{"id":17985,"date":"2013-12-20T09:00:27","date_gmt":"2013-12-20T08:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985"},"modified":"2022-02-26T16:35:47","modified_gmt":"2022-02-26T15:35:47","slug":"referenzuniversum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/20\/referenzuniversum\/","title":{"rendered":"Referenzuniversum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Der Historismus stellt das ,ewige&#8216; Bild der Vergangenheit, der historische Materialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig dasteht. Er \u00fcberl\u00e4sst es anderen, bei der Hure ,Es war einmal&#8216; im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kr\u00e4fte Herr: Manns genug, das Kontinuum der Geschichte\u00a0aufzusprengen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versatzst\u00fccke, Fleckerlteppiche. Was war Kunstproduktion jemals anderes als eine Arbeit mit bereits vorgefundenem und in Geflechten neu verwobenem Material? Oder anders formuliert: Worin liegt das Eigene? Gibt es so etwas wie Eigenes denn \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wenn sich Lyrik von der Lyra herleitet, sind nicht Songwriter die Lyriker des 21. Jahrhunderts?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/baby_s_on_fire_cd_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17994 alignleft\" title=\"baby_s_on_fire_cd_cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/baby_s_on_fire_cd_cover-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/baby_s_on_fire_cd_cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/baby_s_on_fire_cd_cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/baby_s_on_fire_cd_cover.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Diese Fragen stellen sich immer wieder aufs Neue, besonders in der Auseinandersetzung mit Kultur. Ja, auch mit der heutigen Popkultur. Kaum versteht es eine Rap- Gruppe der j\u00fcngsten Generation \u00e4hnlich gut wie das afrikanische Duo <a href=\"http:\/\/www.dieantwoord.com\/\">Die Antwoord<\/a>, mit Zuschreibungen und Codes zu spielen, sie in textlichen und visuellen Fleckerteppichen neu zu verstricken. So handelt es sich bei <em>Zef-Queen<\/em> Yolandi VI$$ER, der Hauptfigur des verr\u00fcckten Trios, um ein seltsames Hybridwesen, das sich wahlweise als Barbie, Lolita oder vampirzahnige Hexe im Pl\u00fcschkost\u00fcmchen zu pr\u00e4sentieren versteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Jeder Mensch hat zwei Seiten, und w\u00e4hrend ich im Clip das kleine M\u00e4dchen imitiere, kann ich im wahren Leben durchaus naughty sein.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Yolandi<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr m\u00e4nnlicher Gegenpart <em>Ninja<\/em> (aka Watkin Tudor Jones) ist ein ausgemergelter, doppelt so gro\u00dfer Typ, der aussieht, als w\u00e4re er eben zum f\u00fcnften Mal aus dem Gef\u00e4ngnis geflohen; sein hagerer K\u00f6rper ist \u00fcbers\u00e4t mit Tatoos, er tr\u00e4gt ein Oberlippen-B\u00e4rtchen und Baggy Pants, die sogenannte <em>Arschfresser-Hose<\/em>, also alles \u00e0 la Streetwear. Das vielschichtige Spiel der Gruppe mit Codes und Rollenentw\u00fcrfen in Songtexten und Videos von der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q77YBmtd2Rw&amp;list=RD02ZtsH1RcZYVw\">Zef Side<\/a> ist offensichtlich. Kopiert und umgearbeitet werden Melodien, Texte und Posen bereits existierender Pops\u00e4nger. Die Arbeit mit Fremdmaterial, das Zitieren, das <em>Abschreiben<\/em> und Weiterverweben, scheint also nach wie vor eine wichtige Herangehensweise zu sein, wenn es darum geht, Eigenes zu kreieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wenn alles wiederverwertbar wird, h\u00f6rt die Literatur auf eine Geschichte zu sein?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Umshini-Wam.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-18004 alignright\" title=\"Umshini-Wam\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Umshini-Wam-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Umshini-Wam-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Umshini-Wam-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Umshini-Wam.jpg 329w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der Akt des Kopierens hat eine sehr lange Tradition. Dem\u00fctige Haltungen einnehmend haben schon die mittelalterlichen M\u00f6nche Bibeltexte kopiert und mit kunstvollen Initialen geschm\u00fcckt. Das Handwerk des Abschreibens musste m\u00fchsam einge\u00fcbt und schlie\u00dflich beherrscht werden, bevor es an die eigene Textproduktion gehen konnte. Seit jeher also dient die Kopie den Menschen dazu, sich Kultur anzueignen. Doch was damals einen &#8211; oft lebenslangen und dem\u00fctigen &#8211; Prozess des Rezipierens, Kopierens und Tradierens bedeutete, ver\u00e4nderte sich mit der Erfindung des Buchdrucks. Nun war Raum, Fleckerlteppiche aus bereis Vorhandenem zu kreieren. Man verwob gleich, man machte sich das Material <em>zu eigen<\/em>; der (scheinbar) stupide Akt der Kopie wurde nach und nach der Maschine \u00fcberlassen. Demnach baute Walter Benjamin auf das Wesen der Collagen, der Zitate, und versprach sich durch diese eine Revolution in der Kunst: Die Tradierbarkeit w\u00fcrde seiner Meinung nach der Zitierbarkeit weichen. Und zitiert wird bei &gt;Die Antwoord&lt;\u00a0 unendlich viel, etwa die Bilderwelten Keith Harings, die ethnographischen Studien des seit vielen Jahren in S\u00fcdafrika lebende Fotografen Roger Ballen (mit dem es bei <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8Uee_mcxvrw\">I Fink You Freaky<\/a> zu einer Zusammenarbeit kam &#8211; Ballen wiederum bezieht sich auf Tod Brownings <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vJVXTKkjsxA\">Freaks<\/a>), und last not leat tritt in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AIXUgtNC4Kc&amp;list=RD02ZtsH1RcZYVw\">Fatty Boom Boom<\/a> ein als <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=lMG_9zoNP_U\">Lady Gaga<\/a> verkleideter Transvestit auf, was bei denen, die diesen gut gef\u00fchrten Seitenhieb verstehen und dekodieren k\u00f6nnen, Schaden-Freude ausl\u00f6st, f\u00fcr die anderen Zuschauer aber zumindest ein netter visueller Nebeneffekt bleiben mag. Die Arbeiten, die Yolandi und Ninja im Netz zum Besten geben, werden von kleinen Kindern \u00e4hnlich geliebt wie von Intelektuellen. Woran mag das liegen? Hat es mit der Art und Weise zu tun, wie die Codes miteinander vermischt, nebeneinander positioniert werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Bergwerk der Bilder. Bild und Schrift begleitet die Menschheit seit nahezu siebentausend Jahren und war stets mehr als ein transkribierter, in Zeichen \u00fcbersetzter Sprechakt.<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">A.J. Weigoni (aus<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12918\">Cyberspasz<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jeden Fall sind die Bildkompositionen pointiert, mit Gegens\u00e4tzen wird gespielt: Als altes Verbrecher-Paar dazu verdammt, gemeinsam ihrer Wege zu rollen, m\u00fcssen Ninja und Yolandi in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eMVNjMF1Suo&amp;list=RD02ZtsH1RcZYVw\">Umshimi-Wam<\/a> mit Rollst\u00fchlen als eine Art Bonnie und Clyde durch die Landstra\u00dfen Afrikas ziehen; zwischen heftigem Blutvergie\u00dfen und einigen Versuchen, einander tot zu pr\u00fcgeln blicken sie jedoch\u00a0 h\u00e4ndchenhaltend den Sternenhimmel an und beten zu Gott. Die Videos pr\u00e4sentieren Verbrecher, Zahnlose, Randgruppen, gleichsam in ihrer Abgr\u00fcndigkeit wie in ihrer Zerbrechlichkeit. Das Modewort <em>Gender<\/em> greift zu kurz, Unterschiede von Geschlecht und Rasse werden aufgel\u00f6st. Das blonde M\u00e4dchen malt seinen K\u00f6rper schwarz an. Mit Schimpfw\u00f6rtern wie <em>Fokken <\/em>und \u00a0<em>Faggott<\/em> wird um sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=L-wpS49KN00&amp;list=RD02ZtsH1RcZYVw\">geworfen<\/a>, wo doch der DJ der Gruppe selbst laut eigener Aussage schwul ist. Die Zitate und Bilder werden nebeneinander gestellt, der Widerspruch bleibt bestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Doch wo liegt auch in dieser Mehrschichtigkeit das Eigene? Besteht das Eigene nur noch in der Anordnung, der Varianz bereits existierender Bilder?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tension_cd_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17997 alignleft\" title=\"tension_cd_cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tension_cd_cover-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tension_cd_cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tension_cd_cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tension_cd_cover.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>So wie manche B\u00fccher haupts\u00e4chlich aus Fremdmaterial und Zitaten bestehen &#8211; Roland Barthes <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/fragmente_einer_sprache_der_liebe-roland_barthes_42297.html\"><em>Fragmente einer Sprache der Liebe<\/em><\/a> sei hier als ein Beispiel genannt &#8211; setzen sich die Videos und Songtexte von &gt;Die Antwoord&lt; und das Buch aus (Ideal)Bildern zusammen. Diese Art des <em>Flickens<\/em> gibt es aber nicht nur in der Philosophie, der Literatur sowie der\u00a0 Popkultur, sondern auch in der neuen Musik. So \u00fcbernimmt Morton Feldman in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jyGGW1cn4Kk\">coptic light<\/a> die Struktur persischer Teppiche und \u00fcbersetzt diese in vielschichtige Orchesterkl\u00e4nge. Das Sch\u00f6nste an diesen Teppichen ist meiner Meinung nach \u00fcbrigens, dass sie alle einen Fehler haben, eine bewusst hinein gen\u00e4hte Verschiebung, denn- so der Islam: &#8222;nur Gott ist perfekt&#8220;. Abermals f\u00fchrt uns diese Drehung hin zur G\u00f6ttlichkeit, zur Thematisierung oder auch Beschw\u00f6rung einer h\u00f6heren Entit\u00e4t. Wo ist nun jedoch, wenn wir mit Textstellen arbeiten, als w\u00e4ren sie Versatzst\u00fccke, eigentlich noch diese Demut, in der sich die mittelalterlichen M\u00f6nche so vehement zu \u00fcben versuchten?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wir betreiben ein leichtsinniges Copy and Waste-Dasein, basteln uns aus Fleckerln unsere Texte zusammen, aber haben wir auch die Urspr\u00fcnge und Kontexte unserer Materialien penetriert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wikipedia-Informationen werden rasch \u00fcbernommen, unkritisch in Eigenes eingewoben. Man kann sich heute seine Texte \u00e4hnlich zusammenbasteln wie in manchen Kneipen seine Pizza. Kennen sie nicht auch diese Zettelchen zum Ankreuzen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte gern: Mais, Salami, K\u00e4se.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte gern: Pl\u00fcschpelz, Augen an den Br\u00fcsten, M\u00e4use, Vampirz\u00e4hne, Lolita-Kost\u00fcmchen, einmal tote M\u00e4use und zehnmal Schwerverbrecher, bitte. Doch so einfach ist es dann doch nicht, denn der K\u00fcnstler selbst ist schlie\u00dflich auch der Koch, muss die Dosierung der vorhandenen Materialen bestimmen und aus diesen eine Form heraus sch\u00e4len. Hat man ein Ohr f\u00fcr die Sprache seines Materials, so wird einem dieses immer einiges vorsingen, und man muss &#8211; ja, in gewissem Sinne auch wie die M\u00f6nche &#8211; dem\u00fctig sein und dessen W\u00fcnschen folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Morus<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DieAntwoord-album-cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17998 alignright\" title=\"DieAntwoord-album-cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DieAntwoord-album-cover-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DieAntwoord-album-cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DieAntwoord-album-cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DieAntwoord-album-cover.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ein reflexiver Umgang mit Tradition ist wichtig, wenn Kunst mehr sein soll als Reproduktion des bereits Gesagten; jedoch ganz im Sinne Gustav Mahlers Zitatvariation: <em>Tradition ist die Weitergabe des Feuers<\/em> und <em>nicht die Anbetung der Asche<\/em>. Handelt es sich aber bei zeitgen\u00f6ssischen, reflektierten Kunstprodukten immer um \u2013 mehr oder weniger spr\u00fchende- Feuerwerke aus Fleckerklteppichen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">&gt;Die Antwoord&lt;\u00a0ist einfach eine andere Form \u00fcber das neue \u203aAndere\u2039 zu texten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Feuer hat jedenfalls das Rap-Duo &gt;Die Antwoord&lt; &#8211; wenn es die vorhandenen Codes und Bilder oft auch eher ausstellt als penetriert und umarbeitet-\u00a0 mehr als genug, das muss man ihm lassen. Nicht umsonst hei\u00dft einer ihrer bekannten Hits auch <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HcXNPI-IPPM\">Baby\u00b4s on Fire<\/a>. Und dass Yolandi und Ninja sich zumindest in Ans\u00e4tzen kritisch mit Bildern, Zuschreibungen und Rollenentw\u00fcrfen, ja sogar mit der Geschlechtlichkeit selbst &#8211; denn in deren Song <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=M9SAc9UvlNs\">Evil Boy<\/a> geht es um einen neuen Entwurf von M\u00e4nnlichkeit jenseits bereits bekannter Vorstellungen und Ideen &#8211; auseinander setzen, wenn sie diese auch nicht dezidiert auf ihren geschichtlichen Kontext hin abklopfen, mag ihnen angerechnet werden. Unter Erhabenheitskitsch fallen deren Arbeiten auf jeden Fall nicht. Auch sind die Bilder zu vielschichtig und die<em> \u00c4sthetik des H\u00e4sslichen<\/em> zu krass auf die Spitze getrieben, als dass dem Betrachter eine Ideologie \u00fcbergest\u00fclpt werden k\u00f6nnte. Jede Form von Ideologie st\u00f6\u00dft ja\u00a0 relativ schnell an ihre Grenzen, da sich Ideologien immer in gewissen Rahmen bewegen. Insofern ist meiner Meinung nach die Entfernung der Kunst von der Religion eine gro\u00dfe St\u00e4rke und Freiheit f\u00fcr alle sch\u00f6pferischen Menschen. Also doch: Weg vom m\u00f6nchischen Dasein?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">&gt;Die Antwoord&lt;\u00a0ist in erster Linie ein Spiel mit Trash, ein Herausstellen des Kontrasts zwischen Alltag und Kunstprodukt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was &gt;Die Antwoord&lt; betrifft, so wird hier jede Form von Idealisierung sofort wieder ironisiert und jede \u00c4sthetisierung schwappt in ihr Gegenteil \u00fcber, wenn sie nicht durch eine zweite Ebene konterkariert wird. Ein spannendes Fensterchen im derzeit vorherrschenden Einheitsbrei der Popkultur, wenn es auch in seinem Rahmen bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Eine Ironie der Technik, die Walter Benjamin in seinem ber\u00fchmten Kunstwerkaufsatz nicht erahnen konnte: Das Reproduzierte l\u00e4uft dem Original den Rang ab. Zugleich aber m\u00fcssen die Artisten feststellen, da\u00df Zeichen unterschiedlich gelesen werden.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/cover_CookieThumper.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17999\" title=\"cover_CookieThumper\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/cover_CookieThumper.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/cover_CookieThumper.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/cover_CookieThumper-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ein Problem unserer Generation, der so viel an Material zur Reproduktion und Neuverwebung zur Verf\u00fcgung steht, k\u00f6nnte freilich die Angst sein: Wir werden derma\u00dfen \u00fcberrollt von Datenmengen und M\u00f6glichkeiten, dass die Frage nach <em>der<\/em> Wahrheit umso existentieller zu sein scheint. So boomen Verschw\u00f6rungstheorien, wird der Zweifel am Realit\u00e4tsgehalt dessen, was uns pr\u00e4sentiert wird, umso gr\u00f6\u00dfer. Diese \u00dcberforderung und der damit einhergehende Wunsch nach Wahrheit ist selbstverst\u00e4ndlich gut nachvollziehbar. Dennoch muss sich der K\u00fcnstler dem Konvolut an Material und Information meiner Meinung nach aussetzen, sich von der Vielschichtigkeit der Welt und dem (Fakten)-Reichtum eher kitzeln als einsch\u00fcchtern lassen. Wahrheitsfindung kann ein kreativer Akt sein, bei dem es nicht mehr um eine Antwort gehen muss, sondern die Suchbewegung an sich Freude bringt. Angst jedenfalls scheinen unsere beiden Rapper ja nicht sonderlich zu haben, sie versuchen zwar, Angst zu machen, aber auch das bleibt stets in einem Rahmen, der einen eher zum L\u00e4cheln als zum Schaudern bringt. Wer aber sucht, macht sich freilich auch verletzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">S\u00fcdafrika erscheint in den Videos von &gt;Die Antwoord&lt; als eine bessere Welt als die unsrige, weil dort Kategorien wie Hautfarbe und Gender nichts wert sind und wir dort allesamt gleichermassen zu Freaks werden.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sucht, hat noch keine Antworten. &gt;Die Antwoord&lt; gibt vor, <em>die <\/em>Antwort auf alles zu haben. In dieser \u00fcberh\u00f6hten Form der Ironisierung schwappt alles wieder in eine Suchbewegung \u00fcber. Wer sucht, wei\u00df nichts, ist offen und durchl\u00e4ssig. Und bed\u00fcrftig. Diese Verwundbarkeit erm\u00f6glicht es uns, Erfahrungen zu machen, Neuland zu betreten. Dass Leben immer lebensgef\u00e4hrlich ist, nicht nur wenn man Yolandi oder Ninja hei\u00dft und mit Pistolen in den Slums S\u00fcdafrikas herum rollt, bleibt nat\u00fcrlich eine basale Erkenntnis. Rumi meinte, ein Mensch k\u00f6nne nur majest\u00e4tisch werden, wenn er seine eigene Zerbrechlichkeit kennt. Womit wir auch gleich ein weiteres Zitat eingewoben h\u00e4tten. Was die Zerbrechlichkeit betrifft, so schlie\u00dft sich hier wieder der Kreis zur Demut. Demut hat mit Mut zu tun, mit Sich-Zumuten. Wenn Pop eine Zumutung im positiven Sinne ist, kann Pop zur Kunst werden. Und wenn Kunst nicht auch Zumutung ist, wo bleibt dann bitte ihre ersch\u00fctternde Kraft? Denn eines steht fest: \u201eKunst muss die Axt sein f\u00fcr das gefrorene Meer in uns.\u201c Reprogram your mind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay wurde ausgezeichnet mit dem KUNO-Essaypreis 2013. Die Begr\u00fcndung findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\">hier.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-100879\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/DieAntwoord.jpg\" alt=\"\" width=\"257\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/DieAntwoord.jpg 257w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/DieAntwoord-160x187.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 257px) 100vw, 257px\" \/>I Fink You Freeky<\/strong>, Roger Ballen und Die Antwoord, Prestel, Gebundenes Buch, Pappband, 128 Seiten, 24&#215;28, 45 s\/w Abbildungen &#8211; \u2028ISBN: 978-3-7913-4860-5\u2028\u20ac 29,95<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17832\">w\u00fcrdigte<\/a> dieses Buch. Ein Kollegengespr\u00e4ch zwischen Sophie Reyer und A.J. Weigoni findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16720\">hier<\/a>. Ein KUNO-Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: JEEZIZ OU! CHILL NET N BIETJIE FOKKEN UIT!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historismus stellt das ,ewige&#8216; Bild der Vergangenheit, der historische Materialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig dasteht. Er \u00fcberl\u00e4sst es anderen, bei der Hure ,Es war einmal&#8216; im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kr\u00e4fte Herr: Manns&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/20\/referenzuniversum\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":100879,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3347,1320,1318,394,1319],"class_list":["post-17985","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-die-antwoord","tag-ninja","tag-roger-ballen","tag-sophie-reyer","tag-yolandi"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17985","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17985"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17985\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100882,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17985\/revisions\/100882"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100879"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17985"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17985"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17985"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}