{"id":18326,"date":"2023-10-01T00:01:03","date_gmt":"2023-09-30T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18326"},"modified":"2023-09-30T18:29:20","modified_gmt":"2023-09-30T16:29:20","slug":"zauberlehrlinge-und-mehr-ruckverwandlungen-dienstbarer-geister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/01\/zauberlehrlinge-und-mehr-ruckverwandlungen-dienstbarer-geister\/","title":{"rendered":"R\u00fcckverwandlungen dienstbarer Geister"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bedarf es des Magischen, um uns Texte nicht nur n\u00e4her zu bringen, sondern auch ganz nahe f\u00fcr ein tiefgehendes Verstehen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bedarf es der Ber\u00fchrung mit einem magischen Ding, etwa dem Zauberstab eines Fachmannes oder etlicher Tropfen vom Zauberwasser aus der Sekund\u00e4rliteratur?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Reichen nicht Geduld und Ausdauer beim Lesen, mitunter auch Ehrgeiz oder Verbissenheit aus, um durch \u201eschwierige\u201c Texte durchzukommen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Welchen Text bezeichnen wir im Allgemeinen als schwierig, an welchen Kriterien macht sich so eine Einstufung fest?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Texte \u00f6ffnen Wege, er\u00f6ffnen uns etwas an das wir anders nicht heran k\u00f6nnen- \u00e4hnlich dem Sesam-\u00f6ffne-dich des Ali Baba um zu verborgenen Sch\u00e4tzen und Reicht\u00fcmern zu gelangen. Doch sind nicht alle Zauberkr\u00e4fte \u00f6ffnender Natur, vereinzelt sind sie\u00a0 eher abschlie\u00dfende, die Entwicklung hemmende, wie im Beispiel vom \u201eWasser des Lebens\u201c der Gebr\u00fcder Grimm. Mitunter bedarf es \u2013 wie dort beschrieben- einer helfenden Figur von au\u00dfen, um (wieder) auf den K\u00f6nigsweg zu gelangen. Wie im Traum, so ist auch der \u201eLabormodus\u201c der Literatur ein Zwischenreich in dem es um Entwicklungen geht. Das Zaubern verst\u00fcnde sich als Abk\u00fcrzung der Entwicklung. Anstatt sich dem Spannungsbogen der Geschichte auszuliefern \u2013 einem Probehandeln mittels Textarbeit, also den Text auszukundschaften und das Leben darin virtuell zu suchen und zu versuchen &#8211; wird diese Aufgabe ausgelassen. Der Leser\/die Leserin w\u00fcrde in so einem Fall auch um jene Verzauberung gebracht werden die von Texten ausgeht, die herausfordernd gerade oft \u201edas Letzte\u201c vom Leser abverlangen, quasi eine Grenz\u00fcberschreitung und dementsprechend eine Neuerfahrung einleiten, einen Entwicklungsweg er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ist es m\u00f6glich, ohne wissenschaftliche Ausbildung aus dem Gebiet der Literatur einen kleinen Text zu einem gro\u00dfen Thema zu schreiben, \u201egro\u00dfe\u201c Texte als \u201ekleiner\u201c Leser zu verstehen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sind Professoren, die Literaturwissenschaft lehren, jene\u00a0 Zauberer, die ihren Lehrlingen \u2013 Studenten des Faches &#8211;\u00a0 Interpretationsspr\u00fcche gleichsam zur Beschw\u00f6rung von Texten beibringen, welche sie vor den drohenden Katastrophen der sich verselbst\u00e4ndigenden Literaturintention bewahren?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u201eWehe! wehe!\u201c wenn solche Spr\u00fcche vergessen, nicht meisterlich angewendet werden. Angst, Beklemmung Wut und Verzweiflung \u00fcberkommt dann auch weltliche Zauberlehrlinge oder solche die sich daf\u00fcr halten wollen. Inkompetenz in Bezug auf die Magie etwas aus einem Text heraus in Bewegung setzen zu k\u00f6nnen &#8211; \u201eAmateurzauberei\u201c &#8211; ist das Thema des Goetheschen Zauberlehrlings.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es bedarf bei der Meisterung von Schwierigkeiten im realen Leben nicht immer eines Lehrherrn, der die (er)l\u00f6senden Worte bereit hat. Menschliches Neugierverhalten beinhaltet genug eigene Antriebe wie Forschen und Experimentieren, Ausprobieren und Zugehen auf ein Ziel . Letzteres auch, indem man gelegentlich das Gegenteil macht oder zumindest eine Abwandlung des Angestrebten. Vielleicht geht es ja weniger um das Verzaubern\u00a0 als um das Bezaubern bei der\u00a0 Darstellung der Zauberfrage. Welche Kniffs wenden Autoren an, um Leser zu bezaubern? Bei n\u00e4herer Betrachtung f\u00e4llt das analoge Vorgehen von Zauberk\u00fcnstler, welche die Aufmerksamkeit des Publikum f\u00fcr ihre Zaubertrick fesseln m\u00f6chten und Autoren auf. Wenngleich Texte betrachten weniger anziehend ist von der aktiven Rolle her, die wir dabei einnehmen m\u00fcssen, als bei der eher passiven Beobachtungsm\u00f6glichkeit von Zaubertricks. Mit ein wenig Nachdenken kommt man als Erwachsener meist auch selbst darauf, wie die Verfahren eines Zauberers funktionieren, und erlebt ebensolche aha -Effekte wie beim L\u00f6sen von Textstellen die vom Autor trickreich verpackt wurden. Letzteres geschieht oft mittels filmgleicher Umgebungsschilderungen, Auslassungen oder anderer Irritationen die, heute wie eh und je, Texte vorantreiben, um die vorbereitenden Handgriffe von Protagonisten und Protoagonistinnen nicht allzu direkt vorzuf\u00fchren. Das w\u00e4re genauso langweilig wie die Erkl\u00e4rung eines Zaubertricks auf der B\u00fchne anstatt dessen Vorf\u00fchrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erleben, das Miterleben vom Zauber eines Textes, das sich Einlassen auf das \u201eAlso-ob\u201c wie bei einem Zaubertrick, ist etwas das gro\u00dfen Reiz ausmacht. Schon in der fr\u00fchen Kindheit, n\u00e4mlich in der zweiten H\u00e4lfte des zweiten Lebensjahres, ist das Als-ob-Spiel eine Spielhandlung in der die Handlung von der \u00fcblichen Realit\u00e4t abhebt. Diese Spielform entwickelt sich von einfachsten illusion\u00e4ren Handlungen zu komplexen Skripts in der die Sprache zunehmend die Funktion \u00fcbernimmt, welche die konkreten Handlungen innehatten. Dieses Symbolspiel wird zeitlebens beibehalten, macht menschliches Verhalten aus, bildet Kultur, auch schriftliche Textkultur, aus. Die Sprache von SchriftstellerInnen und DichterInnen, die Leser und Leserinnen ber\u00fchren, ansprechen, ja, sogar packen und ein St\u00fcck weit in einem Erkenntnisprozess mitnehmen und begleiten, ist also eine, die in diesem f\u00fcr uns Menschen so wichtigen Spielraum verankert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">F\u00fcr schwierigere Textstellen greift der eine oder andere Leser schon einmal zu einem \u201efaulen Zauber\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere mich dabei eines kleinen Taschenbuches der Autorin Katja Langer-M\u00fcller. Darin schreibt sie \u00fcber einen Schriftsetzer namens Heinz Gr\u00fcnebaum, einem Mann der von Berufs wegen mit der Sprache zu tun hat, der taktil Buchstaben zu W\u00f6rter und S\u00e4tzen setzt. Als Protagonist in Katja Lange-M\u00fcllers \u201eDie Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Prosbichs Druckerei\u201c kommt er auf die Idee, \u201eWei\u00dfe W\u00f6rter\u201c zu kreieren, Aussparungen in den Zeilenabst\u00e4nden mit der Feile f\u00fcr seine Zwecke zu bearbeiten. Die Strukturen zwischen den W\u00f6rtern und Zeichen steuert er im Handsatz so, dass sich Formen ergeben, die er sich w\u00fcnscht und die er sich vorstellt. Der Mann arbeitet dabei recht konkret mit Sprache und geht anfangs gegenst\u00e4ndlich in die Sprache hinein, zun\u00e4chst in deren Wortzwischenr\u00e4ume. Er nennt es in besagter Geschichte sein \u201cVentil\u201c, um seinen Affekten Ausdruck zu verschaffen. So wird ein W\u00f6rterleser \u2013 der Schriftsetzer &#8211; zum Schriftsteller, dessen Not erfinderisch gemacht hat, die, wie jede Bedr\u00e4ngnis einen Weg findet, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Dieser einfach zu lesende aber dennoch komplexe Text erz\u00e4hlt \u00fcber einen besonderen Umgang mit schwieriger Literatur. Dem Protagonist f\u00e4llt n\u00e4mlich \u201eDer Zauberberg\u201c von Thomas Mann in die H\u00e4nde, ein sch\u00f6n gebundener Tausendbl\u00e4ttler, wie er ihn nennt, den er in einer subversiven Aktion bearbeitet. Kein allt\u00e4glicher Umgang mit schwerf\u00e4lligen Texten, beileibe nicht. Er meistert es dennoch, das Werk f\u00fcr sich zu n\u00fctzen, die Anspielungen dort aus M\u00e4rchen und Mythologie eher ignorierend, denn als Drucker ist er gewohnt, sich \u00fcber stilistische Mittel, den Duktus, die Figurenzeichnungen, die Hintergrundsgestaltungen, den Plot an sich von Texten, hinwegzusetzen. Er versteht es, den geschichtlichen Kontext des Mann\u2019schen Textes (sogar wortw\u00f6rtlich) zu erforschen und mit der eigenen Geschichte zu verbinden. Dadurch gewinnt der Text an Bedeutung f\u00fcr ihn. Bereits 1960 formulierte Hans Georg Gadamer in seinem Buch \u201aWahrheit und Methode\u2019 Textverst\u00e4ndnis als einen dialogischen Prozess dessen Strukturen man sich nicht einfach erliest, sondern erfasst. Es ist ja eher ein unbewusster Prozess der sich einstellt, mit Texten und Werken vertraut zu werden. F\u00fcr das Verstehen eines Textes halten wir uns nicht bei der Grammatik auf, sondern wir m\u00fcssen die Grammatik auf ihre logischen Formen hin st\u00e4ndig \u201einterpretieren\u201c. Das Verh\u00e4ltnis von Logik und Grammatik besteht nicht aus einem abstrakten Begreifen, sondern aus der praktischen Arbeit: lesen (hinter)fragen, lesen, (nach)fragen, lesen, u.s.f. In dieser Weise werden Kompetenzen aufgebaut, das Erfahren von Begriffen und Zusammenh\u00e4ngen. Es ist das (lesende) \u00dcben, das zu einem Verstehen auch von schwieriger Literatur f\u00fchrt. \u00dcber ein Versitzen bei viel Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Komplexit\u00e4t von Texten die nach anspruchsvollerer Logik funktioniert, verlangt auch nach gr\u00fcndlicherem Lesen, um sich in die Zusammenh\u00e4nge zwischen Grammatik, logischem Verlauf, Inhalt und Intention des Textes einzuarbeiten. Das Gesp\u00fcr f\u00fcr sogenannte schwierige Texte entwicklet sich mit zunehmender Gewandtheit. Manchmal versteht man bestimmte Passagen in Originalwerken nicht, weil einem bestimmte Sachkenntnisse zum Beispiel \u00fcber gewisse Ansichten oder Denkweisen des Autors fehlt. Doch ist es nicht immer notwendig, sich die viele Arbeit zu machen, ein Werk in seinen Details zu begreifen, sich in erkl\u00e4rende Sekund\u00e4rliteratur zu vertiefen. Ein fortbestehendes Interesse und Begeisterung verhelfen oft mehr, weil intuitiv, im Verstehen weiter zu kommen als werkgeschichtliche Einzelheiten durchblicken zu m\u00fcssen. An dieser Stelle mag ein kleines Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Geheimnis von Lekt\u00fcre anklingen, vielleicht war das ja auch Motivation f\u00fcr Autoren, die ihren Texten mehr als nur eine Verpackungsschicht als Verh\u00fcllung mit auf den Weg geben und somit die Schwierigkeit der Enth\u00fcllung erh\u00f6hten. Wer vermag sich nicht an die Lust beim Auspacken von Geschenken erinnern, die sich steigernde Intensit\u00e4t bei der \u00dcberwindung von Knoten in der extra um das Paket gewickelten Schnur, die packende Begierde endlich auf den Inhalt zu sto\u00dfen, die erleichternde Freude beim Gelingen!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">An dieser Stelle muss auch der Begriff \u201eSchwierig\u201c erl\u00e4utert werden, der nur als dehnbarer Begriff anzusetzen ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwierigkeitsgrade anzugeben ist kaum m\u00f6glich, wenngleich James Joyce als legend\u00e4rer Schwierigkeitsschreiber durchaus neben Nietzsche, Heidegger und Hegel im Regal stehen kann. Bei Erw\u00e4hnung dieser Namen f\u00e4llt die \u00dcberlegung ins Auge, ob es der Text eines \u201ewiderspenstigen\u201c Autors ist der demnach auch seinen eigenen Stil produziert, was als schwierig zu lesen gilt Oder denken wir des weiteren an Autoren und Autorinnen die der Kleinschreibung fr\u00f6nen, oder in unvollst\u00e4ndigen S\u00e4tzen schreiben, die ungew\u00f6hnliche Gleichnisse bringen oder in einer alten gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen Sprache schreiben, oder deren \u00dcbersetzungen mit anderen Metaphern spielen als in der (deutschen) Muttersprache \u00fcblich. Oder sind es Schwierigkeiten der formalen Art auch au\u00dferhalb der Kleinschreibung wie fehlende Satzzeichen, mangelhaft verwendete Abs\u00e4tze, zu geringe Gliederung, ein zu komplexes Themenfeld- also zu viele Bilder aneinandergereiht, mit zu vielen Br\u00fcchen und fehlenden \u00dcberg\u00e4ngen wie es in der modernen experimentellen oder der avantgardistischen Literatur \u00fcblich geworden ist, in Collagen und Montagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Oder sind es schlichtweg blo\u00df eigene Vorurteile, ein bestimmtes Vorwissen \u00fcber den Text, welches das Textverst\u00e4ndnis erschwert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Prunkzitat aus der Feder von Marcel Proust , dem Autor des siebenteiligen Romans \u201eAuf der Suche nach der verlorenen Zeit\u201c, stammt der Satz, dass in Wahrheit jeder Leser wenn er liest, der Leser seiner selbst ist. Die Literatur zu n\u00fctzen, um zu werden was wir sind, mag Reiz und Sinn zugleich sein, sich auch anspruchsvollen Texten zu stellen, diese verstehen zu wollen. Sigmund Freud, bekannt als Urvater der Tiefenpsychologie, war nicht nur mit der Literarisierung der Arch\u00e4ologe der menschlichen Seele besch\u00e4ftigt, wof\u00fcr er den Frankfurter Goethe-Preis erhielt, sondern auch leidenschaftlicher Interpret anspruchsvoller literarischer Werke wie von E. T. A. Hoffmann und Arthur Schnitzler. Michael Rohrwasser, Literaturkritiker, au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universit\u00e4t Berlin, Stanford\/USA und Wien, brachte 2005 ein Buch mit dem Titel \u201cFreuds Lekt\u00fcren\u201d heraus in dem er Freuds Perspektiven auf die Texte herausarbeitete. In diesem umfangreichen Werk beruft sich Rohrwasser in seinem Vorwort auf Peter Br\u00fcckner, der Freuds Privatlekt\u00fcre 1975 teilweise wiedergelesen und dessen literarische Vorlieben und Abneigungen nachgezeichnet hat mit der zusammenfassenden Erkenntnis, dass diese Privatlekt\u00fcre zu (s)einem \u201cDiagnostikum\u201d wird \u2013 Br\u00fcckner entdeckt in den B\u00fcchern Freuds, die dieser geliebt hatte, auch dessen Spiegelbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr Wilhelm Salber, Lehrstuhlinhaber in K\u00f6ln und W\u00fcrzburg, der sich u.a. mit Kunst- und Filmpsychologie besch\u00e4ftigte, erscheinen Seelisches und Literarisches miteinander verbunden, er sieht in Sprache, Literatur und Seelischem untrennbare Zusammenh\u00e4nge, sieht sie als eine komplexe Einheit . In seinem 1972 erschienen\u00a0 Buch der \u201dLiteraturpsychologie- Gelebte und erlebte Literatur\u201d definiert er Literaturpsychologie nicht als ein Spezialgebiet der Psychologie, sondern als einen Zugang, Seelisches besser zu verstehen. Sie tut dies mit Salbers Methode, indem sie die herk\u00f6mmliche Arbeitsweise \u201cverdreht\u201d. Nicht das Seelische wird mittels Literatur interpretiert, sondern es wird versucht, die Literatur von seelischen Entwicklungsprozessen her zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Literatur der Psychologie, und somit auch dem Alltagsmenschen zu sagen hat, schreibt Irvin D. Yalom\u00a0 in seinem ersten Kapitel des 2003\u00a0 erschienen Yalom -Lesebuches in etlichen Beispielen nieder.\u00a0 Hier kommt bei ihm zu Wort, was pers\u00f6nlicher literarischer Kunstgriff gewesen ist auf der Suche nach Erkenntnissen, das der Leser mit Lesefertigkeit zu \u00fcbernehmen vermag. Egal ob es sich um Lewis Carrolls Werk handelt, in der die Benutzung des anderen zur Best\u00e4tigung der eigenen Existenz herhalten muss, oder um die seltsamen Ideen \u00fcber Liebe und Freiheit wie in Camus Roman \u201cDer Fall\u201d, Tolstois subtile Verflechtungen der Beziehung zwischen F\u00fchren und Gef\u00fchrt- werden mit der paradoxen Erkenntnis, dass unter der \u00c4gide der Liebe wahrscheinlich mehr get\u00f6tet worden ist als unter der des Hasses, oder Passagen aus Sartres \u201cDie Fliegen\u201d, um die M\u00f6glichkeit zu illustrieren wie sich ein Gef\u00fchl f\u00fcr den Sinn des Lebens entwickeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Literatur\u00a0 ein \u201eoffenes Geheimfach\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nutznie\u00dfer langj\u00e4hriger literarischer Erfahrungen, wie etwa die Literaturkritikerin Ina Hartwig, haben Roland Barthes Meinung \u00fcbernommen die besagt, dass der Schriftsteller der einzige ist, der seiner Definition nach seine eigene Struktur und die der Welt in die Struktur des Wortes aufgehen lassen kann. Sie hat pers\u00f6nliche Literaturprotokolle verfasst, um in Essays das Geschriebene wiederzugeben, die einladen zur Erkenntnis, dass bei unkonventioneller Herangehensweise an die Literatur eigentlich ein \u201eoffenes Geheimfach\u201c anzutreffen\u00a0 ist. Die Suche nach\u00a0 \u00dcberwindung von in uns bereits Niedergelegtem ist geeigneter Beweggrund zum Bezwingen literarisch \u201eschwieriger\u201c H\u00f6hen. In einem Sturm- und Drangabschluss sei zur Erinnerung gebracht, dass bereits Johann Georg Hamann die Wirklichkeit insgesamt als eine Einheit von Entgegengesetztem betrachtete! Aus dieser Anschauung heraus sei auch das folgende Beispiel angef\u00fchrt. Der Geistliche aus Kafkas Roman \u201eDer Prozess\u201c, jener ber\u00fchmten Parabel vom T\u00fcrh\u00fcter und dem Mann vom Lande, sagt zu Josef K., nachdem dieser das Gleichnis auf die eigene Lage bezogen hat in jener verp\u00f6nten urspr\u00fcnglichen Lesart, die im Gelesenen das eigene Erleben wiedererkennt: Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und ver\u00e4nderst die Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass schwierig anmutende Literatur mehr Geister ausschickt als zur\u00fcckgeholt werden wollen, ist eine Tatsache, die der Bewusstwerdung bedarf. Erst wer sich als Leser\/als Leserin pers\u00f6nliche Unvollst\u00e4ndigkeit und einen bestimmten Umfang an Hilflosigkeit bei Texten eingestehen kann, wird seine Lage verbessern. Jedoch nicht dem unbeholfenem Zauberlehrling gleich, mit dem sich jeder Leser\/jede Leserin aus den eigenen Erfahrungen heraus zun\u00e4chst eher identifiziert als mit dem in seiner unbeschr\u00e4nkten Macht wirkenden Hexenmeister, mit seinem \u201eIn die Ecke, Besen! Besen! Seid\u2019s gewesen!\u201c Kunstgriff.\u00a0 In diesem Sinn pl\u00e4diert Robert S. Plaul in einer Einf\u00fchrungsarbeit in die Literaturwissenschaft f\u00fcr das Zaubern lassen von aufm\u00fcpfigen, gewitzten Zauberlehrlingen mit der Begr\u00fcndung, dass solche auch immer einen Meister finden werden der hilft, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Aus meinem Erfahrungshorizont schwebt mir eine andere Ermunterung vor, die weiter zu wirken vermag: Wenn jemand als Leser\/ als Leserin die richtigen Worte f\u00fcr eine Verinnerlichung der eilfertigen Diener findet, wenn aus dem \u00dcbereifer von Technikstreben ma\u00dfvolles Eifern nach Erkenntnissen, und aus h\u00f6lzernen Dienstboten Geister werden d\u00fcrfen die ganz im Leben stehen, hat jeder Leser\/ jede Leserin auch den Meister in sich selbst gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zuvor<\/strong><strong> \u2192<\/strong> Was Ju Sophie Kerschbauner schon lange sagen wollte. Lesen Sie ihr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/31\/was-ich-schon-lange-sagen-wollte-ein-pladoyer-fur-die-kurzgeschichte\/\">Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Kurzgeschichte<\/a>. Und au\u00dferdem ihr Hinweis auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/09\/17\/kurz-eine-geschichte-eine-kurzgeschichte\/\">Zombies<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_18332\" style=\"width: 268px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Ju-Sophie-Kerschbaumer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18332\" class=\"size-full wp-image-18332\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Ju-Sophie-Kerschbaumer.jpg\" alt=\"\" width=\"258\" height=\"412\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Ju-Sophie-Kerschbaumer.jpg 258w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Ju-Sophie-Kerschbaumer-187x300.jpg 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18332\" class=\"wp-caption-text\">Ju Sophie Kerschbauner wie sie rockt und rollt;-)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bedarf es des Magischen, um uns Texte nicht nur n\u00e4her zu bringen, sondern auch ganz nahe f\u00fcr ein tiefgehendes Verstehen? Bedarf es der Ber\u00fchrung mit einem magischen Ding, etwa dem Zauberstab eines Fachmannes oder etlicher Tropfen vom Zauberwasser aus der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/01\/zauberlehrlinge-und-mehr-ruckverwandlungen-dienstbarer-geister\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":100367,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[469],"class_list":["post-18326","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ju-sophie-kerschbaumer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18326"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104989,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18326\/revisions\/104989"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100367"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}