{"id":17616,"date":"2008-08-28T00:34:57","date_gmt":"2008-08-27T22:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17616"},"modified":"2021-11-15T09:27:29","modified_gmt":"2021-11-15T08:27:29","slug":"kellerraume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/28\/kellerraume\/","title":{"rendered":"Kellerr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-17674 alignright\" title=\"Keller1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tastend schleppte sie sich durch die modrige Dunkelheit. Hangelnd am feuchten Gem\u00e4uer, einen Weg suchend, nach einer Lichtquelle Ausschau haltend, schlich ein Angstschauer ihren R\u00fccken hinab und entfaltete sich allm\u00e4hlich \u00fcber den Boden im gesamten Gew\u00f6lbe. Nacht war es hier, ein Verlies, Sonne und Mond ausgeschlossen, F\u00e4kaliend\u00e4mpfe stiegen ihr in die Nase. Sie hielt inne, ein Wechselspiel, ungest\u00fcme Ranken wucherten in alle Richtungen. Sie drehte sich zur anderen Seite und ber\u00fchrte mit einer Hand eine glitschige Stelle. Ekel ergriff sie, w\u00fcrgend tastete sie sich weiter an unebenen, matschigen Steinen in die andere Richtung, den Ausscheidungen entfliehend. Eine Brise unverdorbener Luft zog an ihr vor\u00fcber, ein Fenster, eine T\u00fcr oder nur eine schmale Ritze? Frische, Nebel, Herbstwald, klamme Winde suchten ihre Bahn zur Nase, bald jedoch verband sich die eindringende junge Feuchte mit dem Moder des Kellers zu einem Dunst schmutzig nasskalten Atems in ihrem Empfinden, der ihr nach den \u00fcbelriechenden Schwaden erschien, wie ein staubig w\u00fcrziges Parfum. Die Duftwasserpforte erweckte den Anschein die richtige zu sein, entgegengesetzt zu derjenigen mit W\u00fcrmern, Insekten und in Dunkelheit wuchernden Gew\u00e4chsen auf der Notdurft eines Obdachlosen oder eines herrenlosen Tieres. Die kantigen Steine muteten auch weniger w\u00e4ssrig und schmierig an, sodass sie sich Silberstreifen gesonnen bis zur n\u00e4chsten Wegscheide hervor tastete. Wie sie an diesen Ort der Dunkelheit gelangt war, entzog sich ihrer Erinnerung, sie fand sich vor, konnte nicht erschlie\u00dfen, ob sie sich in Gefangenschaft befand oder ein Weg in die Freiheit existierte. Langsam erm\u00fcdend stolperte sie der Biegung folgend voran, in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden fielen ihr die erm\u00fcdeten Lider \u00fcber die Bilder der Nacht, wenige Schritte entfernt befand sie sich an einer Gabelung, f\u00fchlend und schnuppernd entschied sie sich f\u00fcr die breitere trockenere F\u00e4hrte, tastete sich bis zu einer moosigen Stelle vor, sank auf den Boden und schloss die Augen, mit der rechten Hand einen Pilz greifend, nahm sie ihren ausged\u00f6rrten K\u00f6rper wahr. Die rettende Kost verschlingend, besann sie sich ihrer Situation und fiel ersch\u00f6pft in einen tiefen Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kreuchendes Getier lief \u00fcber ihre Haut, krabbelte umher, versteckte sich in allen Ritzen und K\u00f6rper\u00f6ffnungen. Sie sprang auf und sch\u00fcttelte die Insekten von ihrem Leib, vor deren Gesellschaft sie sich graute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Geht fort!&#8220;, schrie sie und rannte den Gang entlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17676\" title=\"Keller2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Keller2-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Durch Nahrung und Schlaf gest\u00e4rkt, die Kloake meidend, begab sie sich zur\u00fcck zur M\u00fcndung und schlug die schmale nasse Gasse ein. Wasser rann vom Gem\u00e4uer, ihr Schuhwerk war durchn\u00e4sst, der stickige Brodel lie\u00df sie kaum atmen. Sie schleppte sich voran, bis der Pfad sich verj\u00fcngte und sie auf Widerstand stie\u00df. Tastend suchte sie nach einem Schlupfwinkel, es fand sich kein Spalt, keine Luke, durch diese sie durchzukriechen vermochte. Allm\u00e4hlich bemerkte sie, dass die Zuflucht hier endete, verzweifelt drosch sie mit beiden F\u00e4usten gegen das Mauerwerk. Der \u00fcbersch\u00fcssigen Energie entledigt, kehrte sie um und entschloss sich die f\u00e4kalienverseuchte Witterung aufzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrgend durchquerte sie auf Zehenspitzen die Notdurft, rutschte aus und fiel in den widerlichen Matsch. Unf\u00e4hig ihre Abscheu weiterhin zu unterdr\u00fccken, erbrach sie die \u00dcberreste der letzten Mahlzeit. Den faulenden, dampfenden Schlamm aus altem Kot und frischem Erbrochenen von sich streifend, stand sie auf und lie\u00df den verwesenden Unrat hinter sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz aufatmend hielt sie inne. Ihre Blicke ohne Gedeihen in diesem Bunker, erfasste sie die Aussichtslosigkeit dieses unerw\u00fcnschten Unterfangens, hangelte sich hinfort und stolperte \u00fcber einen harten, scheppernden Gegenstand, b\u00fcckte sich nach diesem und nahm ihn an sich. Sie ertastete ein Plastikgebilde, an dessen H\u00f6he sich ein d\u00fcnner Faden befand, welcher einen herunter fallenden Kopf mit dem Rumpf verband. Anstelle von Beinen erf\u00fchlte sie zwei \u00d6ffnungen am Unterleib des Spielzeugs. W\u00e4hrend sie die Puppe ber\u00fchrte, stiegen f\u00fcr einen Moment Kindheitserinnerungen in ihr auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heulend brach sie zusammen, nicht ahnend, wo sie sich befand. Die Tr\u00e4nen trocknend floh sie, dem Geruch folgend, trat sie den R\u00fcckweg an, geschw\u00e4cht durch den Kampf, suchte sie nach einer weiteren Verkostung. Um vorerst wenigstens den Durst zu l\u00f6schen, leckte sie das Rinnsal von den alten Mauern. Sie begab sich zur\u00fcck zu der moosigen Stelle, nach Nachtgew\u00e4chsen, W\u00fcrmern und Insekten greifend, den Widerwillen \u00fcberwunden, stopfte sie selbst die kriechenden Tierchen in sich hinein, um zu \u00fcberleben. Mit geschlossenen Augen und zugehaltener Nase rannte sie den Gang entlang, nicht mehr sp\u00fcren wollend, in welchem Gef\u00e4ngnis sie sich befand. Mit zugekniffenen Lidern st\u00fcrzte sie \u00fcber einen harten rollenden Gegenstand und schlug mit dem Kopf auf das Pflaster. Gekr\u00fcmmt vor Schmerzen klammerte sie sich an die zerfetzte Puppe und rollte sich in den dreir\u00e4drigen Kinderwagen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Licht durchflutete den Raum, verzerrte Spiegelbilder erblickend, war sie der Dunkelheit entkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wo bist du? Wann bist du? Wer bist du?&#8220;, fragten die Fratzen ohne Unterlass von allen Seiten. Vor Schreck gel\u00e4hmt, mit weit aufgerissenen Augen suchte sie einen Ausgang, ein rettendes Bild, einen ruhigen Ort. In alle Richtungen schweifend, erblickte sie in jeder Ecke und jedem Winkel dieser Zelle jedoch nichts weiter als grauenhafte Bildnisse ihres Selbst. Unf\u00e4hig den Blick von der bestialischen Wahrheit abzuwenden oder die Grimassen kennenzulernen und Freundschaft mit ihnen zu schlie\u00dfen, entschied sie sich, ihnen den Kampf anzusagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Lasst mich hinaus!&#8220;, schrie sie und h\u00e4mmerte mit beiden F\u00e4usten gegen ein besonders h\u00e4ssliches Ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wer bist du, dass du dir erlaubst, mich zu schlagen?&#8220;, erwiderte der Spiegel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin ich!&#8220; Sie drosch weiter auf das Abbild ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin du, wann bist du?&#8220;, gab das Zerrbild sp\u00f6ttisch zur\u00fcck, bevor das Glas zersprang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wann bist du?&#8220;, gr\u00f6lte eine noch gr\u00e4ulichere Fratze aus dem dahinter liegenden Kabinett, den Kriegsschauplatz verteidigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin jetzt!&#8220;, schrie sie verzweifelt, schlug fortan mit unzureichender Kraft und erntete boshaftes Gel\u00e4chter von allen Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wo bist du?&#8220;, neckte die n\u00e4chste Entartung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie floh, ein Versteck suchend, in die Pfade der Finsternis zur\u00fcck. Kurz aufatmend ertastete sie gallertartiges Material, frei von Augenschein, in dieser unergr\u00fcndlichen Dunkelkammer. Die Schrecken der Spiegelichs drohend im Nacken, kraxelte sie weiter. Die Masse gab nach unter ihr, feucht weichend. Suchend nach Beinen im glitschigen Nichts, erhoffte sie Halt, grausam enth\u00fcllte sich das Weichen der Extremit\u00e4ten. Der Gesichtsh\u00f6cker beendete seine Plackerei: es entfaltete sich nicht ein Hauch eines Aromas mehr in seinen Knospen. Robbend qu\u00e4lte sie sich durch das Gelee, tastend nach einem Angelpunkt, nach ein paar Aug\u00e4pfeln, die sie erkannten: kennenlernen des Innersten, des haltlosen Nichts, ohne Struktur sie ausrutschen lassend im Selbst. Gleich einem Irrgarten, ohne Ausgang, befand sie sich in der Masse, wissend, dass ein Entrinnen nicht m\u00f6glich war. Mit der Gewissheit, die Substanz zu entbehren, entledigte sie sich ihres physischen Materials.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-20158 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm.jpg 502w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=20142\">Ohne Unterla\u00df<\/a> geschieht. Vertiefend ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>, sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Tastend schleppte sie sich durch die modrige Dunkelheit. Hangelnd am feuchten Gem\u00e4uer, einen Weg suchend, nach einer Lichtquelle Ausschau haltend, schlich ein Angstschauer ihren R\u00fccken hinab und entfaltete sich allm\u00e4hlich \u00fcber den Boden im gesamten Gew\u00f6lbe. 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