{"id":17509,"date":"2003-11-29T00:01:51","date_gmt":"2003-11-28T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17509"},"modified":"2022-12-20T06:23:08","modified_gmt":"2022-12-20T05:23:08","slug":"am-arsch-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/29\/am-arsch-der-welt\/","title":{"rendered":"Am Arsch der Welt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_17511\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/HEL.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17511\" class=\"size-medium wp-image-17511\" title=\"HEL\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/HEL-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/HEL-300x224.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/HEL.jpg 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17511\" class=\"wp-caption-text\">Hel<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist eine Trag\u00f6die!\u201c, dachte ich. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11717\">Hel<\/a> erz\u00e4hlte eine der entsetzlichen Geschichten aus dem S\u00fcdlimburgischen. Dort schnappte er im Sommer die Fortsetzungsm\u00e4rchen aus dem Alltag im Dreil\u00e4nderloch auf, Variationen der Entfremdung, die im Abseits der Welt ganz von allein aus dem Nichts bl\u00fchen, wenn sich die Selbstm\u00f6rder ihre Erlebnisse mitteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erreichten die Bockwurstbude am Alex. Wir standen in der Schlange, lauter Leute in grauen Zeiten, stumm, die Plastet\u00fcte in der Linken, in der Rechten den gelbbraunen Stummel. Mund schief. Aber vor uns eine junge Frau, ein kleines Gebirge ohne Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Trag\u00f6die!, dachte ich. Ihr sch\u00f6ner K\u00f6rper schleuderte die schwarzen Haare \u00fcber die Schultern, warf die Augen \u00fcber spitzen Mund. Die Augen stie\u00dfen mit meinem Blick zusammen. Ich hatte Hunger. Die Schlange zuckte und kroch langsam auf die Kasse zu. Hel schwieg die ganze Zeit. Ich stockte. Die Gipfel gingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00dft du\u201c, sagte Hel, als er die Bockwurst bezahlte, \u201edie Legende vom guten Kapital ist nicht wirklich wahr. Ich will die wahre Geschichte erz\u00e4hlen. Sie ist hei\u00dfer als alle diese langen Geschichten, die zu kurz f\u00fcr die L\u00fcge sind. Ich erz\u00e4hl dir die Geschichte von der Dullen Griet: Ein echtes Luder, die schmei\u00dft ihr Angeschafftes der H\u00f6lle in den Rachen, damit der Tod sie nicht einschl\u00fcrft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir setzten uns an den Tisch der sch\u00f6nen Frau. Ich hatte immer noch ihre Augen, die wollte sie wiederhaben. Hel erz\u00e4hlte weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230;Aber der Tod war st\u00e4rker und stach Dulle Griet mit der harten Peitsche so stark, dass die Frau sofort aufsch\u00e4umte. Sie wehrte sich, zitterte vom Stei\u00df bis zur Stirn, bis sie das doppelk\u00f6pfige Teufelskind durch beide L\u00f6cher herauspresste.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geht doch gar nicht, dachte ich und schaute die Sch\u00f6ne ihm gegen\u00fcber an. Sie l\u00e4chelte. Ich will meine Augen wieder haben. Ich gebe dir die Augen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie K\u00f6pfe des Satans erblicken kaum das Licht der Welt, da schreien sie sich an und streiten um das Recht der Erstgeburt. Dulle Griet schl\u00e4gt die Schreih\u00e4lse in ihre L\u00f6cher zur\u00fcck, aber sie kommen immer st\u00e4rker wieder heraus, jetzt kommen auch die H\u00e4nde mit und schn\u00fcren dem vorne den Hals ab, da bei\u00dft der zu und rei\u00dft dem Feind die Hand vom Arm, aber die w\u00e4chst gleich wieder nach.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben erz\u00e4hlt sich immer selber, dachte ich, es sucht nur nach Worten. Hel sprach aus, was die Wahrheit uns sagen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDulle Griet greift sich mit dem Arm ins Maul und zieht den Doppelsatan an den F\u00fc\u00dfen durch die eigene Gurgel heraus, bei\u00dft die K\u00f6pfe ab und spuckt sie aus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wachsen die K\u00f6rper nach?, fragte ich mich. K\u00f6nnen die K\u00f6pfe bald wieder laufen? Da schaute die Sch\u00f6ne zu mir her\u00fcber und l\u00e4chelte: Gib mir meine Augen zur\u00fcck, wenn die Geschichte vorbei ist. \u201eJa\u201c, sagte Hel, \u201ewenn die K\u00f6pfe wieder Beine haben, stehen sie auf, vergewaltigen die Mutter und vermehren sich. Dann schl\u00e4gt einer den anderen tot. Das ist die Geschichte unserer Zeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sommer besuchte ich die Wahrheit. Ich ging zu Hel Toussaint. Der wohnt hinter den H\u00f6fen eines alten Hauses in der Stargarder Stra\u00dfe in Berlin. Er ist Strophiker und Katastrophens\u00e4nger und sonst noch was. Ich traf mich mit ihm im TORPEDOK\u00c4FER, bei K\u00e4the auf dem Prenzlberg, in der Umweltbibliothek oder beim GEGNER. \u201eGut, dass du das mal aufschreibst, ehe der Stoff verloren geht\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa\u201c, sagte Hel, \u201edas ist archaischer Surrealismus.\u201c \u201eDas sind <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">die Mythen unserer Zeit<\/a>\u201c, sagte ich, \u201eM\u00e4nnerphantasien! Die erz\u00e4hlt man sich an Euphrat und Tigris und am gro\u00dfen Arsch der Welt.\u201c Hel sah mich an, seine Augen sagten: Das verstehe ich nicht. \u201eEgal!\u201c, sagte ich, \u201eerz\u00e4hl einfach deine Geschichten!\u201c \u201eMorgen\u201c, sagte Hel, \u201emorgen erz\u00e4hl ich dir die Geschichte von heute, heute kann ich mich noch nicht an gestern erinnern.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Wir nutzen diesen R\u00fcckblick auf KUNO um HEL in einem Briefwechsel mit Ulrich Bergmann n\u00e4her vorzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem A.J. Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas ist eine Trag\u00f6die!\u201c, dachte ich. Hel erz\u00e4hlte eine der entsetzlichen Geschichten aus dem S\u00fcdlimburgischen. 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