{"id":17956,"date":"2023-09-11T00:01:59","date_gmt":"2023-09-10T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17956"},"modified":"2023-09-05T16:53:59","modified_gmt":"2023-09-05T14:53:59","slug":"50-jahre-9-11","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/11\/50-jahre-9-11\/","title":{"rendered":"9\/ 11 &#8211; vor 50 Jahren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Die V\u00f6lker schreiben die Geschichte, und die Geschichte geh\u00f6rt uns. Soziale Entwicklungen sind nicht zu bremsen, weder durch Verbrechen, noch durch Gewalt. Zwar bahnt sich der Verrat gerade seinen Weg. Aber ich habe Vertrauen in Chile und sein Schicksal. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden sich dem neuen, freien Menschen gro\u00dfe Alleen auftun.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Salvador Allende<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/220px-Stamps_of_Germany_DDR_1973_MiNr_1891.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-17957 alignright\" title=\"220px-Stamps_of_Germany_(DDR)_1973,_MiNr_1891\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/220px-Stamps_of_Germany_DDR_1973_MiNr_1891.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"259\" \/><\/a>Am 11. September 1973 wurde Pr\u00e4sident Salvador Allende um 6:20 Uhr telefonisch in Kenntnis gesetzt, dass die Flotte in Valpara\u00edso, der gr\u00f6\u00dften Hafenstadt Chiles, sich gegen ihn erhoben habe und seinen R\u00fccktritt fordere. Allende versuchte sofort den Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte General Augusto Pinochet zu erreichen, der sich aber nicht meldete. Allende begab sich mit seinem Kabinett und einigen Freunden und Familienangeh\u00f6rigen in den Pr\u00e4sidentenpalast Moneda. Unter seinen Begleitern waren zwei seiner T\u00f6chter, sein Arzt, die Leibwache des Pr\u00e4sidenten und seine langj\u00e4hrige Geliebte. Der Verteidigungsminister Orlando Letelier war nicht anwesend, da er bereits von den Putschisten festgenommen worden war.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 8:00 Uhr wurde eine Erkl\u00e4rung der Putschisten, die sich als Milit\u00e4rregierung bezeichneten, im Radio verlesen. Erst hier gab sich General Pinochet als Putschist zu erkennen. Kurz darauf erhielt Allende einen Anruf der Putschisten. Sie forderten seinen R\u00fccktritt und boten ihm im Gegenzug an, ihn sofort mit seiner Familie au\u00dfer Landes zu fliegen. Er lehnte dies entschlossen ab. Um 9:30 drohten die Putschisten mit der Bombardierung der Moneda. Allende forderte die Palastgarde und alle Unbewaffneten auf, das Geb\u00e4ude zu verlassen. Er selbst blieb mit wenigen Getreuen zur\u00fcck und bereitete sich auf den kommenden Kampf vor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 11:55 Uhr begann die Luftwaffe mit zwei Flugzeugen eine Bombardierung des Pr\u00e4sidentenpalastes. Auch regierungsfreundliche Radiosender sowie einige Viertel der Hauptstadt, in denen mehrheitlich Aktivisten und Sympathisanten der Unidad Popular wohnten, sollen bombardiert worden sein. Augusto Olivares (\u201eEl Perro\u201c), der bekannte Journalist und Leiter des Fernsehsenders Canal 7, nahm sich im Erdgeschoss der Moneda mit einem Maschinengewehr das Leben. Damit wurde das erste Opfer des Putsches einer der engsten Freunde des Pr\u00e4sidenten, woraufhin dieser mitten im Chaos eine Schweigeminute f\u00fcr ihn anordnete.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen 14:00 Uhr begann die Armee mit der Erst\u00fcrmung des Palastes. Nach kurzem Gefecht ordnete Allende die Kapitulation an. Nur er selbst blieb im \u201eSaal der Unabh\u00e4ngigkeit\u201c zur\u00fcck und beging dort Suizid. Seine Selbstt\u00f6tung wurde durch seine \u00c4rzte Patricio Guij\u00f3n und Jos\u00e9 Quiroga bezeugt, die den Suizid beobachteten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Chilenen geht am 11. September 1973 eine Zeit zu Ende, von denen die Journalistin Faride Zeran sagt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wir waren niemals so frei und gl\u00fccklich wie in diesen drei Jahren.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"id\":55970,\"align\":\"center\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"aligncenter\">\r\n<div id=\"attachment_55970\" style=\"width: 578px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-55970\" class=\"wp-image-55970\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007.jpeg\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"396\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007.jpeg 568w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007-300x209.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007-560x390.jpeg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007-260x181.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/P1110007-160x112.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><p id=\"caption-attachment-55970\" class=\"wp-caption-text\">Collage von Almuth Hickl<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der faschistoide Milit\u00e4rputsch in Chile gegen den sozialistischen Pr\u00e4sidenten Allende im Jahre 1973 war der Anfang einer \u201eGegenrevolution\u201c, die erst ab Ende der 1970er-Jahre \u2013 mit der Wahl von Margaret Thatcher in GB und von Ronald Reagan in den USA \u2013 sich voll entfaltete. \u201eThe first experiment with neoliberal state formation [\u2026] occurred in Chile after Pinochet\u2019s coup on the ,little September 11th\u2018 of 1973 [\u2026], promoted by domestic business elites [\u2026] (and) backed by US corporations, the CIA, and US Secretary of State Henry Kissinger\u201d. (David Harvey, A Brief History of Neoliberalism, Oxford 2005, p.7).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte 16 Jahre dauern, bis der Staatsozialismus scheiterte, weil er nicht demokratisch war, es war nicht nur ein verfehltes Wirtschaftssystem. Der entscheidende Grund f\u00fcr den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus war, dass sie keine freien Gesellschaften waren. Sie versprachen Freiheit, aber sie erm\u00f6glichten sie nicht. Das waren autorit\u00e4re Staaten, die Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und all die Freiheiten unterdr\u00fcckten, die die Voraussetzungen bilden f\u00fcr die demokratische Organisation eines Staates.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man in Prag und Chile gesehen hat, ist der Sozialismus eine Verwirklichung von Demokratie. Die Kritik am Kapitalismus ist die Teil der intellektuellen sozialistischen Tradition ist, sie enth\u00e4lt eine Verpflichtung zur Freiheit und zu einem Verst\u00e4ndnis von Freiheit, das liberale Freiheitsvorstellungen radikalisiert. Urchristentum, Sozialismus und Liberalismus stellen keineswegs Gegens\u00e4tze dar. Es ist nicht so, dass der Liberalismus und der Kapitalismus die Freiheit hochhalten, w\u00e4hrend der Sozialismus andere Werte wie Gleichheit und Solidarit\u00e4t vertritt. Beide sind Theorien der Freiheit. Und der Mangel, auf den man in liberalen kapitalistischen Gesellschaften st\u00f6\u00dft, ist die Tatsache, dass die Freiheiten, die der Liberalismus bringt, nur f\u00fcr einige gelten und nicht Freiheiten f\u00fcr alle Menschen der Welt sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staatssozialismus ist tot, nicht aber der Sozialismus als transnationales Projekt. Ein sozialistisches Konzept, das die Welt im Blick hat und Vergesellschaftung nicht nur auf der politischen Ebene demokratisch umsetzt, h\u00e4tte nicht diese selbstzentrierte, nach innen gewandte Sicht, mit der der Sozialismus der Vergangenheit die Demokratie betrachtete. Und \u00fcber einen solchen Sozialismus, der \u00fcber die Grenzen der Nationalstaaten hinweggeht und beides verwirklicht, Demokratie und wirtschaftliche Gerechtigkeit, sollten wir nachdenken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behauptung vom Ende der Geschichte war ein selbstgef\u00e4lliges Narrativ, das oft vorgetragen wurde: Die Niederlage des Sozialismus bedeute den Sieg des Kapitalismus. Tats\u00e4chlich war es ein Irrtum zu denken, nur weil der Sozialismus besiegt wurde, h\u00e4tte der liberale Kapitalismus keine Probleme. Der Westen muss endlich aufh\u00f6ren, sich als moralischer Sieger zu sehen, und einen kritischen Blick auf sich selbst werfen, z.B. auf den 9\/11 in Chile.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104647 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-560x884-1-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" \/>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Terroristen entf\u00fchren die Airforce 1 und lassen sie gezielt in Manhattan abst\u00fcrzen. Millionen TV-Zuschauer haben den Eindruck, sie seien <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">im falschen Film<\/a>. John Carpenter hat ihn mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/10\/sternstunde-der-verachtung\/\"><em>Escape from New York<\/em><\/a> bereits 1981 in die Kinos gebracht. &#8222;Hegel bemerkte, da\u00df alle gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzuf\u00fcgen: das eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce.&#8220; (Karl Marx)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die V\u00f6lker schreiben die Geschichte, und die Geschichte geh\u00f6rt uns. Soziale Entwicklungen sind nicht zu bremsen, weder durch Verbrechen, noch durch Gewalt. Zwar bahnt sich der Verrat gerade seinen Weg. Aber ich habe Vertrauen in Chile und sein Schicksal. 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