{"id":18471,"date":"2020-08-29T00:01:38","date_gmt":"2020-08-28T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18471"},"modified":"2022-06-13T05:58:46","modified_gmt":"2022-06-13T03:58:46","slug":"ruckblick-auf-das-wagner-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/29\/ruckblick-auf-das-wagner-jahr\/","title":{"rendered":"H\u00f6chste Lust"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow, der Seelenwanderer, nahm den weiten Weg nach Moskau auf sich, um endlich die Oper zu h\u00f6ren, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. Auf einer B\u00fchne unauff\u00fchrbar, dachte Rudnikow, als der Zug Moskau erreichte und im Kasaner Bahnhof einlief. Warum h\u00f6re ich mir diese Oper ausgerechnet in Moskau an, dachte er, aber da sa\u00df er schon im Dunkel der Oper, der Vorhang war noch zu, das Vorspiel t\u00f6nte herauf zu ihm aus dem orphischen Hades, und er tr\u00e4umte sich weit weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow war, wo er von je gewesen, im weiten Reich der Weltennacht. Er fand sich auf den Stufen des r\u00f6mischen Theaters von Orange wieder und sah in der sch\u00f6nsten Mauer Frankreichs die Kulisse des Abendlands, das Orchester t\u00f6nte herauf zu ihm, und es war die Welt, die da t\u00f6nte, Tristan und Isolde und die Nacht der Liebe. Rudnikow schloss die Augen, er war nun Tristan, war Ton unter T\u00f6nen, und seine russische Seele, die so weit und tief war wie das Land, aus dem er kam, wurde aufgenommen in den Scho\u00df westlicher Liebeliebe. L\u00f6se von der Welt mich los!, sang Rudnikow. Gib Vergessen, dass ich lebe! Und seine Seele, die jahrhundertelang geknechtete Seele des russischen Volkes, die in ihm fortlebte, atmete tief, warf die Ketten der inneren Gefangenschaft ab und f\u00fchlte sich eins mit allen Menschen, die um ihn herum sa\u00dfen in dieser wunderbaren Nacht, alle die russischen Seelen, die sich nun befreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen nicht die blauschwarzen schweren Wolken am Himmel, die das letzte Abendrot verdunkelten. Als ob die Musik Schatten w\u00fcrfe, dachte Rudnikow, als er das sanfte Rollen des Donners h\u00f6rte, das Orchester spielt von allen Seiten! Weh, nun w\u00e4chst, bleich und bang, mir des Tages wilder Drang, Rudnikow schlug die Augen auf, weckt zu Trug und Wahn mir das Hirn! Lange Blitze erhellten das ganze Theater. Verfluchter Tag mit deinem Schein! Rudnikow meinte schon, als die Donnerschl\u00e4ge wuchsen, die Signale der Revolution zu h\u00f6ren, am falschen Ort, zur falschen Zeit, aber je lauter und heller das himmlische Gewitter wurde, umso st\u00e4rker f\u00fchlte er sich in dem wogenden Schwall, in dem t\u00f6nenden Schall, in des Welt-Atems wehenden All ertrinken, versinken, unbewusst -, er war vollkommen eins mit allem, mit dem Himmel des Abendlands, der Nacht der Liebe, dem Tag der Revolution und mit sich selbst. Die letzten Kl\u00e4nge starben, und ein krachender Donnerschlag beendete die Auff\u00fchrung endg\u00fcltig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum erschauerte und blieb starr. Als die ersten Tropfen fielen, platzte es wie eine Gewitterwolke, und es war kein Wunder, als Rudnikow in das unendliche Rauschen der Welt hinein, endlich erwachend, sagte: Ich regne.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">R\u00fcckblick auf das Wagnerjahr<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die \u201eRing\u201c-Rezensionen von Andreas Goertz las, musste ich mehrmals lachen \u2013 und es war nicht das Lachen der Verachtung, sondern der humorvollen Ber\u00fchrung, die von den Inszenierungsideen evoziert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe inhaltliche Durchdringung des Rings als Kapitalismuskritik, Menschheitsaufbruch, Zarathustra-2.0, Mythologie-Selbstzertr\u00fcmmerung &#8230; w\u00e4re nat\u00fcrlich endlich auch mal dran, da w\u00e4ren wir wirklich n\u00e4her bei Wagner. Ja, das w\u00fcrde mir gefallen, so eine Inszenierung, die es mal wieder ganz ernst meint. Genau davor haben alle Regisseure (und Veranstalter) offenbar Angst, sie glauben gar nicht mehr an Inhalte und daher wird jeder Gedanke ironisch gebrochen oder sonstwie verfremdet und die Verfremdung wird noch einmal verfremdet, und in diesen intellektuellen Schachtelungen kann sich jeder herausreden und ist gegen jede Kritik gewappnet, nur nicht gegen den Vorwurf der Beliebigkeit. Aber den kann man wieder umdrehen gegen den Kritiker und f\u00fcr sich reklamieren, den Freiheitsgedanken humorvoll geheiligt zu haben. Sinnlichkeit muss her, Aktualit\u00e4t, Hinterfragung von Bildern und Clich\u00e9s &#8230; unter dem Schirm der hinterfragenden ironischen Brechung kann jedes Clich\u00e9 und jedes faule Bild auf die B\u00fchne gestellt werden. Und vor allem: Die gro\u00dfen Ideen demokratisieren, also alles auf ein soziales Niveau runterziehen, dem fast keiner im Bayreuther Festspielhaus oder in irgendeinem Opernhaus der Welt entspricht. Solche Sozialisierungsversuche an Opern rechtfertigen sich f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Elite gegen\u00fcber der zuh\u00f6renden und zusehenden Elite wieder durch die Arroganz, f\u00fcr die man sich berechtigt glaubt. Da ist letztlich ein Auslachen aller sozialen Fragen mit im Spiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es schon viel, wenn es Castorf gelingt, den Rezipienten zu einer humorvollen Geneigtheit zu bewegen. Mit den Wagnerianern, die mit Bierernst am Meister kleben, m\u00f6chte ich mich nicht gemein machen. Dann lieber Castorf. Andererseits, ein Teil der aufgekl\u00e4rten Wagnerianer findet die Verarschung des Rings auf h\u00f6chstem Niveau als Abwechslung gut. Variatio est mater masturbationum &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nun mal die T\u00fccke jeder Inszenierung eines alten Dudelsacks, dass man sich was einfallen lassen muss gegen den einschl\u00e4fernden Gr\u00fcnspan der Kulturpfleger. Es ist nun mal unm\u00f6glich, eine Kritische Ausgabe des Rings auf die B\u00fchne zu stellen. Es liegt in der Natur des spielenden Menschen, dass er intuitiv und berechnend alles durchprobiert, was denkbar ist. Der Ring wird auch noch comicalisiert werden &#8211; wahrscheinlich in verschwisternder Anlehnung an Tolkiens skurrile Epigonalit\u00e4t -, Siegfried als Tarzan in einer Castingshow mit Superman und Goofy, Charlie Brown und Linus, die Rheint\u00f6chter als Models und der ganze Ring dann als Dschungelbuch-Apotheose und als RTL-Dschungel-Camp: Holt mich hier raus, ich bin ein Star! Siegfried zum Beispiel. Noch hat man die Libretti nicht anger\u00fchrt. Das kommt auch noch. Da ist noch viel Luft nach unten: Cracking! Und irgendwann interessiert einen Inszenator auch mal wieder die Luft nach oben, das Ozonloch des Geistes ist noch unerforscht. Die Operninszenierung ist die Fortsetzung des Lebens als Show mit allen Mitteln. Es ist nicht falsch, und es ist auch nicht richtig. Wagner und seine Opern, das sind lauter Schr\u00f6dingers Katzen. Es kommt drauf an, wie und wann man sie beobachtet. Wir sind im quantentheoretischen Zeitalter angekommen, da geht es nicht mehr um die zweiwertige Logik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c als dekonstruktivistisches Spektakel, Rheingold als Musical &#8211; zum Beispiel -, das kommt alles noch, wenn nicht auf dem H\u00fcgel, dann eben in Valencia. Also: Bleiben wir gelassen und harren in humorvoll get\u00f6nter Vorfreude der Dinge, die da kommen. Die \u00dcberraschung ist tot. Es lebe die \u00dcberraschung! Zur\u00fcck zum Ring!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wagner und die Ironie<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die polemischen Angriffe meiner Lehrer gegen Wagner haben mich motiviert, seine Opern noch intensiver zu h\u00f6ren, zu sehen und zu lesen. Die Inszenierungsideen &#8211; auch schon in den 60er Jahren! &#8211; zeigten mir, dass Wagner anders zu verstehen sei, als mir einige Lehrer in ihrer Feindlichkeit gegen das Bildungsb\u00fcrgertum (noch vor 68) zu vermitteln versuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen hat mein Gro\u00dfvater immer aus Lohengrin gesungen. Wenn meine Gro\u00dfmutter ihn was fragte, sang er \u201eNie sollst du mich befragen!\u201c &#8230; Meine erste Wagner-Oper war Der Fliegende Holl\u00e4nder, dann Lohengrin, zuletzt Die Meistersinger, denen ich die musikalische Kraft nie zutraute; das war meine Vorurteilsfalle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagners Ring sehe ich als ein poetisches Manifest f\u00fcr die M\u00fcndigkeit und die Gebrochenheit des modernen Menschen, auf einer Stufe mit Nietzsches Zarathustra, und zum Gl\u00fcck ist Wagners dichterisches und musikalisches Werk frei von Antisemitismus. Die nationale Zustimmung in den Meistersingern ist marginal und kippt fast von selbst ins Komische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner und die Ironie &#8211; nein (von den MEISTERSINGERN, der einzigen Ausnahme, mal abgesehen). Aber da steht er nicht allein unter den Opernkomponisten. Auch Verdi hat mit FALSTAFF nur eine komische Oper geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht l\u00e4sst sich &#8211; vor allem in Wagners Ring &#8211; im Zusammenhang mit der Leitmotivtechnik immer wieder auch ein ironischer Kommentar der Handlungen, Gef\u00fchle und Gedanken der Akteure und Situationen deuten. Aber das w\u00e4re eine sehr subtile Ironie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht frei von Ironie ist Wagners Tod in Venedig: Das Hausm\u00e4dchen fand ihn zusammengesunken an seinem Schreibtisch \u00fcber den Worten \u201eGleichwohl geht der Proze\u00df der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe &#8211; Tragik\u201c. Er sagte noch: \u201eMeine Frau und der Doktor\u201c, bevor er in Bewusstlosigkeit fiel und gegen 15:30 Uhr in Cosimas Armen starb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><\/h1>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103660 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Wagner-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p>Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> Eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/unbewust-hochste-lust\/\">Lesart<\/a> pr\u00e4sentiert Ulrich Bergmann auf KUNO.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Rudnikow, der Seelenwanderer, nahm den weiten Weg nach Moskau auf sich, um endlich die Oper zu h\u00f6ren, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. Auf einer B\u00fchne unauff\u00fchrbar, dachte Rudnikow, als der Zug Moskau erreichte und im Kasaner Bahnhof&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/29\/ruckblick-auf-das-wagner-jahr\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":103660,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-18471","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18471","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18471"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18471\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103674,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18471\/revisions\/103674"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103660"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18471"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18471"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18471"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}