{"id":17880,"date":"2013-09-20T00:01:36","date_gmt":"2013-09-19T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17880"},"modified":"2021-07-22T11:35:40","modified_gmt":"2021-07-22T09:35:40","slug":"ein-in-jeglicher-hinsicht-bedeutender-schriftsteller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/09\/20\/ein-in-jeglicher-hinsicht-bedeutender-schriftsteller\/","title":{"rendered":"Ein in jeglicher Hinsicht bedeutender Schriftsteller"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas tapfere Schneiderlein aus Porto Alegre\u201c \u2013 unter dieser \u00dcberschrift kommentiert Michael Kegler das Werk des 2011 verstorbene Moacyr Jaime Scliar. Als Sohn j\u00fcdischer Einwanderer aus Bessarabien 1937 in der s\u00fcdbrasilianischen Hafenstadt geboren, wuchs er in dem dortigen j\u00fcdischen Viertel Bom Fim auf, besuchte die Jidishe Schule und studierte Medizin. Zwei Inspirationsquellen pr\u00e4gten sein umfangreiches erz\u00e4hlerisches Werk: die Aufarbeitung der j\u00fcdischen Lebenswelt seiner Eltern und Verwandten und die linke Oppositionsbewegung, die sich in den 1960er Jahren gegen die Milit\u00e4rdiktatur in Brasilien \u00a0formierte. Beide Quellen hinterlie\u00dfen in Scliars Romanen unterschiedliche Wirkungen. W\u00e4hrend das j\u00fcdische Element zu einem unabl\u00f6sbaren Bestandteil seines sch\u00f6pferischen Werkes wurde, f\u00fchrte die Auseinandersetzung mit linken Utopien zu einer ironischen Distanzierung gegen\u00fcber linken Befreiungsideologien. Und das aus einem Kafka-Fragment stammende Leoparden-Leitmotiv, mit dem der 1985 in Porto Alegre ver\u00f6ffentlichte Roman \u201eA condi\u00e7\u00e3o judaica\u201c eingeleitet wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Leoparden\u00a0 brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkr\u00fcge leer; das wiederholt sich immer wieder; schlie\u00dflich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Scliar war es, wie Kegler notiert, \u201eein prophetischer Text gewesen, in dem sich k\u00fcnstlerisch und literarisch das \u201aseinerseits herrschende Unbehagen in der Kultur (um Freud zu bem\u00fchen)\u2019\u00a0 \u00fcbersetzt: eine Vorahnung des Holocausts.\u201c (S. 127) Und welche Funktion \u00fcbernehmen die Leoparden im Werk von Scliar? Kegler verweist auf \u201eMax und die Katzen\u201c, einem kurzen Roman aus dem Jahr 1981, in dem der Protagonist Max gezwungen ist, mit einem Jaguar f\u00fcr eine Weile in einem Boot auszuhalten. Das Raubtier \u00fcbernimmt dabei die symbolische Rolle der unberechenbaren Milit\u00e4rdiktatur. Beide Motivfelder, das Kafka-Fragment mit dem eingescannten Namen des Autors, und die damalige bedrohliche politische Lage, bilden somit den Stoff, aus dem \u201eKafkas Leoparden\u201c wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die narrative Struktur des Romans setzt mit dem Bericht Nr. 125\/65, aus einer Akte des DOPS, dem Geheimdienst der brasilianischen Milit\u00e4rdiktatur, ein: Bei einem gewissen Jaime Kantorowitsch, mit Decknamen Cantareira, habe man ein Papier mit einer geheimen Botschaft gefunden, die die Unterschrift eines gewissen Franz Kafka tr\u00e4gt. Hier schaltet sich der Erz\u00e4hler ein, der dem Leser mitteilt, dass dieser Kantorowitsch, Jossi genannt, sein Cousin gewesen sei. Er habe in Tschernowitzky eine kommunistische Zelle gegr\u00fcndet, war von Marx\u2019 und Trotzkis Ideen erf\u00fcllt, hatte sich sogar mit Leo Trotzki getroffen, der ihn in einem geheimen Auftrag nach Prag schicken wollte. Leider sei er zwei Tage nach seiner R\u00fcckkehr nach Tschernowitzky gestorben. Auf dem Totenbett habe er seinem Cousin Jaime Kantorowitsch, genannt Ratinho, das Schneiderlein, den Auftrag erteilt, an seiner Stelle, ausgestattet mit den Papieren von Jossi, nach Prag zu reisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ratinho, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Reise unternimmt, erreicht unter schwierigen Umst\u00e4nden Prag, quartiert sich in dem vorgesehenen Hotel ein, und stellt mit Schrecken fest, dass er seine Tasche mit den wichtigen Unterlagen im Zug liegen gelassen hat. Auf der Suche nach dem Kontaktmann, den er unter j\u00fcdischen Schriftstellern zu finden versucht, st\u00f6\u00dft er mithilfe eines Gemeindedieners in einer Synagoge auf den Namen Franz Kafka. Er ruft ihn an und stammelt auf jiddisch \u201eIch bin beauftragt, den Text abzuholen.\u201c Aufgrund eines Missverst\u00e4ndnisses h\u00e4lt ihn Kafka f\u00fcr einen Beauftragten einer jiddischen Zeitschrift, der er einen Text versprochen hatte. Tats\u00e4chlich wird Ratinho am n\u00e4chsten Tag in einem Briefkuvert diesen Text im Hotel vorfinden. Er l\u00e4sst ihn sich von dem Gemeindediener ins Jiddische \u00fcbersetzen. Und nun beginnt das R\u00e4tselraten um die Botschaft des Textes, in dem die Leoparden nach Ansicht von Ratinho die symbolische Funktion der r\u00e4uberischen Kapitalisten \u00fcbernehmen. Oder etwa nicht? Seine Suche nach der Aufl\u00f6sung des r\u00e4tselhaften Sinns f\u00fchrt ihn wieder zu Franz Kafka, den er tats\u00e4chlich in seiner Wohnung antrifft. Und jetzt beginnt ein skurril anmutendes Gespr\u00e4ch, in dem Ratinho, oder auch Benjamin, wie ihn der Erz\u00e4hler dann und wann nennt, Franz Kafka f\u00fcr einen Anh\u00e4nger Leo Trotzkis h\u00e4lt. Eine irrige Annahme, die den Anlass f\u00fcr den Abbruch der Unterhaltung bildet. Und wie weiter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seiner R\u00fcckkehr erz\u00e4hlt er Jaime Kantorowitsch von seinen Erlebnissen in Prag, vertraut ihm seine kommunistischen \u00dcberzeugungen und seine tiefe Liebe zu dem Werk von Kafka an, beeinflusst ihn so sehr, dass er 1964 in Porto Alegre, als der Milit\u00e4rputsch ausbrach, dass er in den studentischen Untergrund ging und verhaftet wurde. Und Rarinho, sein Onkel, ein ber\u00fchmt gewordener Schneider rettet ihn. Mehr darf nicht verraten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser kunstvoll verwobene Plot, in dem die jiddische Erz\u00e4hlwelt Osteuropas, inspiriert von utopistischen kommunistischen Ideen mit der brachialen brasilianischen Realit\u00e4t der 1960er bis 1980er Jahre konfrontiert wird, und der in \u00a0der finalen Traumpassage kulminiert, geh\u00f6rt zu den Perlen einer Kafka-Rezeption, von der auch Michael Maars glanzvoller Essayband\u00a0 \u201eLeoparden im Tempel\u201c (Berenberg Verlag 2007) ber\u00fchrt wurde. Der dort Franz Kafka gewidmete Essay \u201eOpferkr\u00fcge f\u00fcr die Leoparden\u201c kreist ebenfalls um ein Geheimnis, f\u00fcr dessen Deutung Michael Maar immer neue diskursive Anl\u00e4ufe nimmt, ohne eine Antwort zu erhalten, so wie Moacyr Scliar, wo wie Norika Nienstedt mit ihrer r\u00e4tselhaften Zeichnung auf dem Titelumschlag des in einem lilafarbigen Ton gestalteten Bandes. Sie hat die Stirn Kafkas mit einem Abdruck eines Leopardenfells versehen, um die mit Geheimnissen beladene Zwittergestalt eines \u00fcberzeitlichen Schriftstellers mit einer doppelten Signatur zu versehen: <em>animal<\/em> und <em>homo litteratus obscurus<\/em>. Wer k\u00f6nnte sich da, aufgeladen mit spannungsgeladener Ungewissheit, einer Lekt\u00fcre entziehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-17883 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover8-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover8-174x300.jpg 174w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover8-594x1024.jpg 594w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover8.jpg 1268w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a>Kafkas Leoparden. <\/strong>Roman von Moacyr Scliar. Aus dem brasilianischen Portugiesisch und mit einem Nachwort von Michael Kegler. D\u00fcsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2013, 144 S., 18,90 EURO, ISBN 978-3-940357-33-5.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDas tapfere Schneiderlein aus Porto Alegre\u201c \u2013 unter dieser \u00dcberschrift kommentiert Michael Kegler das Werk des 2011 verstorbene Moacyr Jaime Scliar. 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