{"id":17527,"date":"2013-08-20T00:01:00","date_gmt":"2013-08-19T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17527"},"modified":"2022-02-21T14:38:48","modified_gmt":"2022-02-21T13:38:48","slug":"bacons-erben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/20\/bacons-erben\/","title":{"rendered":"Bacons Erben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17541 alignright\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover13-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover13-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover13-626x1024.jpg 626w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover13.jpg 723w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Der Mathematiker und theoretische Physiker C\u00e9dric Villani konstatiert in seinem Buch <em>Das lebendige Theorem<\/em>. dass man immer noch nicht das R\u00e4tsel der \u00c4nderung des Aggregatzustands erkl\u00e4ren kann. <em>Warum geht eine Fl\u00fcssigkeit in ein Gas \u00fcber, wenn man sie erhitzt, warum verwandelt sie sich in einen Festk\u00f6rper, wenn man sie abk\u00fchlt?<\/em> Der Eindruck, dass gerade Experten \u2013 Wissenschaftler, Politiker, Verwaltungsbeamte \u2013 die \u203aeinfachsten Dinge\u2039 nicht verstehen, beruht auf einer Fehleinsch\u00e4tzung. Nur Experten wissen, dass oft die \u203aeinfachsten Dinge\u2039 viel komplizierter sind als der Laie ahnt. F\u00fcr alles, was \u00fcberhaupt verstanden werden kann, gibt es unterschiedliche Tiefen des Verstehens. Von dem Physiker Richard Feynman stammt die Bemerkung: <em>Wer glaubt die Quantentheorie verstanden zu haben, hat sie nicht verstanden.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht h\u00e4ngt es mit sehr fr\u00fchen Erfahrungen unserer Spezies zusammen, dass uns nichts st\u00e4rker beunruhigt als das Unvertraute. Es verliert erst dann seinen Schrecken, wenn wir gelernt haben, es zu \u203averstehen\u2039. In diesem Sinne ist \u203aVerstehen\u2039 eine therapeutische Ma\u00dfnahme (und die einzige Alternative ist Gew\u00f6hnung). Nun ist \u203adie Welt\u2039 (deren Teil wir sind) viel zu komplex und kompliziert, als dass menschliche Intelligenz sie in ihrer Totalit\u00e4t verstehen k\u00f6nnte. Die Strategie des abendl\u00e4ndischen Kulturkreises, dieser Ausgangslage zu begegnen, hat sich seit fr\u00fchen Anf\u00e4ngen nicht ge\u00e4ndert, sie hei\u00dft: <em>Reduktionismus.<\/em> Vielleicht hat Newton die unverstandene Stabilit\u00e4t des dynamischen Universums als pers\u00f6nliche Zumutung empfunden, wie eine Krankheit erlitten, von der er erst geheilt war, als es ihm gelang durch die entscheidende Reduktion alles verstehbar zu machen: M<sub>1 <\/sub>x M<sub>2<\/sub> \/ r<sup>2<\/sup>. Reduktion f\u00fchrt immer zum Einfacheren. Pl\u00f6tzlich ist auch der fallende Apfel nichts als M<sub>1<\/sub> und verschwunden sind Baum und Garten, Fruchtfleisch, Botanik und der Beobachter, der r\u00fccklings im Garten liegt.<\/p>\n<p>\u00a0Je einfacher eine Erkl\u00e4rung ist, umso eher empfinden wir sie als wahr. Gibt es mehrere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen \/ Theorien f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen, einen Sachverhalt, so w\u00e4hlen wir\u00a0 erfahrungsgem\u00e4\u00df stets die einfachste. Damit folgen wir intuitiv einem nach Ockham benannten Prinzip der Theorienbildung. Es stammt aus dem Mittelalter, doch ist es immer aktuell geblieben und hat die Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften entscheidend bestimmt. In gewisser Hinsicht ist Ockhams Regel ein \u00e4sthetisches Prinzip, und es war stilbildend<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Es gibt sch\u00f6ne und h\u00e4ssliche Theorien. Auch h\u00e4ssliche Theorien k\u00f6nnen n\u00fctzlich sein, doch werden wir immer die sch\u00f6nen bevorzugen. H\u00e4ssliche Theorien enthalten zu viele empirisch gewonnene Parameter, auch Einschr\u00e4nkungen und Zusatzannahmen. Sie sind aus zahlreichen Sachhinweisen zusammengeflickte Reportagen, keine gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, sie entfalten die Wirklichkeit nicht. Wenn der Physiker Paul Dirac zwischen zwei Theorien, die beide gleich gut mit der Erfahrung korrespondierten, w\u00e4hlen musste, entschied er sich f\u00fcr die Theorie mit den \u203aeleganteren\u2039 Gleichungen, der \u203asch\u00f6neren\u2039 Mathematik. Um die Sch\u00f6nheit von mathematischen Konstrukten nachempfinden zu k\u00f6nnen, muss man sehr viel Mathematik kennen, viel von Mathematik verstehen. Gilt das sinngem\u00e4\u00df nicht auch, wenn wir von Musik, Bildern oder Gedichten sprechen? Ohne \u00dcbung, Kenntnisse, Erfahrung bleiben wir vor dem artifiziell Sch\u00f6nen\u00a0 blind und taub.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann Theorien nach ihrem mehr oder weniger fundamentalem Charakter unterscheiden. Reduktionismus bedeutet dann, dass man Theorien A und B auf eine fundamentalere Theorie C reduziert. Umgekehrt lassen sich A und B aus C herleiten. Wird Theorienreduktion nicht nur innerhalb einer gegebenen Disziplin, zum Beispiel der Physik, betrieben sondern interdisziplin\u00e4r, entstehen Fragen, die zumindest f\u00fcr den Insider interessant sind, etwa: Kann Chemie vollst\u00e4ndig auf Elementarteilchenphysik reduziert werden? Diese Frage wird seit langem von Fachwissenschaftlern diskutiert und zwar mit einer Leidenschaft, die den Au\u00dfenstehenden verbl\u00fcffen muss. In popul\u00e4rwissenschaftlichen B\u00fcchern \u00fcber ihr Fachgebiet haben ein Chemiker, Roald Hoffmann, und ein Physiker, Steven Weinberg, beide Nobelpreistr\u00e4ger, dieses Thema behandelt. In ihren B\u00fcchern gibt der Physiker dem entsprechenden Kapitel den Titel <em>Lob des Reduktionismus<\/em>, der Chemiker, <em>Kampf dem Reduktionismus.<\/em> (Eine sorgf\u00e4ltige Analyse des Problems hat der Z\u00fcrcher Chemieprofessor Hans Primas durchgef\u00fchrt). Kritisch wird es, wenn die Frage der Theorienreduktion sich auf Disziplinen bezieht, die, was Objekte, Methoden und Theorien angeht, weit voneinander entfernt sind, zum Beispiel Biologie und Elementarteilchenphysik. Die Diskussionen nehmen dann weltanschaulich-politischen Charakter an und erscheinen dem n\u00fcchternen Beobachter als absurd. Am Ende dieser umfassenden Theorienreduktion soll \u2013 wie die Bef\u00fcrworter hoffen \u2013 eine <em>Theorie von Allem<\/em> stehen, von der die Gegner prophezeien, dass sie nichts\u00a0 als eine Binsenwahrheit sein wird.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0***<\/em><\/p>\n<p><em>Literatur<\/em>:<\/p>\n<p>C\u00e9dric Villani, <em>Das lebendige Theorem<\/em>, S.Fischer Verlag, 2013<\/p>\n<p>Roald Hoffmann, <em>Sein und Schein \/ Reflexionen \u00fcber die Chemie<\/em>, Wiley-VCH, 1997<\/p>\n<p>Steven Weinberg, <em>Der Traum von der Einheit des Universums<\/em>, C.Bertelsmann Verlag, 1992<\/p>\n<p>Hans Primas, <em>Chemistry, Quantum Mechanics and Reductionism<\/em>, Springer Verlag, 1981<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1 Der Mathematiker und theoretische Physiker C\u00e9dric Villani konstatiert in seinem Buch Das lebendige Theorem. dass man immer noch nicht das R\u00e4tsel der \u00c4nderung des Aggregatzustands erkl\u00e4ren kann. 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