{"id":17565,"date":"2013-12-17T11:20:30","date_gmt":"2013-12-17T10:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17565"},"modified":"2019-10-29T08:00:03","modified_gmt":"2019-10-29T07:00:03","slug":"findet-das-heute-uberhaupt-statt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/17\/findet-das-heute-uberhaupt-statt\/","title":{"rendered":"Findet das Heute \u00fcberhaupt statt?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Think befor you read. &#8211; M\u00fcssen Sie sich diesen Essay nicht ausdrucken? Sparen Sie sich Verspannungen am Bildschirm.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sitze auf dem Sessel in der K\u00fcche und versuche, durch geschickte K\u00f6rperhaltung, meine nackten Extremit\u00e4ten nicht aneinanderkommen zu lassen. Das Thermometer im Regal zeigt 35\u00b0C an und ich \u00fcberlege, ob ich f\u00fcrs Schreiben wirklich den Computer anschalten oder mir nicht lieber nur Stift und Block holen soll. Aber allein die Vorstellung in dieser dr\u00fcckenden Hitze jetzt nach letzteren suchen zu m\u00fcssen, denn nat\u00fcrlich wei\u00df ich nicht genau, wo sie sind und der Computer steht auf dem Schreibtisch. Das ist einfach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benutze ich aber den Computer, wird es durch die Bel\u00fcftung zwangsl\u00e4ufig noch hei\u00dfer. &#8211; Diese Vorstellung ist ausschlaggebend. Ich hol mir Zettel und Stift (es tut ja auch der Einkaufsblock und daranh\u00e4ngender Kuli) und setze mich zur\u00fcck in den Sessel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Vielleicht sollte ich genau \u00fcber dieses Thema schreiben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kann nicht sein, dass wir diese \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde bei der Frage, ob das Leit-Medium Computer das Leit-Medium Buch abl\u00f6st oder gar, ob das Medium Computer Einfluss auf unser Denken und Schreiben hat, ausklammern. Das hie\u00dfe, den Menschen ausklammern, denn Computer schreiben nunmal keine Texte. Und wenn, dann muss man ihnen genau vorgeben, was sie schreiben sollen. Ich habe mal ein Programm f\u00fcr das Verfassen von Gedichten entwickelt, aber in dem Moment, wo es verschiedene Gedichte produzieren sollte, wurde es kompliziert &#8211; es konnte nur \u00e4hnliche. Vielleicht kommt ein Programm, was \u00e4hnliche Texte ausspuckt, ja dem aktuellen Trend nach Wiedererkennbarkeit und serienm\u00e4\u00dfiger Vermarktung eines Schriftstellers entgegen, aber f\u00fcr ernsthafte Schreiber ist das unbrauchbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Das Denken findet im menschlichen K\u00f6rper statt und nicht au\u00dferhalb.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem Sessel kann ich halbwegs entspannt sitzen und schreiben. Auch im Raum umhergucken und Pause machen. Das ist vor einer laufenden Maschine schon schwieriger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem K\u00fcchentisch ist allerdings kein Platz, ich muss den Block auf meinen Knien halten. Mein Mann hat sich in den Kopf gesetzt, alle Dinge, die ihm gefallen, zu sammeln, was mit seinem Hang f\u00fcr zahlreiche Vorlieben (Heiligenbilder, Verkehrschilder, K\u00fcchenhelfer, um nur einige Beispiele zu nennen) in unserer kleinen Wohnung, schonmal nicht unkritisch ist. Im Winter wird die wenige noch verbleibende Luft nat\u00fcrlich schnell warm. Doch in diesem hei\u00dfen Sommer schnappe ich hier nach Sauerstoff. Immerhin: umfallen kann ich nicht, weil jeder unserer R\u00e4ume noch einmal in der Mitte mit einem randvollen Regalblock best\u00fcckt ist, den Besucher und Bewohner, wenn sie vorsichtig sind, gerade mal umrunden k\u00f6nnen, ohne etwas auf der anderen Seite umzusto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00fcberlege, ob es besser w\u00e4re, das Fenster zuzumachen. Von der Stra\u00dfe wabern nur Abgase herauf, die Katzen tollen zwischen den tausenderlei Dingen herum, ohne etwas davon umzuschmei\u00dfen, ich hingegen verursache nur Chaos und habe gerade meinen Kaffee versch\u00fcttet&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Andererseits ist diese Umgebung sehr inspirierend.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re es nicht aber praktischer, kosteng\u00fcnstiger, ges\u00fcnder, leichter verwaltbar, energiesparender, zeitsparender, umweltfreunlicher, schlichtweg vern\u00fcnftiger, mein Mann w\u00fcrde &#8222;seine&#8220; Objekte blo\u00df fotografieren und danach digitalisieren und abspeichern? Aber dann k\u00f6nnte ich nie \u00fcber etwas stolpern. &#8222;Aber zum Aufrufen verf\u00fcgt doch jeder Computer \u00fcber eine Random-Funktion&#8220;, werfe ich mir selbst ein. Doch das ist nicht dasselbe, als wenn mir etwas auff\u00e4llt (hier: umf\u00e4llt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Wegwischen des Fleckes sto\u00dfe ich einen mit Tesafilm ans Kreuz geklebten Jesus mit abgbrochenen Armen um, jetzt liegt er neben zwei Ikea-Bleistiften, einem knieenden Engel ohne Kopf und einem dicken goldenen Schaf, bei dem ich nie wei\u00df, wo hinten und wo vorne ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Handy klingelt; ich finde es erst nicht. Beatrice. Sie will sich f\u00fcr die lieben Gr\u00fc\u00dfe zur Geburt ihres dritten Kindes bedanken. &#8222;Wann zieht ihr denn jetzt um?&#8220;, frage ich sie. &#8222;In einem Monat. Und noch ist keine Kiste gepackt! Ich frage mich, wie das gehen soll. Und Trevor \u00f6ffnet nie seine Post.&#8220; &#8211; &#8222;Ist das nicht normal? Ric liest die auch nie. Nur einmal im Jahr zur Steuererkl\u00e4rung.&#8220; &#8211; &#8222;Wir haben keine Ordnung.&#8220; &#8211; &#8222;Wer hat die schon. Da hat ja niemand mehr Zeit f\u00fcr.&#8220; &#8211; &#8222;Manchmal denke ich, das einzig Reale ist im Internet. &#8211; Mail mir doch mal Deine Festnetznummer. Alles au\u00dferhalb des Computers geht gerade verloren.&#8220; In diesem Moment fordert das Neugeborene durch Schreien ein Ende unserer Unterhaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob der Computer als Speichermedium aber wirklich sicher ist? Etwas vom Kaffee ist auf mein Manuskript gekommen und hat mir einen halben Absatz gel\u00f6scht, weil ich mit wasserl\u00f6slicher Tinte schreibe. Aber wie oft hat sich mein Rechner schon aufgeh\u00e4ngt und mir sind Daten verloren gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch mit Dirk gestern. Mir gefallen seine fr\u00fchen Gedichte, die er nur auf irgendwelchen Zetteln in irgendwelchen Kartons rumflattern hat. &#8222;Hast du keine Angst, dass es mal brennt und die alle weg sind?&#8220; &#8211; &#8222;Ich muss mich jetzt mal dransetzen. Alles hat seine Zeit.&#8220; Alles hat seine Zeit, alles braucht seine Zeit. Die Idee der Schnelligkeit, die ein Computer im Gegensatz zu einer Schreibmaschine erm\u00f6glicht, ist, zumindest was das Dichten betrifft, von keinerlei Interesse, wenn nicht gar st\u00f6rend. Mag sein, dass ein Romanautor, der sich von seinem Verlag zu einem 2j\u00e4hrigen Aussch\u00fcttungstermin versklaven lie\u00df, einen gewissen Nutzen aus der neuen Technik zieht: er kann schneller Passagen finden, bzw. auf Vorrat Beschreibungen oder Dialoge produzieren, die er dann bei Bedarf blo\u00df abrufen und einzubauen braucht. M\u00f6glicherweise sitzt ihm ein Lektor im Genick, einer von der Sorte, die meinen: 6 Personen w\u00fcrden f\u00fcr einen Roman v\u00f6llig ausreichen, alles andere \u00fcberfordere den Leser. Nun ist der Autor gefordert. Er muss jetzt entweder eine Person streichen oder zwei Personen zu einer Person verschmelzen lassen; so oder so ist ein derartiger \u00dcberarbeitungsschritt ohne Rechner quasie unm\u00f6glich bzw. derart unwirtschaftlich, dass der Autor sich an der Stelle gleich nach einem neuen Job umschauen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Nichts wird so fl\u00fcchtig gelesen, wie Texte am Bildschirm.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst lumpig \u00fcbersetzten Gebrauchsanweisungen widmen wir mehr Aufmerksamkeit. Schlie\u00dflich haben wir f\u00fcr das Ger\u00e4t bezahlt und m\u00f6chten nicht, dass es kaputt geht. Ich bekam k\u00fcrzliche eine elektronische Einladung zum Geburtstag und hatte schon beim Beantworten vergessen, ob ich nun mit oder ohne Anhang kommen sollte (Anhang meint hier den realen, also: mit Sohn und Mann). Ein weiterer e-mail-Austausch war vonn\u00f6ten. Nirgendwo gibt es deshalb so viel \u00fcberfl\u00fcssige Texte, wie im Internet. Nirgends finden sich so viele Rechtschreibfehler wie in e-mails. Wir klappern auf der Tastatur und verw\u00fcrfeln die Reihenfolge der Buchstaben (aus panisch wird pansich, aus vermutlich verumtlich), w\u00e4hrend per Hand sch\u00f6n eins nach dem anderen geht. Und dann m\u00fcssen spezielle Hilfsprogramme entwickelt werden, die diese Fehler automatisch w\u00e4hrend der Eingabe korrigieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was der Nutzer also an Zeit einspart, muss vorher schon an Geld und Energie hineingesteckt worden sein, damit es funktioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder was mein Sohn an seinem Geburtstag erlebte: Ein Freund wurde per SMS eingeladen. Die Mutter dachte aber, wir w\u00fcrden vorher nochmal telefonieren und rief an, als wir schon feierten: &#8222;Findet das heute \u00fcberhaupt statt?&#8220; &#8211; Der Wunsch nach Verifizierung des elektronischen Mediums ist offenbar genauso stark wie seine \u00dcbersch\u00e4tzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von wegen, die orale Kultur h\u00e4tte an Bedeutung verloren: Meine Schwester wohnt in Melnau, das ist ein Nest mit 300 Einwohnern am Rande eines der gr\u00f6\u00dften Naturschutzgebiete Deutschlands. Ihr Haus ist das letzte vorm Wald und noch nichtmal an der Kanalisation angeschlossen. Sie lebt sehr einfach, heizt mit Holz, es gibt nur kaltes Wasser, Internet hat sie auch. Aber die orale Kultur ist hier (und nicht nur hier) noch sehr lebendig. Vor einem Jahr zog eine Bekannte aus dem Nachbarort her. Ihr Mann war verstorben. Sofort kam das Ger\u00fccht auf, dass sie am Tod ihres Mann schuld sei und sie hatte Schwierigkeiten, sich ins Dorf zu integriefen. Gerade die Dinge, die nicht in der Zeitung oder im Internet stehen, sind offenbar die Wirkungsvollsten, Hexenspr\u00fcchen oder Fl\u00fcchen vergleichbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die elektronischen Medien alleiniges Leitbild w\u00e4ren, wo bliebe dann die Lust? Die Lust, einen Gedanken noch etwas reifen zu lassen, am Bleistift zu kauen, bevor man den Satz aufschreibt, dar\u00fcber einzunicken, anfangen zu tr\u00e4umen&#8230; Schnelligkeit, Leichtigkeit, Sparsamkeit &#8211; wen interessiert das denn. Der Mensch ist ein Tier. Er will nicht schnell fertig werden. Jedenfalls nicht beim Sex.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Dichter l\u00e4sst die elektronische Entwicklung kalt. Er muss individuell und authentisch sein. Die Technik und das Gedicht haben nichts miteinander zu tun, au\u00dfer dass Technik Thema f\u00fcr ein Gedicht sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was allerdings jegliche andere Form von Informationsverbreitung angeht, pure Informationen (sofern es sowas \u00fcberhaubt gibt) in Sekundenschnelle \u00fcber den ganzen Erdball zu verschleudern &#8211; daf\u00fcr ist das Internet sicherlich hervorragend geeignet, wozu auch immer das gut sein soll, wenn doch die H\u00e4lfte der Menschen schl\u00e4ft oder an den Dingen nichts \u00e4ndern kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jegliche Literatur, die mit Versatzst\u00fccken arbeitet, ist keine Litartur, ist St\u00fcckwerk, ist Zitat, und damit wieder nur Verweis auf Literatur. Und das Original ist gerade im Zeitalter des Internet noch schneller dingfest zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Literatur wird parallel zu den neuen Medien weiterexistieren. S\u00e4mtliche Versuche, einen Internet-Roman zu schreiben, schlagen fehl, weil sie gleichzeitig im Endlosen wie im Unvollendeten h\u00e4ngenbleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht das Ende der Literatur hat eingesetzt, sondern der Anfang der <em>Informatur<\/em>, etwas, von dem wir noch gar nicht wissen, was es \u00fcberhaupt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_20693\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Christine-Kappe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20693\" class=\"size-thumbnail wp-image-20693\" title=\"Christine Kappe\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Christine-Kappe-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20693\" class=\"wp-caption-text\">Christine Kappe, Fotograf: Ric G\u00f6tting<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay wurde ausgezeichnet mit dem KUNO-Essaypreis 2013. Die Begr\u00fcndung findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\">hier.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das K\u00fcnstlerbuch von Christine Kappe wurde von KUNO am Tag der Erscheinens <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18393\">vorgestellt<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Think befor you read. &#8211; M\u00fcssen Sie sich diesen Essay nicht ausdrucken? Sparen Sie sich Verspannungen am Bildschirm. Ich sitze auf dem Sessel in der K\u00fcche und versuche, durch geschickte K\u00f6rperhaltung, meine nackten Extremit\u00e4ten nicht aneinanderkommen zu lassen. 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