{"id":18528,"date":"2014-06-12T00:11:53","date_gmt":"2014-06-11T22:11:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18528"},"modified":"2014-06-12T05:25:03","modified_gmt":"2014-06-12T03:25:03","slug":"no-sports","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/12\/no-sports\/","title":{"rendered":"No sports!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist Sport auch ein literarisches Thema. Aber woran liegt es, dass es offenbar wenige wirklich starke Dichtungen mit Sport als prim\u00e4rem Aspekt gibt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auff\u00e4llig ist, dass ernste Sport-Lyrik \u00fcberhaupt nicht existiert (mir fallen die absurden und spielerischen Sportgedichte Ringelnatz\u2019 ein, in denen Sport zwar als \u00e4u\u00dferliches Ph\u00e4nomen prim\u00e4r steht, aber verulkt wird oder als Instrument dient, um menschliche Eigenarten oder Seelenzust\u00e4nde zu karikieren &#8211; dabei ist das Mittel selber schon komisch).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Sport-Drama kenne ich nicht (Jellineks <em>Sportst\u00fcck<\/em> benutzt Sport sexual-metaphorisch; allerdings muss dieser Aspekt auch gelten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann mir erotische Sport-Literatur (oder Literatur mit Sport) gut vorstellen, auf der B\u00fchne nur als Farce; ernster im Film, der das Komische schneiden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits steht die Sch\u00f6nheit eines sportlichen K\u00f6rpers sehr leicht auf der Kippe zum Komischen oder ger\u00e4t leicht in die Zone politischer Peinlichkeit &#8211; das zeigt auch die jahrzehntelange Diskussion um den Bildhauer Arno Breker. Die in der Zeit des europ\u00e4ischen Faschismus entstandenen K\u00f6rperskulpturen, eine M\u00e9salliance des athletischen Ideals der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts und der griechischen Klassik, sind einerseits in den Kontext totalit\u00e4rer und kriegerischer Denkweisen eingebunden, andererseits Idole eines K\u00f6rperkults, der die \u00c4u\u00dferlichkeit, die messbare Sch\u00f6nheit, die Pose zum Inhalt macht und die Einheit von K\u00f6rper, Geist und Seele oder Form und Inhalt nur behauptet, aber nicht einl\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sport-Philosophie, auch wenn sie den \u00e4sthetischen Aspekt, was sie leicht kann und gern tut, vernachl\u00e4ssigt und sich auf den biologistischen Aspekt beschr\u00e4nkt, Trainings- und Leistungslehre zu sein, hat es schwer wirklich ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Messzahlen st\u00f6ren sowohl das Ideal der sch\u00f6nen Bewegung als auch die \u00dcbereinstimmung von Geist und K\u00f6rper; es steckt der anglo-amerikanische Glaube dahinter, alles sei trainierbar und machbar; diese derzeit herrschende Sportphilosophie, die von den jeweils imperialen M\u00e4chten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erzeugt wird, hat sich inzwischen wie eine Mode in der ganzen Welt ausgebreitet &#8211; eine billige, f\u00fcr jeden leicht zu verstehende und scheinbar harmlose Ideologie, sich ein gl\u00fcckliches Leben vorzumachen. Der Leichtathlet Dieter Baumann (\u201eLaufen ist mein Leben\u201c) ist die entsetzlichste Karikatur solch eines Irrtums. Es fehlt ihm die Grazie und Sch\u00f6nheit der Bewegung nach dem Vorbild der griechischen Klassik, ihm fehlt jede Spur von Erotik, und der Geist seiner Sport-Philosophie, die er mit Hilfe eines Journalisten in einem Buch mit eitel demonstrierter Bescheidenheit offenbart, liegt in seiner unertr\u00e4glichen Seichtigkeit blank vor uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sport hat etwas Zauberbergiges an sich. Er ist eine k\u00fcnstliche Welt, eine immer grotesker werdende Kultursph\u00e4re, der das Wahre fehlt, die das Authentische nur behauptet. Diese Kultursph\u00e4re ist eine Tatsache. Mir f\u00e4llt auf, dass Sportler als Helden, die sich auch in anderen Kulturtravestien wie z. B. in der Pop- und Rock-\u2019Szene\u2019 finden, verkl\u00e4rt werden, insbesondere von dem Typ Realist, der in der positivistisch messbaren Welt seiner Kultur endlich Realit\u00e4t und Halt findet. Da wird dem Sport geradezu etwas Quasireligi\u00f6ses zugemutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je mehr ich \u00fcber den Sport als literarisches Thema nachdenke, umso mehr erkenne ich: Sport taugt nur sekund\u00e4r als Thema, er hat es leichter als Kulisse. Der Sportler wird das Groteske nicht los, er kann tun, was er will &#8211; seine Anstrengungen werden, in allen Sportarten, immer als Anstrengung sichtbar. Der Prosa des Ultra-L\u00e4ufers G\u00fcnter Herburger merkt man die Anstrengung an, das Triviale zu transzendieren, das die sportlichen Gef\u00fchle beherrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sportler messen, weil sie Beweise ihrer privaten und \u00f6ffentlichen Siege brauchen, und genau das treibt jeden Sportler und jede sportliche Bewegung \u00fcber die Grenze des Sch\u00f6nen und Wahren, verzerrt und zieht ihre Arbeit, die immer zu angestrengt und k\u00fcnstlich, zu selbstbezogen und zugleich angepasst wirkt, ins L\u00e4cherliche und l\u00e4sst nur untergeordnete literarische Funktionen zu: Sport als Groteske, als Karikatur, als Satire, als Bild des Absurden, als Tatort kriminal\u00e4sthetischer Handlungen, als Sph\u00e4re der Oberfl\u00e4chen-Erotik &#8211; Sport bleibt als literarischer Stoff sekund\u00e4r, Beiwerk, Attrappe, Kulisse, ist aber nie autark.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfer Sportroman kann nicht geschrieben werden, es sei denn als Legendenklitterei, Biografieroman oder Compendium kitschiger Anekdoten, wie sie zur Befriedigung sportfanatischer Begierden schon lange existieren (la litt\u00e9rature du Tour de Trance).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es gelingt, das pr\u00e4gnant \u00c4sthetizistische in der Sph\u00e4re des Sports (nicht als triviale Groteske oder Karikatur des Absurden, sondern etwa als manieristisches M\u00e4rchen \u00fcber\u00a0 K\u00f6rpersprache, K\u00f6rperdichtung oder als Choreographie der K\u00f6rperlichkeit) herauszuschlagen wie wertvolles Erz aus spr\u00f6dem Gestein;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn es gelingt, unter der banalen Anstrengungsoberfl\u00e4che des durch Regeln domestizierten messbaren und damit entwerteten Kampfs Leben literarisch zu gestalten, also zu erdichten (aber das bezweifle ich schon, indem ich die Bedingungen formuliere);<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn es gelingt die Langweiligkeit des Gesamtph\u00e4nomens Sport aufzuheben (Sport ist die b\u00fcrgerliche Vorstellung vom fairen Leben, von der Demokratisierung der Gefahr und des durch Leistung ins Diesseits projizierten Paradieses, so eine Art selbstgemachte Republik mit dem Charme des Versicherungsrechts&#8230;\u00a0 ich komme immer wieder irgendwie zum <em>Zauberberg<\/em>&#8230; der Sport steht der Entsagung und der Disziplin mittelalterlicher Orden nahe, allerdings als Abziehbildchen; er hat zwar auch etwas Theatralisches, allerdings ist es die B\u00fchnenkunst einer gro\u00dfen schweigenden Mehrheit, ein kommerzielles Musical mit Gleichschaltungsmotiven, ein Schlagerpotpourri von Sentimentalit\u00e4t und schmierenkom\u00f6diantischem Pathos, und zwar nicht nur in der Mogelpackung des Fernsehens, sondern tief drin im Herzen der Massen, die ein Leben in real existierender K\u00fcnstlichkeit vorziehen, den kleinen Reiz eines geregelten Instant-Masochismus genie\u00dfen oder ihre Kindlichkeit fortsetzen, mit der sie ihren Narzissmus \u00f6ffentlich ausleben k\u00f6nnen &#8211; der l\u00e4cherliche, wenn auch verst\u00e4ndliche, Versuch jung zu bleiben. Sport ist, im besten Fall, die groteske Anstrengung des K\u00f6rpers Todesangst zu verdr\u00e4ngen &#8211; und wieder f\u00e4llt mir Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em> ein: \u201eDu sollst dem Tod keine Macht einr\u00e4umen \u00fcber deine Gedanken&#8230;\u201c, erkennt Hans Castorp f\u00fcr einen kurzen Moment, im \u201eSchnee\u201c-Kapitel, bis er dann aber wieder vergisst oder verdr\u00e4ngt, was er erkannt hat -, aber heute erleben wir in einer Massenbewegung die Verdr\u00e4ngung des Todes als reproduzierbare kultische Exkursion ins eigene Innere &#8211; ein erneuter abendl\u00e4ndischer Versuch K\u00f6rper und Geist zu einen; diesmal, in Umkehrung der Mystik, rutscht der Kopf zwischen die Beine &#8211; das Vordringen dieses verstiegenen K\u00f6rperkults, der seine erste Hochzeit in der Zeit der deutschen Diktatur hatte, zeigt sich &#8211; das ist f\u00fcr mich nicht \u00fcberraschend &#8211; vor allem in der nordamerikanischen Literatur: <em>Vagina-Monologe<\/em> hei\u00dft ein Theaterst\u00fcck, dramatisierte Collage einer wissenschaftlichen Studie \u00fcber 200 Frauen, die \u00fcber sexuelle Erfahrungen sprechen; und die K\u00f6rperreflexionen Lisa Andersons aus dem Internet demonstrieren gut, wie einf\u00e4ltig der Kopf formuliert, wenn der K\u00f6rper denkt) &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn also aus dem Sport Geschichten gewonnen werden, die mit dem Leben oder mit der Kunst, was dasselbe ist, wirklich zu tun haben, dann vielleicht kann ein \u2018prim\u00e4res\u2019 Kunstwerk als Sportroman, Sportdrama oder Sportgedicht gelingen, vielleicht aber auch (eher) nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht dieses eindimensionale Prinzip \u201ecitius altius fortius\u201c, das sich an positivistisch banaler Grenzerweiterung orientiert, kann mich begeistern, sondern nur die Einheit eines Kunstwerks im Unbegrenzten, Ungeregelten und Ungez\u00e4hmten: Etwa Richard Wagners <em>Ring des Nibelungen<\/em>, das <em>Klarinettenquintett<\/em> von Johannes Brahms, Wolfgang Rihms Violinkonzert, Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em>, Franz Kafkas <em>Process<\/em>, <em>Krieg<\/em> von Rainald Goetz, Thomas Bernhards <em>Alte Meister<\/em>, Francis Bacons oder Edward Hoppers Gem\u00e4lde, Joseph Beuys\u2019 bildhauerische Werke, oder Pina Bauschs Tanztheater&#8230; Das ist meine Welt. Nicht die arme Welt von Anstrengung, Zucht und Z\u00fcchtigkeit, Drill und Doping, Verkr\u00fcppelung von Geist und Seele in einer Trainingszelle, die Ersatzwelt f\u00fcr die echte Herausforderung ist, die nicht gesucht oder nicht gefunden wurde, und damit bin ich ein letztes Mal beim <em>Zauberberg<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das armselige Repertoire von Geb\u00e4rden und mimischen Zeichen, nicht zu reden von den peinlichen Statements und Rechtfertigungen in den Medien, \u00fcbernehmen die Sportler, die au\u00dfer der messbaren Leistung nichts Eigenes erschaffen, aus der Sph\u00e4re der kommerziellen Massenunterhaltung, mit der die Sportbranche ja l\u00e4ngst vernetzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie soll da der Sport bei soviel Sekund\u00e4rem, bei soviel Unechtheit, vertaner Anstrengung und biederem Handwerk der Stoff sein f\u00fcr ein Kunstwerk, das <em>nicht <\/em>\u00a0das Groteske, Absurde zum Thema hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das freiwillig Absurde und Groteske in der Lebensweise vieler Mitmenschen! Sport demonstriert, dass der in den reicheren Gesellschaften, insbesondere in den kapitalistischen L\u00e4ndern der n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re, entstehende \u2018Menschenpark\u2019 zur Selbstentfremdung des Menschen f\u00fchrt: Voyeurismus und Narzissmus sind Formen dieser Massen(selbst)befriedigung einer relativ inhumanen Luxusgesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Reaktionen von akademisch gebildeten Sportaktiven wird mir der Vorwurf gemacht, die Welt des Sports sei v\u00f6llig anders, ich h\u00e4tte keine Ahnung, so sei das alles nicht. Mit Sportlern kann man \u00fcber Sport nur in einem internen und sehr technischen Sinn reden, das Gefasel vieler Sportler von Selbsterfahrung ist so eindeutig k\u00f6rpers\u00fcchtig und hormonisch, dass man sagen kann, es geht nur darum sich selbst und den Massen zu gefallen. Ich wei\u00df, dass es auch\u00a0 Argumente f\u00fcr den Sport gibt &#8211; mich interessiert aber nur echte Selbsterfahrung und der Aspekt des (Selbst-)Sch\u00f6pferischen. Sport ist jedoch weitgehend in Zahlen gemessene \u2018positivistische\u2019 K\u00f6rperleistung und Reproduktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe also nicht die M\u00f6glichkeit, das beklagte Missverh\u00e4ltnis zwischen Sport und Dichtung dialektisch aufzuheben, aber ich habe mich mit den <em>Totenbl\u00e4ttern<\/em>, die Sportgeschichten und zugleich Gedankent\u00e4nze, Sprachspiele und hintergr\u00fcndige Parabeln sind, f\u00fcr die M\u00f6glichkeit entschieden, das pr\u00e4gnant \u00c4sthetizistische in der Sph\u00e4re des Sports, als manieristische M\u00e4rchen und Choreographien der K\u00f6rpersprache, wie Erz aus spr\u00f6dem Gestein zu gewinnen.<\/p>\n<h4>Further reading \u2192<\/h4>\n<p>Lesen Sie auch den KUNO-Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15894\">Touristen mit Fotoapparaten<\/a>. Und in diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich auf ein KUNO-<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3365\">Gespr\u00e4ch<\/a> mit Theo Breuer hinweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich ist Sport auch ein literarisches Thema. Aber woran liegt es, dass es offenbar wenige wirklich starke Dichtungen mit Sport als prim\u00e4rem Aspekt gibt? 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