{"id":17832,"date":"2014-11-26T00:01:14","date_gmt":"2014-11-25T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17832"},"modified":"2024-07-20T15:13:22","modified_gmt":"2024-07-20T13:13:22","slug":"unbewusste-selbstentblosung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/26\/unbewusste-selbstentblosung\/","title":{"rendered":"Die Zusammenkunft des Unvereinbaren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Das englische Wort Trash bedeutet so viel wie M\u00fcll oder Abfall. Das damit bezeichnete Material gilt als minderwertig, es wird beiseite geschafft, verbrannt, kompostiert, oder es wird zerlegt, um Teile davon wiederzuverwenden. \u2028\u2028Seit neuestem kommt der Begriff Trash in der \u00c4sthetik vor.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Rolf Schneider<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Roger-Ballen-Dresie-Cassie-254x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-17952 alignright\" title=\"Roger-Ballen-Dresie-Cassie-254x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Roger-Ballen-Dresie-Cassie-254x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"254\" height=\"300\" \/><\/a>Der seit vielen Jahren in S\u00fcdafrika lebende Fotograf Roger Ballen arbeitete dort als Geologe, was ihn in die <em>Dorps<\/em>, abgelegene D\u00f6rfer der Wei\u00dfen, brachte, die er fotografierte. Er dokumentierte die \u00e4rmlichen Behausungen zuerst von au\u00dfen und sp\u00e4ter auch von innen, und schlie\u00dflich auch ihre Bewohner. In dieser Zeit entstand das bekannte Doppelportr\u00e4t <i>Dresie und Casie<\/i><sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\"><\/sup>. Die Dokumentation armer Wei\u00dfer durch Ballen gefiel dem Apartheidregime angeblich nicht. Trotzdem suchte Ballen weiterhin nach verbotenen Orten, wie <i>Shadow Chamber<\/i>, <i>Boarding House<\/i> und <i>Asylum<\/i>. All dies sind Orte, in die sich mehrfach gesch\u00e4digte Menschen gefl\u00fcchtet hatten. Die Bewohner waren bereit, in Inszenierungen von Ballen mitzuspielen, sodass sein Stil von der dokumentarischen Fotografie zur Fiktion mutierte. Ballen ist geschult an Henri Cartier-Bresson und dessen Verst\u00e4ndnis vom entscheidenden Augenblick und dokumentierte die \u00e4rmlichen Behausungen zuerst von au\u00dfen und sp\u00e4ter auch von innen, und schlie\u00dflich auch ihre Bewohner. In dieser Zeit entstand das bekannte Doppelportr\u00e4t <em>Dresie und Casie<\/em>. Ihre Gesichter sind maskenhaft starr. Die Ohren stehen weit ab, \u00fcberm viel zu st\u00e4mmigen Hals flieht das Kinn, von den wulstigen Lippen tropfen Speichelf\u00e4den. Ein Doppelportrait, das sich wie ein Alptraum ins Bewusstseins des Betrachters fri\u00dft. <span style=\"color: #333333;\">Die Portr\u00e4tierten werden zu Darstellern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Gegenstand meiner Arbeit ist die andere Seite der Seele.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Roger Ballen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dokumentation armer Wei\u00dfer durch Ballen gefiel dem Apartheidregime selbstverst\u00e4ndlich nicht. Trotzdem suchte Ballen weiterhin nach verbotenen Orten, wie <em>Shadow Chamber<\/em>, <em>Boarding House<\/em> und <em>Asylum<\/em>. All dies sind Orte, in die sich mehrfach gesch\u00e4digte Menschen gefl\u00fcchtet hatten. Durch generationenlange Inzucht, Gewalt und Verwahrlosung verbogen und besch\u00e4digt, in ihren d\u00f6rflichen Gemeinschaften jedoch abgeschirmt, bev\u00f6lkern sie Roger Ballens Bilder den Insassen einer psychatrischen Abteilung gleich. Die Bewohner waren bereit, in Inszenierungen von Ballen mitzuspielen, soda\u00df sein Stil von der dokumentarischen Fotografie zur Fiktion mutierte. Es entstanden Bilder von besonderer Dramatik. Seine Photos vermitteln Aggressivit\u00e4t und Verletzlichkeit und sind zugleich Ausdruck einer Suche nach dem gew\u00f6hnlich Verborgenen, dem Unbewussten, das nicht selten alptraumhaft erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Hat sich Keith Haring in die Squads verlaufen?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Bildwelten wirken h\u00e4ufig wie Wachtr\u00e4ume. Besonders in seinen j\u00fcngeren Arbeiten in Kooperation mit <a href=\"http:\/\/www.dieantwoord.com\/\">Die Antwoord<\/a>. Sie pr\u00e4sentieren Surreale Kompositionen, Menschen wie in einer Theaterinszenierung, Groteske Szenen, verr\u00e4tselte F\u00fcr \u201eI Fink U Freeky\u201c, das mit 35 Millionen Aufrufen das meistgeklickte Video der s\u00fcdafrikanischen Rave-Rapper ist, war Roger Ballen mit der Band im Schlepptau in die d\u00fcsteren, von wei\u00dfen Outcasts der Gesellschaft behausten Abbruchbuden und Squads seiner fr\u00fcheren, fotografischen Sozialstudien zur\u00fcckgekehrt und hatte die Band im Stil der aggressiv zuckenden Schwarz-Wei\u00df-Bilder aus der Serie Boarding House gefilmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Die Terminologie, die ich benutze, ist total verwirrend. Man kann ja nicht sagen: Dies ist bewusst, dies unbewusst. Ich weiss \u00fcberhaupt nicht, wo es sitzt, das Unbewusste.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Roger Ballen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fotografien, die im Zuge der Arbeit mit Die Antwoord in diesen d\u00fcsteren Kammern entstanden sind, findet man nun im Bildband <em>I Fink You Freeky<\/em>; sie sind dort fr\u00fcheren Arbeiten aus Ballens Serien <em>Boarding House<\/em> und <em>Shadow Chamber<\/em> gegen\u00fcbergestellt. Ballen hat sich die kleinen, verzwirbelten Drahtklumpen, die mit Filzmarkern, Kohle, Fett und Blut gemachten Graffitis an den W\u00e4nden der Abbruchh\u00e4user, die er mit den Jahren sich steigernder Obsessivit\u00e4t gesammelt hatte, zu eigen gemacht. Daraus wurde ein Realit\u00e4tsfake, denn Ballen schmiert diese Graffitis selbst an die Wand \u2013 naive Fratzen mit Grinsegesichtern, Segelohren und Stachelhaaren, von denen man meinte, dass sie nur aus der Hand eines Degenerierten stammen k\u00f6nnen, und deren Autorschaft Ballen einige Jahre halb versch\u00e4mt als unbeantwortete Frage im Raum stehen gelassen hatte. Trotz oder wegen ihrer grotesk-dilettantischen Machart verfehlen diese Anarchozeichnungen in keinster Weise ihren Zweck; sie reichern die kargen Szenerien, in denen er zun\u00e4chst die Bewohner der Squads fa\u00dfte, zu denen sich sp\u00e4ter Ninja und Yolandi von Die Antwoord gesellen sollten, mit einem Prisma zus\u00e4tzlicher Bedeutungen an. Das Video <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=avP1nDvU9kI\">I Fink U Freeky<\/a> hat dazu beigetragen, die s\u00fcdafrikanische HipHop-Gruppe international bekanntzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Wir wollten etwas Futuristisches machen, etwas wirklich Neues, eine Herausforderung f\u00fcr viele Menschen. Deshalb sagen auch viele: Ihr seid Fake! Aber das liegt daran, dass sie mit etwas Neuem nicht umgehen k\u00f6nnen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ninja<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ninja und Yolandi nennen sich selbst als Ballens kleine Punk-Prot\u00e9g\u00e9s und machen keinen Hehl daraus, welche Bedeutung der Fotograf f\u00fcr ihre Arbeit hat. Er sei nichts weniger als der Sch\u00f6pfervater von Die Antwoord. In einem <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=avP1nDvU9kI\">Video<\/a> kann man sehen, wie die Musiker den Fotografen und Mentor eifrig umringen, es ist die Aufzeichnung eines Gespr\u00e4chs, das nach dem Abdrehen von <em>I Fink U Freeky<\/em> stattfand und im Bildband nachzulesen ist. So konnte es Ballen, ganz gro\u00dfv\u00e4terlich ger\u00fchrt, den \u201eKleinen\u201c nicht versagen, dass sie seiner Arbeit hier und dort etwas abluchsen, seine Zeichnungen auf die T-Shirts, Jogginghosen und Schwei\u00dfb\u00e4nder drucken, die nun immer wieder in ihren Videos auftauchen.(Alp-) Traumszenen, die Zusammenkunft des Unvereinbaren. Diese Kooperation wurde nun in einem prachtvollen Photoband dokumentiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I Fink You Freeky<\/strong>, Roger Ballen Die Antwoord, Prestel, Gebundenes Buch, Pappband, 128 Seiten, 24&#215;28, 45 s\/w Abbildungen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17840\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover7.jpg\" alt=\"\" width=\"257\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS Und was ist eigentlich die Frage auf &#8222;Die Antwoord&#8220;?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yolandi: &#8222;Wat pomp?&#8220; \u2013 das bedeutet so viel wie &#8222;Was geht ab?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das englische Wort Trash bedeutet so viel wie M\u00fcll oder Abfall. Das damit bezeichnete Material gilt als minderwertig, es wird beiseite geschafft, verbrannt, kompostiert, oder es wird zerlegt, um Teile davon wiederzuverwenden. \u2028\u2028Seit neuestem kommt der Begriff Trash in der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/26\/unbewusste-selbstentblosung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":100879,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3347,4006,1320,1318,1319],"class_list":["post-17832","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-die-antwoord","tag-johannes-schmidt","tag-ninja","tag-roger-ballen","tag-yolandi"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17832"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105751,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17832\/revisions\/105751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100879"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}