{"id":17927,"date":"2013-09-16T00:01:54","date_gmt":"2013-09-15T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17927"},"modified":"2022-02-23T05:38:20","modified_gmt":"2022-02-23T04:38:20","slug":"jetztzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/09\/16\/jetztzeit\/","title":{"rendered":"Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">zu den Gedichten von Peggy Neidel<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">die idyllen schreddern, ja<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\">klingt irgendwie passend<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lakonische Gebilde. Zuweilen Vierzeiler. Ein langer Text am Anfang. Stets ein hintergr\u00fcndiger Sound, als liefe da etwas mit. Ein kosmisches Rauschen vielleicht oder doch nur der Klang eines Aufnahmeger\u00e4tes. Und Kraft. Das sind die Momente, die mich \u00fcberzeugten, die mich von Anfang an f\u00fcr diese Texte einnahmen. Und diese einzigartige und eigensinnige Stimme.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Es sind Texte, die die Gegenwart auf den Punkt bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was hei\u00dft eigentlich Gegenwart? Wie bestimmt man sie, als Zeitraum oder Zeitpunkt? Liegt sie zwischen zwei Kriegen oder zwischen zwei Naturkatastrophen, oder befindet sie sich am Ende gar nicht zwischen den katastrophalen Ereignissen, sondern kommt unbemerkt, bleibt eine Weile und verschwindet dann wieder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzteres w\u00fcrde mich noch am meisten beunruhigen. Man lebt in einer Gegenwart und bemerkt es gar nicht. Neidels Texte rei\u00dfen am Vorhang.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen sind im letzten Jahrhundert an ihr Ende gelangt und die Utopien haben sich in die Schneckenh\u00e4user zur\u00fcck\u00adgezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hei\u00dft aber nicht, dass wir jetzt entspannter w\u00e4ren. Es herrscht eine merkw\u00fcrdige Gereiztheit. Die Menschen bewegen sich durch post\u00adapokalyptische Landschaften, seltsam unsicher, stets auf der Suche. Vielleicht nach sich selbst und einer Idee, wie es sein k\u00f6nnte. Und offensichtlich mit einem Mangel, als fehlte ihnen die R\u00fcckbindung an etwas, \u00bbworan man sich halten kann\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peggy Neidel interpretiert dieses Nichts, das auch Brecht vor circa neunzig Jahren in seinem Lesebuch f\u00fcr St\u00e4dtebewohner prognostizierte, auf gegenw\u00e4rtige Art. Das Nichts wird zu wei\u00df. Die Farbe, die zugleich alle Farben in sich vereint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte dieser Autorin machen sie kenntlich, die Jetztzeit, jenen Moment, den ein Herzschlag ausmacht. Der sich bei n\u00e4herem Hinsehen kaum ver\u00e4ndert, aber an Dynamik gewinnt, je weiter man zur\u00fccktritt. Es ist ein Wassertropfen, von dem man sich entfernt und den man in einem Fluss\u00a0 findet. Sie selbst sagt: \u00bbMir geht es darum, mit Gedichten Si\u00adtuationen und Begebenheiten zu filtern, zu analysieren und zu verhandeln. Dabei m\u00f6chte ich in ein Gespr\u00e4ch mit dem Leser treten, ihn an\u00adsprechen und ber\u00fchren. Kopf und Herz geh\u00f6ren unbedingt zusammen.\u00ab<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peggy Neidels Gedichte bleiben ganz nah dran, an den k\u00fcnstlichen Oberfl\u00e4chen, die uns mittlerweile umgeben, und vielleicht umgab uns noch nie etwas anderes als das: k\u00fcnstliche Gebilde, die uns zur Natur geworden sind. Und in dieser N\u00e4he bleibt der Fluss, der Wald als Ahnung und als Zitat. Wer nach dem Ursprung sucht, verschwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">weil kein wort mich zu verstellen mag<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #888888;\">und du auch l\u00e4ngst erkennst<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #888888;\">dass nie ein ort der welt mir zum verstecken taugt<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher dachte ich, die Feststellung einer Tatsache macht diese handhabbar. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, sagte man mir und ich nahm es f\u00fcr bare M\u00fcnze. Eine Erkenntnis der Welt ist die Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings lebt in diesem einfachen Reim ein Denkfehler. Eine er\u00adkannte Gefahr verliert das Gef\u00e4hrliche nicht, bleibt Gefahr und wird l\u00e4ngst nicht zu einer banalen Situation. Peggy Neidels Fl\u00e4chen sind aufgeladen. Sie entwickelt eine einzigartige Lakonie, die eine Oberfl\u00e4chen\u00adspannung erzeugt, kurz vor dem Bersten. Die Gefahr, die in der Gegen\u00adwart liegt, wird damit weder heraufbeschworen noch gemindert, sondern erkannt und im Erkennen reflektiert. Das unterstreicht die Autorin: \u00bbWir misstrauen den Idyllen. Wir sprechen \u203a\u00fcber\u2039, aber nicht \u203amit\u2039. Einsam und techniktreu verleugnen wir uns, schaffen uns ab.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peggy Neidel \u00f6ffnet in ihren Gedichten die Gegenwart neu, als Kampf\u00adzone, als kalten und menschenfeindlichen Ort. Doch gerade in der Darstellung dieser Illusionslosigkeit bewahrt oder entwickelt sich eine M\u00f6glichkeit, vielleicht eine Utopie, die \u00fcber die wei\u00dfen und nivellierten Fl\u00e4chen hinausweist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/peggy-neidel-cover-300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17932\" title=\"peggy neidel band 5.indd\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/peggy-neidel-cover-300-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/peggy-neidel-cover-300-205x300.jpg 205w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/peggy-neidel-cover-300-699x1024.jpg 699w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/peggy-neidel-cover-300.jpg 1639w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a>Wei\u00df<\/strong> von Peggy Neidel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reihe Neue Lyrik \u2013 Band 5 \u2028Kulturstiftung des Freistaates Sachsen\u2028. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, \u2028Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2028poetenladen 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2028Gebundene Ausgabe 72 Seiten | Euro 16.80 \u2028978-3-940691-46-0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu den Gedichten von Peggy Neidel die idyllen schreddern, ja klingt irgendwie passend 1 Lakonische Gebilde. Zuweilen Vierzeiler. Ein langer Text am Anfang. Stets ein hintergr\u00fcndiger Sound, als liefe da etwas mit. 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