{"id":18423,"date":"2013-12-19T00:01:59","date_gmt":"2013-12-18T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18423"},"modified":"2022-03-10T05:53:02","modified_gmt":"2022-03-10T04:53:02","slug":"sind-wir-nicht-alle-ein-bisschen-copy-paste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/19\/sind-wir-nicht-alle-ein-bisschen-copy-paste\/","title":{"rendered":"Sind wir nicht alle ein bisschen COPY &#038; Paste?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Mit der These, dass wir immer schon in Zitaten reden, wenn wir den Mund aufmachen, operiert die ganze postmoderne Intertextualit\u00e4ts-Theorie.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir einfach ein bisschen Roche, weil es mir gerade so kommt, in den Kopf \u2013 nicht die H\u00e4morrhoidengeschichte, dergleichen wird bei Bukowski besser emotionalisiert \u2013 sampeln wir mit Nuancen aus Sex und Vulg\u00e4rsprache, das verkauft sich immer: Ich schreibe Essays, das ist neben Ficken mein einziges Hobby. Am Anfang waren weder Muschi- noch Arschsachen, keine Kackprobleme, keinerlei Schwanzangelegenheiten, keine Avocadob\u00e4ume &#8211; sondern das Wort. Am Ende ist die Collage. Schwanzangelegenheiten ist von mir, behaupte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine deftige Collage sollten wir nun eine zweite Autorin w\u00e4hlen. N\u00e4mlich &#8211; nein, Sie w\u00e4ren nie darauf gekommen &#8211; Helene Hegemann. Selbstredend d\u00fcrfen wir hier nicht Auberginen und M\u00f6hren zusammenwerfen, und m\u00fcssen Missverst\u00e4ndnissen vorbeugen. Roche hat nicht abgeschrieben. Ich lasse mich von ihr inspirieren, weil sie den Bl\u00e4tterwald so nachhaltig rauschen lies, damals; ihre &#8222;g\u00e4renden Urintropfen&#8220; von heute sind dagegen ein kommerzialisierter Abklatsch. Charlotte Roche verfolgt seit ihrem Erstlingsroman wahrscheinlich die ebenso simple wie alte Strategie der Libertinage, die religi\u00f6se Dogmen schlagen m\u00f6chte: <em>Atheistenkrankenzimmer<\/em> sagt mehr aus als immer wieder <em>Muschi<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hegemann hat sich mehr als inspirieren lassen, ohne darauf hinzuweisen. Obgleich Geklautes mit Eigenem verklebt wurde, ist das Resultat noch lange keine Collage, wie sie und andere Akrobaten des Literaturzirkus meinen, sondern in Teilen ein Plagiat. Und Plagiatoren, das sind \u201eSeelenverk\u00e4ufer\u201c, so der spanisch-r\u00f6mische Dichter Martial, die \u201eVerse ihrer Freiheit berauben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach G\u00e9rard Genette soll Intertextualit\u00e4t nur noch linguistisch nachweisbare Spuren bezeichnen, darunter f\u00e4llt das Plagiat. Unscharf das. Wo h\u00f6rt die <em>Anspielung<\/em> auf und wo beginnt das Plagiat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helene Hegemann wollte sich partout weder Asche aufs Haupt streuen noch streuen lassen, und seitens der sogenannten <em>Internetgemeinde <\/em>kam ein konzedierendes Achselzucken, womit die Tendenz zu C<em>opy &amp; Paste<\/em> als Normalzustand deutlich wurde. Man m\u00fcsse einfach akzeptieren, dass der Roman in seiner Entstehung die Methoden des Jahrzehnts widerspiegele, entgegnete die junge Autorin forsch ihren Kritikern. Sie habe ein <em>Montagewerk<\/em> verfasst. \u201eOriginalit\u00e4t\u201c, &#8211; einst von Julio Cort\u00e1zar substanziell brillant gefordert (\u201eOriginalit\u00e4t zugunsten der Nat\u00fcrlichkeit\u201c) &#8211; so Hegemann weiter, \u201egibt&#8217;s sowieso nicht, nur Echtheit\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit der <em>Literaturrevolution<\/em> in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Montage eine legitime Technik. Die Begriffe <em>Montage<\/em>, <em>Collage<\/em> und <em>Cut-up<\/em> werden seit den 1960er Jahren nicht mehr synonym benutzt, dies soll uns aber im Augenblick nicht st\u00f6ren \u2013 <em>mashen<\/em> wir&#8217;s <em>up<\/em> im stylischen Shaker namens <em>Cut &amp; Paste<\/em>, die Mainstream-Medien machen es vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u201eLies diese Zeilen und vergiss sie wieder.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\">Der Text hier ist nur ein Fertiggericht aus Fragmenten, gut angereichert mit Dingen, die du nicht lesen willst, verfeinert mit Anspielungen, die du nicht verstehst, und das Endprodukt ist nur Wortwichse, die dir ins Gesicht spritzt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\">Du musst es wegwischen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit der ungekr\u00f6nte K\u00f6nig des deutschen Poetry Slam: Johannes Floehr. Nicht als solche geschrieben, wirken seine Zeilen wie eine vortreffliche Definition der Textmontage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Das World Wide Web: Galaxie der besonderen Art, gelebter Cyberpunk und alles durchdringende Matrix des Kapitalismus. <em>Es<\/em> sei an allem schuld, insbesondere an einer neuen <em>Copy-&amp;-Paste-Kultur<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit die ersten Plagiatsvorw\u00fcrfe gegen Helene Hegemann laut wurden, erreicht eine Feuilletondebatte vielleicht ihren bisherigen H\u00f6hepunkt in der alarmierenden Frage: Erleben wir das Ende der Literatur?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer oder was auch immer ein <em>Exoss\u00f6ldner<\/em> ist, ein eben solcher schl\u00e4gt auf <em>zeit.de<\/em> eine schnelle und rabiate L\u00f6sung zur Beendigung der <em>Copy-&amp;-Paste-Debatte<\/em> vor: \u201eSchmei\u00dft den Dreck in den M\u00fclleimer.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit m\u00f6chte ich nicht gehen, zumal zahlreiche Textprofis, seien es Autoren, Journalisten, Kritiker, Literaturwissenschaftler, zwei Dinge, die so verschieden sind wie \u2026 wie unsere weiter oben erw\u00e4hnten Auberginen und M\u00f6hren, mitunter durcheinanderwerfen: Plagiat und C<em>opy &amp; Paste<\/em>. Warum sollte C<em>opy &amp; Paste<\/em> nicht ein eigenes Genre in der Literatur darstellen? Ja, zum Beispiel &#8211; um weiterhin bei den <em>Solanaceae <\/em>zu bleiben &#8211; man k\u00f6nnte einen Roman \u00fcber das leben eines Gem\u00fcses zusammenrippen, wom\u00f6glich auf Basis der unersch\u00f6pflichen Masse mehr oder weniger epochaler Kochb\u00fccher, das zun\u00e4chst sinnfreie Patchwork mit einem erdichteten und wunderbar dada-m\u00e4\u00dfigen Handlungsstrang verweben, alles aus der Sicht einer stattlichen \u2026 Aubergine! Und das k\u00f6nnte ein Bestseller werden. \u201eDu kannst nicht nur Auberginen in Arschl\u00f6cher versenken.\u201c Danke Frau Hegemann. Avocadokerne tun&#8217;s auch, gell Frau Roche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Halt! Zur\u00fcck zur Fragestellung: <em>Copy &amp; Paste<\/em> f\u00fcr <em>die Geschichten <\/em>der Zukunft? Es geht hier weder um B\u00fcrgerschreckliteratur noch um unbew\u00e4ltigte Kindheitstraumata. Obschon Hegemanns <em>Axolotl Roadkill<\/em> eine literarische <em>Copy-&amp;-Paste-Mentalit\u00e4t<\/em> in das Bewusstsein einer breiten \u00d6ffentlichkeit gebracht hat, geht es in vorliegendem Essay um ein authentisches, im besten Fall kreatives <em>Copy &amp; Paste<\/em> als Literaturform; so wie der Bastard Pop in der Musik seit Mitte der Neunziger Jahre? It&#8217;s time for <em>mix rip n&#8216; print<\/em>! Oder gleich rauf auf den eReader, f\u00fcr alle, die partout noch einen Akku pflegen m\u00f6chten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcngstes Exempel f\u00fcr ein einwandfreies <em>Cut-&amp;-Paste-Meisterwerk<\/em>, das ein Minimum an \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit erfahren hat, ist das Buch <em>O.T.<\/em> der Autorin U.D. Bauer. Es war \u201edas originellste Buch auf der Leipziger Buchmesse dieses Jahres\u201c, schw\u00e4rmt die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>. Ein Buch ausgerechnet, das auf Originalit\u00e4t konsequent verzichtet. 2857 Zitate aus der Weltliteratur, sowie Reklametexte und alles m\u00f6gliche hier und dort Aufgezeichnete f\u00fcllen die Seiten der bibliophilen ersten Auflage (mit sch\u00f6ner Haptik und einem dicken Quellennachweis). Paradox oder genial: O.T. (Ohne Titel) entwickelt auf gespenstische Weise eine eigene Handlung im Kopf des Lesers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSieht so der virtuos wie originell gef\u00fcgte Endpunkt der Literatur aus?\u201c, fragt <em>der Verlag, <\/em>und rudert <em>stante pede<\/em> zur\u00fcck: Nein! Stattdessen werde O.T. <em>en passant<\/em> zum Manifest f\u00fcr die Freiheit und Grenzenlosigkeit der Kunst. Auch von mir kommt ein klares Nein &#8211; und hoffentlich ebenso von ein paar weiteren Leseratten und \u00e4hnlich exotischem Getier. Nein: manches scheint so unvorstellbar wie ein <em>Gangbang<\/em> mit Alice Schwarzer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfindung des Cut-up ist alles andere als aktuell. Laut <em>Wikipedia<\/em> kam der Maler und Schriftsteller John Clifford Brian Gysin 1959 durch Zufall der M\u00f6glichkeit eines Text-Mashup auf die Spur. Telegrammstil gen\u00fcgt hier: Gysin schneidet Passepartout, zerfranst Unterlage aus Zeitungspapier, sein Freund William S. Burroughs (Beat Generation) sieht das \u2013 <em>voil\u00e0! &#8211; <\/em>Textcollage. Bitte eventuell noch einmal googeln: nach William S. Burroughs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bereits in den Zwanziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts experimentierte der vom Dadaismus infizierte Franzose Tristan Tzara auf der B\u00fchne mit Textschnipseln, die er anstelle des gewohnten Kaninchens aus einem Hut hervorzauberte, um aus ihnen spontane Gedichte zu formen. Dadaismus ist keine Krankheit, und so unterhielt Tzara sein Publikum auf das Vortrefflichste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Caleb Whitefoord f\u00fchrte gar das <em>Cross-Reading <\/em>im 18. Jahrhundert in die Literatur ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indes reichen Vorstufen der Textcollage, etwa die Cento-Dichtung, tats\u00e4chlich bis in die Antike zur\u00fcck.<br \/>\nAlte und junge Lateiner wissen: <em>Cento<\/em> bedeutet so viel wie <em>Flickwerk<\/em>. Den negativen Unterton des Wortes bilde ich mir m\u00f6glicherweise ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Copy &amp; Paste <\/em>als legitimes<em> mashup <\/em>verschleiert nicht seine Identit\u00e4t als Textrecycling. Dennoch sei die Frage erlaubt: Was soll das? Ist das wirklich originell?<br \/>\nGenau der Mangel an Originalit\u00e4t k\u00f6nnte eine der dramatischen Schw\u00e4chen der Patchwork-Literatur sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Eine Geschichte per <em>Copy &amp; Paste<\/em> basteln, das ist wie Musik komponieren ohne das Notensystem zu beherrschen. Das klappt schon, irgendwie, aber das Ergebnis wird zum \u00fcberwiegenden Teil <em>Wegwerfkultur<\/em> sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie hei\u00dft es doch so treffend auf der Website der <em>42er Autoren<\/em>: \u201eschreiben kann jeder\u201c (au\u00dfer gesch\u00e4tzten 7,5 Millionen Menschen in Deutschland) &#8211; \u201eaber mag&#8217;s jemand lesen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wann wird das Geschriebene \u00fcberhaupt zu Literatur?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aktuelle Literaturwissenschaft fordert f\u00fcr Literatur (im Sinne von Dichtung) <em>Fiktionalit\u00e4t<\/em> und <em>Entpragmatisierung<\/em>, wenngleich sie <em>mimetisch <\/em>sein darf. Je nun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben wir Lust darauf, Texte zu lesen, die uns von einem Textjockey Wordhunter oder einer Tjane Verseripper vor die Augen gesampelt wurden? Ein <em>TJ Mastermind Goethe II. Godfather of mashup <\/em>w\u00e4re richtungsweisend. \u00dcbrigens Goethe: der <em>West-\u00f6stliche Divan<\/em> besteht aus einem Geflecht an Zitaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg B\u00fcchner <em>\u00fcbernahm<\/em> aus den Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Klassiker der Moderne montierten eifrig: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Alfred D\u00f6blin, alles TJs? Letzterer ein <em>Grandmaster<\/em> der Collage. <em>Berlin Alexanderplatz<\/em> \u2026 ein <em>mashup<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Elfriede Jelinek sind ungekennzeichnete Fremdtexte sogar ein Stilprinzip, obzwar aus \u201eUrekel an allem Schriftlichen\u201c, wie es Peter K\u00fcmmel in der <em>Zeit<\/em> vom 18. Februar 2010 unterstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn betont in seiner <em>unoriginellen Literaturgeschichte, <\/em>dass Literatur oft \u00fcber Aneignung und Transformation von Fremdtexten funktioniere. Was hei\u00dft <em>oft<\/em>? Ist das nicht immer so?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Aristoteles keine Poetik. Ohne <em>belles lettres<\/em> keine Belletristik. Ohne Gestern kein Heute. Oder anders ausgedr\u00fcckt: was ich gesehen, gelesen, wozu ich getanzt und was ich getrunken habe, macht mich aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All jenen, die Schriftsteller werden m\u00f6chten, wird h\u00e4ufig von den l\u00e4ngst etablierten Kollegen empfohlen, so viel wie m\u00f6glich zu lesen. Ohne <em>input<\/em> kein <em>output<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autoren haben \u00fcblicherweise Vorbilder, Idole, einige \u00fcberdies einen Lehrmeister. Vorbilder \u00fcben Einfluss aus und werden <em>einflie\u00dfen<\/em>, ob man das zugeben m\u00f6chte oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl: Literatur ist mehr als eine Summe vermanschter S\u00e4tze. Literatur ist ein Organismus. Ein unaufh\u00f6rliches und ausschlie\u00dfliches <em>mashup<\/em>, also die Re-Kombination der <em>Vergangenheit<\/em> in Musik, Literatur und bildender Kunst, k\u00f6nnte idealerweise mit der R\u00fcckschau w\u00e4hrend einer Nahtoderfahrung verglichen werden: Die gesamte Literatur (Kunst) wird in ihren wichtigsten Momenten nochmals aufgegriffen (durchlebt &#8211; und obendrein <em>bewertet<\/em>, n\u00e4mlich von uns, den Teilnehmern an der Debatte \u00fcber diese Art des Schaffens kultureller Inhalte) \u2013 l\u00e4ge also im Sterben? Wenn es eine Nahtoderfahrung ist, haben wir die Chance auf <em>R\u00fcckkehr<\/em>. Zu einer Wortkunst, die ein <em>Kopieren <\/em>gar nicht n\u00f6tig hat: Literatur als \u201eBallungszone des menschlichen Geistes\u201c. Noch einmal Cort\u00e1zar. \u201eWir brauchen heute mehr denn je die Che Guevaras der Sprache, die Revolution\u00e4re der Literatur anstatt die Revolutionsliteraten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir hier nicht vom Sterben reden m\u00f6chten, dann mindestens von der Dekadenz, in der Bildende Kunst und Literatur sich unzweifelhaft befinden. Der Komponist Karlheinz Stockhausen klagte 1959 in einem Brief an seinen Kollegen Friedrich Goldmann: \u201eDekadent will doch wohl hei\u00dfen, dass eine Menschheit keine Courage mehr zur Gegenwart, zum Neuen hat und akademisch, trocken, ganz r\u00fcckw\u00e4rts gewandt ist und kulturelle Leichenschau betreibt.\u201c Wobei wir wieder beim Tod w\u00e4ren. Wir m\u00fcssten Leichenfledderei sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">R\u00fcckw\u00e4rts gewandt: das passt zu <em>Cut &amp; Paste<\/em>, akademisch: das passt zu unserer Debatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer \u00fcberschaubar definierten Literatur als Bereich aller sprachlich fixierten und <em>entpragmatisierten <\/em>Zeugnisse<em> &#8211; <\/em>also keine Einkaufszettel, <em>Bild<\/em>, Interviews mit Fu\u00dfballprofis und andere Katastrophen &#8211; hat auch <em>Cut &amp; Paste<\/em> eine Existenzberechtigung. Wenn jenes selbst <em>fiktional<\/em> genug ist um <em>entpragmatisiert<\/em> zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz Bedenken wegen der Belanglosigkeit einer Mashup-Kultur, die bald ein sich selbst erhaltendes System w\u00e4re, sollte eine anspruchsvolle <em>Copy-&amp;-Paste-Literatur<\/em>, die mehr ist als Wortwichse und die man nicht wegwischen muss, geschrieben ohne Epos aus der Konserve zu werden, profitierend von einer korrekt verstandenen Internet-Kultur, von frechen Kulturschockern und Eigenbr\u00f6tlern<em>, <\/em>nach wiederholten Gehversuchen und Kinderkrankheiten, als feste Gr\u00f6\u00dfe, als <em>Genre<\/em> innerhalb einer zeitgen\u00f6ssischen und zeitgem\u00e4\u00dfen Literatur durchaus ihre Existenzberechtigung haben und mit dieser korrelieren \u2013 ersetzen wird sie gar nichts. Sie wird nicht zum \u201ezentralen Topos der literarischen Moderne\u201c werden, wie Peter K\u00fcmmel es in der <em>Zeit <\/em>postuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur <em>aus<\/em> Literatur, ist das nicht schrecklich trivial und kompliziert zugleich? Verschwinden des Individuums, Roland Barthes&#8216; <em>Tod des Autors <\/em>(des autorit\u00e4ren Autors), Echtheit gegen Originalit\u00e4t, Hypertextualit\u00e4t, Blog-Roman, <em>The<\/em> <em>Appropriation Writer<\/em>, Shareware und <em>eBooks<\/em>, Facebook und StudiVZ. Das ganze Leben ist eine <em>Compilation<\/em> &#8211; das Urheberrecht wird abgeschafft \u2013 Schriftsteller gibt es nicht mehr \u2013 die Welt ist ein Text. Aber, noch einmal die Frage von vorhin: Mag&#8217;s jemand lesen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zum Schluss ein eventuell gar nicht so weit hergeholter Vergleich des Schreibens mit dem Fotografieren, dabei ein Zitat des unnachahmlichen Friedrich D\u00fcrrenmatt verwendend: \u201eJeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. [\u2026] Beobachten ist ein elementar <em>dichterischer<\/em> Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Fazit \u2013 mit Fragezeichen: ist die <em>Copy-&amp;-Paste<\/em>&#8211;<em>Debatte<\/em> ein Hype um nichts?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter Letzt spiele ich mit dem Gedanken an ein Selbstexperiment: mein erstes Montagewerk! Die passenden Quellen habe ich mir schon zurechtgelegt: <em>Ich harz dann mal ab<\/em> von Robert Naumann, <em>Zug der ungeilen Toten<\/em> von Henry Sch\u00e4delbach, <em>Josefine Mutzenbacher <\/em>von Felix Salten, mutma\u00dflich, <em>Herzmassaker<\/em> von Ina Brinkmann, <em>Ficken Geld Drogen Nutten<\/em> von Mushiflo (ohne c \u2013 ohne h auch, am Ende), <em>\u00dcber naive und sentimentalistische Dichtung<\/em> von Friedrich Schiller &#8211; und: <em>Der Fall Jane Eyre<\/em> von Jasper Fforde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Beginnen werde ich meinen Collage-Roman mit einem Schl\u00fcsselsatz des Literaturwissenschaftlers Hans Meyer: Es war alles ganz anders!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sp\u00e4testens wenn im Puff der Reitenden Leichen Hochw\u00fcrden sich \u00fcber die Duteln der Mutzenbacherin hermacht, delirierend vom antiken Menschen, der einig mit sich selbst und gl\u00fccklich im Gef\u00fchl seiner Menschheit sei, w\u00e4hrend an der Bar Herr Naumann der Dazzwjyn aus der Unzeit des dreizehnten Strudels \u2013 w\u00e4hrend die schon mal den Hodenbeamer klar macht &#8211; von seinen kuriosen Erfahrungen mit der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit erz\u00e4hlt, bis der kollektive markersch\u00fctternde Schrei der drei Eroberer der Herzen des Bodensatzes der musikh\u00f6renden Unterschicht, Scher, Ikko Frisch und Mushiflo von der Parkplatzhecke ins Haus dringt, wo sie soeben den kaputten Patrick dabei \u00fcberraschten, wie er gelangweilt <em>das sterbende Ding<\/em> in die B\u00fcsche warf, dann \u2026 ja dann w\u00fcrde ich gerne noch einmal \u00fcber den m\u00f6glichen Unterhaltungswert von <em>Cut-&amp;-Paste-Literatur<\/em> diskutieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-e1520668311146.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-47232\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-e1520668311146.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"180\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay wurde beim KUNO-Essaypreis 2013 mit einer lobenden Erw\u00e4hnung bedacht. Die Begr\u00fcndung findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\">hier.<\/a><\/p>\n<p>\u2192 Die Gattung des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Essays<\/a> h\u00e4lt das freie Denken aufrecht, ohne, da\u00df der literarische Anspruch verlorengeht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der These, dass wir immer schon in Zitaten reden, wenn wir den Mund aufmachen, operiert die ganze postmoderne Intertextualit\u00e4ts-Theorie. 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