{"id":18393,"date":"2013-11-21T00:01:47","date_gmt":"2013-11-20T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18393"},"modified":"2021-03-09T17:30:20","modified_gmt":"2021-03-09T16:30:20","slug":"handarbeit-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/21\/handarbeit-2\/","title":{"rendered":"&#8222;Alles noch Handarbeit!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">O ihr lieben B\u00fccher, ihr allein seid freigiebig und freim\u00fctig, ihr gebt jedem Bittenden und la\u00dft jeden, der euch treu gedient hat, in die Freiheit ziehen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Richard de Bury<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir befinden uns in einer Vermarktungs-Situation, in der eBooks genannte Dateien mit wirklichen B\u00fccher verwechselt werden. Fast alle diese auf diese Weise hergestellte Lekt\u00fcre ist ein errechnetes Lesegef\u00e4\u00df. So ist es vollkommen gleichg\u00fcltig, ob ein Mensch oder eine Maschine rechnet. Der nicht errechnete Teil ist nicht errechenbar, es ist Spiel, kann so zur Kunst werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/grafikMH-227x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18482\" title=\"grafikMH-227x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/grafikMH-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" \/><\/a>Zu beobachten ist gleichzeitig, da\u00df Preisrekorde auf Auktionen regelm\u00e4\u00dfig mit k\u00fcnstlerischer Bedeutung verwechselt werden, daher bietet sich die Arbeit an K\u00fcnstlerb\u00fcchern als Korrektiv an. KUNO verweist gern auf eine Neuerscheinung. Das Buch tr\u00e4gt den Titel <em>Wie kann das sein<\/em> und enth\u00e4lt 18\u00a0 Gedichte von Christine Kappe und eine beigelegte, signierte und numerierte Radierung von Peter Marggraf (abgezogen auf 300 gr\/qm Kupferdruckb\u00fctten der Firma Hahnem\u00fchle). Die Auflage des K\u00fcnstlerbuchs ist auf 30 Exemplare limitiert (26 mit den Nummern 1\/26 bis 26\/26 und vier K\u00fcnsterexemplare mit den Bezeichnungen e.a.1 bis e.a.4). Das Buch wurde im Sommer 2013 im Bleisatz auf der Linotype aus der Bodoni 12 Punkt, gesetzt und auf einer Handpresse, auf 150gr\/qm Zerkall-B\u00fctten, gedruckt. Alles Handarbeit.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #000080;\">Blick in die Historie<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das K\u00fcnstlerbuch gibt es seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Es ist eines der Ausdrucksmittel der Avantgarden der Moderne. Wo Komponisten Polystilistik, Polyrhythmik und Polymelodik erkundeten und Maler Perspektiven st\u00fcrzten, experimentierten Dichter und Typographen, Visionisten und Philosophen an neuen Formen des Lesens. St\u00e9phane Mallarm\u00e9s \u00bbLe coup des d\u00e9s&#8230;\u00ab, die typographischen Arbeiten von Marinetti oder Schwitters einerseits, Dubuffet und Matisse andererseits sind Grund- und Meilensteine dieser Buchkunst. Frankreichs gro\u00dfe Meister der Malerei schufen die ersten gro\u00dfen K\u00fcnstlerb\u00fccher in der Sprache der Maler, wie \u00bbJazz\u00ab von Matisse gedruckt oder das Unikat-Buch gemalt, beide zun\u00e4chst angelehnt an die Tradition der illustrierten B\u00fccher. Vor allem aber die Konzeptkunst gab dem K\u00fcnstlerbuch einen Schub und sicherte ihm mit \u00bbKonkreter Poesie\u00ab, tautologischen und linguistischen Experimenten einen Platz in der Kunstgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs handelt sich um eine Reminiszenz an das Kalte und Philosophische, im Gegensatz zu den Werken, die vorrangig nach dem traditionellen Input \u00fcber die Wahrnehmung des Sichtbar-F\u00fchlbaren arbeiten&#8220;, schrieb Germano Celant. K\u00fcnstlerb\u00fccher werden seit 1960 als eigene Kunstgattung betrachtet. K\u00fcnstler wie Dieter Roth, Daniel Spoerri oder Anselm Kiefer arbeiten auf unterschiedlichste Weise experimentell mit B\u00fcchern neben anderen Kunstgattungen wie Malerei oder Bildhauerei. Warja Lavater oder Barbara Fahrner gestalten ihre k\u00fcnstlerischen Aussagen ausschlie\u00dflich in Buchform. Das Buch kann eigene Wege gehen, die Abseitigkeiten ausloten, wie man auch an den handgeschriebenen K\u00fcnstlerb\u00fcchern der <strong><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/lyrische-reihe-edition-bauwagen.blogspot.de\/\"><span style=\"color: #000080;\">edition bauwagen<\/span><\/a><\/span><\/strong> sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Gedichten ist es erlaubt, der Realit\u00e4t \u2013 dem, was wir Realit\u00e4t zu nennen gewohnt sind und was doch nur unser Dahinleben und Daherreden ist \u2013 zu entfliehen, ihre eigene unn\u00fctze Realit\u00e4t zu finden und sei es die des Traums, in dem sich alles auf den Kopf stellt, und in dem doch alles geborgen ist in einer s\u00fc\u00dfen Surrealit\u00e4t.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Elisabeth Borchers<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_20154\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/041kl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20154\" class=\"size-medium wp-image-20154\" title=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/041kl-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/041kl-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/041kl-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20154\" class=\"wp-caption-text\">Christine Kappe, Fotograf: Ric G\u00f6tting<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christine Kappes Gedichte sind Metamorphosen des lyrischen Ichs. Ihre Gedichte sind fest verankert im Allt\u00e4glichen und im Hier und Jetzt. Immer wieder nehmen sie Bezug auf aktuelle Geschehnisse. In dieser zeitgem\u00e4\u00dfen Variante der <em>Alltagslyrik<\/em> setzt sie das fort, was man einst unter der <em>Neuen Subjektivit\u00e4t<\/em> verstand. Weitab eine <em>Neue Innerlichkeit<\/em> begr\u00fcnden zu wollen, stellt sie\u00a0das organisierte Erfahrungsmaterial in den Fokus und artikuliert damit das <em>Fremdheitsgef\u00fchl <\/em>der globalisierten Gesellschaft. Immer wieder nehmen die Gedichte Bezug auf aktuelle Geschehnisse, verwendet werden von ihr scheinbar gebr\u00e4uchlichste W\u00f6rter, die W\u00f6rter des prosaischen Alltags. Kappe hat einen sehr kenntlichen Stil, parataktisch, aber flie\u00dfend, musikalisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nennt die Dinge beim Namen, l\u00e4sst sie atmen, erstickt sie nicht mit suggestiven Interpretationen. Viele Gedichte halten Augenblicke und Momentaufnahmen fest und konservieren sie gleichsam zu einem Alphabet des Augenblicks. Dem Ausdruck zu geben, was sie sieht, ist ihre Kunst. Die kurzen Feststellungen ergeben einen Duktus, den man einst <em>Telegrammstil<\/em> nannte, im 21. Jahrhundert: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11410\">Twitteratur<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihrem Schreibstil setzt Kappe auf einen subjektiven Ton und\u00a0verfremdet das Material\u00a0so das es den Leser auf das Abseitige lenkt.\u00a0 Die Echtheit der Worte wird von ihr betont, Sprache dient nicht nur der Beschreibung des Gesehenen, sondern der Beschreibung der allen Dingen innewohnenden Dynamik. Ihre Sprache schafft N\u00e4he, Verbindungen, erm\u00f6glicht Austausch \u2013 ebenso aber schafft sie Distanz, in jeder Abstraktion liegt eine Abwehr, in der die Dinge in Ordnung gebracht liegen, sich in klarer Weise zueinander verhalten. Auf diese Weise bohrt sie sich in die Wirklichkeit, und die legt die Triebkr\u00e4fte frei, aus denen sie erw\u00e4chst. Diese Lyrik ist Ausdruck gedanklich gereifter Erfahrung und Mittel gegen voreilige \u00dcbereink\u00fcnfte zu verstehen. Kappe zeigt sich sprachgewandt und beweist viel Witz, ihre Themen findet sie zumeinst im Gewohnten, daher stellt sie vermeintlich simple Fragen wie: \u201eFindet das Heute \u00fcberhaupt statt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Zeit und Zeitlichkeit wird thematisiert <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2978\">Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour<\/a>. Diese Autorin wartet sowohl in ihrer Lyrik als auch in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obschon sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. Gute Autoren erkennt man daran, da\u00df sie besser werden. Kappe exerziert auf lakonische und unterhaltsame Weise, wie ein neugieriges, zwanghaft sprachverliebtes Cham\u00e4leon Entfremdung, Fragmentierung und erneute Synthese betreibt. Ihre Essays haben die Tendenz das Ich und seinen Gegenstand zu entgrenzen und diese Entgrenzung sprachlich weiterzutreiben, sie miteinander und mit skurrilen Einzelheiten und Beobachtungen zu vermischen und einfallsreich in surreale Gebilde zu verwandeln. Christine Kappe ist eine wilde Denkerin im besten Sinne, allein schon wegen der gr\u00f6\u00dferen Textsammlung zu den Themen <em>Nacht<\/em> und <em>Hannover<\/em> h\u00e4tte ihr dieser Preis geb\u00fchrt. Auf die Knie ging die Jury jedoch vor der scheinbaren Einfachheit ihres preisw\u00fcrdigen Essays und stimmt der Autorin vollauf zu: <em>Die Literatur wird parallel zu den neuen Medien weiterexistieren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>\u00a0 Nischenverlag f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Entdeckungen. <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/www.san-marco-handpresse.de_.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18479\" title=\"www.san-marco-handpresse.de\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/www.san-marco-handpresse.de_.jpeg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"139\" \/><\/a>Peter Marggraf ist ein bildender K\u00fcnstler, der sich dem Buchformat verschrieben hat. Er macht ein Buch, so wie ein anderer K\u00fcnstler ein Bild malt. Er ist Bildhauer und Zeichner, Drucker und B\u00fcchermacher,\u00a0 lebt in Bordenau und f\u00fcr einen Teil des Jahres in Venedig. 1996 gr\u00fcndete er die San Marco Handpresse. Dort setzt er Texte und Gedichte mit der Hand oder auf der Linotype in Blei und druckt diese dann auf einem Handtiegel. Jedes Buch repr\u00e4sentiert Zeit. Die Seiten dieses Buches sind Einheiten individueller Zeit. Die M\u00f6glichkeit von Eigent\u00fcmerschaft in Bezug auf Zeit, die vom Buch repr\u00e4sentiert wird. Marggraf bindet die einzelnen Lagen mit der Hand zu B\u00fcchern und legt Originalgrafiken hinein. In Venedig zeichnet und radiert er und druckt seine Bl\u00e4tter in einer historischen Druckerei im Stadtteil Cannaregio.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-18394\" title=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover10-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover10-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover10-766x1024.jpg 766w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover10.jpg 1712w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Wie kann das sein<\/strong>, am 24. November ab 15:00, Studio Arcus, Kurt-Schumacherstra\u00dfe 30, 30 159 Hannover. Pr\u00e4sentation des bibliophilen Gedichtbandes von Christine Kappe \u2013 mit dem Herausgeber Hans Georg Bulla und dem B\u00fcchermacher Peter Marggraf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte erscheinen in einer Reihe von Einzelver\u00f6ffentlichungen, die in loser Folge von Hans Georg Bulla f\u00fcr die San Marco Handpresse lektoriert und herausgegeben werden. Alle B\u00fccher sind nummeriert und im Kolophon von der Autorin und von Peter Marggraf signiert, handgebunden in Broschur, fadengeheftet mit Schutzumschlag (Bugra-B\u00fctten) im Format 29,5 x 23 cm und kosten 72,- \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O ihr lieben B\u00fccher, ihr allein seid freigiebig und freim\u00fctig, ihr gebt jedem Bittenden und la\u00dft jeden, der euch treu gedient hat, in die Freiheit ziehen. 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