{"id":17702,"date":"2013-10-17T00:01:23","date_gmt":"2013-10-16T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17702"},"modified":"2019-12-31T13:51:06","modified_gmt":"2019-12-31T12:51:06","slug":"magus-tage-munster-2013","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/17\/magus-tage-munster-2013\/","title":{"rendered":"Magus Tage M\u00fcnster 2013"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Johann Georg Hamanns Geburtstag am 27. August 1730 den Veranstaltern ein Anlass, im Vorfeld der Magus Tage M\u00fcnster 2013 noch einmal kurz \u00fcber Hamann und M\u00fcnster zu reflektieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kutsche wartete schon vor der T\u00fcr des Hauses an der Ecke Alter Fischmarkt und Totengasse, heute B\u00fclt. Sie sollte ihn \u00fcber D\u00fcsseldorf und Weimar, wo er Jacobi und Herder besuchen wollte, zur\u00fcck nach K\u00f6nigsberg bringen. Doch Johann Georg Hamann, der ber\u00fchmte Schriftsteller aus Ostpreu\u00dfen, schaffte die Heimfahrt nicht mehr: am 21. Juni 1788 starb der \u201eMagus in Norden\u201c fast achtundf\u00fcnfzigj\u00e4hrig in M\u00fcnster. Sein Grab befindet sich heute auf dem \u00dcberwasser-Friedhof, Teile des Nachlasses von Hamann liegen in der m\u00fcnsterschen Universit\u00e4ts- und Landesbibliothek.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Der ostpreu\u00dfische Querdenker in M\u00fcnster<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_17703\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/170px-Johann_Georg_Hamann2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17703\" class=\"size-full wp-image-17703\" title=\"170px-Johann_Georg_Hamann2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/170px-Johann_Georg_Hamann2.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"203\"\/><\/a><p id=\"caption-attachment-17703\" class=\"wp-caption-text\">Portrait von Johann Georg Hamann; Stich aus Lavaters Physiognomischen Fragmenten.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Brotberuf \u00dcbersetzer und Packhofverwalter am internationalen K\u00f6nigsberger Hafen, schrieb sich der Ostpreu\u00dfe als Querdenker und als Kritiker der Aufkl\u00e4rung, zuvorderst seines lebenslangen Freundes Immanuel Kant, tief in die europ\u00e4ische Geistesgeschichte ein. Den \u201ehellsten Kopf seiner Zeit\u201c nannte ihn Goethe. Mit diesem sprach die F\u00fcrstin Amalie von Gallitzin viel \u00fcber Hamann, als er sie 1792 in M\u00fcnster besuchte. Auf Einladung der F\u00fcrstin hatte der \u201eMagus in Norden\u201c die mehrw\u00f6chige Reise auf sich genommen \u2013 um dann einen Gro\u00dfteil seiner Zeit in der Domstadt krank im Bett zu verbringen. Hamann wohnte am Alten Fischmarkt im Haus von Franz Kaspar Bucholtz, der wie die F\u00fcrstin f\u00fcr den Magus entflammt und sein M\u00e4zen war. Durch eine mehr als gro\u00dfz\u00fcgige \u00dcberweisung, die den Lebensunterhalt seiner Familie und die Ausbildung seiner Kinder auf Dauer sicherte, hatte er es Hamann erm\u00f6glicht, nach M\u00fcnster zu kommen.<\/p>\n<p>Nach einem Schlaganfall hatte der Magus ein \u201eschiefes Maul\u201c. Wasser in den Beinen machte ihm das Gehen fast unm\u00f6glich. Au\u00dferdem hatte er die Sp\u00e4tfolgen seiner sitzenden Lebensweise im Bauch und in den Knochen, eines Lebens als Genie\u00dfer und Vielfra\u00df, vor allem: als B\u00fccherfresser. Ein Melancholiker war er zudem, der in keinem ihm ad\u00e4quaten akademischen Beruf Fu\u00df gefasst hatte. Sein Job am Hafen, den Kant ihm vermittelt hatte, lie\u00df dem preu\u00dfischen Beamten jedoch Zeit genug f\u00fcr\u2018s Lesen und Schreiben. An manchen Tagen tat er nichts andres, als prominente und abgelegene Publikationen auf seinem Amt am Lizent zu verschlingen, gl\u00fchende Texte zu verfassen und Briefe \u00fcber die brennenden philosophischen Fragen der Zeit an ferne Freunde wie Herder, Claudius, Lavater oder Jacobi zu schreiben. Fast erscheint seine Stelle wie ein bescheidenes Staatsstipendium, mit dem der Universalgelehrte und liebevolle, auf die Erziehung und Bildung seiner Kinder \u00e4u\u00dferst bedachte Vater seine Familie recht und schlecht unterhielt, die drei T\u00f6chter, den Sohn und seine Frau, mit der er ohne Trauschein zusammenlebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Schreiben als \u201eMagus in Norden\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u201eMagus in Norden\u201c machten Hamann Intellektuelle des 18. Jahrhunderts zur Kultfigur. \u201eSauvage du Nord\u201c, Wilder des Nordens, nannte er sich bisweilen selbst und bekundete damit, dass er sich der herrschenden Ideologie seiner Zeit, ihrem \u201eAtheismus\u201c, den philosophischen Systemen und dem preu\u00dfischen Staat nicht integrieren wollte. Hamann identifizierte sich mit dem Titel des Magus, der ihm nach den \u201eMagiern aus dem Morgenland\u201c, den Heiligen Drei K\u00f6nigen und Weisen der Bibel, gegeben wurde, die den Stern \u00fcber Bethlehem sahen und sich zur Krippe Jesu aufmachten. Im abendl\u00e4ndischen Norden schreibt Hamann als Christ, als \u201ePhilologe des Kreuzes\u201c, und wird darin \u201eder vergessene Ursprung einer Bewegung, die schlie\u00dflich die ganze europ\u00e4ische Kultur \u00fcberschwemmte\u201c (Isaiah Berlin). Vielleicht w\u00e4re ohne Hamann die europ\u00e4ische Geistesgeschichte anders verlaufen. So wirkte er auf Herder, Goethe, Wackenroder und Tieck, auf von Arnim und Brentano, Jean Paul, Kierkegaard und Grillparzer, sp\u00e4ter auf Ernst J\u00fcnger, Johannes Bobrowski oder G\u00fcnter Eich, auf Paul W\u00fchr oder Oswald Egger, um nur einige zu nennen. Avancierten Autoren und Denkern seit 200 Jahren Fundgrube, Wetzstein und Inspirationsquell, ist Hamann dennoch einer der \u201egro\u00dfen Vergessenen der Kulturgeschichte\u201c (Schleiferboom), einer der gro\u00dfen Unverstandenen und Missachteten, wohl weil seine Texte nicht einfach zu lesen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Hamanns Wirkung bis heute<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade deshalb aber h\u00e4lt die Wirkung des Magus noch heute an. Nicht trotz, sondern wegen seiner unangepassten Pers\u00f6nlichkeit und seines \u201eschwierigen\u201c Schreibstils, der fasziniert und ansteckt, auch wenn, vielleicht gerade weil man nicht alles sofort versteht und dem Inhalt auch kritisch gegen\u00fcbersteht \u2013 vor allem jedoch, weil die Probleme, an denen Hamann in seinen Schriften wie ein Hund an einem Markknochen nagte, nach wie vor aktuell sind: zuvorderst Probleme der Sprache und der Kommunikation. Und weil seine Kritik an der Aufkl\u00e4rung zieht, selbst wenn man ihren christlichen Horizont nicht nachvollziehen will. So hat Hamann Argumente der Aufkl\u00e4rungskritik des 20. Jahrhunderts hellsichtig vorweggenommen. Der Magus in Norden ist zugleich konservativ-protestantisch und progressiv, er steht mit einem Bein fest im christlichen Barock, w\u00e4hrend das andere ins 20. und 21. Jahrhundert, in die Moderne und Postmoderne spielt. Hamann, der Stotterer, der zahlreiche alte und neue Sprachen beherrschte, kann noch immer Diskussionen \u00fcber die Sprache ausl\u00f6sen, der Miss- und Unverstandene, der die \u201edunklen\u201c Texte schrieb, Fragen \u00fcber\u2018s Verstehen aufwerfen und der Christ eine kritische Reflexion der Aufkl\u00e4rung und des rationalistisch-materialistischen Welt- und Menschenbildes initiieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Magus Tage M\u00fcnster 2013<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den \u201eMagus Tagen M\u00fcnster\u201c erinnert die GWK-Gesellschaft f\u00fcr Westf\u00e4lische Kulturarbeit an Johann Georg Hamann, indem sie Kernprobleme menschlicher Existenz zum Thema literarischer Projekte und interdisziplin\u00e4rer Gespr\u00e4che macht. Vom 16. bis 20. Oktober 2013 geht es um\u2019s Verstehen. \u201eDass alle gleich viel verstehen sollen, ist unm\u00f6glich; aber doch jeder etwas und nach seinem Ma\u00df, das er selbst hat und das ich ihm weder geben kann noch mag\u201c, bemerkte Hamann einmal. Nichts ist so selbstverst\u00e4ndlich und so universal wie verstehen. W\u00e4re es das nicht, k\u00f6nnten wir nicht leben. Doch auf die Frage, welchen Gedanken, welches Erlebnis und welche Erfahrung wir mit dem Begriff artikulieren, geraten wir ins Stocken: Verstehen versteht sich nicht von selbst. Bei den Magus Tagen M\u00fcnster 2013 besprechen renommierte Experten aus Literatur, Kriminologie, Philosophie und Theater, aus Neurowissenschaft, Sprachmittlung, Forensischer Psychiatrie und Soziologie auf dem Reflexionsstand heutiger Forschung und Praxis Sinn und Bedingungen, Formen und Grenzen des Verstehens. In allgemeinverst\u00e4ndlicher Rede.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfer Gast der Stadt \u2013 Johann Georg Hamann und die 3. Magus Tage in M\u00fcnster (16. \u2013 20. Oktober 2013)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Hintergrundinfo klicken Sie <a href=\"www.magus-tage.de\">hier<\/a> weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Georg Hamanns Geburtstag am 27. August 1730 den Veranstaltern ein Anlass, im Vorfeld der Magus Tage M\u00fcnster 2013 noch einmal kurz \u00fcber Hamann und M\u00fcnster zu reflektieren. 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