\u00adten Schuppen &#8211; musterte mich, als er meinen Ausweis kontrollierte. \u201eYou are German\u201c, sagte er. &#8211; \u201eYes.\u201c Ich dachte, aha, ich komme gut \u00fcber die Grenze, denn es hie\u00df immer, Deutschland sei bei den Mexikanern sehr beliebt. \u201eGo back to the border!\u201c Er fluchte und sagte, ich solle mir erst einmal die Haare schneiden lassen. Ich nehme an, der eigentliche Grund der Abweisung ist ein anderer: Der Rauschgiftschmuggel an der mexikanischen Grenze ist ungeheuer &#8211; irgendwie mu\u00dfte ich mit meinen langen Haaren danach ausgesehen haben. &#8211; Zur\u00fcck in San Diego, rempelten mich Marinesoldaten an: \u201eHast du da drugs in deiner Tasche?\u201c \u201eNein.\u201c \u201eCut your hair!\u201c Lumpiger Hippie du, dir werden sie\u2019s bei der Army schon zeigen! &#8211; Die hatte ich schon hinter mir\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging in eine Cafeteria, wollte eine Tasse Kaffee trinken. Ich wurde nicht bedient. Ich wartete. Ich machte mich bemerkbar, ging an die Theke, aber ich wurde nicht bedient. Schlie\u00dflich kam sie: He &#8230; ? Ich w\u00fcnschte Kaffee. Sie notierte &#8211; aber statt Kaffee erhielt ich etwas sp\u00e4ter nur die Rechnung. Ich ging mit der Rech\u00adnung zur Kasse, sagte, ich h\u00e4tte keinen Kaffee bekommen. SMILING (Grinsen): Drau\u00dfen st\u00fcnde f\u00fcr Leute wie mich ein Automat. Also dann nach Flagstaff. Und von Flagstaff zum Grand Canyon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer nicht enden wollenden Fahrt bergab, bergab, bergab &#8211; ich dachte schon, ich w\u00fcrde unten im Canyon landen &#8211; kam ich schlie\u00dflich nach Grand Canyon Village. Ich stand am Rand der Schlucht und wu\u00dfte: HIER BIN ICH UND HIER BLEIBE ICH. Hier treffe ich lauter Amerikaner, mit denen ich rede und rede und rede. Unglaublich, wie interessiert sie am alten (nun doch f\u00fcr sie wieder neuen) Europa sind. Eben kommt von nebenan einer zu mir und erkundigt sich, warum ich noch nicht zu ihnen gekommen bin. Ich ent\u00adschuldigte mich damit, da\u00df ich von all meinen Impressionen (er sieht mich schreiben) so m\u00fcde sei, so m\u00fcde von all den Menschen, die ich traf, da\u00df ich mich hier etwas ausruhen wollte. Er verstand mich sehr gut &#8211; und dann f\u00fchrten wir ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber Europa und die amerikanischen Probleme. Wirklich, sie suchen einen neuen Weg, sie sehen jetzt auf Europa. Ich meinte, findet einen noch viel besseren Weg! Sie sollen bei JEFFERSON noch einmal anfangen. We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal; that they are en\u00addowed, by their Creator, with certain unalienable rights; that among these are life, liberty, and the pursuit of happiness&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das stimmt mich gl\u00fccklich, da\u00df viele junge Amerikaner suchen &#8211; es ist die Hoffnung, da\u00df Amerika sich eines Tages einbettet in eine bessere Geschich\u00adte, als sie Europa hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben bekomme ich eine Taschenlampe gereicht &#8211; es wird schnell dunkel im Canyon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe gut geschlafen, obwohl es in der Nacht ziemlich kalt wurde. Gestern abend sa\u00dfen wir zu sechs (lauter Amerikaner) am Feuer &#8211; fast alle Jugendlichen, die ich treffe, sind Studenten, die mit dem Auto oder per Anhalter in der Ferienzeit durch ihr Land reisen. Meine rechte Hand zittert und mit links kann ich nicht schreiben, irgendein Insekt hat mich gestern nacht mordsm\u00e4\u00dfig in den Unterarm gestochen, so da\u00df ich eine Riesenbeule habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sa\u00dfen am Feuer, unterhielten uns, es war warm, gem\u00fctlich &#8211; auf einmal kreisten mehrere Zigaretten &#8211; ich rauchte zum ersten Mal Hasch &#8211; verdammte Moskitos! &#8211; der joint stimmte mich nicht viel gl\u00fccklicher, als ich schon war. Einige wurden langsam happy, zufrieden, ruhig oder redselig. Ich glaube, Hasch lohnt nicht &#8211; ich kann nicht verstehen, warum sich so viele Jugendliche von diesem teuren Zeug so abh\u00e4ngig machen. Wir diskutierten dar\u00fcber. \u201eIn Amerika ist es so leicht, Probleme zu bekommen.\u201c &#8211; Ich frage, ob Hasch da hilft. \u201eSometimes.\u201c Sie haschten regelm\u00e4\u00dfig, lehnten aber LSD und sch\u00e4r\u00adfere Drogen als physisch und psychisch zu gef\u00e4hrlich ab. &#8211; Wir sprachen \u00fcber die freie Liebe. Sie waren gegen das Kommunen-Leben und meinten, da\u00df Sex eine ganz pers\u00f6nliche, private Angelegenheit sei. Sie fragten: Was denkst du \u00fcber den Vietnam-Krieg? Indochina-Krieg, sagte ich. Ist Muskie gut f\u00fcr uns? (NEIN!) Alle geben Ted Kennedy eine Chance. F\u00fcr alle war Bob die gro\u00dfe Hoffnung, Jack war es, der die liberale Bewegung erstmals nach dem Krieg in die Ad\u00administration f\u00fchrte und unter der Weltjugend eine liberale Bewegung entfachte. &#8211; Wer ist Willy Brandt? Ein zweiter Kiesinger? (NEIN!) Ein anderer fand den treaty Bonn-Moskau gut &#8211; keiner hat die Bef\u00fcrchtung, da\u00df Deutschland wieder einen Krieg vom Zaune brechen w\u00fcrde, sie rechnen Westdeutschland zu den friedlichsten Nationen. Aber sie haben Angst, Amerika k\u00f6nnte Hitlers Nachfolge antreten (und das auf noch raffiniertere Weise). (JA, ich habe Angst: das SYSTEM befindet sich hier in der eigenen Zwickm\u00fchle &#8211; rund 200 oligarchische Familien oder: Wall Street, das ist die eigentliche Regierung der USA, der Dollar ihr Gott &#8211; viele beten, wenn sie vor dem Kreuz knien, in Wahrheit ein Dollarzeichen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Atmosph\u00e4re &#8211; ich sp\u00fcre sie hier erstmals unter den amerikanischen Jugendlichen, trotz vacations, trotz Grand Canyon und Hasch &#8211; ist wie unter Ratten, die das sinkende Schiff verlassen wollen: Angst vor der politischen Zukunft. Verdr\u00e4ngungsversuche ver\u00adgeblich. Angst oder zumindest Sorge. POISON IVY will take over the planete! Poison Ivy schaut ver\u00e4chtlich und erwartungsvoll auf die Krone der Sch\u00f6pfung. Ich sehe mich schon als Fossil im Glaskasten in einem Mu\u00adseum der sp\u00e4teren Poison-ivy-Zivilisation. Die Erde, ein ganzer, ein einziger Grand Canyon. Und am Schlu\u00df allen organischen Seins l\u00f6sen sich Gott und die Idee des Menschen in Wohlgefallen auf. E = mc<sup>2<\/sup> ohne homo sapiens sapiens.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von Ulrich Bergmann finden Sie&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bright Angel Creek, 16.September 1970 &nbsp; Der Entschlu\u00df, drei Tage l\u00e4nger im Grand Canyon zu bleiben, fiel mir nicht schwer. Ich bin wei\u00df Gott kein Naturanbeter, vermag al\u00adso nicht allzulange and\u00e4chtig vor einem der vielen Alt\u00e4re des Erdsch\u00f6pfers &#8211; wer&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/16\/grand-canyon-letter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":9174,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-18535","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18535"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18535\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}