{"id":18531,"date":"2018-12-25T00:01:48","date_gmt":"2018-12-24T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18531"},"modified":"2022-02-21T17:31:47","modified_gmt":"2022-02-21T16:31:47","slug":"literarisches-traume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/25\/literarisches-traume\/","title":{"rendered":"Lyrische Destillationen"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrelang hat sich Holger Benkel mit Tiersymbolik besch\u00e4ftigt. Dabei spielte, nicht nur anfangs, Brehms Tierleben eine gro\u00dfe Rolle. Auf mehreren Hundert Seiten versuchte er, eine Kulturgeschichte der V\u00f6gel und Insekten und ihrer Mythen zu schreiben. Sp\u00e4ter aber gab es Versuche, diese Aufzeichnungen zu moderieren \u2013 etwa in lehrhaften Dialogen. Erst mit der Umformung dieser prosaischen Notizen in seine typische Lyrikform destillierte Benkel aus der biologischen Beschreibung die wesentlichen Bez\u00fcge zum Menschenleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Lyriker faszinierten manche Tiernamen und auffallende \u00c4hnlichkeiten mit mythischen Gestalten \u2013 so gibt es einen \u00e4gyptischen Mistk\u00e4fer, einen erfolgreichen Sisyphos, der Mistkugeln rollt, die sein eigenes Gewicht \u00fcberbieten. Auch Insekten und V\u00f6gel, die sich nicht mit alten Mythen assoziieren lassen, erinnern an existenzielle Situationen in einem Menschenleben. Wir sehen: Die Vogel- und Insekten-Gedichte sind doppeldeutig zu verstehen \u2013 real und bildlich: Es geht um Seelen. Und so schlie\u00dft sich dieser fein bebilderte Gedichtband an den letzten an, der den Titel \u201eseelenland\u201c (2015) tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits Benkels 1995 ver\u00f6ffentlichter Prosaband hei\u00dft \u201ereise im flug \u2013 tr\u00e4ume und begebenheiten\u201c. Es gehe darum (so Benkel in einem Brief an mich vom \u201e28. tag des wei\u00dfdornmonats 2018. auf der suche nach der farm der toten.\u201c), die irdische Schwere aufzuheben im Flug. In \u00fcberwirklichen Sph\u00e4ren k\u00f6nne die Seele Asyl finden. \u201emystiker wollen durch seeleninnenr\u00e4ume fliegen. die meisten fliegenden wesen aber waren totenseelen.\u201c In das mir gewidmete Exemplar schrieb er: \u201eder eigentliche wahnsinn besteht darin, die realit\u00e4t f\u00fcr keine illusion zu halten.\u201c Ich denke inzwischen, das ist nicht ironisch gemeint. Totsein ist genauso eine Realit\u00e4t wie Leben. Das wahre Leben, befreit von der Schwere des Daseins im Tagleben, findet die Menschenseele erst im Tod. Im Gedicht \u201eauferstehung\u201c (S. 41) hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 fliegt der vogel auf aus der \u00f6ffnung im grab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 f\u00fchrt er die schatten der toten zur sonne<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wandern sie fortan in schwarzem licht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel ber\u00fchrt mit solchen Aussagen, die sich vor allem in seinen Briefen finden, religi\u00f6se Glaubenssph\u00e4ren, doch beh\u00e4lt er \u2013 bei aller deutlich sichtbaren N\u00e4he zu den Weltreligionen \u2013 Distanz und Eigenst\u00e4ndigkeit. Sein poetisch formulierter \u201aTotenexistenzialismus\u2019 will frei bleiben von Kirche, Priestertum und Glaubensgesetzen. Die Poesie behauptet ihre Autonomie in einer eigenen Prozesshaftigkeit. Benkel schreibt in seinem Brief an mich: \u201emetaphorik ist, zumindest urspr\u00fcnglich, gesteigerte naturwahrnehmung. wenn heutige lyriker h\u00e4ufiger biologische motive verwenden, so k\u00f6nnte das auch eine reaktion auf die dominanz der technologien sein.\u201c Er denkt hier etwa an den s\u00fcddeutschen Lyriker Werner Weimar-Mazur, der in seinen Gedichten V\u00f6gel und Fische, S\u00e4ugetiere und Insekten, Pflanzen und Steine als subtile Attributive menschlicher Existenz verwendet. Derlei gab es in der Dichtung immer schon \u2013 wenn\u00a0 auch nicht in der von Benkel und Weimar-Mazur demonstrierten Intensit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 64 realmythologischen Gedichte sind wie zwei Schachbretth\u00e4lften angeordnet \u2013 erst die V\u00f6gel, dann die Insekten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht in jedem Gedicht wird ein Vogel oder ein Insekt thematisiert. Das erste Gedicht (\u201eabbilder\u201c) gleicht einer Ouvert\u00fcre, in der die eigentlichen Themen angeschnitten werden: Das lyrische Ich betrachtet die Menschheitsgeschichte; sie zeigt den Menschen als ein selbstbetr\u00fcgerisches Wesen, das sich mit der Errichtung einer \u201emoral vom genital bis zur genetik \/ &#8230;\u201c selbst richtet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">maschinen gleich mit recht und rechnern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00f6ffnet er sein raubtiergebi\u00df der logik \/ &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homo homini lupus! Glieder und Sinnes-Organe \u2013 Augen, Ohren, Hirn und H\u00e4nde \u2013 entwickelt er zu gigantischen Prothesen, mit denen er nicht nur Wohlstand, sondern auch (Selbst-)Vernichtung betreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Beispiele f\u00fcr den spielerischen Umgang mit der mythologischen und metaphorischen Vielfalt: Der Adler als Ikaros als Ph\u00f6nix (S. 5); als Wappentier, das im Krieg verendet (\u201ekriegsvogel\u201c), S. 6; der Hahn tags\u00fcber als Lichtrufer, Brandwarner \u2013 Erdbebenk\u00fcnder nachts (\u201ehahnenschrei\u201c, S. 9); die Amsel als Todk\u00fcnder (\u201eamselm\u00e4nnchen\u201c, S. 13); der Storch (S. 20) zieht \u201edie geburten\u00a0 \/ herauf aus dem wasser unter der erde \/ tr\u00e4gt er sie im herbst wieder fort \/ wird er selbst zum menschen\u201c \u2013 und da denken wir auch an Hauffs \u201eKalif Storch\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gedicht der \u201etaube\u201c (S. 33) scheint Platons H\u00f6hlengleichnis auf. Und \u2013 abseits von Brehms und allen Tierbeschreibungen \u2013 st\u00f6\u00dft der Leser auf Gedichte mit philosophischen Mythen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 ei<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 zeugt sich das leben selbst<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 im dunkel der unsichtbaren bleibe<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 entw\u00e4chst die erde dem eiwei\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wie der himmel dem dotter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 h\u00e4ngen eier rot an den b\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 steigen tote auf im saatfeld<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 graben kinder nach den schalen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kreislauf der Natur wirkt (im Gedicht der \u201etauben\u201c)wie ein Sch\u00f6pfungs-Witz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 sitzen sie in k\u00e4figen gem\u00e4stet mit nudeln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weizen gerste hirse erbsen bohnen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">liegen sie auf tischen geformt zu pasteten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gebraten gesotten gebacken und gew\u00fcrzt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit pfeffer koriander zwiebeln dattelkernen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">pflaumen kirschen eidotter honig wein und \u00f6l<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">d\u00fcngt ihr kot l\u00e4ngst die \u00e4cker<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eseelenv\u00f6gel\u201c (S. 42) sind die Sirenen, die wir seit Homers \u201eOdyssee\u201c kennen. Noch im Tode bleiben sie verf\u00fchrerisch und finden Verwendung \u2013 der letzte Vers demonstriert sarkastisch die Morallosigkeit des Schicksals. So eng liegen Tod und Verf\u00fchrung beisammen! Hier geht es nicht nur um menschliche Schicksale oder Seelen, sondern auch um Ideen und um Macht und Gefahr des forschenden, abenteuernden und wagenden Geistes, der auch zu tun hat mit der Poesie \u2013 die Kr\u00e4nze spielen an auf den Sieg der Musen \u00fcber die Sirenen. Und so gesehen meint der Seelendichter Holger Benkel, dass das eigentliche Leben nicht erst im Tod beginnt, sondern schon in der Freiheit der Kunst da sein kann und das physische Leben \u00fcberw\u00f6lbt: \u201e&#8230; will ich nur noch zeichen sehen \/ die nichts nutzen also frei sind\u201c, hei\u00dft es im ersten Vogel-Gedicht (\u201eabbilder\u201c, S. 1).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 singen vogelfrauen lockend reden sie tr\u00fcgerisch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 mit sanfter stimme wird ihr gesang nicht \u00fcbert\u00f6nt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 versprechen sie die seligkeit des todes spielen sie fl\u00f6te<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wachsen ihnen h\u00e4nde aus den fl\u00fcgeln tragen sie menschen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 in den krallen saugen sie blut liegen wei\u00dfe knochen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 auf ihrer insel sitzen sie klagend \u00fcber den toten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 schlagen sie sich gegen die brust zerraufen die haare<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und zerkratzen ihre haut am ende bergen sie die seelen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wie kinder im grab schauen sie traurig und kokett<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 bindet man aus ihren federn kr\u00e4nze<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der lyrischen Destillation alter Tiermythen, teils in ihren verschiedenen Versionen und mit eigenen Intuitionen moderiert, bereichert Holger Benkel die Poesie unserer Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Insekten kommen wie alle Tiere \u201eaus dem wasserleib der erde\u201c, und \u201emit der zeit warfen insekten \/ wenn sie wachsen wollten ihr skelett ab \/ wie seelen den k\u00f6rper bei der letzten h\u00e4utung &#8230;\u201c (\u201elandgang\u201c, S. 44) \u2013 da ist er wieder, der Seelengedanke, die Doppelgestalt von Welle und Korpuskel, diese physikalische Dialektik des Seins als Tod oder Endlichkeit im Gegen\u00fcber von Nichts oder Raum und Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zehn Gedichte sind den Bienen gewidmet, denn sie haben eine besondere \u00c4hnlichkeit mit dem Menschen als zoon politikon. Das Gedicht \u201erauschtrank\u201c (S. 55) sieht den Honig als Nahrung und Kunstwerk; fehlt er dem Leben, dann \u201esaugen dichter ihn \/ aus der eigenen leiche \/ in der w\u00fcste ihrer seele\u201c. Diesen Gedanken vom Selbstkannibalismus (oder moderater formuliert: von der Selbstausbeutung) gibt es schon in Benkels erstem Gedichtband, \u201ekindheit und kadaver\u201c (Magdeburg 1995), in dem Gedicht \u201eapfelessen\u201c (S. 89) sehr indirekt; viel deutlicher in dem Aphorismus: \u201eauf der reise in die andere welt m\u00fcssen wir uns von uns selbst ern\u00e4hren. aber am ende ist jedes tiefere einf\u00fchlen kannibalisch.\u201c (Gedanken, die um Ecken biegen. Aphorismen von Holger Benkel. Edition Das Labor, Bad M\u00fclheim 2013, S. 49)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgen Gedichte \u00fcber Ameisen, Schmetterling und Raupe, Libelle, Zikade, Mistk\u00e4fer, Spinnen, Tarantel, Ohrwurm, Heuschrecken, Termiten, Fliegen und M\u00fccken, Wanzen und L\u00e4use. (Dem Biologen wird auffallen, dass die Spinne zu den Gliedertieren geh\u00f6rt \u2013 sie wirkt eben auf die meisten Menschen wie ein Insekt.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Holzschnitte von Sabine Kunz greifen einige Gedichttitel auf. Auf dem Buchdeckel befindet sich ein Vogel im K\u00e4fig &#8211; der \u201eFink\u201c (\u201ef\u00e4ngt man ihn \/ singt er geblendet im k\u00e4fig\u201c). Vielleicht spielt der K\u00e4fig nicht nur an auf den Verlust der Freiheit, sondern auch auf die Form, die der Inhalt bedingt. Der Fink vertritt hier wom\u00f6glich die Nachtigall als K\u00fcnstlerin, wie sie in so manchen Fabeln und M\u00e4rchen vorkommt. Der K\u00e4fig w\u00e4re dann sogar ein Symbol der geistigen Freiheit, die sich nur dem Gedanken und seiner Form unterwirft. Jeder Mensch aber bleibt zugleich im K\u00e4fig seines K\u00f6rpers gefangen \u2013 und so ist sein Lebensgesang geblendet, er sieht in sich und au\u00dfer sich nicht alles, er muss ahnen, spekulieren, erfinden und dichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild \u201eFlieger\u201c zeigt den Sonnen-Wagen, gezogen vom Pegasus \u2013 ein sch\u00f6ner Einfall, der zur poetischen Lebensphilosophie Holger Benkels gut passt. Es ist der denkende Mensch, der sich sein Leben baut \u2013 und in diesem Gedanken steckt ein gutes St\u00fcck Bejahung eines Lebens im Diesseits; er wird in vielen Gedichten der Erl\u00f6sung durch den Tod dialektisch gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Motive sind: Pfau, Rabe, Rauschtrank, Ameise: ein Gesicht im Gesicht, \u00fcber die gemeinsame Stirn krabbeln Ameisen; Libelle, K\u00e4fer: auch als eine auf dem Kopf stehende Maske lesbar; im ersten Gedicht der Insekten-Abteilung hei\u00dft es dazu : \u201e&#8230; erscheinen uns tiere \/ mit menschlichen gesichtern &#8230;\u201c Diese Surrealit\u00e4t griff die K\u00fcnstlerin auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder sind in derben, klaren Linien geschnitzt, schwarze Fl\u00e4chen dominieren, in wenigen Bildern gibt es vereinzelt dunkelblaue Stellen, die figuralen Partien sind klar konturiert und wirken pr\u00e4gnant. Besonders ausdrucksstark erscheinen der Pfau, der fast wie ein Ornament in einem Rundbogenfenster seine Gegenst\u00e4ndlichkeit aufhebt, ebenso der K\u00e4fer und der \u00fcber einen schwarzen Himmel ziehende Pegasus-Wagen mit schwarzer Sonne, wei\u00df (chamois) umflutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die Wiederaufnahme der Trag\u00f6die \u201eFin de si\u00e8cle\u201c in unser Menschheitsprogramm haben wir uns ja alle so sehr gew\u00f6hnt, dass uns unsere Angst wie ein Plagiat einer fr\u00fcheren Angst vorkommt, sodass wir unter dem Zwangsdiktat der neueren Kunst nach einer neuen Angst suchen und nach einer neuen Hoffnung, vielleicht in dem Glauben, es hegelt sich unser Leben mit neuen Begriffen schon hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel w\u00fcrde sagen, am besten lebten wir noch als Tote &#8230; Also vor unserer Geburt oder nach unserem Tod. Wahrscheinlich ist Letzteres das Beste, weil man\u2019s dann hinter sich hat und beruhigt tot sein darf ohne Angst, noch einmal leben zu m\u00fcssen, jedenfalls dann, wenn der physische Tod endg\u00fcltig war. Das wei\u00df keiner, auch Benkel nicht, auch er ist dazu verdammt zu glauben. Er glaubt ja nur metaphorisch, denke ich, so wie er fast nur als Bild lebt. Anders gesagt: Seine Gedichte sind gro\u00dfe Expressionen einer unglaublichen Sehnsucht nach Erl\u00f6sung vom Leben oder, was die Leser betrifft, nach Erl\u00f6sung in einem besseren Leben. Dann ist der Tod auch nur ein Bild in allen seinen Gedichten. Immerhin lebt Holger Benkel in seinen Gedichten, in seiner Sprache; seine manischen Inversionen (in der Syntax der Verse) deutet er ja als Vermeidung der Herrschaftssprache, er spricht sich in einer Erl\u00f6sungssprache in einer befreiten Syntax an. Schwer zu glauben. Aber ich akzeptiere, dass er sich in seiner Syntax befreit f\u00fchlt. Es sind meist Konditionalgef\u00fcge: Wenn &#8211; Dann. Wenn A gilt, dann gilt B. Logischer \u2013 und hermetischer geht es gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt noch, dass er in Fabeln dichtet. Es sind Tierfabeln vom Menschen als das gef\u00e4hrlichste und gef\u00e4hrdetste Tier. Mit den Bildern vom Mensch, der in den niederen Arten, den Insekten etwa, gespiegelt wird, erreicht Benkel eine unglaubliche Reduzierung menschlicher Komplexit\u00e4t aufs Elementare, zumal die Tiere nicht &#8211; wie bei den antiken Dichtern &#8211; menschliche Z\u00fcge aufweisen und im vereinfachenden Zerrbild Moli\u00e8rescher Charakter-Komik erscheinen, sondern, ganz von Komik und Tragik befreit, auf den Kern gebracht werden: Existenz, die selbst nie Kunst wird, sondern sich vollzieht jenseits aller ethischen Fragen. Nur in der philosophischen oder literarischen Reflexion \u00fcber das Leben kann Kunst entstehen: twilight garden &#8230; Ob Holger Benkel damit wirklich etwas poetisch Neues sagt, ist sekund\u00e4r. Prim\u00e4r ist: Er sagt es anders als andere bisher. Und darin liegt die Gr\u00f6\u00dfe seiner Gedichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>fliegende wesen<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel,\u00a0 erschienen in der Weberknecht-Edition, Magdeburg, 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99311\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/fliegende_wesen_Cover-e1645460953985.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" \/>Mit dem Band <em>fliegende wesen<\/em> konnte Holger Benkel seine jahrelange Besch\u00e4ftigung mit der Symbolik der V\u00f6gel und Insekten literarisch anwenden. Der Titel hat etwas doppeldeutiges und meint nicht allein reale Tiere, sondern \u00fcberdies Seelen. Dies pa\u00dft zum Buchtitel seines letzten Gedichtbandes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\"><em>Seelenland<\/em><\/a>. Vor \u00fcber 20 Jahren hei\u00dfen bereits seine Traumnotate <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=38311\"><em>Reise im Flug<\/em><\/a>. Die Flugsymbolik folgt der uralten Sehnsucht der Menschen aufzufliegen, die irdische Schwere hinter sich zu lassen und \u00fcberwirkliche Sph\u00e4ren zu erreichen, die der Seele Aysl geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><b>W<\/b><b>eiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>mei\u00dfelbrut<\/strong>,\u00a0Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Edition Das Labor<\/a>, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 &#8211; Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, Gedichte von Holger Benkel, Edition Das Labor 2015 &#8211; Benkel beweist als Lyriker in seinem Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Seelenland<\/em><\/a> ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das Unvertraute im Vertrauten, das Unheimliche des Allt\u00e4glichen, das Scheinhafte des Realen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jahrelang hat sich Holger Benkel mit Tiersymbolik besch\u00e4ftigt. Dabei spielte, nicht nur anfangs, Brehms Tierleben eine gro\u00dfe Rolle. Auf mehreren Hundert Seiten versuchte er, eine Kulturgeschichte der V\u00f6gel und Insekten und ihrer Mythen zu schreiben. Sp\u00e4ter aber gab es&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/25\/literarisches-traume\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":99311,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,866],"class_list":["post-18531","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18531"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18531\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99314,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18531\/revisions\/99314"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99311"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}