{"id":18515,"date":"2014-08-12T00:01:13","date_gmt":"2014-08-11T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18515"},"modified":"2022-02-21T12:53:03","modified_gmt":"2022-02-21T11:53:03","slug":"aschenbach-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/12\/aschenbach-und-wir\/","title":{"rendered":"Aschenbach und wir"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em>, wo der Eros als \u00e4sthetisches Stimulans mit einer k\u00f6rperlichen und einer geistigen Seite wirkt; wird der homoerotische Aspekt verwandelt in einen autoerotischen &#8211; und vielleicht gewinnt der Leser dem Tod das Sch\u00f6ne ab, wie Aschenbach durch Venedig sich selbst erkennt und erschrickt. Die Liebe zum Knaben Tadzio erscheint als &#8211; teils erinnerte &#8211; Selbstliebe Aschenbachs. Thomas Mann spielt zudem mit der Mythologie (oder der Allgemeing\u00fcltigkeit seiner Erz\u00e4hlung). Die biographischen Aspekte interessieren mich nur am Rande.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sind wir Aschenbach nahe, was das Schreiben und den nahenden Tod angeht?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder Hans Castorp? Der Zauberberg und die Zeit &#8211; das ist ein Spiel, ein Spiel mit dem Leben des Protagonisten, der seine Zeit verliert an seine bewusste Suche nach Lebenssinn, den Castorp im Schnee-Kapitel findet (\u201eDu sollst dem Tod keine Macht einr\u00e4umen \u00fcber das Leben\u201c) und sogleich wieder vergisst. Castorp will lieben, liebt aber nur platonisch, noch nicht einmal sich selbst, er findet nicht den Weg zum begehrten K\u00f6rper (Madame Chauchat) &#8211; und so wird der Roman zur Gro\u00dfmetapher, die wir wie einen Mythos verstehen k\u00f6nnen, der auch unser heutiges Leben beherrscht, wenn wir ihn nicht brechen. Wie Derrida ist Thomas Mann ein Mythenbrecher, als Erz\u00e4hler und didaktischer Wiederverwender alter Mythen. Man(n) kann die Mythen nur mit den Mythen zerst\u00f6ren. Anders gesagt: Die Mythen (ver)wandeln sich nur, eigentlich bleiben sie bestehen, sie zerbrechen hei\u00dft also nur, sie zu erkennen. Vielleicht kann man einen Mythos (im Sinne archetypischen Seins) nur durch einen anderen Mythos, den wir dr\u00fcber st\u00fclpen, aufheben, ganz im Sinne Hegels, also dialektisch. Nur in der Bewusstwerdung sind wir gott\u00e4hnlich. Der biblische Sch\u00f6pfungsbericht kann in dieser Weise gedeutet werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was f\u00fcr eine Breite an Interpretationsm\u00f6glichkeiten!<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere die Funktion des Eros in der N\u00e4he des ungewussten, unbewussten Todes: Die Verwandlung des Sinnlichen ins \u00c4sthetische, das dialektische Aufheben im Geistigen &#8230; und das Spiel im 4. Kapitel mit den Mythen, um das Archetypische menschlichen Seins zu betonen und das Unsagbare sagen zu k\u00f6nnen. Die sanfte Ironie dieses Kapitels stellt gleichzeitig ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine entmythologisierte Welt dar. Im Durchschauen der Welt heben wir die Mythen auf, ohne sie im Welterleben zu verlieren. Der Erz\u00e4hler treibt ein Spiel mit der scheinbaren Sprachlosigkeit und ist sich seines Erz\u00e4hlens in raunender Unbestimmtheit absolut sicher. Es ist der Triumph der Idee \u00fcber die k\u00f6rperliche Welt, Platon gebiert sich neu in Schopenhauer, Schopenhauer in Thomas Mann, das Sch\u00f6ne und Wahre in der erz\u00e4hlten Fiktion, kurzum: Die Dichtung wirkt realer als die Realit\u00e4t.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Tod in Venedig<\/strong>\u00a0ist eine\u00a0Novelle\u00a0von\u00a0Thomas Mann, die 1911 entstanden ist. Sie erschien zun\u00e4chst als Luxusdruck in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren, danach in der\u00a0<em>Neuen Rundschau<span class=\"Apple-style-span\">\u00a0<\/span><\/em>\u00a0und ab 1913 als Einzeldruck im\u00a0S.\u00a0Fischer Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18521\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"253\" \/><\/a><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Ulrich Bergmanns <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/02\/ex-oriente-lux\/\">Gedanken<\/a> <\/em>zu Thomas Manns Roman \u201eJoseph und seine Br\u00fcder\u201c. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens liest Ulrich Bergmann Thomas Manns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/27\/narrative-kaelte\/\">Doktor Faustus<\/a>. Und Bergmanns\u00a0<span class=\"ILfuVd c3biWd\"><span class=\"hgKElc\">\u00dcberlegungen der zum Untergang verurteilten b\u00fcrgerlichen Welt vor dem Ersten Weltkrieg<\/span><\/span>\u00a0 anhand des <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/12\/neuschnee\/\">Zauberbergs<\/a><\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen.<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In Thomas Manns Erz\u00e4hlung Der Tod in Venedig, wo der Eros als \u00e4sthetisches Stimulans mit einer k\u00f6rperlichen und einer geistigen Seite wirkt; wird der homoerotische Aspekt verwandelt in einen autoerotischen &#8211; und vielleicht gewinnt der Leser dem Tod das&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/12\/aschenbach-und-wir\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[282,866],"class_list":["post-18515","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-thomas-mann","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18515"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99158,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18515\/revisions\/99158"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}