{"id":18219,"date":"2013-10-23T00:06:12","date_gmt":"2013-10-22T22:06:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18219"},"modified":"2021-07-22T11:41:31","modified_gmt":"2021-07-22T09:41:31","slug":"von-der-sovjetunion-lernen-heist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/23\/von-der-sovjetunion-lernen-heist\/","title":{"rendered":"Von der Sowjetunion lernen hei\u00dft&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind zwei aus unterschiedlichen Blickwinkeln gewonnene Einsichten in den Zustand der russischen Gesellschaft, die nur vage einer vergleichenden Bewertung standhalten. Und dennoch: obwohl die textuellen Verfahren, die stilistischen Mittel und die Sujets so stark voneinander abweichen, lohnt der Vergleich in mehrerer Hinsicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Coverstalingrad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-18230\" title=\"Coverstalingrad\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Coverstalingrad-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Coverstalingrad-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Coverstalingrad.jpg 246w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>DJ stalingrad alias Piotr Silaev, Jahrgang 1985, bedient sich eines fetzigen Jugendjargons, verbindet hyperrealistische Bilder mit unerwartet eingeschobenen soziologischen Reflexionen \u00fcber den unersch\u00fctterlichen Fortbestand des Sowjetmenschen, der \u201ein engen Wohnungen schweigend altert\u201c. Er schildert Aktionen der Antifa-Bewegung, die gegen die Nationalbolschewisten und die Faschos k\u00e4mpft. Seine sprachlichen Mittel verweisen auf eine solide philologische Ausbildung, seine Lebenserfahrung ist vom st\u00e4ndigen Umgang mit frustrierten gleichaltrigen Zeitgenossen gepr\u00e4gt, die sich gegen die gro\u00dfst\u00e4dtischen rechtsradikalen Gruppierungen wehren. Die Handlungsorte wechseln zwischen Moskau, Petrograd und Sankt Petersburg. Brutale Schl\u00e4gereien, kommentiert mithilfe von Mat-Sprache (Slang, der aus dem Sexualbereich entstand ist), werden abgel\u00f6st von Gespr\u00e4chen \u00fcber den Zustand der russischen Gesellschaft. Auff\u00e4llig ist in diesem Zusammenhang das ironische Verh\u00e4ltnis des Erz\u00e4hlers gegen\u00fcber dem orthodoxen Glauben. Dieser rasche Wechsel der Aktionsfelder und die Verwendung von Metaphern, Pastiches und neo-expressionistischen Sprachfetzen verweisen auf die Vertrautheit des Autors mit postmodernistischen Textverfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-18229 alignright\" title=\"CoverBru\u0308cken\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Im Vergleich dazu arbeitet der \u201eradikalste\u201c brasilianische Erfolgsautor Bernardo Carvalho, Jg. 1960, so sein Verlagslabel, mit konventionellen sprachlichen Mitteln. Er setzt sich aus der sicheren geografischen Distanz mit den schlimmen Auswirkungen der Nationalit\u00e4tenkonflikte in der Russischen F\u00f6derative auseinander. Ausgangspunkt seines in verschiedene Handlungsstr\u00e4nge aufgeteilten plots ist Sankt Petersburg im Jahr 2003, am Vorabend des 300-Jubil\u00e4ums der Stadt, dessen Jahreszahl der Verlag zum Anlass nahm, aus dem portugiesischen Originaltitel <em>O filho da mae<\/em> den werbewirksamen Titel <em>Dreihundert Br\u00fccken<\/em> zu texten. In diesem mit mehr als dreihundert Br\u00fccken &#8211; mit Vororten sogar 500 Br\u00fccken &#8211;\u00a0 \u00a0ausgestatteten Sankt Petersburg trifft Julia Stepanowa nach mehr als zwanzig Jahren auf ihre Schulfreundin Marina Bondarewa, die im Komitee der Soldatenm\u00fctter arbeitet. Beide tauschen ihre bitteren Erfahrungen mit\u00a0 russischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden aus, greifen auf die Erinnerung ihrer Gro\u00dfm\u00fctter an die finstere Stalin-\u00c4ra zur\u00fcck, wobei sogar die ber\u00fchmte Dichterin Anna Achmatowa mit ihren ersch\u00fctternden Erlebnissen vor dem ber\u00fcchtigten Leningrader Gef\u00e4ngnis <em>Kresty<\/em> in ihren Erz\u00e4hlstrom eingebaut wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das den Text vorantreibende Sujet bildet das Schicksal der jungen Soldaten, die im zweiten russisch-tschetschenischen Krieg get\u00f6tet, verschollen oder auch von ihren M\u00fcttern gerettet werden. Beide haben unterschiedliche Motive, um junge M\u00e4nner aus den Klauen der Milit\u00e4rs zu befreien. Marina, die ihren Sohn aus Tschetschenien zur\u00fcckgeholt und nun andere M\u00fctter ber\u00e4t; Julia, die kinderlos geblieben ist, m\u00f6chte den 19-j\u00e4hrigen Wassja, Sohn ihrer Nachbarn, aus einem Milit\u00e4rkrankenhaus in Irkutsk retten. Die zweite Parallelhandlung f\u00fchrt den Leser in ein Fl\u00fcchtlingslager in Inguschetien an der Grenze zur Tschetschenien, wo Zainap, eine Tschetschenin mit ihrem Enkel Ruslan seit f\u00fcnf Monaten in einem Zelt haust. Zainap wurde 1944 zusammen mit zehntausenden ihrer Landsleute, wie auch mit anderen nordkaukasischen V\u00f6lkern, nach Kasachstan deportiert, ein Rachefeldzug Stalins gegen kaukasische V\u00f6lker wegen deren angeblicher massenhafter Kollaboration mit dem deutschen Milit\u00e4r, das Teile des Kaukasus im Sommer 1942 besetzt hatte. Die in diesem Erz\u00e4hlstrang dargelegten historischen Hintergrundinformationen zeugen von der sorgf\u00e4ltigen Recherche des brasilianischen Autors.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dritte Parallelhandlung erz\u00e4hlt von Anna. Sie lebt mit Dimitri und ihren zwei S\u00f6hnen Roman und Maxim in einer Mietwohnung. Dmitri arbeitet im russischen Innenministerium, dem FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB. Er wird in eine mysteri\u00f6se Aktion verwickelt, die ihm seinen gut dotierten Posten im Ministerium kostet. Die Beschreibung dieser Umst\u00e4nde erweist sich als wenig authentisch. Ihre sprachliche Umsetzung ist klischeehaft und wenig \u00fcberzeugend. Auch die folgenden Erz\u00e4hlabschnitte wirken oft wie eingeschoben, ohne dass der Leser die Kontinuit\u00e4t der Handlung nachvollziehen kann. Manche Abl\u00e4ufe wirken wie Anweisungen f\u00fcr eine Filmszene, da der Erz\u00e4hler allzu dezidiert bestimmte Gef\u00fchle der Protagonisten benennt, andere wiederum zeugen von alltagskulturellen Detailkenntnissen, die in \u00dcbereinstimmung mit den Handlungsweisen der Protagonisten stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Kapitel mit dem Titel <em>Die Chim\u00e4ren<\/em> steht zun\u00e4chst Andrej im Mittelpunkt der Handlung, der es in den folgenden Passagen oft an Durchsichtigkeit mangelt. Andrej ist Soldat der Roten Armee, ein Rekrut, der aus der Ehe mit einem brasilianischen Exilanten und einer gewissen Olga stammt. Andrej, der von einem Offizier seiner Kompanie erpresst wird, sich selbst wegen seiner homosexuellen Neigungen erpresst f\u00fchlt, will nach Sankt Petersburg, wo Marina vom Komitee der Soldatenm\u00fctter ihn vor seinem drohenden Einsatz im Krieg gegen die Tschetschenen bewahren soll. Doch sein Schicksal ist ebenso wie das von Ruslan vorherbestimmt und vom Autor bewusst so angelegt. Ruslan wird ebenso wie Andrej ums Leben kommen. Der eine als Opfer von Rechtsradikalen, der andere beim Kriegsdienst im Kaukasus, wie der Leser im Epilog erf\u00e4hrt. Ob der allerdings bis zur Seite 213 vorsto\u00dfen wird, ist fragw\u00fcrdig, denn auch der Rezensent hat im Gewirr der Handlungsf\u00e4den die Orientierung verloren. Zuviel st\u00fcrzt auf ihn ein: Erpressung und Gewalt in der Armee, Fremdenhass, rechtsradikale Gewaltorgien, die Soldatenm\u00fctter, der russische Geheimdienst FSB und seine perfiden Praktiken, zerr\u00fcttete Familien, Bewertungen der russischen Staatsmacht und sogar noch ein brasilianischer Nebenstrang \u2013 zuviel, um daraus einen rei\u00dferischen und zugleich \u00fcberzeugenden Roman zu basteln. Wenn Carvalho, wie auf dem Buchumschlag zu erfahren ist, \u201eein Kosmopolit (ist), der den brasilianischen Urwald ebenso faszinierend zu schildern versteht wie die Mongolei\u201c, dann bestehen die \u201e<em>Dreihundert Br\u00fccken<\/em>\u201c vielmehr aus geschickt zusammengestellten bricolages, in denen einzelne Episoden durchaus folgerichtig erz\u00e4hlt werden. Doch wenn sie als durchgehender Text gelesen werden, dann wirken sie wie Versatzst\u00fccke, wie Klischees, die die schwer durchschaubaren Mechanismen der russischen Staatsgesellschaft durchsichtig machen sollen. Eine Absicht, die leider nicht \u00fcberzeugt! Dj stalingrad alias Siljaev hingegen hat mit seinem EXODUS ein \u00fcberzeugendes Zeugnis einer russischen Underground-Realit\u00e4t abgeliefert. Es hinterl\u00e4sst authentische Eindr\u00fccke von Willk\u00fcr, Gewalt, Rechtlosigkeit und Brutalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Und der Vergleich beider Publikationen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich \u00fcber den schizophrenen Gem\u00fctszustand der russischen Gegenwartsgesellschaft informieren will, dem ist, falls er sich nicht an der gewaltgeladenen Sprache des Autors st\u00f6rt, der EXODUS zu empfehlen. Wer Einblick nehmen will in die Auswirkungen der hassgeladenen Nationalit\u00e4tenpolitik in der Russische F\u00f6derative unter Wladimir Putin, der sollte, trotz gewisser Vorbehalte, Carvalhos Roman, eine Mischung aus distanziertem Blick und mutigem Engagement f\u00fcr die Opfer dieser Politik, unbedingt lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>EXODUS<\/strong>, DJ stalingrad Aus dem Russischen von Friederike Meltendorf. Berlin (Matthes\u00a0 Seitz) 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18229 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverBru\u0308cken.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Dreihundert Br\u00fccken, <\/strong>Roman von Bernardo Carvalho M\u00fcnchen (Luchterhand) 2013. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es sind zwei aus unterschiedlichen Blickwinkeln gewonnene Einsichten in den Zustand der russischen Gesellschaft, die nur vage einer vergleichenden Bewertung standhalten. 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